Frieden, Fetisch, Feminismus

Bild: © Warner Bros.

Darauf eine Stutenmilch: Patty Jenkins "Wonder Woman" ist der ungewöhnlichste Superheldenfilm seit Jahren

Vom mythologischen Reich der Amazonen bis zum Ersten Weltkrieg spannt sich die Handlung. Aber jenseits aller filmhandwerklichen Pflichtaufgaben, ist Wonder Woman auch eine philosophische Meditation über Heldentum, über Gewalt, ein cleverer Versuch der Versöhnung antiker Mythologie und Moderne. Und es ist ein populärkulturelles Manifest und subversives Meisterwerk des Feminismus. Trotzdem arbeitet dieser Film nicht politisch überkorrekt Agenden ab, sondern bietet wie jeder gute Film Vergnügen, visuellen Überschuss und ein Stück Fetischismus.

Vorn an dem Schwarm Amazonen mit mondlicher Tartsche gebietet
Penthesilea voll Wut und umringt von Tausenden flammt sie,
Unter geöffneter Brust umschnallt mit goldenem Gürtel,
Kriegrischen Muts, und sie waget den Kampf auf Männer, die Jungfrau.

Vergil, Aeneis

War je ein Traum so bunt, als was hier wahr ist?

Kleist, Penthesilea

"The gods gave us many gifts..." - die Götter müssen verrückt sein. Im Louvre beginnt es; dort, im Hort der Zivilisation, sitzt ein Wesen am Computer, das für ein wildes freies Leben geboren war, eine Schwester von Atalanta, der Bärengesäugten, von Brunhilde, der Schrecklichen, von Jeanne d'Arc, dem unglaublichen Mädchen, doch deren schimmernde Rüstung nicht brauchend, von Lara Croft ... mit einem Antlitz, wie von Helmut Newton gemeißelt. Alles ist Muskel, alles ist Herz, sie strahlt von Innen.

Man muss sich schon wundern, dass es erst jetzt soweit ist: Fast 40 Jahre nach "Superman", 28 Jahre nach Batman und fast 20 Jahre nachdem Beginn des Superhelden-Booms mit seinem unüberschaubaren Kohorten von Spinnen- und Eisenmännern, Wolfsmännern und X-Männern, tritt endlich sie auf die Leinwand: "Wonder Woman" - zum ersten Mal triumphiert ein weiblicher Superheld im Kino.

Und es ist irgendwie alles wie immer: Schreckliche Übeltäter haben die Welt in ihren Klauen, kein Geringerer, als in diesem Fall gleich der antike Kriegsgott Ares persönlich hat den Ersten Weltkrieg entfesselt. Also braucht es, das leuchtet ein, ein Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten, einen Übermenschen, um es mit ihm aufzunehmen. In diesem Fall eine Frau, eine Halbgöttin, die direkt der antiken Mythologie entsprungen ist: Diana, Tochter des Zeus und Prinzessin der Amazonen.

Dass hier nicht alles anders (aber vieles besser) gemacht wird als in sehr vielen Superheldenfilmen, möchten wir Patty Jenkins auch geraten haben. Denn natürlich muss die erste Regisseurin, die so etwas überhaupt in die Finger bekommt, noch dazu (und natürlich weil) es sich um eine weibliche Superheldin handelt, ganz besonders darauf achten, dass dieser Film erstens alles das ganz genauso macht, was die Jungs auch machen würden; zweitens, dass er es besser macht als die Jungs, und drittens, dass er ein kommerzieller Erfolg wird.

Deswegen mögen manche Kleingeister sich jetzt wieder darauf konzentrieren, wo "Wonder Woman" kommerziell ist, inwiefern er eine Ausgeburt des Kapitalismus und all unserer niederen Instinkte darstellt, und dass solche Filme ja sowieso nur militaristisch sind, reiche Leute verherrlichen, Gewalt glorifizieren, undemokratische Verhältnisse, und eine Ausgeburt reaktionärer Phantasien sind, bla... Kulturindustrie, blabla.., falsches Bewusstsein, blablabla... Geschenkt!

