Fridays for Future - und was dazu nicht im Schulbuch steht

Fridays for Future-Demo am 27. September 2019 in Erfurt. Bild: Tobias Möritz / CC-BY-SA-4.0

Vom "Menschheitswert Klima" und dem idealistischen Einsatz dafür

Der 25. September ist ein weiterer "Friday for Future" mit einer globalen Klimaaktion. Diesem Anlass ist der folgende Aufsatz zugedacht, der sich in zwei Teile gliedert. Hier der erste Teil.

"Sorry I can’t clean my room; I have to save the Planet", lautete eine Parole der freitäglichen Schülerdemos. Auch wenn das kokett dahergeredet ist, gesagt ist damit schon, dass die Jugend im Klimaprotest nichts Geringeres als den Planeten retten will, von dem sie "keine Version B" kennt - also ein Menschheitsanliegen zu verfolgen meint. Und es ist ja zunächst richtig, dass die immensen Schäden des Klimas und anderer Lebensgrundlagen, welche die einzelnen gewinnorientierten Volkswirtschaften kollektiv verursachen, weder an ihren Staatsgrenzen aufhören noch innerhalb der Gattung Mensch physiologische Unterschiede machen. Auch lassen sich bei der wissenschaftlichen Analyse z.B. des Treibhauseffekts dessen anthropogene Ursachen von den natürlichen begrifflich durchaus trennen.

Nationale Klimapolitik

Aber damit ist die Betrachtung des Klimas als Menschheitsfrage sachlich schon zu Ende, weil ab hier alles darauf ankommt, um welche Menschen es sich ökonomisch, politisch und sozial bzw. auf Seiten der Verursacher oder der Betroffenen dieser Schäden jeweils handelt. Schon bei einem Wirbelsturm in der Karibik, mit und ohne erderwärmten Anteil, hängt für die Leute sehr viel davon ab, ob sie z.B. auf Kuba oder auf Haiti wohnen oder welche Art von Behausung sie sich leisten können.

Was eine Dürre anrichtet, entscheidet sich daran, ob sie mittellose Subsistenzbauern in Afrika oder die kapitalisierte Landwirtschaft Australiens betrifft. Wann der auftauende Permafrostboden in der arktischen Region ein Fluch oder Segen ist, differenziert sich u.a. danach, ob der Anthropos einer Inuit-Siedlung oder einem der Konzerne und Ministerien angehört, die schon seit zehn Jahren die tauende Landschaft auf den Abbau von fossilen und mineralischen Rohstoffen oder auf eine Agrarproduktion hin prospektieren.

Ähnliches gilt für die eisfreien Nordpassagen, die als mögliche Alternativen zum Suez- bzw. Panamakanal ganz neue Geschäftssphären erschließen und neben globalen Handelsrouten auch geopolitische Verhältnisse neu aufmischen und Reichtum bzw. Armut umsortieren. So gesehen enthalten die unterschiedlichen und gegensätzlichen Lebensverhältnisse auf dem ‚einen Planeten‘ durchaus ein paar ‚Versionen B‘ und darunter.

Trotzdem oder gerade deshalb berufen sich die protestierenden Schüler auf die großen Worte, welche die politisch Verantwortlichen unverdrossen und weltweit bemühen, um die Klimarettung zu einer Menschheitsaufgabe schlechthin zu erklären. Auch den "Fridays" erscheint ihr den Globus und die Zukunft betreffendes Anliegen derart unwidersprechlich - "Diese Bewegung musste entstehen, wir hatten keine Wahl." (Greta Thunberg fast geschichtsphilosophisch in der FAZ v. 16.3.19) -, dass sie sich betont überparteilich und im wohlverstandenen Interesse aller gesellschaftlichen Gruppen aufstellen. Dabei könnten sie an dieser vorgeblich staatsübergreifenden Einigkeit die Tatsache durchaus bemerken, dass sie von ganz unterschiedlichen, interessensgegensätzlichen oder feindlichen Nationen beschworen wird.

