Fünf Jahre nach dem Tod von 1129 Textilarbeitern

Löchrige Brücken, schwarze Flüsse, aber auf dem Papier ist Bangladesch eine Erfolgsgeschichte. Bild: Gilbert Kolonko

In Bangladesch sind die Einkaufspreise um weitere 13 Prozent gesunken

Heute vor fünf Jahren stürzte das achtstöckigen Rana Plaza Gebäudes bei Dhaka ein - 1129 Textilarbeiter starben, mehr als 2000 wurden zum Teil schwer verletzt. So sind westliche Konzerne aktuell bemüht den Eindruck zu verbreiten, sie hätten enorme Anstrengungen unternommen, um die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu verbessern. Doch eine Studie von Prof. Mark Anner zeigt etwas anderes: Allein in den Jahren 2013 bis 2017 sank der Preis, den die europäischen und amerikanischen Einkäufer für die Textilien aus Bangladesch bezahlen, um 13 Prozent.

Dazu bekommen die Einkäufer die Ware 8 Prozent schneller geliefert und bezahlen sie 20 Prozent später als 2013. Dass der Mindestlohn in Bangladesch nach Druck der Gewerkschaften im gleichen Zeitraum von 30 Euro pro Monat auf 53 Euro erhöht wurde, ist von den Fabrikbesitzern vor Ort gestemmt worden - mit einem Rückgang ihrer schmalen Gewinnmarge um 13 Prozent. Dazu hat die Hälfte der befragten Fabrikanten den westlichen Einkäufern den kompletten Kostenplan der Produktion vorzulegen, damit diese sofort den Preis drücken können, sobald eine Steigerung der Produktivität festgestellt wird.

Die Studie von Anner rückt auch den Eindruck vom raffgierigen Fabrikbesitzer in Bangladesch gerade: Viele von ihnen wissen, dass ihre Arbeiter zu wenig verdienen und versuchen von sich aus mehr zu bezahlen, doch der Preisdruck der Einkäufer ist so groß, dass sich die Friss-oder-stirb-Mentalität durchgesetzt hat. Die autokratische Regierung in Bangladesch unterstützt das, indem sie knallhart gegen Gewerkschaften vorgeht. Im Dezember 2016 wurden in einer Woche 1500 Arbeiter verhaftet, die für eine Erhöhung des Mindestlohns demonstriert hatten. Auch im folgenden Jahr gingen die Sicherheitskräfte brachial gegen demonstrierende Arbeiter vor. An der Haltung der Regierung hat sich bis heute nichts geändert: Am 1.April wurde die Gewerkschaftsführerin Joly Talukder verhaftet und in Isolationshaft gesteckt. Ihr Fall deutet jedoch an, dass internationaler Druck etwas ausrichten kann: Nach einer Woche wurde sie gegen Kaution aus der Haft entlassen.

Bangladesch (6 Bilder)

In der Autokratie Bangladesch wird schnell verhaftet und auf Demonstranten geschossen. Bild: Gilbert Kolonko

Selbst die Bertelsmann-Stiftung hat die Regierung Bangladesch im März zu einer Autokratie erklärt und ihr die Fähigkeit abgesprochen, freie Wahlen abzuhalten. Dies hatte Iftekhar Zaman von Amnesty International schon 2014 erkannt und nannte das hiesige Parlament ein Puppentheater - bei einer Wahlbeteiligung von nur 22 Prozent wurden 154 der 300 Abgeordneten ohne Gegenkandidaten ins Parlament gewählt.

Auch Russland nutzt das Regime in Bangladesch dafür, seine Atomkraftwerke loszuwerden, selbst wenn sie an Standorten und unter klimatischen Bedingungen gebaut werden, gegen die die Vernunft spricht. Auch in diesem Fall unterdrückt die autokratische Regierung jeden Widerstand. Indien kann bei seinen Unternehmungen in Bangladesch ebenfalls darauf setzen, dass die Polizei auf Demonstranten schießen lässt - sei es beim Bau des Kohlekraftwerks in der Schutzzone der Mangrovenwälder der Sunderbans, bei den geplanten indischen Unternehmungsansiedlungen in der Nachbarschaft des Kraftwerks oder bei den indischen Schiffslieferungen durch Bangladesch, um die nördlichen Staaten wie Assam mit Kohl und Öl zu beliefern. Seit 2014 sind allein in den ökologisch sensiblen Sunderbans drei "sichere" Kohlefrachtschiffe und ein "sicherer" Öltanker auf Grund gelaufen.

