Frühmenschlicher Sex-Reigen

Rekonstruktion des Aussehens eines Neandertalers im Neanderthal Museum in Mettmann, Foto: A. Naica-Loebell

Neandertaler trieben Inzucht und hatten Sex mit allen anderen Menschengruppen

Immer tiefer in die Vergangenheit stoßen die Genetiker vor. Jetzt ist ihnen die Entzifferung des Genoms einer Neandertaler-Frau gelungen, die vor 50.000 Jahren in Sibirien lebte. Ein kleiner Zehenknochen reichte aus, um das Erbgut aus ihm zu extrahieren. Die Analyse zeigt, dass die Frau Eltern hatte, die eng miteinander verwandt waren. Und dass sich die Neandertaler mit allen anderen zu dieser Zeit lebenden Menschen-Gruppen vermischten.

Es ist faszinierend, wozu die Paläogenetiker inzwischen fähig sind. Sie zeichnen zunehmend den menschlichen Stammbaum um. Erst kürzlich gelang ihnen die Analyse des mitochondrialen, nur über die Mutter weitergegeben Erbguts eines vor 400.000 Jahren verstorbenen Homininen (Urahnen-Gene).

Immer wieder sind es die Spezialisten des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die diese Pionierarbeit leisten. Jede Entdeckung sorgt für echte Überraschungen und führt zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Vielfalt und Verwandtschaftsverhältnisse der Gattung Homo.

Die Fachwelt ist nun nicht mehr ausschließlich darauf angewiesen, sich in Höhlen durch viel Schichten Schafskot, Erde und Müll einstiger Bewohner aus der Steinzeit zu wühlen, um dann aufgrund einiger Skelettteile, Zähne oder kleiner Knochenfragmente Rückschlüsse auf unser Herkunft und Geschichte in der Vorzeit zu ziehen.

Die Entzifferung des Neandertaler-Genoms war ein echter Meilenstein und die Daten stehen inzwischen allen Experten online veröffentlicht zur Verfügung (vgl. Neandertal Genome project).

2010 gelang den Leipzigern zudem die Entdeckung, dass in Sibirien, in der Denisova-Höhle im zentralasiatischen Altai-Gebirge, vor mehr als 30.000 Jahren ganz besondere Menschen gelebt hatten, deren Erbgut sich deutlich sowohl vom anatomisch modernen Menschen wie vom Neandertaler unterscheidet. Nach dem Fundort werden sie Densiova-Menschen genannt (Ein neuer Mensch). Direktor Svante Pääbo, der als Begründer der Paläogenetik gilt, erklärte im März diesen Jahres:

Wir sind nun dabei, dieses Neandertalergenom mit dem Genom des Denisova-Menschen und den Genomen weitere Neandertaler zu vergleichen. So werden wir weitere Aspekte der Geschichte von Neandertalern und Denisova-Menschen beleuchten und unser Wissen darüber erweitern, welche genetischen Veränderungen in den Genomen moderner Menschen auftraten, nachdem sie einen anderen evolutionären Weg einschlugen als die Vorfahren der Neandertaler und Denisova-Menschen.

Entire Neandertal Genome Decoded
Aus diesem winzigen Zehenknochen eines Neandertalers aus der Denisova-Höhle stammt die nun entschlüsselte Erbinformation. Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie/ B. Viola

Nun legt ein aus mehr als vierzig Mitgliedern bestehendes, internationales Forscherteam um Kay Prüfer vom MPI für evolutionäre Anthropologie in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature nach. Die evolutionären Genetiker untersuchten die DNS eines Neandertalers aus der Denisova-Höhle in Russland unweit der Grenze zu Kasachstan und der Mongolei.

2010 hatten russische Archäologen dort den Zehenknochen eines Erwachsenen gefunden, der nach Neandertaler aussieht, aber auch typische Merkmale von Homo sapiens aufweist. Die Erbgut-Untersuchung ergab, dass es sich um die Überreste einer Neandertaler-Frau handelt, die vor ungefähr 50.000 Jahren dort lebte, und deren Eltern nah verwandt waren. Co-Autor Montgomery Slatkin, Populationsgenetiker von der University of California at Berkeleyerklärt:

Wir führten verschiedene Inzuchtszenarien am Computer durch und entdeckten, dass die Eltern dieser Neandertalerfrau entweder Halbgeschwister mütterlicherseits,Großcousin und Großcousine, Onkel und Nichte, Tante und Neffe, Großvater und Enkelin oder Großmutter und Enkelsohn gewesen sein müssen.