Um Klimarettung schlechthin kann es also gar nicht gehen. Der Fidschi-Archipel fürchtet einen Anstieg des Meeresspiegels, was solche Inseln als Problemlage - aber schon nicht mehr bei den Mitteln der Vorkehrung - mit Holland teilen, mit landumschlossenen Staaten aber nicht. China will seinen Ballungszentren die nötige Atemluft zur weiteren Durchsetzung auf dem Weltmarkt verschaffen und sich damit zugleich in Sachen Elektro-Mobilität in eine Spitzenposition bringen - möglicherweise zum Leidwesen ähnlicher Pläne in Deutschland. Dessen "Klimakanzlerin" möchte sich bei ihrer EU-Ratspräsidentschaft in Rücksicht auf Länder wie Polen und Tschechien wegen der Emissionsziele "nicht so weit aus dem Fenster lehnen" wie andere Europäer, die nicht so viele Autos verkaufen und ihre Energie weniger kohlebasiert gewinnen.

Überdies herrscht in den USA ein Präsident, der den Klimawandel für eine berechnende Übertreibung seiner erfolgreichen Konkurrenten hält und sich vom Pariser Abkommen verabschiedet hat, um gegen sie ökonomisch wieder Boden gut zu machen. Brasilien folgt in dieser Richtung. In dieses Durch- und Gegeneinander nationaler Interessen löst sich die "Menschheitsfrage Klimarettung" also sachlich auf. Auch der deutsche Außenminister stellt das auf seine Weise klar, wenn er betont, dass "Klimaschutz zum neuen Imperativ der [Wirtschafts- und] Außenpolitik" werden muss. Dazu später mehr.

Dennoch begann er eine Rede zu diesem Thema mit einem Zitat von Greta Thunberg über den "change on the horizon". Denn die Staaten weltweit - mit der erwähnten Besonderheit bei Trump - wollen es nicht lassen, ihre jeweilige nationale Energiepolitik unter den hohen Werten der Klimarettung und Zukunftssicherung abzuwickeln. Wenn die protestierenden Schüler hier eine Diskrepanz von Wort und Tat und in den Reihen der regierenden Politprofis Heuchler und Schwindler mutmaßen - "The political system is all about competition. You cheat when you can." (Thunberg auf Facebook) - treffen sie nicht den Punkt. Denn die Klima-Heuchelei in den internationalen Beziehungen folgt dem Bemühen, den eigenen politökonomischen Interessen unter Berufung auf höhere, allgemein geteilte Gesichtspunkte, wie die des gemeinsam bewohnten Planeten, Anerkennung zu verschaffen und die notwendigen Gegensätze dabei mit den Worthülsen für hehre Ziele schönzureden. Auch dazu später noch etwas mehr.

Dies ist jedenfalls die praktisch gültige Verwendung der Menschheits- und Zukunfts-Ideale, die auch die "Fridays for Future" für ihr Anliegen bemühen. Weil sie das aber im Protest gegen die Obrigkeit tun, ist unterstellt, dass sie damit nicht dasselbe meinen wie jene. Offenbar gehen sie davon aus, das, was die Regierung im Munde führe, sei noch gar nicht recht am Werk, sondern müsse erst verwirklicht werden: auf ihren und anderen politischen Druck hin, der sich zudem auf die einschlägigen Wissenschaften berufen könne. Dennoch halten die "Fridays" den wiederholten Regelbruch durch ihre Aktionen und Schulstreiks für geboten samt der Bereitschaft, hierfür Nachteile und Strafen zu kassieren.

"System Change"

Trotz dieser Ernsthaftigkeit im Anliegen fallen einige Momente in der Bewegung auf, die geeignet sind, es schwach zu machen - eine Schwäche, die von etlichen Aktivisten durchaus bemerkt wird, ohne dass sie deren Gründe kennen würden. Neubauer, Thunberg et al. in einer aktuellen Bilanz zum Schülerprotest (Guardian):

The climate and ecological crisis has never once been treated as a crisis. […] Effectively, we have lost another two crucial years." "As it is now, we can have as many meetings and climate conferences as we want. They will not lead to sufficient changes, because the willingness to act and the level of awareness needed are still nowhere in sight.

Bei einem solchen Eingeständnis fragt es sich schon, warum die Bewegung, jedenfalls bisher, einen Gegensatz zum Regierungshandeln nur insoweit eröffnen will, als sie die politischen Repräsentanten dazu zwingen möchte, endlich ihre ökologischen Hausaufgaben zu machen:

Viele fähige Menschen [sitzen] im Parlament, die aber ihren Aufgaben nicht nachkommen.

Was wir am Ende des Tages einfach fordern, ist, dass Menschen ihren Job machen.

