Freudsche Zustände

Gestaltet der Mensch seine Gesellschaft bewusst - oder wird er unbewusst durch Strukturen und Dynamiken des Systems geformt?

Ist der Bürger Herr seiner eigenen Gesellschaft? Die Ansichten bei dieser alten Fragestellung, die schon im Zuge der Aufklärung aufgeworfen wurde, pendeln in letzter Zeit krisenbedingt zwischen den Extremen: Zwischen Größenwahn und pseudoreligiösen Fatalismus.

Das spätbürgerliche Bewusstsein ist von einem zunehmenden inneren Widerspruch gekennzeichnet, der inzwischen quasi schizophrene Züge angenommen hat. Allmachtsphantasien wechseln sich immer häufiger mit blanken Ohnmachtsgefühlen ab.

Zum einen ist sie immer noch allgegenwärtig, die böse alte Mentalität des "Was kostet die Welt" - auf der gesamtgesellschaftlichen, wie auf der individuellen Ebene. Das neoliberale Konkurrenz- und Leistungsdenken, mit dem heutzutage schon der Mittelschichtsnachwuchs indoktriniert wird, basiert gerade auf dem Dogma, dass jeder seines Glückes Schmied sei.

Erfolg ist der neoliberalen Ideologie zufolge immer Ausdruck der individuellen Leistung, während Misserfolge wie Arbeitslosigkeit postwendend auf das Versagen des Einzelnen zurückgeführt werden.

In seiner Extremform - etwa bei Thatcher - existieren im Neoliberalismus nur die Konkurrenzsubjekte, die voll für ihre im scheinbar leeren gesellschaftlichen Raum vollzogenen Entscheidungen und Handlungen verantwortlich seien. So etwas wie Gesellschaft gebe es nicht, es gebe nur die Individuen als frei agierende gesellschaftliche Atome, wie es einstmals die britische "eiserne Lady" formulierte.

Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene manifestiert sich dieser - eigentlich schon von der frühen Aufklärung propagierte - Glaube an die menschliche Machtfülle vor allem im derzeit aufschäumenden Chauvinismus und Nationalismus. Der Wille der eigenen Nation soll anderen aufgezwungen werden.

Seien es die mitunter offenen propagierten Weltordnungskriege der USA, die ihren menschenrechtsimperialistischen Anstrich inzwischen verlieren, sei es der ökonomische Sadismus der Bundesrepublik gegenüber den europäischen Krisenländern - sie scheinen die Machtvollkommenheit des krisenbedingt erodierenden nationalen Kollektivs zu bestätigen, an der sich auch das chauvinistisch verblendete Individuum berauschen kann.

Der kleinbürgerliche rechte Forentroll in den USA oder in Deutschland kann sich dann ein Stück weit wie Trump oder Schäuble fühlen, wenn diese ihre menschenverachtenden Machtspielchen treiben.

Hinzu kommen die extrem angewachsenen Möglichkeiten technischer Naturbeherrschung, die dem Potenzial menschlicher Umformung der Erde im jüngst ausgerufenen Anthropozän kaum Grenzen zu setzen scheinen. Die Autonomie des Menschen, propagiert seit der Aufklärung, scheint verwirklicht.

Die Menschheit erschafft sich die Welt, wie sie ihr gefällt? Dieser spätkapitalistische Allmachtsglaube kontrastiert immer stärker mit den heteronomen spätkapitalistischen Realitäten, in denen die Subjekte ihre Ohnmacht alltäglich - zumeist uneingestanden - durchleiden. Der Neoliberalismus, der jedes Konkurrenzatom zu seines Glückes Schmied in einer scheinbar inexistenten Gesellschaft ausruft, predigt zugleich die Unterwerfung unter die berüchtigten "Sachzwänge".

Mit diesem Wortmonster - den Zwängen, die durch "Sachen" den Menschen auferlegt werden - belegt der Neoliberalismus die wirtschaftlichen und sozialen Folgen (Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Prekarisierung etc.) der zunehmenden inneren Widersprüche der spätkapitalistischen Gesellschaften. Die "Freiheit" und Autonomie des neoliberalen Marktsubjekts besteht somit darin, sich diesen zu Naturzuständen ideologisierten Sachzwängen im Konkurrenzdschungel anzupassen.

Der scheinbar selbstständige, eigenverantwortliche neoliberale Mensch fügt sich somit ohnmächtig den sich zuspitzenden Widersprüchen des Krisenkapitalismus, die er als Sachzwänge hinnimmt, als eine Art Naturgesetze oder Naturgewalten, die sich dem Zugriff der Marktsubjekte zu entziehen scheinen - obwohl sie unbewusst gerade von ihnen hervorgebracht werden.

Die breite Politikverdrossenheit, die so gerne in Sonntagsreden anprangert wird, sie resultiert gerade aus der alltäglichen Erfahrung auch der systemimmanent-politischen Ohnmacht gegenüber den Folgen dieser zu Sachzwängen buchstäblich verdinglichten Widerspruchsentfaltung.

