Frühkindliche Entwicklung unter Staatsaufsicht?

England: Profiling der Jüngsten

Wie stark darf der Staat sich in die Kindererziehung einmischen? Darf er einschreiten, wenn bei einem Kind Entwicklungsdefizite beobachtet werden? Wie? Ist es nützlich für die Bürger, wenn der Staat einen verbindlichen Katalog von altersgemäßen Entwicklungsstufen verfasst, Abweichungen frühzeitig notieren läßt und umgehend Helfer ins Haus schickt? Was geschieht mit Kindern und ihren Eltern, wenn die Kleinen bereits vor Schuleintritt genau nach bestimmten Kriterien evaluiert werden? Ist das Fürsorge oder Überwachung? Was, Ihr Baby kann mit elf Monaten noch nicht richtig kommunizieren!? What a mess!

Die "Shocking News" für Eltern kommen wieder einmal aus England, das sich dank Labour als Laboratorium für die Nachwuchsüberwachung im größeren Stil profiliert (vgl. Die Kinderreim-Polizei und Ärger verhindern - schon vor der Geburt): Es geht um ein vom Staat in Auftrag gegebenes und mit Gesetzeskraft unterlegtes Handbuch, um ein Curriculum, das Entwicklungsziele für Kinder von Geburt bis zur Einschulung festlegt: "Jede Kindertagesstätte, jeder Kindergarten, jede Tagesmutter und jede Anfängerklasse in Großbritannien wird gemäß dem nationalen Curriculum die Fortschritte der Kinder überwachen müssen", meldeten englische Zeitungen in der vergangenen Woche.

69 Frühlernziele, die jedes Kind bis zum Abschluss der ersten Klasse erreicht haben soll, würden in dem 114 Seiten starken Curriculum festgehalten werden, berichtete die Times. Der Guardian wies gar auf 500 Wegmarken hin, welche den Erziehern als Vorgaben an die Hand gegeben würden. In Kraft treten soll das "Early Years Foundation Curriculum" im September 2008. Ab diesem Zeitpunkt müssen alle registrierten Erzieher oder Aufsichtspersonen (Tagesmütter), die mit Kindern zu tun haben, das Handbuch benutzen, "um eine hochqualifizierte Erziehung sicherzustellen".

Klickt man sich durch das leicht verwirrende Informationsangebot im Netz zum "Early Years Foundation Curriculum", wird der "Schock" zunächst gedämpft. So heißt es etwa bei den Standardvorgaben für Kleinkinder zwischen Geburt und 11 Monaten, dass sie "in unterschiedlicher Weise kommunizieren, einschließlich weinen, glucksen, murmeln, kreischen und quietschen". Ähnlich harmlos und pauschal sind andere Vorgaben, etwa dass Babys mit ihren Zehen spielen sollen oder Spuren verfolgen können, die sie mit ihrem Finger machen, wenn sie sie ins Essen tauchen und die Fingerreise auf den Tischmöbeln fortsetzen. (Wer nach spezifischeren Entwicklungsstandards sucht, findet diese im Handbuch von 2003 (PDF), das sich nur durch eine einzige Veränderung vom neuen, ab 2008 gültigen Handbuch für die Erzieher unterscheidet.)

Brisanter wird die Sache jedoch mit fortschreitendem Alter: "Ein Fünfjähriger", heißt es im Guardian-Bericht, "wird nach 13 Skalen eingeschätzt, die auf den Lernzielen und deren "Scores" basieren". Das daraus gefertigte Profil der frühen Jahre ("Early years profile") muss - und das ist der heikle Punkt - an das Ministerium für Erziehung und Fähigkeiten (Department for Education and Skills) weitergegeben werden.

Darüberhinaus ist vorgesehen, dass Ofsted Kontrollinspektionen zur Erfüllung der Curriculums-Richtlinen durchführt.

Manchen Eltern geht das freilich zu weit:

Das ist beängstigend. Werden sie auch bald damit anfangen, uns zu sagen, wann die Kinder ihre erste feste Nahrung zu sich nehmen sollen oder ihre ersten Schritte machen sollen? Alle Eltern und Betreuer wissen, dass jedes Kind individuell ist, und dass sie unterschiedlich lange brauchen, um beispielsweise zu gehen oder zu sprechen.

Was also ein aufmerksames Auge auf die Entwicklung jedes individuellen Kindes betrifft: ja. Was aber die Notizen zu den Kinder anhand der standardisierten Maßstäbe angeht: niemals. Zumindest nicht, wenn wir nicht wollen, dass sie schon ,bevor sie zur Schule gehen, Stress und Versagensängste entwickeln.

Kommentar einer Londoner Mutter

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Die Regierung wehrt sich gegen Vorwürfe, die Vorgaben seien zu detailliert, zu formal und normativ; die Verantwortlichen verweisen darauf, dass die Ziele in Zusammenarbeit mit erprobten Pädagogen erstellt worden seien und nur Orientierungen liefern sollten, die Kinder würden in ihren Erfahrungen frei bleiben, so die für Kinder zuständige Ministerin Beverley Hughes: "It will be based on play, it will be rich."

Wahrscheinlich ist es schon, dass es Kinder, so sie in ihr Spiel vertieft sind, ziemlich unbeeindruckt läßt, ob ihre Kindergärtnerin Notizen über das soziale Verhalten, die Geschicklichkeit bei Bewegungsabläufen und kommunikative Fähigkeiten macht und dass diese Berichte an "höhere Stellen" geschickt werden. Aber, was die Eltern aus dieser forcierten Aufmerksamkeit machen, ist hier vielleicht der wichtigere Punkt. Eltern reagieren sehr empfindlich auf Leistungsvergleiche zwischen ihren Sprößlingen.

Wer einmal nur auf einem Spielplatz oder in einer Spielgruppe beobachtet hat, wie Mütter oder Väter auf Bemerkungen reagieren, die den Entwicklungsstand der Kleinen betreffen ("Doch schon acht Monate? Aber sitzen kann es noch nicht? Waren Sie schon beim Arzt?"), der weiß, welche Angst- und Panik-Höllen da manchmal geöffnet werden. Der Konkurrenz-Stress wird unmittelbar an die Kinder weitergegeben. Zumal die Leistungsanforderungen tatsächlich steigen. Dass Kinder mittlerweile schon vor der Schule Grundkenntnisse im Lesen haben sollten, was übrigens als Ziel auch im englischen Curriculum auftaucht, ist fast schon eine Selbstverständlichkeit in westlichen Ländern.

Doch zielt das englische Experiment ja auf Schichten, die sich anders als Bessergestellte gute Kinderbetreuung nicht leisten können. Der staatliche Katalog soll nun dafür sorgen, dass die gute Erziehung zum allgemeinen Standard wird. Ob dies mit solchen Optimierungsstrategien, die an betriebswirtschaftliche Methoden nach der Art von McKinsey erinnern, funktioniert, ist die große Frage.

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