Luisa Neubauer, ntv 15.3. und Dlf 2.3.19

Ich werde nicht lockerlassen, bis Politikerinnen und Politiker endlich ihren Job machen und die Klimakrise aufhalten!

Jakob Blasel, tagesschau.de 14.3.19

In der Schüler-Parole "System change, not climate change" kommt eine Kritik am kapitalistischen Zusammenhang zwar zum Vorschein, auch im Offenen Brief Thunbergs, Neubauers et al. vom Juli 2020 an die Führer der Staatenwelt, wo es heißt:

Our current system is not ‘broken’ - the system is doing exactly what it is supposed and designed to be doing. It can no longer be ‘fixed’. We need a new system.

Sogar die behauptete Notwendigkei‘, in der Corona-Krise die Gewinne der Wirtschaft retten zu müssen, um die Klimaziele bezahlen zu können, wo faktisch doch Letztere den Ersteren untergeordnet werden, kritisieren die jungen Autorinnen:

Aiming to ‘recover’ an economic system that inherently fuels the climate crisis in order to finance climate action is just as absurd as it sounds." "Ende Gelände", Bündnispartner der FfF, legt noch nach: "Um Klimagerechtigkeit zu erreichen, müssen wir das Wirtschaftssystem grundlegend ändern - also wie, was und wie viel wir produzieren und verbrauchen. Dabei geht es nicht nur um ökologische Aspekte […]: Bedürfnisse statt Profite, Vorsorge statt Wachstum, Kooperation statt Konkurrenz.

Eigentlich ermunternde Aussagen und Forderungen. Zu fragen ist aber erneut, wie sie zu dem Vorhaben passen, die Politiker auf "ihren Job" zu verpflichten. Gehört denn Antikapitalismus zu deren Berufsbild?

Die fragliche Seite dieser Kapitalismuskritik zeigt sich leider auch darin, dass die Anklage des "Systems" gegebenenfalls - und unbeeindruckt von Widersprüchen - ausgetauscht und ersetzt werden kann durch eine des "Profitstrebens", des "Egoismus", auch des "Patriarchats" ("Destroy Patriarchy, not the Planet", FR 12.4.19) oder schlicht der "Erwachsenen" und "Alten" (Demoparole: "Es ist unsere Zukunft, ihr Arschlöcher") - als ob sich aus den Lebensjahren herrschende Zwecke ergäben. Offenbar muss man die Theoriebildung nicht zu eng sehen, wenn es nur zu erklären gilt, warum die Politik nicht das tut, wofür sie angeblich da ist.

Eine moralische Erweiterung der Ursachen-Bestimmung besteht darin, die umweltgeschädigte Menschheit nicht nur zum undifferenzierten Objekt, sondern zugleich zum mitschuldigen Subjekt der Klimakrise zu erklären: "Choose Eco not Ego." "Die Menschheit muss ich ändern, nicht das Klima." Noch ein Widerspruch, der bemerkt werden könnte, weil es logisch nicht angeht, dass ein und dasselbe Kollektiv sich zerstört und zugleich retten will.

Diese Art der Schuldzuweisung setzt die Normalverbraucher mit ins Klima-Boot, zu dessen Kentern sie vor allem durch den CO2-Fußabdruck ihrer Mobilität und ihres Konsums einen Beitrag leisten würden. So wird jeder Flugreisende für den Treibhauseffekt und der Nachfrager nach bezahlbarem Fleisch für die Zustände in der Massentierhaltung und der zugehörigen Verarbeitung mindestens mitverantwortlich gemacht: Als ob das - bei der Mehrheit zudem zahlungsschwache - Bedürfnis die Umweltschäden gleich mitbestellt hätte. Als ob in einer Marktwirtschaft der Konsum nicht das bloße Mittel der Umsatzsteigerung wäre, die abhängige Größe einer Produktionsweise, die das Recht und die Finanzmacht hat, der Nachfrage die Vorgaben zu machen (vgl. "Die Neuauflage des Fleischskandals").

