Frischer Wind im Fernsehen

Der englischsprachige Nachrichtensender Al Jazeera setzt neue Maßstäbe in der Berichterstattung aus dem Nahen Osten

Vor zwei Wochen ging Al Jazeera Englisch auf Sendung. Mit Osama TV, wie der arabische Nachrichtenkanal in den USA vielfach genannt wird, will das neue, englische Programm nichts zu tun haben. Al Jazeera Englisch versteht sich als neue Stimme des Südens, als eine Brücke zwischen den Kulturen und will die andere Seite der Geschichten zeigen. Journalistische Slogans, mit denen auch die Konkurrenz von BBC, Sky News und CNN in mehr oder weniger abgewandelter Form hausieren gehen.

Lange hat er auf sich warten lassen. Der Start des neuen, englischsprachigen Nachrichtensenders war bereits für Herbst 2005 angekündigt gewesen. Mit einem Jahr Verspätung kam er am 15. November aber noch rechtzeitig zum 10-jährigen Geburtstag am 1. November. 150 Millionen Dollar hatte der Herrscher des Emirats Katar, Scheich Hamad bin Kalifa Al-Thani, in den neuen TV-Kanal investiert. In den Anfangsjahren blieb es relativ ruhig um den ersten großen arabischen Nachrichtensender (Sex, Religion und Politik). Erst durch US-Invasionen in Afghanistan (Al-Dschasira: Propaganda-Maschine oder Pionier arabischer Medienfreiheit?) und im Irak wurde der arabische Nachrichtenkanal zu einem der wichtigsten internationalen Medien.

Shereen El Feki, ehemals beim Economist tätig, leitet die Sendung People & Power – “about power in the 21st century - who has it, who wants it and how it is being used - and abused”.

Er zeigte die Wirklichkeit hinter den freigegebenen Videobildern der US-Armee, auf denen meist Raketen zu sehen waren, wie sie präzise ins Ziel einschlugen. Auf Al Jazeera konnte man die Opfer der US-Bomben sehen, die nicht ins offizielle Bild eines kosmetisch sauber geführten Krieges passten. Die Reporter von Al Jazeera hatten Zugang zu den Taliban in Afghanistan und auf die Straßen Bagdads, wo ihre westlichen Kollegen ausgeschlossen waren. Al Jazeera brach das Informationsmonopol von BBC und CNN. Oft genug mussten die beiden westlichen Nachrichtensender beim arabischen Counterpart aktuelles Bildmaterial einkaufen, zum dem sie keinen Zugang hatten. Kontrovers wurde es, als Al Jazeera Statements von Osama Bin Laden, von toten US-Soldaten sendete und die Aufständischen im Irak als „Märtyrer“ oder „Befreiungskämpfer“ titulierte.

In Afghanistan und im Irak bombardierte daraufhin die US-Armee die Büros von Al Jazeera. Die US-Armee erklärte aus Versehen, aber Al Jazeera geht von gezielten Angriffen aus (Bombenzensur oder "Kollateralschaden"?). Die irakische Regierung schloss die Büros des Senders aus Katar und verweigert bis heute eine Drehgenehmigung für seine Korrespondenten. Einschränkungen der Pressefreiheit im Irak, die bis heute kein Einzelfall. Für Al Jazeera war das Arbeitsverbot im Irak nichts Neues. Bereits unter Saddam Hussein war dem Sender die Arbeitgenehmigung mehrfach entzogen und wiedergegeben worden.

Basierend auf dem Erfolg und der Popularität des Nachrichtenprogramms will man im kleinen Golfstaat Katar ein Medienimperium errichten. Neben den arabischen und englischen Nachrichtensender sind bisher Al Jazeera Sports und Al Jazeera Children auf Sendung. Hinzukommen sollen sehr bald Al Jazeera Documentary, Al Jazeera Music und Al Jazeera Urdu für Südasien. Außerdem ist eine panarabische Tageszeitung geplant Katars Hauptstadt Doha soll zu einer arabischen Medienzentrale werden.

Ausgewogenheit und Ausführlichkeit

Al Jazeera Englisch hat mit der kontroversen, teilweise kämpferischen Attitüde des arabischen Nachrichtenkanals nichts zu tun. Man versucht sich in Ausgewogenheit, wie man sie von den westlichen Konkurrenten BBC, CNN oder auch SkyNews nicht gewohnt ist und offensichtlich als eine Marktlücke erkannt wurde. Bei Berichten über den Nahost-Konflikt zwischen Israel und den Palästinenser kommen auf Al Jazeera Englisch plötzlich beide Seiten in gleichem Umfang zu Wort.

Normalerweise sind die täglichen Toten und Verwundeten in Gaza oder der Westbank in westlichen Medien nur wenige Sekunden wert. Die im Vergleich dazu geringe Zahl von „israelischer Terroropfern“ ist dagegen stets eine ausführliche Berichterstattung wert. Auf Al Jazeera Englisch sind nun beide Seiten gleichberechtigt vertreten. Die Palästinenser werden plötzlich zu lebendigen Menschen, zu einer realen Bevölkerung. Auch Vertreter der Hamas oder des Islamischen Dschihad werden ausführlich interviewt, was bei BBC oder CNN in der Regel eher vermieden wird, um sich nicht der Unterstützung von Terroristen verdächtig zu machen. Den Führer der Hamas, Kahled Meshaal, der im Exil in Syrien residiert, wurde vor einem Jahr auf BBC „Hardtalk“ als exotischer Radikaler präsentiert, mit dem man sensationell im Untergrund ein „Exklusiv-Interview“ machen konnte. Auf Al Jazeera Englisch wurde er als normaler Politiker interviewt, der, ob man nun will oder nicht, einen entscheidenden Einfluss auf die Geschehnisse in Palästina hat.

