Frieren im Treibhaus

Die Energie- und Klimawochenschau: Von unangenehmen Wechselwirkungen, mediterraner Wasserknappheit und kalifornischen Lichtblicken

Wenn vom Klimawandel die Rede ist, dann verengt sich der öffentliche Diskurs meist auf die globale Mitteltemperatur, den über das ganze Jahr und den ganzen Planeten gemittelten Wert. Dabei geht so manches wichtige Detail unter.

Zum Beispiel, dass diese Erwärmung keineswegs gleichmäßig verteilt sein und vor allem in den hohen nördlichen Breiten überproportional ausfallen wird. Oder, dass sie in einigen Regionen Afrikas oder der arabischen Halbinsel ohnehin schon extreme Lufttemperaturen weiter erhöhen könnten, so dass sie dort durchaus lebensbedrohliche Werte annehmen könnten.

Oder eben jenes kleine Detail, auf das zu Beginn der Woche das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) aufmerksam machte: In einer global wärmeren Welt könnte Europa eventuell mehr kalte Winter von der Art des letzten erleben. Der Grund: Da in der Arktis das Eis dünner wird und sich im Sommer immer weiter zurückzieht, könnte das Meer über Teilen der Arktis schon bald im Herbst lange eisfrei bleiben oder vielleicht sogar den ganzen Winter über.

Arktische Eisfläche im Oktober 1979-2010. Grafik: NSIDC

Vladimir Petoukho vom PIK hat gemeinsam mit seinen Kollegen gefragt, wie wohl in Europa das winterliche Wetter aussehen würde, wenn die Barentssee und die Karasee nördlich des europäischen Teils Russlands (siehe Karte) teilweise oder gänzlich eisfrei bliebe. Verschiedene Szenarien wurden durch gerechnet, wobei unter anderem heraus kam, dass die Verhältnisse nichtlinear sind. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit kalter Winter nimmt nicht einfach graduell mit dem Rückgang der Eisfläche in der fraglichen Region zu. Vielmehr gibt es einen Schwellenwert jenseits dessen es deutlich wahrscheinlicher wird, dass kalte Winde nach Europa umgelenkt werden. Im Mittel könnte im Winter die Temperatur um 1,5 Grad Celsius abgesenkt werden.

Im Grunde genommen sind die Ergebnisse der Wissenschaftler nicht besonders überraschend. In der Arktis ist die Luft im Winter unter anderem deshalb so eisig, weil das Meereis das vergleichsweise warme Wasser ziemlich effektiv isoliert. Kalte Luft aber hat eine höhere Dichtigkeit, weshalb sich über der Arktis kaum Tiefdruckgebiete bilden. Die entstehen nämlich dadurch, dass in ihren Zentren Luft aufsteigt.

Wenn das Eis fehlt, wird die Luft über der untersuchten Meeresregion deutlich wärmer sein, als über den benachbarten Eis- und Landflächen. Das Ergebnis: Das Entstehen von Tiefdruckgebieten wird deutlich wahrscheinlicher. Und da in diesen die Winde gegen den Uhrzeigersinn wehen, würde auf der westlichen Seite der Tiefs kalte arktische Luft nach Süden, das heißt, nach Europa, geführt. Mit anderen Worten: Globale Erwärmung und kältere Winter sind in Europa nicht unbedingt ein Widerspruch, sondern eher zwei Seiten der gleichen Medaille.

Eine von Europas künftigen Wetterküchen? Die Barents- und die Karasee nördlich von Ostskandinavien und Russland. Karte: PIK, Norman Einstein

Wassermangel

Zu den Regionen, die am meisten unter dem Klimawandel zu leiden haben werden, gehören zweifelsohne die Länder rund ums Mittelmeer. Alle Klimamodelle, die sonst mitunter in den Aussagen über regionale Gefahren differieren, lassen für die Mittelmeeranrainer künftig erhebliche Probleme mit der Wasserversorgung erwarten. Je mehr Treibhausgase sich in der Atmosphäre anreichern, je wärmer es also künftig im globalen Mittel wird, desto heißer wird es rund ums Mittelmeer und desto weniger wird es dort regnen. Die Temperaturen werden auf jeden Fall überdurchschnittlich steigen, schon in den nächsten Jahrzehnten könnte der Mittelwert um zwei Grad höher als heute liegen.

In einigen arabischen Ländern ist die Trinkwasserversorgung schon jetzt alles andere als entspannt, und in den Konflikten Israels mit seinen Nachbarn und der palästinensischen Bevölkerung ist der Zugang zum Jordan-Wasser für Landwirtschaft und Trinkwasser ein zentrales Thema. Und schon ohne Klimawandel wird der Druck auf die knappen Ressourcen durch das Bevölkerungswachstum weiter zunehmen. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert ein Papier des UN Development Programmes wonach die Bevölkerung der arabischen Länder bis 2050 von derzeit 360 Millionen auf 500 Millionen zunehmen.

Schon jetzt ist die Lage alles andere als rosig. Während im globalen Durchschnitt auf jeden Menschen 6.000 Kubikmeter Frischwasser kommen, werden es 2015 in der arabischen Welt nur noch 500 Kubikmeter sein. Das geht aus einem Bericht des Arabischen Forums für Umwelt und Entwicklung hervor, über den die Nachrichtenagentur schreibt. 1960 habe es in der Region noch viermal so viel Wasser gegeben.