Was wohl für die Neandertaler nicht untypisch war. Eine Studie von 2009 hatte bereits Belege dafür geliefert, dass es insgesamt nur relativ wenige Homo neanderthalensis gab, und sie alle viel enger miteinander verwandt waren als Homo sapiens. Vor 40.000 Jahren sollen nur 7.000 Neandertaler existiert haben, und die genetischen Unterschiede zwischen den untersuchten Neandertalern waren insgesamt um ein Drittel geringer als die zwischen modernen Menschen (Wenige Neandertaler).

Die geringe Populationsgröße wird nun durch die aktuelle Untersuchung bestätigt, und die Gruppe um Kay Prüfer geht davon aus, dass Inzucht unter den Ur-Europäern wahrscheinlich häufiger vorkam.

Eingang der Denisova-Höhle, wo in der Steinzeit mehrere Menschenformen lebten: Neben dem anatomisch modernen Menschen auch Neandertaler und der sogenannte Denisova-Mensch. Foto: MPI f. evolutionäre Anthropologie/ B. Viola

Die Paläogenetiker verglichen das vorliegende qualitativ sehr hochwertige Genom der sibirischen Neandertalerin (jede Position im Genom wurde im Schnitt 50 Mal sequenziert) mit bereits vorliegenden DNS-Analysen mehrerer anderer Neandertaler, des Denisova-Menschen und von 25 heute lebenden Menschen.

Sie stellten fest, dass ein Anteil von etwa 1,5 bis 2,1 Prozent im Erbgut von heute außerhalb Afrikas lebenden Menschen vom Neandertaler stammt. Zudem hat der Denisova-Mensch als sein Erbe etwa 0,2 Prozent im Genom heute lebender Festland-Asiaten und amerikanischer Ureinwohner hinterlassen.

Aber damit nicht genug. Auch untereinander hatten diese ausgestorbenen Menschengruppen immer wieder Sex, Homo neanderthalensis gab mindestens 0,5 Prozent seiner DNS an den Denisova-Menschen weiter. Und ein weiterer, bislang nicht identifizierter archaischer Menschentyp, hat auch noch mitgemischt. Er hinterließ seine genetischen Spuren (2,7 bis 5,8 Prozent der DNS) im Denisova-Menschen. Was vermuten lässt, dass er gleichzeitig in Sibirien lebte. Kay Prüfer erläutert:

Diese alte Population von Homininen existierte bereits zu einer Zeit, bevor sich Neandertaler, Denisova-Menschen und moderne Menschen voneinander getrennt hatten. Es ist möglich, dass es sich bei diesem unbekannten Homininen um die als Homo erectus bezeichnete Menschenart handelt. Weitere Studien sind nötig, um dies zu bestätigen oder zu widerlegen.

Stammbaum der vier Menschengruppen, die vor 50.000 Jahren in Europa lebten, in rot der geringe Genfluss durch die Vermischung unter den Gruppen. Bild: University of California at Berkeley

Neandertaler und Denisova-Mensch sind näher miteinander verwandt als mit dem Homo sapiens. Der letzte gemeinsame Vorfahre aller drei Menschen-Gruppen lebte vor ungefähr 400.00 Jahren, erst 100.000 Jahre später trennt sich die Stammbaum der beiden ausgestorbenen Menschentypen.

Wie oft die verschiedenen Menschen-Gruppen in der Steinzeit aufeinander trafen und ob sie dann jedes Mal Sex miteinander hatten, oder ob alles bei einer einzigen wilden Höhlen-Orgie geschah, darüber kann die DNS allerdings keine Auskunft erteilen.

Sicher ist, dass Neandertaler und Denisova-Mensch, sowie der Homo sapiens nach seiner Zuwanderung aus Afrika, zehntausende Jahre im selben Gebiet von Europa bis Zentralasien lebten. Sie hatten Sex, ein Reigen der Vereinigung aller mit allen, und zeugten gemeinsame Nachkommen.

Die Forschergruppe rechnet mit weiteren Überraschungen bei kommenden Untersuchungen. Warum nur der anatomisch moderne Mensch letztlich überlebte? Die Antwort liegt wahrscheinlich in den Genen.

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