Neben Gewalt wählt die Regierung in Bangladesch noch ein anderes Mittel. Den Aktivisten die auf Umweltzerstörungen und Wirtschaften ohne Nachhaltigkeit hinweisen, wird vorgeworfen den Fortschritt des Landes zu behindern. Dann werden ihnen die Lizenzen ihrer NROs entzogen oder es wird verboten ausländische Spendengelder anzunehmen. Während eines Interviews mit einem Aktivisten in Dhaka, klingelte dessen Telefon. Nachdem Ende des Telefongespräche sagte er blass im Gesicht: Das war meine Bank. Sie haben mir mitgeteilt, dass die ausländische Stiftung X 5000 Dollar für das Projekt Y auf mein Konto überwiesen hat, obwohl ich ihnen gesagt habe, dass das nicht geht." So werden diejenigen kriminalisiert, die sich gegen die Zerstörung ihres Landes einsetzen.

Auch für China gilt: Willkommen im Club

Da der neue Wirtschaftsriese mittlerweile daheim auf die Umwelt achtet, ist er zum größten Einkäufer der Ledergerbereien Dhakas geworden, wo auch die angeblich modernen neuen Gerbereien weiter die Umwelt schwer belasten. Seit 2017 kam es bei mehreren Demonstrationen gegen chinesische Kohlekraftwerke in Bangladesch zu fünf Toten. Dabei setzte die Hasina-Regierung einen weiteren Kniff ein: Vor Wahlen kommt es auch innerhalb der Anhängerschaft von Hasinas Awami Liga zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und so ist gewährleistet, dass der Kandidat mit der stärkeren Schlägertruppe das Rennen macht. Bei umstrittenen Projekten wird der "gewählte" Kandidat vor Ort mit profitträchtigen Aufträgen bedacht und sorgt schon aus Eigennutz dafür, dass seine Schläger eventuelle Proteste gewalttätig aufmischen.

Auch China sorgt mit seinen Ledereinkäufen für Wachstum in Bangladesch und achtet daheim auf die Umwelt. Willkommen im Club. Bild: Gilbert Kolonko

Das chinesische Gegenstück zu Weltbank und dem Internationalen Währungsfond ist die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB). "Sie arbeitet nicht anders, als die westliche Konkurrenz - nur drückt sich China gewählter aus", sagt der Menschenrechtler Hasan Mehedi und fährt fort:

Die chinesischen Verantwortlichen luden mich sogar nach Peking ein, wo ich meine Kritik gegen einige ihrer Projekte in Bangladesch vortragen durfte. Über eine Stunde nickten sie verständig und gelobten Besserung… nichts ist seitdem besser geworden. Zurzeit arbeite ich an einem Handbuch mit vielen Beispielen für den Umgang mit China, damit meine Kollegen wissen, dass sie sich nicht von den schönen Worten einlullen lassen dürfen. Unter dem Strich geht es auch Peking nur um Einfluss und darum, die Entwicklungsländer durch Kredite in die Schuldenabhängigkeit zu treiben.

Ministerpräsidentin Hasina Wajed hat erklärt, dass sie Bangladesch bis zum Jahr 2021 in ein Land mittleren Einkommens führen möchte. Bei einem Mindestlohn von 53 Euro pro Monat, bräuchte das Land mehr als die derzeit 45.000 Millionäre, um das Ziel zumindest auf dem Papier zu erreichen. Die schwarzen Flüsse Dhakas, die dafür sorgen, dass der 18 Millionen Einwohnermetropole in absehbarer Zeit das Grundwasser ausgeht, tauchen in Hasinas Reden nicht auf. Smog und versalzene Felder, durch die Garnelenzucht für den Export, ebenfalls nicht.

Das Beispiel Mexiko belegt, dass mehr zu einer fortschrittlichen Entwicklung eines Landes gehört, als ein billiger Produktionsstandort zu sein. Obwohl das Land seit 30 Jahren die gleichen günstigen Preise für ihre Textilprodukte anbietet, ist es als Exportland von der Konkurrenz aus Asien verdrängt worden. Mittlerweile buhlen Autokraten in Afrika um die Textileinkäufer und ihr einziges Argument: Noch niedrigere Produktionskosten.

"Der Masse der Unternehmer geht es besser, seit sie mit den Gewerkschaften zusammenarbeiten"

Die Wissenschaftler Mark Anner, Jennifer Bair und Jeremy Blasi, die hunderte von Fabriken in mehr als 10 Ländern besucht haben, zeigten schon 2013 in einer aufwendigen Studie auf, dass es dieses Ausspielen der Textileinkäufer schon einmal gab und wie man ihm beikommen ist: Im Jahr 1911 starben bei einem ein Feuer in der Triangle Shirtwaist Fabrik in New York 146 Arbeiter. Dies brachte die schlimmen Zustände in der Textilindustrie ins öffentliche Bewusstsein. Auch damals wurden zuerst einzig Maßnahmen ergriffen, die die Fabriken sicherer machen sollten. Doch 10 Jahre später stellte eine von New Yorks Gouverneur Alfred Smith einberufene Kommission fest, dass das eigentliche Problem darin liegt, dass die Einkäufer die Bundesstaaten wechseln, sobald die Kosten wegen steigender Löhne und besserer Arbeitsbedingungen ansteigen.