Dies merkt man übrigens noch daran, dass selbst Leute, die ihren carbon footprint deutlich verkleinern wollen, auf dafür geeignete Waren angewiesen sind, z.B. auf Solarzellen, die nur entstehen, wenn sie einem Geschäft dienen. Und im Grunde wissen die Bahnfahrer aus "Flugscham", die Secondhand tragen und vegan essen, selber, dass ihre berühmten "kleinen Schritte" auch ein Dokument ihrer Ohnmacht gegenüber den kritisierten Verhältnissen sind. Der Gewinn daraus ist daher eher ideeller Art, nämlich ein gutes Gefühl gegenüber sich selbst und anderen. Luisa Neubauer kritisiert das immerhin als "Individualisierung des Klimaschutzes" mit "Wohlfühlmoment". "So funktioniert die Klimakrise nicht." (Dlf 3.2.19)

Der Kampf dagegen, um das einmal zusammenzufassen, funktioniert aber auch nicht so, dass die "Fridays" mit dem idealistischen und von niemandem bestrittenen Gemeinplatz, ein "Planet B" sei nicht vorhanden, die Ursachen der Umweltschäden falsch bestimmen. Steckt darin nicht die Gefahr, den Bock zum Gärtner zu machen, wenn man das Regierungshandeln als wesentlichen Schadensverursacher benennt und es zugleich als für die Abhilfe zuständig erklärt?

Von den Lektionen, die die Politik den "Fridays" erteilt

In Absetzung von den festgefahrenen ‚Alten‘ scheinen große Teile der "Fridays for Future"-Bewegten ihre Jugend, der eine Zukunft bevorsteht, für ein Argument zu halten: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut"; "Ich brauch kein Abi, wenn ich keine Zukunft habe". Die berechnende Bestätigung durch die Kanzlerin und ihren Wirtschaftsminister, der, wäre er noch 16, sogar "mitdemonstrieren [würde], aber lieber am Samstag" (Spiegel 16.3.19), bleibt den Bewegten zwar nicht verborgen. Was man der Jugend meist lobend nachsagt - sie sei nicht in den Erfordernissen und Interessen des Alltags- und Arbeitslebens befangen und daher noch zu echtem Idealismus fähig - nehmen sie dennoch selbstbewusst für sich in Anspruch: "Wir sind die Kids, über die ihr in den Schulbüchern lesen werdet".

Der Haken dabei: Besagtes Lob gilt der Jugend, weil oder insofern sie in die ideelle Verantwortlichkeit für fraglose Werte auch das reell herrschende Personal miteinschließt. Dies geht daher einher mit der Forderung, dass dieser Idealismus der Wegbereiter und nicht die Blockade einer Vernunft sein muss, mit der sich die Jugendlichen den herrschenden Verhältnisse anschließen.

Partikularinteressen

Auch die Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister respektieren eine solche "Gesinnungsethik", betonen aber ihre "Ethik der Verantwortung", die für mehr in der Pflicht und zuständig sei als für jugendliche Ideen und Wünsche. Merkel "weiß, dass die Schüler sich manches schneller wünschen, zum Beispiel den Ausstieg aus der Kohle. Da muss [sie] allerdings als Regierungschefin auch darauf hinweisen, dass wir natürlich […] Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft auf der einen Seite mit den Zielen des Klimaschutzes versöhnen [müssen]". (Podcast 2.3.19)

Altmaier betont, "der Klimaschutz darf nicht auf Kosten von Wohlstand und Arbeitsplätzen gehen", "Handwerker und Mittelständler [dürfen] im Vergleich zu Firmen in Frankreich oder den Niederlanden nicht benachteilig[t]" werden, "Mobilität für normale Menschen [muss] auch in Zukunft möglich" sein und "das Ende des Verbrennungsmotors [kann er] nicht ausrufen". (Spiegel 16.3.19) Es sei "schwierig, Klimaschutz und bezahlbare Stromversorgung unter einen Hut zu bringen". (rbb 25.1.19)

In der Corona-Krise gilt dies umso mehr: "Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat die Bundesregierung vor zu ambitionierten Klimaschutzzielen gewarnt. ‚Die Gefahr ist groß, dass der Unterschied der klimapolitischen Ambitionen zwischen Europa und anderen Weltregionen weiter wächst. […] Deshalb ist es zentral, dass die Politik in Deutschland und Europa dringend mehr Planungssicherheit und berechenbare Investitionsbedingungen schafft."