Ja, klar. Das ist alles auch noch nicht mal falsch. Aber es geht am Punkt vorbei. Von den Erzkritikern der Kulturindustrie persönlich, von Adorno und Benjamin, konnte man vor allem lernen, dass es gilt - Odysseus bei den Sirenen und so - der Kulturindustrie ins Auge zu schauen, ihre vielen Vergnügungen zu verstehen, und sie nicht in Bausch und Bogen zu verdammen, sondern zu differenzieren, sich Unterscheidungsvermögen beizubringen.

Dieser Film ist dafür ein Paradebeispiel.

Weil alle, außer eingefleischten Comic-Fans die Figur der "Wonder Woman" gar nicht kennen, weil er die Heroin einer ganzen Franchise begründen muss, macht dieser Film zunächst einmal etwas, was einerseits kinderleicht ist, aber, wenn man es falsch angeht, die ganze Wirkung der Figur zerstören kann: Er erzählt uns die Genealogie dieser Erscheinung, zeigt uns, wie die Superheldin Wonder Woman zu dem wurde, was sie ist.

Dadurch ist dies in seinem ersten Drittel ein Film, der alle Erwartungen durchkreuzt. Denn wir sind zurück da, wo alles begann: Vor dem Anfang aller Zeiten, im Reich der Amazonen. Dieses sagenhafte, zum Beispiel vom Dichter Ovid beschworene weibliche Kriegervolk lebt auf einer paradiesischen Insel namens Themiscyra, die von einer Wolkenwand vor allen Göttern und vor allem der Welt geschützt ist.

Wir sehen, wie das junge Mädchen Diana in einer rein weibliche Gesellschaft aufwächst, die von multikultureller Rassengleichheit und von Friedenswillen geprägt ist, die sich mit Stutenmilch ernährt, wir sehen, dass sie trotzdem zu einer perfekten Kriegerin ausgebildet wird: Zum einen weil sie es will, denn offenbar sind nicht nur kleine Jungs, sondern auch kleine Mädchen von Waffen fasziniert.

Zum anderen, weil die klugen älteren Frauen, ihre Mutter Hippolyta (Connie Nielsen) und ihre Tante Antiope (Robin Wright), aus Erfahrung wissen, dass man mit reinem Pazifismus in der Welt auch nicht weit kommt:

You expect the battle to be fair. But the battle will never be fair.

Es schadet dabei nicht, dass sie Superkräfte hat und an Superwaffen kommt. Wir erfahren schließlich, dass es offenbar mehr als ein dunkles Geheimnis um ihre Herkunft gibt: "...but she must never know the truth, about what she is".

Frieden, Fetisch, Feminismus (20 Bilder)

Bild: © Warner Bros.

Wir haben überhaupt zu Beginn den klassischen Konflikt der Adoleszenz, die Pseudo-Weisheiten der Tradition, zudem der Konflikt zwischen der leiblichen Mutter, die ihre Tochter beschützen will, indem sie sie künstlich klein und unwissend hält, die dann zu spät merkt "Es gibt so viele Dinge, die ich Dir erzählen möchte...", und die dies mit einer strengen Ausbildung kombiniert: "Harder... five times harder.... ten times harder".

Doch was die Tochter entgegensetzt, ist weder der Gehorsam einer Überidentifikation mit der Mutter, noch der eines bockigen Abnabelns. Vielmehr geht Diana einfach ihren Weg, von den ersten Minuten des Films an bis zu seinem Ende. Sie geht ihn im Sinne der altmodischen Ehrbegriffe jener "herben vorhomerischen Welt" (Nietzsche), in deren Geist sie erzogen wurde.

Diana ist naiv und voller Unschuld des Blicks auf die Welt. Sie ist, modern betrachtet, empathisch: Nichts drückt das besser aus, als ihre Formulierungen, mit denen sie bald ihren Auszug aus dem Paradies und ihr Eingreifen in den Krieg der Menschen begründen wird: "I cannot stay away. Who would I be, if I would stay here?" Sie ist also auch im besten Sinn einfach gestrickt.

