Für die Banken kommt es knüppeldick

Wird der EU-Beschluss buchstäblich umgesetzt, dann müssten etliche Banker bis auf weiteres auf ihre Boni verzichten - allerdings scheinen die Berechnungen der Europäischen Bankenaufsicht EBA den tatsächlichen Kapitalbedarf zu verharmlosen

Vor dem Treffen der Eurozonen-Regierungschefs hatte sich die gesamte EU zusammengesetzt und über das weitere Vorgehen gegen ihre Kreditgeber entschieden. So müssen jedenfalls die 60 europäischen Spitzeninstitute, die zuletzt zum Stresstest antraten, bis zum 30. Juni 2012 über mindestens neun Prozent an Eigenkapital der besten Qualität verfügen, wobei widersprüchliche Angaben umlaufen, ob auch systemisch weniger wichtige Banken diese Anforderungen erfüllen müssen. Jedenfalls muss dieses Kapitalniveau auch dann erreicht werden, wenn die Banken ihre per 30. September 2011 gehaltenen Bestände an Staatsanleihen auf die an diesem Tag geltenden Marktpreise abschreiben würden, was bislang wohl nur bei geringen Teilen davon der Fall sein wird.

Die Europäische Bankenaufsicht EBA kommt bei einer "vorläufigen und indikativen" Schätzung auf einen Kapitalbedarf von insgesamt 106 Milliarden Euro, was doch etwas niedrig erscheint. So ergab eine grobe Überschlagsrechnung hier insgesamt einen Abschreibungsbedarf von knapp über einer Billion Euro auf die ausstehenden Staatsschulden. Da allein die 60 größten Banken laut BIZ rund 30 Prozent der Eurozone-Staatsschulden halten, ließe sich ein Abschreibungsbedarf in der Größenordnung von 300 Milliarden Euro vermuten, von dem also 200 Mrd. Euro bereits von vorhandenem, überschüssigem Eigenkapital gedeckt sein müssten. Ob die Banken davon auch allfällige Aufwertungsgewinne auf z.B. Bundesanleihen abziehen dürfen, geht aus dem EU-Statement zwar nicht hervor, jedoch ist zu befürchten, dass sich der Bestand dieser zumal niedrig verzinsten Anleihen bei den südeuropäischen Banken ohnehin in Grenzen halten dürfte.

Erstaunlich ist dabei, wie etwa Frankreich insgesamt nur einen Kapitalbedarf von 8,8 Mrd. Euro haben soll, wie die EBA angibt. So wird der europaweit höchste Abschreibungsbedarf der französischen BNP Paribas nachgesagt, die nicht nur mit 7,4 Mrd. Euro Griechenlands größter privater ausländischer Kreditgeber sein soll, sondern auch noch 3,3 Mrd. an Portugal und 40 Mrd. an Italien vergeben habe, wie im Zuge des letzten Stresstests bekanntgegeben wurde. Allein das würde zu Marktpreisen einen Abwertungsbedarf auf die Nominale von knapp 15 Mrd. Euro verlangen, wobei die Bank laut 2010er Bilanz über eine Bilanzsumme von 1,926 Billionen Euro und über 71,5 Mrd. Euro an Eigenkapital verfügte, was risikogewichtet ein "Tier one ratio" (regulative Eigenkapitalquote) von 10,1 % ergab.

Bucht man die genannten Abschreibungen aber gegen das Eigenkapital, ginge diese Quote auf rund acht Prozent zurück und müsste um einen Prozentpunkt erhöht werden, so dass allein die BNP Paribas rund acht Milliarden Euro an Eigenkapital beschaffen müsste, um auf die geforderten neun Prozent Eigenkapitalquote zu kommen (vorausgesetzt alle anderen Parameter blieben unverändert und BNP Paribas hätte auch keine irischen oder spanischen Papiere im Portfolio).

Ähnliche Größenordnungen an Abschreibungsbedarf müsste sich laut den bisher bekannt gewordenen Beständen aber auch bei etlichen Banken aus Nicht-Krisenländern finden (wie z.B. in Deutschland bei Commerzbank, Hypo Real Estate, Deutsche Bank und WestLB, in Frankreich bei Societe Generale und Credit Agricole, ING Groep aus Holland oder bei der britischen Barclays). Banken aus den Krisenstaaten müssten hingegen noch schwerer betroffen sein, wie akut bereits Dexia aus Belgien, von den griechischen oder portugiesischen Banken ganz zu schweigen.

