"Freiheit und Gerechtigkeit sind untrennbar verbunden"

Der Moralphilosoph Ted Honderich sorgte mit der Verteidigung des palästinensischen Widerstandes für Furore. Nun ist sein neues Buch erschienen

Im Sommer 2003 brachte der Frankfurter Suhrkamp-Verlag die deutsche Übersetzung eines Buches des kanadisch-britischen Philosophen Ted Honderich auf den Markt. Unter dem Titel "Nach dem Terror. Ein Traktat" versuchte Honderich dem Thema Terrorismus moralphilosophisch auf den Grund zu gehen. Nach einer kurzen und heftigen Debatte über das Buch, in deren Verlauf der Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Institutes, Michael Brumlik, Honderich des "antisemitischen Antizionismus" bezichtigte (Antisemitischer Antizionismus im Sommerloch), nahm Suhrkamp das Buch aus dem Verlagsprogramm.

Brumlik bezog sich bei seinen Vorwürfen vor allem auf zwei Sätze, mit denen Honderich militanten palästinensischen Gruppen ein Recht auf Widerstand gegen den israelischen Staat zusprach. Selbst der deutsche Philosoph Jürgen Habermas distanzierte sich in der nun in ihrer Stoßrichtung vorgegebenen Debatte (Widerstand gegen Terrorismus) von seiner vorherigen Empfehlung des Buches. "Nach dem Terror. Ein Traktat" erschien auf deutsch schließlich im Neu-Isenburger Verlagshaus Abraham Melzer. Honderich neues Buch wurde unlängst unter dem Titel "Terrorismus für Humanität" vom Berliner Kai-Homilius-Verlag auf den Mark gebracht.

Telepolis sprach mit den Autor über den damaligen Skandal, die Beurteilung von Terrorismus und die Grenzen seiner Moralphilosophie.

