Freigabe von Cannabis als Genussmittel: Kiffen Kids dann mehr?

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Studie aus Kalifornien prognostiziert unerwartete Effekte. Sie hätten auch Auswirkungen auf die Drogenprävention in Deutschland

Die aktuelle Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD sieht in ihrer Antwort vom Oktober 2020 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke einen wirksamen Jugendschutz bei Cannabis nur in Form der Generalprävention: Um zu verhindern, dass Jugendliche Mitbürger zum Joint greifen, muss der Gebrauch auch allen Erwachsenen verboten werden (Darum ist Cannabis kein Brokkoli).

Womit man diejenigen Teile der Bevölkerung kriminalisiert, die nicht nur eine viel größere Gruppe als die der Jugendlichen darstellen, sondern für die der Konsum von Cannabis auch weniger gefährlich ist. Eine präventive Wirkung der Jugendschutzmechanismen, die bereits für Alkohol und Tabakwaren gelten, scheint sich die Bundesregierung bei Cannabis nicht vorstellen zu können.

Studien in den USA: vernachlässigbarer Einfluss

Doch zum Glück muss man sich nicht mehr mit reinen Vorstellungen und Was-Wäre-Wenn-Spielchen zufriedengeben, denn diverse Bundesstaaten der USA haben Cannabis bereits vor Jahren zum Freizeitgebrauch legalisiert. In Colorado, wo dies bereits 2012 geschehen ist, stagniert seither der Konsum unter High-School-Schülern, während er in anderen Teilen des Landes im gleichen Zeitraum angestiegen ist. In Kalifornien wurde Cannabis erst 2018 legalisiert. Inzwischen sind aber auch für dieses Bundesland die ersten Studien erschienen.

In Wissenschaftsmagazin Addictive Behaviours wurde eine Studie der University of California publiziert, wonach die Legalisierung bei kalifornischen Jugendlichen höchstens einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Häufigkeit des Konsums hatte. Für die Forschungsarbeit wurden Daten einer Längsschnittstudie mit Jugendlichen im Alter von 18 bis 24 Jahren, die sich im Zeitraum von 2015 bis 2016 für die Studie angemeldet hatten und die vierteljährig über ihren Konsum befragt wurden, neu ausgewertet.

In der ursprünglichen Studie wurde die Häufigkeit des Tabakkonsums untersucht, die Teilnehmer mussten aber auch Angaben zu Cannabis machen. Eine solche Zweitverwertung ist in Wissenschaftskreisen durchaus üblich und stellt einen der Gründe dar, warum sich Forscher mit der Offenlegung ihrer Rohdaten noch immer schwertun. Denn die Konkurrenz könnte damit interessante Zusammenhänge aufdecken, ohne selbst sammeln zu müssen.

Die Häufigkeit des Marihuana-Konsums änderte sich unter den kalifornischen Jugendlichen im untersuchten Zeitraum nicht - also auch nicht nach der Legalisierung. Häufigerer Gebrauch war assoziiert mit jüngerem Alter und dass man sich selbst als "weiß" identifiziert. Beides änderte sich nach der Legalisierung nicht. Bei genauerem Hinschauen konnten die Forscher aber dennoch Variablen identifizieren, die sich änderten.

Korrelationen

So griffen weibliche Teilnehmer über den Zeitraum der Studie häufiger zu Cannabis, männliche hingegen seltener. Seit der Legalisierung korreliert Cannabiskonsum unter den Jugendlichen Kaliforniens zudem auch mit der Nutzung von E-Zigaretten, davor lediglich mit der Nutzung von Tabak.

Die Forscher schlussfolgern daraus, dass man die Konsumlandschaft rund um E-Zigarettenprodukte überwachen, bzw. wissenschaftlich begleiten sollte. Was sie aber nicht folgern, ist ein Anstieg des Konsums unter jungen Erwachsenen durch die Legalisierung.

Vergleich zwischen Kalifornien und Pennsylvania

Um die Ergebnisse in Relation setzen zu können, lohnt ein Vergleich mit anderen Bundesstaaten. Diesen hat ein internationale Forscherteam in einer Studie mit strafffällig gewordenen Jugendlichen in Kalifornien und Pennsylvania gezogen, die in der Zeitschrift American Journal of Public Health erschienen ist. Dabei wurde der Zeitraum vor der Legalisierung, vor der Implementierung und nach der Implementierung untersucht.

Der Zeitraum, den die Studie abdeckt, geht von Oktober 2015 bis Juni 2018. Ab 9. November 2016 war der Besitz von Cannabis in Kalifornien offiziell legal, Cannabis durfte aber noch nicht verkauft werden. Erst seit dem 01. Januar 2018 darf in Kalifornien Cannabis offiziell in Fachgeschäften angeboten und erworben werden, was laut den Forschern einen erleichterten Zugang bedeutet, der für erhöhte Konsumraten sorgen könnte.

