Fridays for Future - und was dazu nicht im Schulbuch steht

Fridays for Future-Demo am 27. September 2019 in Erfurt. Bild: Tobias Möritz / CC-BY-SA-4.0

Vom "Menschheitswert Klima" und dem idealistischen Einsatz dafür

Der 25. September ist ein weiterer "Friday for Future" mit einer globalen Klimaaktion. Diesem Anlass ist der folgende Aufsatz zugedacht, der sich in zwei Teile gliedert. Hier der erste Teil.

"Sorry I can’t clean my room; I have to save the Planet", lautete eine Parole der freitäglichen Schülerdemos. Auch wenn das kokett dahergeredet ist, gesagt ist damit schon, dass die Jugend im Klimaprotest nichts Geringeres als den Planeten retten will, von dem sie "keine Version B" kennt - also ein Menschheitsanliegen zu verfolgen meint. Und es ist ja zunächst richtig, dass die immensen Schäden des Klimas und anderer Lebensgrundlagen, welche die einzelnen gewinnorientierten Volkswirtschaften kollektiv verursachen, weder an ihren Staatsgrenzen aufhören noch innerhalb der Gattung Mensch physiologische Unterschiede machen. Auch lassen sich bei der wissenschaftlichen Analyse z.B. des Treibhauseffekts dessen anthropogene Ursachen von den natürlichen begrifflich durchaus trennen.

Nationale Klimapolitik

Aber damit ist die Betrachtung des Klimas als Menschheitsfrage sachlich schon zu Ende, weil ab hier alles darauf ankommt, um welche Menschen es sich ökonomisch, politisch und sozial bzw. auf Seiten der Verursacher oder der Betroffenen dieser Schäden jeweils handelt. Schon bei einem Wirbelsturm in der Karibik, mit und ohne erderwärmten Anteil, hängt für die Leute sehr viel davon ab, ob sie z.B. auf Kuba oder auf Haiti wohnen oder welche Art von Behausung sie sich leisten können.

Was eine Dürre anrichtet, entscheidet sich daran, ob sie mittellose Subsistenzbauern in Afrika oder die kapitalisierte Landwirtschaft Australiens betrifft. Wann der auftauende Permafrostboden in der arktischen Region ein Fluch oder Segen ist, differenziert sich u.a. danach, ob der Anthropos einer Inuit-Siedlung oder einem der Konzerne und Ministerien angehört, die schon seit zehn Jahren die tauende Landschaft auf den Abbau von fossilen und mineralischen Rohstoffen oder auf eine Agrarproduktion hin prospektieren.

Ähnliches gilt für die eisfreien Nordpassagen, die als mögliche Alternativen zum Suez- bzw. Panamakanal ganz neue Geschäftssphären erschließen und neben globalen Handelsrouten auch geopolitische Verhältnisse neu aufmischen und Reichtum bzw. Armut umsortieren. So gesehen enthalten die unterschiedlichen und gegensätzlichen Lebensverhältnisse auf dem ‚einen Planeten‘ durchaus ein paar ‚Versionen B‘ und darunter.

Trotzdem oder gerade deshalb berufen sich die protestierenden Schüler auf die großen Worte, welche die politisch Verantwortlichen unverdrossen und weltweit bemühen, um die Klimarettung zu einer Menschheitsaufgabe schlechthin zu erklären. Auch den "Fridays" erscheint ihr den Globus und die Zukunft betreffendes Anliegen derart unwidersprechlich - "Diese Bewegung musste entstehen, wir hatten keine Wahl." (Greta Thunberg fast geschichtsphilosophisch in der FAZ v. 16.3.19) -, dass sie sich betont überparteilich und im wohlverstandenen Interesse aller gesellschaftlichen Gruppen aufstellen. Dabei könnten sie an dieser vorgeblich staatsübergreifenden Einigkeit die Tatsache durchaus bemerken, dass sie von ganz unterschiedlichen, interessensgegensätzlichen oder feindlichen Nationen beschworen wird.

Um Klimarettung schlechthin kann es also gar nicht gehen. Der Fidschi-Archipel fürchtet einen Anstieg des Meeresspiegels, was solche Inseln als Problemlage - aber schon nicht mehr bei den Mitteln der Vorkehrung - mit Holland teilen, mit landumschlossenen Staaten aber nicht. China will seinen Ballungszentren die nötige Atemluft zur weiteren Durchsetzung auf dem Weltmarkt verschaffen und sich damit zugleich in Sachen Elektro-Mobilität in eine Spitzenposition bringen - möglicherweise zum Leidwesen ähnlicher Pläne in Deutschland. Dessen "Klimakanzlerin" möchte sich bei ihrer EU-Ratspräsidentschaft in Rücksicht auf Länder wie Polen und Tschechien wegen der Emissionsziele "nicht so weit aus dem Fenster lehnen" wie andere Europäer, die nicht so viele Autos verkaufen und ihre Energie weniger kohlebasiert gewinnen.

