Freiheit in Zeiten des Überlebensinstinkts

Gruselkabinett des Katholizismus: der großartige Horrorfilm "[Rec]"

Ein kurzer, schmerzhafter Albtraumtrip ist dieser Film, geprägt von gesunder Härte, ein bisschen Ekel und vor allem jener Portion Genialität, die im Fall von Horrorfilmen noch unentbehrlicher ist als sonst, um aus Durchschnittsware etwas Besonderes zu machen: "[Rec]"

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Und etwas sehr Besonderes ist "[Rec]" unbedingt: Mit einfachsten Mitteln erzählt, schmutzig und dreckig, entstand ein Gruselkabinett des Katholizismus, das puren Horror mit erkennbarem Bunuelschem Gelächter und Trash-Ästhetik mit dem Bild eines teuflischen Christentums verbindet. Ein "mad scientist" und kaum ernstzunehmende Sätze wie "I have finally located the enyzm" kommen ebenso vor wie geschickt eingestreute war-on-terror-Verweise; immer gehen schockartig irgendwelche Türen auf, und gegen Ende begegnet man dem Teufel - möglicherweise. Jedenfalls findet "[Rec]" Bilder fürs Teuflische, die man seit dem "Exorcist" so nicht mehr gesehen hatte.

Bodysnatcher, Zombies, Hexen, Viren oder was auch immer

Bevor es soweit ist, beginnt es erst einmal konventionell: Durchschnittsfernsehen, eine jener üblichen nichtssagenden Reality-TV-Ballaballa-Sendungen, in denen eine überkandidelte, ebenso blonde wie junge Reporterin namens Angela, von der Kamera begleitet, einer Feuerwehreinheit beim Einsatz über die Schulter glotzt. Erst ist alles stinklangweilig, dann wird die Crew zu einem Routineeinsatz bei einer hilflosen Alten in ein Mietshaus gerufen - und plötzlich eskaliert alles: Bodysnatcher, Zombies, Hexen, Viren oder was auch immer übernehmen in der Alten und dann im ganzen Haus das Kommando, und bald reagiert die Welt draußen nur noch mit den üblichen, irgendwie wahrscheinlich sehr angemessenen Mechanismen der Kontrollgesellschaft.

Das Haus wird von der Seuchenpolizei erst einmal unter Quarantäne gestellt und total abgeriegelt, kein Mobiltelefon, kein Fernsehen, kein Kontakt nach außen ist mehr möglich; wer das Pech hat, gerade drinnen zu sein, muss sehen, wie er klarkommt. Schon bisher stand die Kamera nicht still, jetzt ist der Film, den wir sehen, die ununterbrochene Liveübertragung aus dem Herz der Katastrophe in denen sich Hysterie langsam aber sicher zur schieren Panik steigert. Im Folgenden sieht man, was passiert, bis das Band zuende ist. Der Film hält diese Prämisse bis zum Schluss konsequent und atemlos durch: "We have to tape everything. For fuck's sake." So die letzten Worte, die wir hier hören, die Moral des Films.

Im Schützengraben eines verlorenen Kampfes

Was an "[Rec]" fasziniert, ist die Vielschichtigkeit, und dass es dem Film gelingt, diese durchzuhalten. Der Film kann eben ein Zombie-Film sein, muss dies aber nicht. Es sind keine Zombies, die sich hier zu einem Aufstand formieren, es gibt auch keinen erkennbaren Gegenentwurf zu einer neuen sozialen Ordnung, sondern nur absoluten Sicherheitsverlust durch den Zusammenbruch der alten, aber es sind offenkundig menschliche Wesen, Infizierte. Man kann den Film auch als religiöse Parabel verstehen, und als Werk, das Bilder für Seuchen findet, das Unsichtbare sichtbar macht.

Die Dialektik von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit steht sowieso im Zentrum. Die Kamera ist ständig präsent, aber nicht überall gleichzeitig, ihr Blickwinkel bleibt so begrenzt, dass immer neue böse Überraschungen schockartig in den Bereich der Sichtbarkeit vordringen. Diese fast dogmaartig handgeführte Kamera bringt in all ihrem Anachronismus ein Gefühl der Unmittelbarkeit auf die Leinwand, eine bezwingende Direktheit, Intensität. Wir können uns nicht distanzieren, sind mit diesen Typen im Schützengraben eines verlorenen Kampfes.