Das lässt sich die deutsche Regierung nicht zweimal sagen. Was sie dem Umwelt-Protest also ganz selbstverständlich entgegenhält und zur Berücksichtigung aufträgt, sind genau die kapitalistischen ‚Sachzwänge‘, die sie selbst verordnet und verwaltet - und die ihn überhaupt ins Leben gerufen haben. Auch bei der ständig betonten Sorge um das Arbeitsvolk ist ohne Frage eingepreist, dass dessen Einkommen nicht nur von seiner geschäftsdienlichen Benutzung, sondern auch von der Bereitschaft abhängt, sich den Lohn immer wieder durch umweltbedingte Gesundheitsschäden zu erkaufen. Ob die Bewegten das wissen oder nicht, womit sie es praktisch zu tun haben, sind die versammelten Zwecke einer Exportnation, der ihr Erfolg noch lange nicht genug ist. Dafür benötigt dieselbe eine flächendeckende, verlässliche, preisgünstige und konkurrenzfähige Energieversorgung. Diesem vom "Gemeinwohl" geforderten Gesamtprogramm haben sich auch die jugendlichen "Partikularinteressen", die dazu im Gegensatz stehen, gefälligst unterzuordnen.

Die Klimabewegten gingen und gehen diese politische Herausforderung zunächst recht ambivalent an. Sie betonen, dass sie gar nichts "Partikulares" für sich, sondern nur das fordern, was die Bundesregierung international unterschrieben hat. Auch nähmen sie keine Besserwisserei in Anspruch, sondern setzten auf die Kompetenz der Experten:

Wir gehen auf die Straße, um durchzusetzen, was die Regierung selbst unterschrieben hat, nämlich die Umsetzung des Weltklimavertrags von Paris. […] Wir haben kein politisches Programm geschrieben, sondern die Mindestanforderungen benannt, die sich nach Berechnung von Klimaforschern aus den Paris-Zielen ergeben.

Neubauer, FR 11.4.19

Insofern umschiffen die "Fridays" die geforderte Relativierung ihres Anliegens. Diese Ballrückgabe enthält aber leider den Auftakt dazu, die aufgefahrenen ‚Sachzwänge‘ grundsätzlich als zu berücksichtigende zu akzeptieren.

Politikfähigkeit

Also setzen auch eigene, konstruktive Vermittlungsvorschläge ein, die zeigen sollen, dass die Klima-Forderungen den offiziellen Maßgaben durchaus genügen. Sie seien wirtschaftlich machbar und zugleich sozialverträglich und würden weder die Energiesicherheit der Nation noch den Bestand an Arbeitsplätzen gefährden:

Dass Arbeitsplätze bzw. Wirtschaft und Klimaschutz miteinander versöhnt werden müssen, denke ich auch. Aber die Klimakrise sollte dabei oberste Priorität haben.

Jakob Blasel, ntv 15.3.19

Aktuelle Forderungen sind der "Kohleausstieg bis 2030", "100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035", "das Ende der Subventionen für fossile Energieträger" oder ein CO2-Preis von 180 Euro pro Tonne. Der medienwirksame Dialog vom 20. August zwischen der Klima-Kanzlerin und den vier FfF-Repräsentantinnen, die im Vorfeld das neue EU-Klimaschutzgesetz eine "Kapitulation" genannt hatten, klang in den Worten des Regierungssprechers zwar nicht nach einem Punktsieg der Bewegung" … diskutierten auch über die Bedeutung der CO2-Bepreisung sowie über nationale Maßnahmen wie den Ausstieg aus der Kohleverstromung. … waren sich einig, dass die Erderwärmung eine globale Herausforderung ist, bei deren Bewältigung den Industriestaaten eine besondere Verantwortung zukommt." Die Kritik aus den eigenen Reihen, "es [sei] kein Erfolg, mit Frau Merkel zusammenzusitzen", teilten die vier Diskutanten aber laut "Spiegel" nicht:

Ohne Politik geht es nicht. […] Merkel […] habe eine Gelegenheit, eine Anführerin zu werden, sagte Thunberg. Die Antwort […]: ‚Sie hat uns zugesichert, dass sie in Erwägung ziehen wird, mutiger zu sein‘.