Zurückgegriffen werden dabei auf Daten der Crossroads Studie, die männliche Jugendliche, die zum ersten Mal mit dem Strafvollzugssystem in Berührung gekommen sind, untersucht. Unter dieser Gruppe ist laut der Studie die Wahrscheinlichkeit, Cannabis zu konsumieren, fast doppelt so hoch wie in der gleichen Alterskohorte ohne Vorstrafen.

Daher sind diese Hochrisikofälle besonders interessant für die Präventionsforschung. Die Autoren der Studie hätten gerne noch mehr Bundesstaaten untersucht, mussten sich aber aufgrund mangelnder Daten auf Kalifornien mit 504 Teilnehmern und Pennsylvania mit 478 Teilnehmern beschränken. In Pennsylvania ist Cannabis zum Freizeitkonsum bis heute verboten.

Bei den jugendlichen Deliquenten in Kalifornien zeigte sich weder durch die Legalisierung noch durch die Implementierung eine signifikante Änderung des Konsums. In der Zeit zwischen Legalisierung und Implementierung in Kalifornien stieg dieser in der gleichen Kohorte in Pennsylvania allerdings signifikant.

Nach der vollständigen Legalisierung stieg der Konsum unter den Studienteilnehmern aus Pennsylvania nochmals, allerdings nicht mehr signifikant, wodurch sie allerdings die Vergleichsgruppe aus Kalifornien im Konsum sogar überholten.

Als Konsumrate wurde der Anteil der Teilnehmer definiert, die innerhalb der letzten 24 Stunden vor der Untersuchung Cannabis konsumiert hatte, eine Maßzahl, die signifikant mit dem Durchschnittskonsum über einen längeren Zeitraum von 6 bis 12 Monaten korreliert.

Konsumrate unter männlichen jugendlichen Deliquenten in Kalifornien und Pennsylvania vor der Legalisierung, nach der Legalisierung, aber vor der Implementierung und nach der Implementierung. Auch hier stagniert der Konsum unter kalifornischen Jugendlichen, während die gleiche Kohorte in Pennsylvania nach der Legalisierung in Kalifornien sogar noch häufiger zum Joint griff. Quelle: American Journal of Public Health

"Ausstrahlungseffekt" der Legalisierung

Die Wissenschaftler vermuten einen "Ausstrahlungseffekt" der Legalisierung in Kalifornien auf das Konsumverhalten von Jugendlichen in Pennsylvania, wo der Freizeitgebrauch von Marihuana weiterhin illegal bleibt. Allerdings wurde in Pennsylvania ungefähr zur gleichen Zeit, als in Kalifornien die Legalisierung beschlossen wurde, die Anwendung von medizinischem Cannabis erlaubt.

Eine Legalisierung von Cannabis zum medizinischen Gebrauch bei gleichzeitiger Beibehaltung eines Verbots zum Freizeitkonsum steht ebenfalls im Verdacht, die Konsumrate unter Jugendlichen zu erhöhen, da sich dadurch das Image der Substanz weg von der gefährlichen Droge hin zum gesundheitlich wertvollen Medikament wandelt.

Ganz egal, welche der beide Effekte (oder vielleicht sogar beide zusammen?) für den Anstieg in Pennsylvania verantwortlich waren, für die Drogenpolitik der Bundesregierung sind das keine guten Zeichen.

Denn auch hierzulande ist unter bestimmten Voraussetzungen die Anwendung von Cannabis als Medizin erlaubt, seit 2017 sogar von den Krankenkassen erstattungsfähig, während der Freizeitkonsum weiterhin illegal bleibt und besonders in den südlichen Bundesländern auch unterhalb der sogenannten Freigrenzen hart verfolgt wird.

Gleichzeitig findet in umliegenden Ländern eine Legalisierung statt. In den Niederlanden, die den Verkauf und Besitz von Cannabis bisher nur geduldet haben, steht für 2021 zum ersten Mal der Verkauf von legal angebauten Blüten im Raum, Luxemburg hat die Legalisierung für erwachsene Einwohner beschlossen und schraubt an den Details und in der Schweiz werden Modellprojekte zur kontrollierten Abgabe von Cannabis möglich. Und auch die Cannabis Social Clubs in Spanien haben eine Strahlkraft, die wahrscheinlich bis in unsere Gefilde reicht.

Die Jugendlichen, die direkt im "Strahlungszentrum der Legalisierung" sitzen, scheinen hingegen reichlich unbeeindruckt die gefährlichen Jahre abwarten zu können und zeigen sich erstaunlich resilient gegenüber den Verführungen aus den Cannabis Dispenseries (Cannabis-Ausgabestellen), vor denen konservative Politiker nicht müde werden zu warnen. (Gottfried Hofmann)