Und auch das globale "Great Game" der imperialen Staatssubjekte - von den USA, über Russland bis zu Deutscheuropa - verliert unverzüglich den Anschein seiner Machtfülle, sobald mal ein Krisenschub den Staatsmonstern ihre Grenzen aufzeigt und diese in Krisen oder gar Staatserosion und Zerfall treibt. Sobald "die Märkte" mal wieder wüten, in einem "Marktbeben" ganze Volkswirtschaften ins Elend abzudriften drohen und dem Weltfinanzsystem die Kernschmelze droht, setzen dann auch gesamtgesellschaftlich die großen Bußrituale und Unterwerfungsgesten ein.

Da die allmächtigen "Märkte" - antiken Göttern gleich - plötzlich böse geworden seien, gelte es, Buße zu tun und Opfer zu bringen (mitten in einer Überflussgesellschaft und einer Überproduktionskrise). Dann werden schon mal ganze Bevölkerungsschichten (US-Mittelklasse, US-Arbeitsmigranten) oder Länder (Griechenland) dem säkularisierten Kapitalgott geopfert.

Gerade in solchen Krisensituationen - wie zuletzt während der Immobilienkrisen in Europa und den USA - wird die latent, vermittelt wirkende Heteronomie, die aus der subjektlosen Herrschaft des Kapitalverhältnisses resultiert, mit voller Brutalität auch auf gesamtgesellschaftlicher, nationaler Ebene manifest.

Die Illusion der nationalen Machtfülle, gerade in den Zentren des Weltsystems, wandelt sich in das Bemühen, die als ein verheerendes, katastrophenartiges Naturereignis wahrgenommenen Krisenfolgen auf andere abzuwälzen - was die in Krisenzeiten eskalierende Konkurrenz zwischen den spätkapitalistischen Staatsmonstern erklärt.

Es ist gerade innere krisenbedingte Widerspruchsentfaltung, die die krisengeschüttelten Großmächte zur äußerer Expansion treibt und deswegen die Kriegsgefahr erhöht. Überdies ist die Illusion des Machtwahns, wie man ihn etwa in Deutschland gegenüber "den Griechen" oder in den USA gegenüber dem arabischen Raum pflegt, nur die Rückseite der sehr realen Ohnmacht, wie sie in Hellas, im Irak oder in Syrien herrscht. Insofern exekutieren diese imperialen Staatssubjekte nur die objektive Krisendynamik.

Dieses Bewusstsein der Ohnmacht, das in Krisenzeiten allgegenwärtig ist, wird aber sehr schnell verdrängt - und dies unabhängig vom politischen Standpunkt. Für den rechten Angstmob mit seinem - vorsichtig formuliert - eher bescheidenen Reflexionsvermögen stellt sich die Frage erst gar nicht, da dieser ja einfach mit Sündenböcken operiert.

Dem rechten Hassschwarm sind alle krisenbedingten Ohnmachtserfahrungen nur Folge einer bösartigen Weltverschwörung (zumeist läuft es letztendlich auf Antisemitismus heraus), oder des zersetzenden Wesens und amoralischen Treibens einer Bevölkerungsgruppe (Ausländer, Migranten, Arbeitslose, "Sozialschmarotzer" etc.). Sobald diese Sündenböcke beseitigt seinen, werde alles wieder gut - dies ist die rechte Art, mit den krisenbedingten Ohnmachtserfahrungen und der dadurch ausgelösten Angst umzugehen. Man will irgendwen halt hängen sehen.

Doch auch in der Linken sind Tendenzen wirksam, die alltäglich erfahrene Heteronomie zu verdrängen und zu negieren. Da sind einerseits immer noch die klassischen, aus dem alten, größtenteils anachronistischen Klassenkampfdenken sich speisenden Frontstellungen zu finden, die den "Kapitalisten" eine Allmacht zusprechen, die sie in der Funktion als "Charaktermasken" (Marx) ihrer ökonomischen Funktion schlicht nicht haben können.

Die "herrschende Klasse" der Kapitalisten scheint allmächtig, die Krise eine Folge ihrer Machtfülle. Die Arbeiterklasse, die derzeit als ideologische Chimäre eine Art spukhaftes Comeback in der Linken feiert, müsse einfach nur die Kontrolle über die kapitalistische Produktionsmaschienerie übernehmen - und schon werde alles unter Kontrolle sein.

Dieses anachronistische Klassenkampfparadigma, das die volle Integration und anschließende Erosion der Arbeiterklasse im Kapitalismus seit Jahrzehnten souverän ignoriert, erfuhr in den letzten Jahren eine krisenbedingte Verrohung, bei der die Reichen allgemein - die Bonzen oder die Finanzmarktspekulanten - zu simplen populistischen Sündenböcken für die Krise aufgebaut wurden.

Hinzu kommt noch die unbewusste Weigerung eines guten Teils der aktivistischen Linken, sich diesem Problem zu stellen, da hierdurch die eigene praktische Arbeit zu entwerten droht. Wozu noch handeln, noch kämpfen, wenn das System allmächtig scheint?

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