Überdies herrscht in den USA ein Präsident, der den Klimawandel für eine berechnende Übertreibung seiner erfolgreichen Konkurrenten hält und sich vom Pariser Abkommen verabschiedet hat, um gegen sie ökonomisch wieder Boden gut zu machen. Brasilien folgt in dieser Richtung. In dieses Durch- und Gegeneinander nationaler Interessen löst sich die "Menschheitsfrage Klimarettung" also sachlich auf. Auch der deutsche Außenminister stellt das auf seine Weise klar, wenn er betont, dass "Klimaschutz zum neuen Imperativ der [Wirtschafts- und] Außenpolitik" werden muss. Dazu später mehr.

Dennoch begann er eine Rede zu diesem Thema mit einem Zitat von Greta Thunberg über den "change on the horizon". Denn die Staaten weltweit - mit der erwähnten Besonderheit bei Trump - wollen es nicht lassen, ihre jeweilige nationale Energiepolitik unter den hohen Werten der Klimarettung und Zukunftssicherung abzuwickeln. Wenn die protestierenden Schüler hier eine Diskrepanz von Wort und Tat und in den Reihen der regierenden Politprofis Heuchler und Schwindler mutmaßen - "The political system is all about competition. You cheat when you can." (Thunberg auf Facebook) - treffen sie nicht den Punkt. Denn die Klima-Heuchelei in den internationalen Beziehungen folgt dem Bemühen, den eigenen politökonomischen Interessen unter Berufung auf höhere, allgemein geteilte Gesichtspunkte, wie die des gemeinsam bewohnten Planeten, Anerkennung zu verschaffen und die notwendigen Gegensätze dabei mit den Worthülsen für hehre Ziele schönzureden. Auch dazu später noch etwas mehr.

Dies ist jedenfalls die praktisch gültige Verwendung der Menschheits- und Zukunfts-Ideale, die auch die "Fridays for Future" für ihr Anliegen bemühen. Weil sie das aber im Protest gegen die Obrigkeit tun, ist unterstellt, dass sie damit nicht dasselbe meinen wie jene. Offenbar gehen sie davon aus, das, was die Regierung im Munde führe, sei noch gar nicht recht am Werk, sondern müsse erst verwirklicht werden: auf ihren und anderen politischen Druck hin, der sich zudem auf die einschlägigen Wissenschaften berufen könne. Dennoch halten die "Fridays" den wiederholten Regelbruch durch ihre Aktionen und Schulstreiks für geboten samt der Bereitschaft, hierfür Nachteile und Strafen zu kassieren.

"System Change"

Trotz dieser Ernsthaftigkeit im Anliegen fallen einige Momente in der Bewegung auf, die geeignet sind, es schwach zu machen - eine Schwäche, die von etlichen Aktivisten durchaus bemerkt wird, ohne dass sie deren Gründe kennen würden. Neubauer, Thunberg et al. in einer aktuellen Bilanz zum Schülerprotest (Guardian):

The climate and ecological crisis has never once been treated as a crisis. […] Effectively, we have lost another two crucial years." "As it is now, we can have as many meetings and climate conferences as we want. They will not lead to sufficient changes, because the willingness to act and the level of awareness needed are still nowhere in sight.

Bei einem solchen Eingeständnis fragt es sich schon, warum die Bewegung, jedenfalls bisher, einen Gegensatz zum Regierungshandeln nur insoweit eröffnen will, als sie die politischen Repräsentanten dazu zwingen möchte, endlich ihre ökologischen Hausaufgaben zu machen:

Viele fähige Menschen [sitzen] im Parlament, die aber ihren Aufgaben nicht nachkommen.

Was wir am Ende des Tages einfach fordern, ist, dass Menschen ihren Job machen.

Luisa Neubauer, ntv 15.3. und Dlf 2.3.19

Ich werde nicht lockerlassen, bis Politikerinnen und Politiker endlich ihren Job machen und die Klimakrise aufhalten!

Jakob Blasel, tagesschau.de 14.3.19

In der Schüler-Parole "System change, not climate change" kommt eine Kritik am kapitalistischen Zusammenhang zwar zum Vorschein, auch im Offenen Brief Thunbergs, Neubauers et al. vom Juli 2020 an die Führer der Staatenwelt, wo es heißt:

Our current system is not ‘broken’ - the system is doing exactly what it is supposed and designed to be doing. It can no longer be ‘fixed’. We need a new system.