"[Rec]" funktioniert derart gut, weil es ihm gelingt, seine Geschichte auf wenige Figuren zu begrenzen, die Einheit von Zeit und Ort und den Zeitdruck der real-time herzustellen, und die Erschütterung der Figuren und die Situation - das ist bei einem Zombie-Film das Erstaunlichste - emotional nachvollziehbar zu machen, und auf den Zuschauer zu übertragen. Die Distanz fällt weg, die Bilder des Chaos reißen einen mit.

Grobe Differenz statt feine Unterschiede

"Invasion of Body Snatchers" trifft "Blair Witch Project" und "28 Days later" könnte man sagen oder auch: "Exorcist im Dogma-Stil". Unverzeihlich, das man so einen Film aus Deutschland nicht sehen kann - was nicht nur daran liegt, dass uns dazu die Regisseure und die kühle Härte fehlen, sondern auch, dass die hier tonangebenden Sender außer konventionellem Mac-TV gar nichts mehr finanzieren. Denn zumindest in der Schublade gibt es auch in der Bundesrepublik solche Konzepte. Sie liegen ja auch auf der Hand. "[Rec]" koppelt sein konkretes Szenario mit einer sozialen Fragestellung und der radikalen Kritik an sozialer Kontrolle, Sicherheitswahn und Seuchenpolitik. Denn hier zeigt sich der Staat als eine Instanz, die alle "feinen Unterschiede" ignoriert, und eine grobe Differenz setzt:

Ihr seid draußen, wir verweigern die Fürsorge für Euch, seht zu, wie ihr klarkommt.

Im Draußen, das hier ein Drinnen (im Mietshaus) ist, herrschen dann die bekannten Gesetze, aber ungeschönt, eine Rückkehr zum Naturzustand, in der manche Menschen den Anderen zu Wölfen werden, und jede Basissolidarität schnell erodiert. Mit Genuss zeigt der Film dunkle Seiten, Brüche, existentielle Verzweiflung und Sein zum Tode, entlarvt die Pathologien des Sozialen und maximiert so beim Publikum Schock- und Aufmerksamkeitseffekte. Das alles fügt sich perfekt zu jenen aktuellen Theorien von Soziologen, nach denen die derzeitige soziale Frage nicht die ist, "wer oben und wer unten, sondern wer drinnen und wer draußen ist" (so Heinz Bude in seinem Buch "Die Ausgeschlossenen"). Es kann jeden treffen. Wer draußen ist, auf den wartet kein noch so dünnes soziales Netz, noch nicht einmal das poröse Boot der Boat People, sondern ein Abgrund ohne Boden. Manchmal sind gute Horrorfilme eben wie gute Soziologie.

Auch andere, zum Teil ältere, zum Teil brandaktuelle Diskurse werden von diesem Film aufgenommen und in anschauliche Bilder verwandelt. Die aktuelle Sicherheitshysterie liegt auf der Hand, der unsichtbare Staat, aber auch der von Susan Sontag beschriebene Virus "als Metapher".

Das (s)panische Subjekt

Visuell berühren die Regisseure Paco Plaza und Jaume Balagueró ("Darkness", 2002; "Frágiles", 2005) eines der zentralen Themen unserer Gegenwart: Unser aller Besessenheit für Bilder aus scheinbar erster, subjektiver Hand, die Prätention des Authentischen, die wir in jedem Homevideo oder YouTube-Clip aufs Neue abfeiern. Wir leben in einer Zeit der universalen Kritik vermeintlich "sauberer" Bilder, in der das "Schmutzige" glaubwürdiger und authentischer erscheint, in der wir auf Familienfeiern und Fernreisen lieber per Kamera und Mobiltelefonen aufnehmen, statt selber hinzusehen, in der wir jeden Moment, den wir erleben, innerlich einfrieren, um ihn aufzuzeichnen. Und in der jeder Schrecken aufgezeichnet und zugänglich gemacht wird, um damit Geld zu machen, oder schlicht aus schierem Voyeurismus.

So ist das grundlegende Thema dieses Films auch hier das Dilemma der Subjektivität - einer panischen Subjektivität, die nicht zurück sieht und nicht voraus blickt, sondern in der Panik zur reinen Gegenwart zusammengepresst wurde. Die Eingeschlossenen von "[Rec]" repräsentieren damit auch, was von der Freiheit übrig bleibt, wenn der bloße Überlebensinstinkt regiert. (Rüdiger Suchsland)