Immerhin halten Banken stets vor allem große Bestände an Papieren des eigenen Landes, weshalb spanische und italienische Banken sich glücklich schätzen dürfen, dass die EZB die Umlaufrenditen kurz vor dem Stichtag um fast einen Prozentpunkt heruntergedrückt hatte. Die EBA verschreibt Italien aber insgesamt nur einen Kapitalbedarf von 14 Milliarden Euro während Deutschland sogar nur auf 5,2 Mrd. Euro kommen soll; immerhin 26 Mrd. sind es allerdings für Spanien und satte 30 Mrd. Euro soll den griechischen Banken fehlen.

Einen beträchtlichen Teil dieser Anleihen dürften die Banken übrigens erst vor kurzem ins Haus genommen haben, als ihnen die EZB im Juni, September und Dezember 2009 mit den neuen langfristigen Refinanzierungsgeschäften ihre diskrete Version einer quantitativen Lockerung servierte. Denn von den 614 Mrd. Euro, die die EZB damals zu einem Zinssatz von einem Prozent auf ein Jahr verlieh, hatten die Banken nach Schätzungen von Barclays Capital 442 Mrd. Euro in noch liquide, aber höhere Zinsen zahlende Staatsanleihen investiert und sich die Differenz in die Tasche gesteckt. Allerdings dürften der Einbruch der Marktpreise diese Strategie inzwischen zum Problem gemacht haben, so dass viele Banken die Papiere nach Ablauf des Tenders nicht mit Verlusten verkauft haben werden. Einiges wurde wohl in der Hoffnung weiterbehalten (und entsprechend ergebnisneutral verbucht), dass spanische oder italienische Papiere letztendlich doch vertragsgemäß bedient werden und das Geschäft ein Erfolg wird. Barclays zufolge hätten die deutschen Banken 126 Mrd. Euro, die französischen 85 Mrd. Euro und spanische 53 Mrd. Euro in solche "Carry Trades" gesteckt – was sie jetzt einiges an Eigenkapital kosten dürfte.

Allerdings wird die mit "außergewöhnlichen Umständen" begründete neue Vorschrift als "temporär" bezeichnet. Sie hat keinerlei Auswirkungen auf die normale Rechnungslegung, wobei laut dem EU-Papier die Kapitalanforderung zudem für den Stichtag 30. September 2011 gilt, die Banken also nicht bis 2012 Risikopositionen abbauen können um ihre Eigenkapitalanforderungen zu senken. Immerhin sagt das Papier nichts darüber aus, ob und wie die über Kreditderivate bestehenden Staatsrisiken berücksichtigt werden müssen, aber vermutlich würde man dann kaum eine Großbank finden, die diese Vorgaben bereits jetzt erfüllen kann.

Angesichts der aktuell niedrigen Börsenkurse wird die geforderte Kapitalbeschaffung für die Banken nun aber selbst dann schmerzhaft, wenn sie gelingen sollte, zumindest für die Altaktionäre, deren Anteile dann stark verwässert werden würden. Unangenehmer für die Bankmanager ist die Vorschrift, dass bis zum Erreichen des Mindestkapitals Dividenden und Boni an Aktionäre und Bankmanager nur "beschränkt" ausgeschüttet werden dürfen - man darf gespannt sein, ob diese Beschränkungen streng genug ausfallen, um die Bankmanager zu einer beschleunigten Beschaffung privaten Eigenkapitals zu motivieren, was dann aber wohl auf Kosten der Aktionäre gehen würde.

Trotz der vermutlich bereits günstigen Einstiegspreise ist angesichts der nach wie vor düsteren Aussichten für den Finanzsektor jedenfalls unwahrscheinlich, dass privat mehr als ein Bruchteil der erforderlichen Summen aufgebracht werden kann. Gelingt dies tatsächlich nicht, dann sollen die Mutterstaaten die Gelder bereitstellen. Sollten diese selbst nicht über die nötigen Mittel verfügen, dann stellt letztlich der europäische Rettungsfonds ESFS dem Staat einen entsprechenden Kredit zur Verfügung, bei dem dann offenbar die Haftung für das frische Bankenkapital verbleibt.

Diesmal soll zudem jede öffentliche Hilfestellung – anders als 2008, als die Nationalstaaten autonom über ihre Bankenhilfen entschieden – auf Basis europaweit einheitlicher und noch zu erarbeitender Kriterien in Hinsicht auf Voraussetzungen, Bedingungen und Preis erfolgen, was es den Banken erschweren könnte, die für sie auf den ersten Blick durchaus unangenehmen Vorschriften noch durch aggressive Lobbyingmaßnahmen bei den ausführenden nationalen Behörden abzumildern. (Rainer Sommer)

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