Sogar die behauptete Notwendigkei‘, in der Corona-Krise die Gewinne der Wirtschaft retten zu müssen, um die Klimaziele bezahlen zu können, wo faktisch doch Letztere den Ersteren untergeordnet werden, kritisieren die jungen Autorinnen:

Aiming to ‘recover’ an economic system that inherently fuels the climate crisis in order to finance climate action is just as absurd as it sounds." "Ende Gelände", Bündnispartner der FfF, legt noch nach: "Um Klimagerechtigkeit zu erreichen, müssen wir das Wirtschaftssystem grundlegend ändern - also wie, was und wie viel wir produzieren und verbrauchen. Dabei geht es nicht nur um ökologische Aspekte […]: Bedürfnisse statt Profite, Vorsorge statt Wachstum, Kooperation statt Konkurrenz.

Eigentlich ermunternde Aussagen und Forderungen. Zu fragen ist aber erneut, wie sie zu dem Vorhaben passen, die Politiker auf "ihren Job" zu verpflichten. Gehört denn Antikapitalismus zu deren Berufsbild?

Die fragliche Seite dieser Kapitalismuskritik zeigt sich leider auch darin, dass die Anklage des "Systems" gegebenenfalls - und unbeeindruckt von Widersprüchen - ausgetauscht und ersetzt werden kann durch eine des "Profitstrebens", des "Egoismus", auch des "Patriarchats" ("Destroy Patriarchy, not the Planet", FR 12.4.19) oder schlicht der "Erwachsenen" und "Alten" (Demoparole: "Es ist unsere Zukunft, ihr Arschlöcher") - als ob sich aus den Lebensjahren herrschende Zwecke ergäben. Offenbar muss man die Theoriebildung nicht zu eng sehen, wenn es nur zu erklären gilt, warum die Politik nicht das tut, wofür sie angeblich da ist.

Eine moralische Erweiterung der Ursachen-Bestimmung besteht darin, die umweltgeschädigte Menschheit nicht nur zum undifferenzierten Objekt, sondern zugleich zum mitschuldigen Subjekt der Klimakrise zu erklären: "Choose Eco not Ego." "Die Menschheit muss ich ändern, nicht das Klima." Noch ein Widerspruch, der bemerkt werden könnte, weil es logisch nicht angeht, dass ein und dasselbe Kollektiv sich zerstört und zugleich retten will.

Diese Art der Schuldzuweisung setzt die Normalverbraucher mit ins Klima-Boot, zu dessen Kentern sie vor allem durch den CO2-Fußabdruck ihrer Mobilität und ihres Konsums einen Beitrag leisten würden. So wird jeder Flugreisende für den Treibhauseffekt und der Nachfrager nach bezahlbarem Fleisch für die Zustände in der Massentierhaltung und der zugehörigen Verarbeitung mindestens mitverantwortlich gemacht: Als ob das - bei der Mehrheit zudem zahlungsschwache - Bedürfnis die Umweltschäden gleich mitbestellt hätte. Als ob in einer Marktwirtschaft der Konsum nicht das bloße Mittel der Umsatzsteigerung wäre, die abhängige Größe einer Produktionsweise, die das Recht und die Finanzmacht hat, der Nachfrage die Vorgaben zu machen (vgl. "Die Neuauflage des Fleischskandals").

Dies merkt man übrigens noch daran, dass selbst Leute, die ihren carbon footprint deutlich verkleinern wollen, auf dafür geeignete Waren angewiesen sind, z.B. auf Solarzellen, die nur entstehen, wenn sie einem Geschäft dienen. Und im Grunde wissen die Bahnfahrer aus "Flugscham", die Secondhand tragen und vegan essen, selber, dass ihre berühmten "kleinen Schritte" auch ein Dokument ihrer Ohnmacht gegenüber den kritisierten Verhältnissen sind. Der Gewinn daraus ist daher eher ideeller Art, nämlich ein gutes Gefühl gegenüber sich selbst und anderen. Luisa Neubauer kritisiert das immerhin als "Individualisierung des Klimaschutzes" mit "Wohlfühlmoment". "So funktioniert die Klimakrise nicht." (Dlf 3.2.19)

Der Kampf dagegen, um das einmal zusammenzufassen, funktioniert aber auch nicht so, dass die "Fridays" mit dem idealistischen und von niemandem bestrittenen Gemeinplatz, ein "Planet B" sei nicht vorhanden, die Ursachen der Umweltschäden falsch bestimmen. Steckt darin nicht die Gefahr, den Bock zum Gärtner zu machen, wenn man das Regierungshandeln als wesentlichen Schadensverursacher benennt und es zugleich als für die Abhilfe zuständig erklärt?