Herr Honderich, sind Sie seit der damaligen Diskussion zum ersten Mal wieder in Deutschland?
Ted Honderich: Kurz nach der eigentlichen Diskussion, an der ich selber nur wenig Anteil hatte, wurde ich zu einer Lesung in Leipzig eingeladen (Ted, glaubst du wirklich ....). Und für diesen Sommer sind weitere Lesungen in Deutschland geplant.
Gerade Ihr Auftritt in Leipzig stand ja noch stark im Zeichen der Antisemitismusdebatte um das damals vom Markt genommene Buch "Nach dem Terror. Ein Traktat". Mit welchen Gefühlen sind Sie jetzt wieder nach Deutschland gekommen?
Ted Honderich: Ich könnte mich täuschen, aber ein bisschen fühle ich mich wie Lazarus im Johannes-Evangelium, als ob ich - metaphorisch gesehen - von den Toten wieder auferstanden wäre. Der Vorwurf des Antisemitismus gegen mein Buch und mich wurde wohl weitgehend entkräftet. Es ist schließlich wieder erschienen, herausgebracht von dem jüdischen Verleger Abraham Melzer. Ich werde wieder an deutsche Universitäten eingeladen und mein neues Buch ist gerade vom Kai-Homilius-Verlag aufgelegt. Um auf Ihre Frage zu antworten: Ich fühle mich eigentlich ganz gut in Deutschland.
Haben Sie mit Michael Brumlik jemals über seine Vorwürfe gesprochen?
Ted Honderich: Er war nach Leipzig eingeladen, aber er hat an der Veranstaltung nicht teilgenommen. Ich gehe davon aus, dass er Angst hatte, in Erklärungsnotstand zu kommen.
"Terrorismus für Humanität"
In Ihrem neuen Buch greifen Sie schon im Titel wieder das Motiv des "Terrorismus für Humanität" auf. Erklären Sie das Konzept zunächst einmal?
Ted Honderich: Es hängt eng mit dem Prinzip der Humanität zusammen, das allen meinen Überlegungen zugrunde liegt. Und das ist schnell umschrieben: Wir sollten so schnell wie nur möglich rationale Schritte unternehmen, um Menschen aus dem schlechten Leben zu holen, oder sie vor ihm zu bewahren. Schlechtes Leben im Sinne von Lebensstandard ist klar definiert, Rationalität auch. Terrorismus, der gegen das schlechte Leben kämpft, wird von mir als Terrorismus für Humanität bezeichnet. Das heißt jedoch nicht, dass jeder Terrorismus mit diesem Ziel richtig und gerechtfertigt ist. Menschen können auch Fehler begehen, wenn sie dem Prinzip der Humanität folgen, und das ist in der Geschichte leider ja auch oft genug geschehen. In diesem Sinne gibt es auch eine Art "demokratischen Terrorismus", der eben darauf abzielt, demokratische Strukturen mit Gewalt zu etablieren. Das Ziel steht auch hierbei außer Frage, aber die Schritte zu diesem Ziel können falsch sein.
Inwiefern beziehen Sie sich auf das Problem der strukturellen Gewalt wie es John Rawls anführt?
Ted Honderich: Ich streife es. Das Prinzip der Humanität lässt sich nicht auf einen Satz oder eine Verhaltensanweisung beschränken. Es ist ein Geflecht aus konkretem Handeln, Verhaltensgrundsätzen und Ideen. Und weil ich ein Anhänger einer einfachen Sprache bin, benutze ich dabei natürlich den Begriff des Terrorismus. Damit wende ich mich zugleich gegen die Tabuisierung gewisser Termini, was einer offenen Debatte immer abträglich ist. Auch die Aktionen einer Befreiungsbewegung können als Terrorismus bezeichnet werden, oder militärische Aktionen, die Massenmord oder ethnische Säuberungen verhindern sollen.
Das Wort Terrorismus aber aus der Debatte zu verbannen, käme dem Versuch gleich, die Realität zu verleugnen. Nun wurde in der Vergangenheit oft die These aufgestellt, dass politische Gewalt eine Antwort auf "strukturelle" oder "institutionelle" Gewalt sei. Ich lehne diese Termini aber ab, denn ich denke, dass die deutsche und die englische Sprache genügend Mittel zur Verfügung stellen, diese Phänomene zu differenzieren. Lassen Sie uns also eher von struktureller oder institutioneller Ungerechtigkeit sprechen, die ab einem gewissen Grad eine gewalttätige Reaktion zulassen könnte.
Wenn wir Ihre Gedanken nun auf die Situation in Irak anwenden: Denken Sie, dass eine offene Debatte über wirtschaftliche Ziele des Krieges und reale Gewalt durch die Besatzung geführt wird?
Ted Honderich: Nein, meiner Meinung nach konnte sich eine solche unabhängige Debatte bisher nicht entwickeln.
Weshalb?
Ted Honderich: Es werden zuviel Schlagwörter wie "Freiheit" und "Demokratie" benutzt. Von welcher Demokratie reden wir denn? In unserem Fall könnte man bestenfalls von einer "hierarchischen" oder "oligarchischen" Demokratie sprechen. Freiheit ist darin nur zu einem bestimmten Punkt aufrechtzuerhalten. Um das konkreter auszuführen: Freiheit ist untrennbar mit Prinzip kollektiver Gerechtigkeit verbunden. Wenn ich zehnmal soviel Freiheiten habe wie Sie, dann müsste das als ungerecht und demokratischen Prinzipien zuwiderlaufend bezeichnet werden. Diese hypothetische Situation widerspiegelt sich durchaus in der Medienwirklichkeit.
Der US-amerikanische Demokratietheoretiker Robert Dahl hat es einmal so ausgedrückt: Ein großer Medienkonzern wie Springer oder Murdoch hat vielleicht zehntausend mal soviel Einfluss auf die öffentliche politische Debatte als ein Universitätsprofessor, ganz zu schweigen von einem normalen Bürger. Diese Fakten müssen in der Irakdiskussion Beachtung finden, wenn ständig von "Freiheit" und "Demokratie" die Rede ist. Dann würde auch schnell offenbar werden, dass es bei dem Krieg in Irak nicht um diese Prinzipien geht, sondern dass die hehren Ziele nur vorgeschoben sind.
Wie kann dieser Situation also entgegengewirkt werden?
Ted Honderich: Auch ohne Aussicht auf Erfolg und gegen alle Widerstände müssen wir versuchen, die Tabus in der Debatte zu brechen. Besonders in den USA. Die dortige Gesellschaft leidet schließlich unter einer Art moralischer Stupidität. Das bedeutet nicht, dass ich die Menschen dort für weniger intelligent halte, aber sie treffen Entscheidungen auf der Basis von Ignoranz. Die Nachrichten der US-Medien belegen das Tag für Tag aufs Neue.
Wie dem entgegengewirkt werden kann, ist schwierig zu sagen. Man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass die wachsenden sozialen und politischen Widersprüche dieses Konstrukt eines Tages zum Einsturz bringen werden. Heute heißt es ja immer wieder, die Zeit der Revolutionen sei vorbei. Man mag zu diesen Geschehnissen stehen wie man will: Die jüngsten Ereignisse in der Ukraine und auch der Fall der Mauer in Deutschland 1989 belegen das Gegenteil. Es würde mich sehr freuen, wenn wir Zeugen von Massenprotesten gegen Murdoch oder Springer würden. Oder wenn jemand wie Michael Brumlik, der sich dieser Mechanismen bedient, von seinem Posten als Leiter eines wissenschaftlichen Institutes entbunden werden würde.
Zurück zum Irak: Dort finden Tag für Tag Attacken gegen die US-Armee und die neuen Regierungsstrukturen statt. Ist dieser Widerstand als Kampf gegen Fremdherrschaft gerechtfertigt?
Ted Honderich: Nun, ich versuche diese Lage als Philosoph zu beurteilen und kann daher weder die politischen Lagen in Irak oder Tschetschenien abschließend beurteilen. Der Fall des Irak ist von meiner Warte aus schon aufgrund des Umstandes schwierig zu beurteilen, dass mit Saddam Hussein ein Diktator gestürzt wurde. Um die aktuellen Auseinandersetzungen zu beurteilen, dient mir als eine Art philosophischer Lackmustest also der Blick auf die Ziele der Besatzer und des Widerstandes. Und ich muss Ihnen sagen, dass ich mir in beiden Fällen nicht sicher bin, ob ihr Handeln vom Prinzip der Humanität geleitet wird. In meiner Arbeit führe ich jedoch den Fall Israels an, weil es ein einzigartiges Beispiel ist, in dem eine Bevölkerung ein halbes Jahrhundert in ihrer Heimat unterdrückt wird. In diesem Fall verteidige ich den Widerstand ebenso sicher, wie ich den Kampf des ANC in Südafrika oder der IRA in Nordirland verteidigt habe, weil in diesen Situationen eine objektive Ungerechtigkeit zugrunde lag.
Also kein Urteil zu Irak?
Ted Honderich: Vorerst nicht. Mit Ausnahme des Krieges, der sich moralisch in jeder Hinsicht als falsch herausgestellt hat. Aber zwei falsche Handlungen - Krieg und Besatzung - ergeben keine richtige. Und noch eine Bemerkung. Ich hege durchaus eine gewisse Sympathie mit den nationalistischen Kräften in Irak. Ihr Ziel ist es, gegen die Besatzung zu kämpfen, um die Selbstbestimmung von Irak wieder zu gewährleisten. Und wer könnte dieses Ziel nicht verteidigen?
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