Bild: © Warner Bros.

Unter anderen Umständen würde man jetzt vielleicht formulieren: Eine Frau, mit der man Pferde stehlen kann. Aber wenn man diese Diana erst einmal zu Pferde gesehen, hat, weiß man(n), dass das jetzt auch irgendwie am Thema vorbeigeht. Man kann eher froh sein, wenn sie einen dabei mitnimmt.

Mit all dem ist dieser Superheldenfilm, der erste, den eine Frau drehen durfte und der erste unter ganz wenigen - und nach sehr langer Zeit, der eine weibliche Superheldin ins Zentrum stellt, schon in vielem deutlich anders als der Durchschnitt.

Dann erst schlägt Chronos zu, der Herr der Zeit, die mit Gewalt einbricht in den Raum der Unschuld, und es ist plötzlich nicht mehr ein paar tausend Jahre vor Christus, sondern 1917. Es kommt zunächst zu einem der phantastischsten Gefechte der Filmgeschichte: Amazonen gegen Soldaten der Deutschen Kriegsmarine im Ersten Weltkrieg, Streitäxte, (Triple-)Pfeil und Bogen, Schwerter gegen Karabiner und Maschinengewehre.

Die Girlgroup siegt, aber Diana wird bald darauf die glückselíge Insel verlassen und in den Gang der Geschichte eingreifen, ein Weltgeist zu Pferde.

Um es kurz zu machen: Einmal mehr betreibt ein comicbasierter Superheldenfilm Gegengeschichtsschreibung. Auch Wonder Woman landet an der Westfront und kämpft dort gegen den deutschen General Ludendorff, der - das ist historisch - mit Giftgas die Kriegswende einführen will und sich dafür - das ist unhistorisch - des Beistands von Dämonen, Göttern und faustischen "Mad Scientists" wie der irren und im Gesicht schlimm entstellten Chemikerin Dr. Maru (Elena Anaya) bedient. Es ist sie, die Ludendorff tötet, Ares in Schach hält und so den Ersten Weltkrieg entscheidet.

"Think big!" - so muss das Motto eines solchen Films lauten, und erst wenn man das alles auf der Leinwand sieht, begreift man wirklich, was den Superheldenfilmen allzu oft fehlt, was nur die "X-Men" bislang wirklich gut geleistet haben: die Verankerung der Handlung in der richtigen Welt.

Was sich in dieser Zusammenfassung trotzdem vermutlich etwas seltsam anhört, funktioniert glanzvoll und filmisch virtuos.

"Wonder Woman" ist zunächst einmal ein guter Superhelden-Film, einer der besten seit langem. Er verbindet Action mit Humor, Leichtsinn mit Tiefsinn. "Monster" hieß jener Film über eine weibliche Serienkillerin mit dem Charlize Theron 2004 einen Oscar gewann. Es war das Spielfilmdebüt von Patty Jenkins. Trotz dieses überraschenden großen Preises hat Jenkins in den folgenden 13 Jahren keinen Film gemacht.

Man fragt sich, warum eigentlich? Gut sie hat Fernsehen gemacht. Aber jetzt erst kommt sie zurück - mit einem Projekt, an dem Männer scheiterten und das Hollywood eigentlich schon aufgegeben hatte. Und das natürlich wie ein B-Movie designed ist: Eine Frau auf dem Regiestuhl, eine Hollywood-Unbekannte, in der Hauptrolle, und mit Robin Wright, Connie Nielsen und Danny Huston, keine Top-Stars, Chris Pine vielleicht ausgenommen.

Trotzdem entfaltet dieser Film eine enorme Wucht: Vor zwei Wochen ist der Film in den USA gestartet, schon jetzt ist es der Überraschungshit der Saison. Ein Film, wie ihn, so schrieb jetzt die "Süddeutsche", das erschöpfte Superhelden-Genre dringend gebraucht hat.

Anzeige