Jasim Al-Azzawi, Leiter von Inside Iraq

Berichte sind bei Al Jazeera in der Regel länger und ausführlicher als gewohnt. Man nimmt sich offensichtlich Zeit, die es bei BBC oder CNN nur in wenigen Ausnahmefällen gibt. Zu wichtigen Themen gibt es in Konferenzschaltungen mit bis zu drei Interviewpartnern, die jeweils einen unterschiedlichen Standpunkt vertreten. Jeder Interviewte bekommt Zeit, vier oder fünf, meist sehr provokative Fragen zu beantworten. Besonders unbequeme Fragen gibt es in der wöchentlichen Sendung „Inside Iraq“. Dort werden US-Offizielle, iranische Diplomaten und irakische Politiker gleichermaßen mit kritischen Fakten und Ereignissen konfrontiert, die in dieser herausfordernden Form in anderen Medien kaum oder gar nicht thematisiert werden. „Inside Iraq“ ist ein gutes Beispiel, wie einfach es ist, anderen, interessanten Journalismus zu betreiben, der neue, sonst oft unterschlagene Perspektiven offenbart. „Die Welt braucht einen neuen Weg“, sagte Nigel Parsons, Geschäftsführer von Al Jazeera, „die Ereignisse in der Welt zu verstehen“.

Neben dem Mittleren Osten sind Afrika und Südamerika die geographischen Schwerpunkte von Al Jazeera. Gemäß dem Motto: „Den Süden dem Norden näher bringen.“ Man erfährt etwas über Gastarbeiter in Südafrika, bekommt Hintergrundberichte zu den Präsidentschaftswahlen in Ecuador und über die Aufstände in Mexiko City. Gerade die Berichte aus Afrika und Südamerika wirken noch etwas bemüht, ihnen fehlt noch die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit der Beiträge aus dem Mittleren Osten. Man merkt, wie eingefahren die üblichen journalistischen Richtlinien sind. Al Jazeera erfindet das Fernsehen nicht neu, ist auch lange nicht radikal genug, um den vorgesteckten Rahmen von internationaler Berichterstattung zu brechen. Gemessen an CNN und BBC ist es aber zumindest ein neuer, frischer Wind.

Personal von der Konkurrenz

Der Emir von Katar hat seine Millionen sicher nicht in einen alternativen Nachrichtensender investiert, der die Welt verbessern soll. Man will mit dem neuen Produkt natürlich auch Geld verdienen. Die Zielgruppe des Senders ist immens. Drei Viertel der 1,2 Milliarden Muslime weltweit sprechen kein Arabisch. Hinzu kommt die gesamte englischsprachige Welt und all jene in Europa, Südamerika und Afrika, die an „anderen Nachrichten“ interessiert sind.

Um kommerziell erfolgreich zu sein, wurde reichlich Personal von der Konkurrenz eingekauft. Nigel Parsons war früher Manager bei Associated Press und arbeitet davor bei BBC. Programmchef Steve Clark kommt von Sky News, Nachrichtensprecher Darren Jordon und Reporter Rageh Omaar von BBC, wie auch Andrew Simmons, der früher als Chef das BBC-Westafrikabüro leitete. Und nicht zu vergessen David Frost. Er hat eine eigene Sendung „Frost over the World“ bekommen, in der er mit Gästen über weltpolitische Themen diskutiert, aber auch Künstler zu sich einlädt. Zuletzt sprach er mit Thriller-Autor Frederick Forsyth über die mögliche Verwicklung des russischen Geheimdienstes in die letzen Vergiftungsfälle in Großbritannien und Russland.

Al Jazeera konnte Sir David Frost für die Sendereihe Frost over the World gewinnen

Für David Frost ist „Al Jazeera die neue Herausforderung“. Das sagt er jedenfalls in einem der Werbespots für seine Sendung. Bevor er allerdings seinen Vertrag mit dem Sender aus Katar unterschrieb, ließ er sich von offiziellen Stellen in den USA und Großbritannien versichern, dass Al Jazeera keine Verbindungen zu al-Qaida hat. Frost musste sogar feststellen, dass das Emirat Katar ein Verbündeter im Kampf gegen den Terror war.

Al Jazeera sendet aus Doha, Kuala Lumpur, London und Washington. Über den Rest der Welt sind weitere 18 Büros mit 30 Korrespondenten verteilt. Nimmt man die Standorte des arabischen Nachrichtensenders noch hinzu, ergibt sich ein Informationsnetz, das sich über 60 Länder erstreckt. In Europa ist Al Jazeera über Hotbird und Astra Satelliten zu empfangen. In den USA hat sich bisher keine größere Kabelfirma gefunden, die den Sender einspeist. In Kanada hat sich nicht einmal eine kleine Firma bereit erklärt, den neuen Al Jazeera ins Kabel einzuspeisen. Die kanadische Kontrollkommission CRTC verlangte 2004 für die Zulassung des arabischsprachigen Programms, dass der Sendeinhalt vor einer Ausstrahlung kontrolliert werden müsse. Keine Firma war bereit, jemanden 24 Stunden lang abzustellen, nur um diesen einen Sender zu überprüfen. Aufgrund dieses Sachverhalts hat sich nun auch kein Kabelanbieter gefunden, der das neue englischsprachige Programm aufgenommen hat.

Gleichzeitig zum Start von Al Jazeera Englisch wurde die bereits bestehenden Webseite des Senders an die neue TV-Grafik angepasst, die wie üblich für ein neues Marketingprodukt entsprechend peppig und „innovativ“ ist. Alles soll eine Einheit bilden für ein neues „Al Jazeera Netz, das Welten öffnet“. (Alfred Hackensberger)

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