Friedensgebet in Kiew mit zehntausendenTeilnehmern

Nach unterschiedlichen Angaben beteiligten sich 10.000 bis 80.000 Menschen am Friedensgebet in Kiew. Wegen einer Bombenwarnung mussten die Gläubigen das letzte Stück der Prozession mit dem Bus fahren

Mehrere zehntausend orthodoxe Gläubige der Ukrainischen orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchat (UPZ MP), hatten sich gestern in Kiew zum Friedensgebet auf dem in der Kiewer Innenstadt gelegenen Wladimir-Hügel versammelt (Fotos). Die Nationale Polizei sprach von 10.000, die UPZ MP von 80.000 Gläubigen, die an der Veranstaltung im Zentrum von Kiew teilnahmen.

Prozession oder Demonstration in Kiew. Bild: news.church.ua

Die Gläubigen feierten die Taufe des Kiewer Rus im Jahre 988 nach Christi Geburt. Gleichzeitig war die Veranstaltung ein Aufruf für den Frieden in der Ukraine und einem Ende des Krieges in der Ost-Ukraine. Wer zum Wladmir-Hügel wollte, musste durch eine Schleuse mit Metall-Detektoren. Der Zutritt zum Hügel war nur ukrainischen Staatsbürgern gestattet. Die Internat-Portal korrespondent.net meldete drei Verhaftungen von Personen, die angeblich nicht durch die Sicherheitsschleuse gehen wollten.

Das Oberhaupt der UPZ MP Onufrij legte an einem Denkmal für einen der auf dem Maidan im Februar 2014 Umgekommenen Blumen nieder. Für die Prozession wurde auch im ukrainischen Fernsehkanal Inter geworben. Der Kanal ist traditionell den russischsprachigen Menschen in der Ukraine verbunden.

Vom Wladimir-Hügel zogen die Gläubigen zum berühmten Lavra-Kloster, welches ungefähr dreißig Fußminuten entfernt liegt. Die Andacht in dem berühmten Höhlenkloster, das dem Moskauer Patriarchat gehört, war die letzte Veranstaltung der Friedensprozessionen (Ukraine: Jetzt läuft die "Russische Welt"), die sich seit Anfang Juli von zwei Klöstern im Osten und Westen der Ukraine auf Kiew zubewegten und auf ihrer Route von Medien und Politikern als 5. Kolonne Moskaus verdächtigt wurden.

Dass die Veranstaltung im Zentrum von Kiew überhaupt stattfinden würde, war bis zum Schluss offen, denn nationalistische Politiker und Medien hatten die Prozession in den letzten Wochen als "5. Kolonne Moskaus" diskreditiert. Der Prozession werde veranstaltet, um die Ukraine "zu destabilisieren", erklärten Politiker wie Parlamentspräsident Andrej Parubi und Geheimdienst-Chef Wasili Grizak.

Polizisten mussten Gläubige vor Rechtem Sektor schützen

Bis zuletzt mussten Polizisten die Friedensprozession schützen, denn es kam immer wieder zu Störversuchen ukrainischer Nationalisten. Diese waren vom Innenminister Arsen Awakow aufgerufen worden, sich zurückzuhalten. In Kiew versuchten Störer mit einer "Putin-Ikone", auf welcher der russische Präsident als Hitler dargestellt wurde, an der Prozession teilzunehmen. Doch Gläubige zerstörten diese "Ikone". Eine Demonstrantin, die ein Bild des Moskauer Patriarchen mit der Aufschrift "Kirill in die Hölle" trug, wurde von der Polizei weggeführt.

In Odessa wurde am Dienstag Busfahrern, welche die Gläubigen nach Kiew bringen wollten, von uniformierten Freiwilligen gedroht, man werde die Windschutzscheiben der Busse zertrümmern, die Reifen zerstechen und anstecken. Der sogenannte "Auto-Maidan" hatte über seine Website aufgerufen, die Busse nach Kiew zu blockieren. Vertreter des Geheimdienstes blieben trotz dieser Drohungen untätig, meldete die UPZ MP auf ihrer Website. Trotz der Drohungen sei ein Großteil der Busse aus Odessa nach Kiew gefahren.

Fußmarsch durch Kiew verboten

Den Gläubigen war vom ukrainischen Innenministerium verboten worden, zu Fuß durch Kiew zu marschieren. Die Begründung war, dass angeblich auf einer der Prozessionsrouten Handgranaten gefunden worden waren. Die Methode ist erprobt. Mit der gleichen Begründung (Handgranaten-Fund) war eine Trauerveranstaltung zum Andenken an die Toten der Brandangriffe auf das Gewerkschaftshaus 2014 am 2. Mai dieses Jahres verboten worden.

Polizisten hatten auf Straßen in Kiew riesige Sperrgitter aufgestellt. Offenbar wollte man so zeigen, dass die Friedensprozession auf keinen Fall durch die Innenstadt ziehen darf.

Im Raum Schitomir hatte der Rechte Sektor mehrmals versucht, die Friedensprozession zu stoppen. In den ukrainischen Medien kamen Vorwürfe, dass Teilnehmer Anstecker mit dem Bild des letzten russischen Zaren Nikolaus II. und das russische St. Georgs-Bändchen tragen. Genüsslich berichteten ukrainische Medien gestern auch über einen Priester, unter dessen Gewand angeblich die Ärmel einer Militärjacke zu sehen waren. Vertreter des Moskauer Patriarchats sprachen von einer Fälschung.

Die Rada will die Rechte des Moskauer Patriarchats beschneiden

Die Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats ist den ukrainischen Nationalisten schon lange ein Dorn im Auge. Sie sehen die UPZ MP als Störelement beim Aufbau eines Staates, der frei von russischem Einfluss ist.

Versuche, das Moskauer Patriarchat aus der Ukraine zu verdrängen, begannen bereits 1992. Damals spaltete Filaret, der Metropolit von Kiew, einen Teil der Gläubigen-Schar vom Moskauer Patriarchat ab und gründete die Ukrainische orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats (UPZ KP). Außerdem entstand einen Ukrainische orthodoxe Aftokefale Kirche. Seitdem kommt es vor allem in der West-Ukraine immer wieder zu gewaltsamen Übernahmen von Kirchen des Moskauer Patriarchats durch die UPZ KP.

Im April dieses Jahres wurde in der Werchowna Rada ein Gesetzesprojekt registriert, mit dem die Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats unter die Kontrolle des ukrainischen Staates gestellt werden soll. Der Staat solle das Recht bekommen das Oberhaupt der UPZ MP zu ernennen. Unter den Autoren des Gesetzprojektes ist auch die bekannte Politikerin Julia Timoschenko. Die Moskauer Nesawisimaja Gazeta vermutet, dass die Friedensprozession eine Antwort der UPZ MP auf die drohende staatliche Gängelung ist. (Ulrich Heyden)