Erst Gesetzesveränderungen im Kongress, die die Gewerkschaften stärkten, und verpflichtende Abkommen zwischen Arbeitnehmervertretungen, den Fabrikbesitzern und Einkäufern brachten eine Wende. Schon 1938 schwärmte das Life Magazin in einem Artikel: "Vor 20 Jahren mussten die Textilarbeiter 16 Stunden am Tag für 2 Dollar arbeiten. Heute verdienen sie zwischen 15 und 35 Dollar am Tag und arbeiten nur noch 35 Stunden die Woche." 1959 räumte selbst der konservative Senator Barry Goldwater ein, dass es auch der Masse der Unternehmer besser geht, seitdem sie mit den Gewerkschaften zusammenarbeiten, denn nun konnten auch die Unternehmer längerfristig planen.

Ein Argument, dass heute kaum noch zu hören ist, da so getan wird, als stehen die Unternehmer auf der einen Seite und die Arbeitnehmer auf der anderen. Dabei sind die "Feinde" von Unternehmer und Arbeiter die wenigen Unternehmer, die sich einen Wettbewerbsvorteil schaffen, in dem sie Orte finden, an denen sie günstiger produzieren lassen können, als die Konkurrenz. Sie lassen sich nicht davon stören, dass die Umwelt an den neuen Produktionsstätten zerstört und der Mensch ausgebeutet wird - diese Folgekosten werden dann der Allgemeinheit aufgehalst. Die anderen Unternehmer müssen nachziehen oder aufgeben.

Diese Friss-oder-stirb-Mentalität in der Textilindustrie bekam neuen Schwung mit dem Eintritt Chinas in die WTO, den zeitgleichen Handelsliberalisierungen und dem Ende des Welttextilabkommens am 1. Januar 2005.

Anner, Bair und Blasi zeigen in ihrer Studie auf, dass ein Ende der Ausbeuterei in der Textilindustrie möglich ist. Die Zustände in der Triangle Shirtwaist Fabrik in New York und dem Rana Plaza waren ähnlich katastrophal. Genauso ähnlich wie die Versprechen und Alibi-Verbesserungen der Verantwortlichen nach den Unglücken. Doch die Gewerkschaften arbeiten heute weltweit zusammen. Die großen Konzerne agieren weltweit. Es gibt weltweite Handelsorganisationen. Internationalen Abkommen zwischen Gewerkschaften, Einkäufern und Fabrikanten fehlt "nur" der Druck der Regierungen. Der Kunde kann sich heute so umfassend informieren, wie es früher nicht möglich war und könnte den nötigen Druck ausüben.

Dass die Situation für viele Menschen trotzdem hoffnungslos aussieht - ich allein, kann doch eh nichts machen - hat auch damit zu tun, dass wirtschaftsnah besser bezahlt wird, als sozialnah. So haben die wirtschaftsnahen Medien mehr finanzielle Mittel zu Verfügung und eine größere Reichweite, um die immer gleichen Phrasen der Lobbyisten des Ausbeutersystems zu wiederholen: Ein paar kleine Verbesserungen hier und da, Ja - aber ansonsten wird der Freie Markt das schon richten.

Dabei gibt es schon eine Vielzahl von Unternehmern denen Nachhaltigkeit und Fürsorge für Mitarbeiter wichtig sind. Dazu werden auch Kunden immer aktiver, wie Anner, Bair und Blasi in ihrer Studie aufzeigen. So zwangen Studentenvereinigungen in den Vereinigten Staaten Konzerne wie Nike und Adidas mit Boykottandrohungen dazu, sich um die Verbesserungen der Zustände an ihren Produktionsorten zu kümmern - die Sportausrüstung an den amerikanischen Universitäten ist ein 4-Milliarden-Dollar-Geschäft.

Anner, Bair und Blasi versprechen keine schnelle Lösung, sondern weisen darauf hin, dass viele Säulen zu errichten sind, um das Ausspielen der Länder, Unternehmer und Arbeiter einzudämmen - das war auch vor 107 Jahren nicht anders, nur dass es sich da um Bundestaaten handelte. Selbstbewusste Kunden und engagierter Bürger bilden eine dieser Säulen.

"Ein Ende der Ausbeuterbetriebe ist möglich", sagte Professor Mark Anner gegenüber Telepolis, während er sich am Wochenende an der staatlichen Universität Pennsylvania mit anderen Wissenschaftlern und engagierten Bürgern traf, um ein weiteres kleines Stück der Lösung zu erarbeiten.