Ihren diesbezüglichen Mut erwägen auch Jakob Blasel und fünf weitere Aktivisten: "Wir haben [2019] geglaubt: Wenn wir nur laut genug protestieren, wird sich sofort etwas verändern. Das war naiv." Weil "die Regierung trotz aller Warnungen und Proteste nicht handelt", seien sie "zu frustrierten Aktivisten geworden" - was etwas anderes ist, als durch Erfahrung klug. Denn nach den Monaten der Reifung ist nun Schluss mit Naivität und Frust, und der vermeintlich richtige Kampf geht jetzt erst richtig los: "Wir brauchen einen direkten Draht ins Parlament", dorthin, wo die vormaligen Drahtzieher in Turnschuhen "zu einer Mainstream-Partei geworden" sind (Neubauer, Saarbr. Zeitg. 13.5.19), also in einen "Bereich, den wir als Klimaaktivisten gut für uns entdecken können". Auch wenn sie dort noch wenig zu melden haben, können sich die ideellen Mitregierer schon einmal warmlaufen, das Für und Wider ihrer betont‚systemkonformen Vorschläge demokratisch abwägen und debattieren und ihre ersten "kleinen Schritten" zurücklegen - was die reellen Regenten im Prinzip nicht ungern sehen.

Denn das konstruktive Vorschlagswesen seitens der Protestbewegung deutet generell - noch getrennt von der sog. "Mach- und Durchsetzbarkeit" - den Einstieg in eine "Politikfähigkeit" an, dem sich unschwer ein Umstieg aus dem festgehaltenen Umwelt-Interesse anschließt. Dasselbe wird der Bewegung ohnehin als unreifes "Schwarz-Weiß-" und "Alles-oder-nichts-Denken" zum Vorwurf gemacht. Ein oppositionelles Anliegen, das in einen Wettbewerb mit den Regierenden um die Verwirklichung vermeintlich gemeinsamer Anliegen und Werte einsteigt, lässt sich darüber recht schnell in Zugzwang bringen. In der Festlegung der entsprechenden Interessen und Inhalte haben die Demokraten an der Macht in der Regel auch die Definitionshoheit. Für den Fall jugendlicher Renitenz stehen ihnen aber noch andere Mittel zur Verfügung, was im berechnenden Lob der staatsbürgerlichen Reife des Schülerprotests durchaus anklingt. Minister Altmeier:

Ohne Provokation ändert sich in der Gesellschaft wenig, und ich möchte den Schülern meine Anerkennung dafür aussprechen, dass ihre Provokation im demokratischen und rechtsstaatlichen Rahmen bleibt.

Spiegel 16.3.19

Sonst sucht sich zum Schluss jeder sein Thema aus, das er dann irgendwie moralisch auflädt - und das geht nicht.

Ministerpräsident Kretschmann, Welt 2.4.19

Wenn solche Lektionen der Regierung ohne größere Vermittlungsprobleme ankommen, kann auf jeden Fall die Demokratie, durchaus im Unterschied zum Klima, einen Erfolg verzeichnen.

Wir mobilisieren so viele junge Menschen, wie das praktisch niemand vor uns gemacht hat. Das sind auch alles [...] zukünftige Wählerinnen und Wähler.

Neubauer, Dlf 2.3.19

Und die müssen auf diese Verantwortung hin erzogen werden, hätten also Gründe, sich auch vor dem folgenden Lob in Acht zu nehmen: "Man sehe das Engagement der Schüler mit Freude, denn es zeigt, dass die heutige Generation alles andere als politikverdrossen oder bequem ist. [Sie] zu mündigen Bürgern zu erziehen, sei ein zentraler Bildungsauftrag." (GEW Hessen, FR 15.3.19) Vorangegangene Protest-Generationen hat das bekanntlich auch schon dazu befähigt, ihren demokratisch versandeten Kampf unverdrossen an den Wahlurnen wiederaufzunehmen.

Es hat also, um das Gesagte zu resümieren, seinen Preis, wenn man wie eine Aktivistin von "Extinction Rebellion" (laut Twitter) darauf beharrt: "Ich habe eine Verantwortung, genauso wie unser Staat!"

Dieses verspürte Pflichtgefühl mag sich rebellisch bebildern und gebärden, im Kern ist es das Einverständnis damit und das Bemühen darum, die eingerichteten und gewohnten Verhältnisse in Gesellschaft und Staat zur Basis der eigenen Verbesserungswünsche zu machen. Dabei kommt niemand umhin, der Logik des Systems und allen von ihm erzeugten Interessen vom Tellerwäscher bis zum Milliardär Rechnung zu tragen - faktisch nicht "genauso", aber idealiter "wie unser Staat".