Aufgrund des Wassermangels sind schon jetzt die meisten arabischen Länder nicht mehr in der Lage, ihre Bevölkerungen mit eigener Produktion zu ernähren. Der Import von "virtuellem Wasser" in Form von Lebensmitteln liege bereits bei 5.000 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. Vor Ort wird hingegen die Produktion immer schwerer. Im östlichen Syrien hat zum Beispiel eine seit 2007 anhaltende schwer Dürre bereits Hunderttausende Menschen gezwungen, die Landwirtschaft aufzugeben und sich anderswo einen neuen Lebensunterhalt zu suchen. Auch in Jemen müssen viele Bauern aufgeben und in die Städte ziehen. Die Bevölkerung der Hauptstadt Sanaa wächst jährlich um acht Prozent. Die Erschöpfung der dortigen Wasserressourcen ist nur noch eine Frage weniger Jahre.

Steigende Fluten

Zusätzlich verschärft werden die Probleme künftig durch den steigenden Meeresspiegel. Viele Klimawissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass er bis zum Ende dieses Jahrhunderts um einen Meter steigen wird. Das ist insbesondere für das Nildelta in Ägypten fatal. Dort könnten zehn bis zwölf Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen Ägyptens verloren gehen, heißt es in einem weiteren Reuters-Bericht. Auch Teile der Vier-Millionen-Stadt Alexandria werden von den steigenden Fluten bedroht. Ein Viertel der ägyptischen Bevölkerung lebt in einem 100 Kilometer breiten Küstenstreifen, der nicht allzu weit über dem Meeresspiegel liegt.

Schon jetzt sind die Anzeichen des Klimawandels unübersehbar. "Der Klimawandel schreitet mit einer Geschwindigkeit voran, die wir nicht erwartet hatten", zitiert die Agentur Suzan Kholeif vom National Institut für Ozeanographie und Fischerei. Arten verschwinden aus den Küstengewässern, weil diese saurer werden, Strände werden abgetragen und die Winterstürme drücken das Mittelmeer weiter als bisher in Alexandrias Straßen. Und dennoch hat Ägypten bisher keinen kohärenten Plan, wie mit den Gefahren umgegangen werden soll. Die Regierung würde die Probleme zwar nicht mehr leugnen, meint aber, dass mehr Forschung nötig sei, die gefahren zu identifizieren.

Lehren für China

Schon etwas länger her, aber dennoch nachtragenswert ist, dass es in Mitten des katastrophalen Ausgangs der US-Halbzeitwahlen, die eine krude Mischung aus Ultraliberalen, Kreationisten und anderen Wissenschaftsfeinden ins Parlament hievte (Neue Gesichter und alte Dynastien), auch ein wenig Hoffnung gab. In Kalifornien scheiterte ein Vorschlag, der die für US-Verhältnisse ziemlich fortschrittliche Klimaschutz-Gesetzgebung des US-Bundesstaates außer Kraft setzen sollte. Eine deutliche Mehrheit (61 zu 38 Prozent) der Wähler entschied sich in einer der zahlreichen Volksabstimmungen dagegen.

Die Global Times, die englischsprachige Zeitung der chinesischen KP, lässt interessanter Weise eine Stimme aus den USA zu Wort kommen, die aus dem Abstimmungsergebnis Lehren für China zieht. Douglas Muller aus San Francisco berichtet zunächst, dass die Kampagne für die Aussetzung der Klimagesetze erwartungsgemäß unter anderem von Ölfirmen finanziert wurde. Allerdings sei weniger Geld geflossen, als bei vergleichbaren Initiativen noch vor einigen Jahren. Auch bei den Verteidigern sei großes Geld im Spiel gewesen, unter anderem hatte sich Microsoft-Milliardär Bill Gates spendabel gezeigt.

Douglas vergleicht die Auseinandersetzung mit der Lage in China, das vom Klimawandel arg in Mitleidenschaft genommen würde. Steigende Temperaturen und damit verbundene Zunahme an Zahl und Intensität der Unwetter könnten zum Beispiel die Ernährung der Bevölkerung gefährden. Die Regierung habe daher bereits wichtige Schritte zur Bekämpfung des Klimawandels eingeleitet, stieße aber auf eine ähnliche Opposition, wie die Klimaschützer in den USA.

Auch in China, argumentiert Douglas - wohlgemerkt in einem von der Parteiführung herausgegebenen Blatt -, gebe es Gegenkräfte, wie etwa große staatliche Unternehmen, die vom Verbrauch fossiler Energieträger profitieren. Hinzu kämen paranoide Unternehmer, nationalistische Ideologen und fehlgeleitet Akademiker die fälschlicher Weise meinen, der Klimawandel sei lediglich ein neuer Trick des Westens um China klein zu halten.

Letzteres würde jedoch die Auseinandersetzung um den Klimawandel im Westen und den massiven wissenschaftlichen Konsens im Bezug auf die zentralen Fakten übersehen. Insbesondere ignoriere eine solche Position, dass die zumeist rechten Gruppen, die den Klimawandel leugnen die gleichen seien, die besonders massiv Theorien von der Überlegenheit und Vormachtstellung der USA vertreten.

Die chinesische Öffentlichkeit solle sich lieber ein Beispiel an den kalifornischen Wählern nehmen meint Douglas, denn vom Klimawandel seien letztlich alle betroffen. Kurzfristige Kosten würden bei weitem vom langfristigen Nutzen einer sichereren Welt und neuer ökonomischer Möglichkeiten wett gemacht. China könnte der stärkste Vorkämpfer einer "grüneren" Welt werden, wenn ihm nicht die Interessen großer Konzerne oder nationalistische Ängste in die Quere kommen. (Wolfgang Pomrehn)