Freiwilliger und unfreiwilliger Verzicht

Pixabay/Public Domain

Covid-19-Impfstoffe: Kooperation statt Konkurrenz könnte zweierlei Probleme lösen

Während in Deutschland über eine Impfpflicht für medizinisches Personal debattiert wird und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) diese Forderung von CSU-Chef Markus Söder vorerst zurückgewiesen hat, wächst die Kritik an der globalen Impfstoffpolitik der Bundesregierung und der EU in der Coronakrise. Der Forderung von Ärzteorganisationen wie Medico International und IPPNW nach freiem Wissens- und Technologietransfer sowie der Aussetzung von Patentrechten zugunsten bedürftiger Länder wird nach wie vor nicht entsprochen.

Dabei hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) bereits im Oktober zum Start des "World Health Summit" vor "Impfstoffnationalismus" gewarnt.

Bisher nur Theorie

Dieser "Schaufensterpolitik" seien bisher keine Taten gefolgt, betonte die Gesundheitsreferentin von Medico International, Anne Jung, am Mittwoch gegenüber Telepolis. Die Bundesregierung weigere sich immer noch, die C-TAP-Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu unterstützen. In den Covid 19 Technology Access Pool (C-TAP) sollen alle Forschungszentren, Unternehmen und Hersteller freiwillig wissenschaftliche Forschungsergebnisse, geistiges Eigentum sowie Daten und Technologien aus der Covid-19-Forschung einspeisen. Wohlgemerkt: freiwillig – es sei denn, die Unternehmen würden für die Erforschung von Impfstoffen und Medikamenten finanzielle Zuschüsse aus der öffentlichen Hand erhalten. Dann könnten sie möglicherweise dazu verpflichtet werden, so Jung.

Das sei aber bisher nur Theorie und "in keinem einzigen Fall passiert", denn die Initiative werde zur Zeit nur von Ländern unterstützt, in denen keine größeren Pharma-Unternehmen ansässig seien. Wenn die Politik sich an deren Gewinninteressen ausrichte, seien arme Länder des globalen Südens von humanitären Gesten abhängig.

Mitte September hatte die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam darauf hingewiesen, dass reiche Länder, in denen insgesamt nur 13 Prozent der Weltbevölkerung leben, sich bereits mehr als die Hälfte der in naher Zukunft verfügbaren Impfstoffdosen gegen das Coronavirus gesichert hätten.

Obwohl bereits im April das WHO-Programm Covax (Covid-19 Vaccines Global Access) ins Leben gerufen worden war, um weltweit gleichmäßigen und gerechten Zugang zu entsprechenden Impfstoffen zu gewährleisten. Laut einer Studie der Duke University in den USA müssen ärmere Teile der Weltbevölkerung bis 2023 oder sogar bis 2024 auf ein Impfangebot warten.

Konkurrenzprinzip macht skeptisch

Die in Deutschland verbreitete Skepsis gegen ungewöhnlich schnell entwickelte Covid-19-Impfstoffe erscheint vor diesem Hintergrund auf den ersten Blick als Luxusproblem - allerdings sind längst nicht alle Skeptiker generell Impfgegner. Manche, die sich in Online-Diskussionen äußern, wären demnach schon beruhigt, wenn bei der Impfstoffentwicklung weltweit die fähigsten Wissenschaftler zusammengearbeitet und nicht miteinander konkurriert hätten.

Nur zwölf Prozent gaben bei einer Umfrage für den ARD-Deutschlandtrend Anfang Januar an, sich "auf keinen Fall" gegen das Coronavirus impfen lassen zu wollen. 32 Prozent waren noch unsicher und antworteten mit "wahrscheinlich" (21 Prozent) beziehungsweise "wahrscheinlich nicht" (elf Prozent). 54 Prozent wollten sich "auf jeden Fall" impfen lassen - Tendenz steigend.

Da beim Impfstart auch das medizinische Personal teils zurückhaltend reagiert hatte, gab Spahn am Mittwoch bekannt, dass er einer möglichen Skepsis unter Pflegekräften auch mit einem persönlichen Gesprächsangebot begegnen wolle. In zwei Wochen werde er auf einem digitalen Treffen zwei bis drei Stunden lang Fragen des Pflegepersonals beantworten. (Claudia Wangerin)