Für die beschworene Gefahr durch Fake News fehlt es selbst an Fakten

Grafik: TP

Wie ich lernte, die Fake News zu lieben - Teil 6

Teil 1: Wie ich lernte, die Fake-News zu lieben

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Teil 2: Von Angst getrieben

Teil 3: Die Glaubwürdigkeitslüge

Teil 4: Die Wächter der Meinungsfreiheit

Teil 5: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

"Facebook ist für viele die einzige Nachrichtenquelle und deshalb muss auch dort gegen Fake News vorgegangen werden." Diese "Tatsache" ist der Ausgangspunkt für die diversen Diskussionen und Maßnahmen gegen die "Fake News" (zur Begriffsdefinition siehe Teil 1) auf Facebook. Wird das, was das Bundesjustizministerium schrieb, zur Abgrenzung zwischen Fake News und dem, was nicht unter Fake News einzuordnen ist, als Prämisse genommen, stellt sich eine nicht unwichtige Frage.

Zur Erinnerung: Das Bundesjustizministerium schreibt: "Wenn "Fake-News" nachprüfbare Quellen ersetzen, besteht die Gefahr der Manipulation." Somit sind Fake News das Gegenteil von Nachrichten, die auf nachprüfbaren Quellen basieren (das dies mehrfach falsch ist, sei im nächsten Teil "Manipulation und Quellen - oder: Papa, Charlie hat gesagt, die Studie hat gesagt ..." thematisiert). Um nun also nicht bereits die Annahme, dass (zu) viele Facebook als einzige Nachrichtenquelle nutzen und alles glauben, was dort zu lesen ist, als Fake News zu sehen, die immerhin mittlerweile drastische Auswirkungen hat, wären hier nachprüfbare Quellen und Fakten notwendig.

Die Welt schreibt am 26.05.2016, dass Facebook als Nachrichtenquelle immer wichtiger wird. Im Artikel zur Überschrift findet sich der Verweis auf eine Studie des US-Institutes PEW. Diese Umfrage, so die Welt, ergab, dass 66 Prozent der erwachsenen Facebook-Nutzer auch Nachrichteninhalte aus dem sozialen Netzwerk beziehen. Die Welt folgert daraus, dass (da wiederum rund zwei Drittel sämtlicher US-Bürger im Erwachsenenalter erreicht werden) insgesamt 44 Prozent auch durch Facebook mit Nachrichten beliefert werden.

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Beim PEW Center findet sich der dazugehörige Report, der zunächst einmal nur für die USA gilt und sich nur auf die Nutzung der sozialen Medien als Nachrichtenquelle bezieht. Er stellt zwar fest, dass 66% der Facebooknutzer auch Nachrichteninhalte aus dem sozialen Netzwerk beziehen, macht jedoch keine Aussagen dazu, ob diese von den Nutzern auch automatisch geglaubt werden. Es sei hier erwähnt, dass auch die "etablierten Medien" Facebook zur Nachrichtenverbreitung nutzen, sich insofern also "Facebook" und "etablierte Medien" nicht ausschließen.

Als nächstes konstatiert der Report, dass von den 66%, die u.a. Facebook als Nachrichtenquelle innerhalb des sozialen Medienverbundes heranziehen, 64% nur Facebook nutzen. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass diese Nutzer nur noch Facebook als Nachrichtenquelle nutzen, im Gegenteil: Sie nutzen auch andere Quellen, wie nachzulesen ist, z.B. lokale Nachrichtensender, Zeitungen, Radio, Nachrichtenseiten im Web/Apps …

Es stellt sich also die Frage, wieso es so wichtig ist, dass Facebook gegen die sogenannten Fake News vorgeht, wenn bereits für die grundlegenden Aspekte der Debatte Fakten fehlen. Wie hoch ist der Prozentsatz an Fake News bei Facebook? Wie viele Menschen sind wirklich dadurch gefährdet, dass sie Facebook als einzige Nachrichtenquelle nutzen? Wie viele der Fake News beinhalten Verleumdung, wie viele die "Manipulation von Wahlergebnissen", wie viele Volksverhetzung? Wie viele beinhalten falsche Annahmen …

Davon ausgehend, dass es derzeit keine validen Studien dazu gibt, wie groß die Gefahr der "Fake News" überhaupt ist, stellt sich die Frage, ob es sich nicht bei der gesamten Thematik selbst um eine Fake News handelt, die die Gefahr der Manipulation mit sich bringt. Der Münchener Politologe Simon Hegelich gab vor kurzem zu, dass die "auf der Agenda stehenden Onlinephänomene schwierig zu erfassen sind" und man relativ blind sei. Die Angelegenheit betreffe ja auch Big Data - zusammengefasst ist also zu sagen, dass es an dem fehlt, dessen Fehlen auch an Fake News bemängelt wird: Fakten.

Selbst wenn davon auszugehen wäre, dass (zu) viele Menschen alles glauben, was auf Facebook zu lesen ist, bleibt offen, wieso eine solche Unkenntnis bzw. Bereitschaft, Nichtnachprüfbares einfach zu glauben, automatisch zu den vielen Maßnahmen führen sollte, die derzeit überlegt bzw. umgesetzt werden. Bereits zur Bekämpfung der sogenannten Hate Speech gibt es ein Gremium bei Facebook, nun soll also ein externes Gremium bei den Fake News tätig werden und die Forderungen, was darüber hinaus noch zu tun wäre, sind fast jeden Tag zu hören bzw. zu lesen.

Das Problem ergibt sich dadurch - so der Tenor der Politik - dass Menschen zu dumm sind, Falschmeldungen zu erkennen, sie ferner aber auch diese glauben wollen und insofern Hilfestellung benötigen. Dabei folgt die Politik dem Pfad des Standesdünkels. Genau wie immer öfter Politiker davon ausgehen, dass jemand, der sich gegen Projekt X ausspricht, lediglich fehlinformiert ist und die Kommunikation nicht stimmt, so geht sie bei den Fake News davon aus, dass jemand, der einer Fake News glaubt, durch eine "Expertenmeinung" umgestimmt wird. Die Frage ist allerdings: Wenn jemand tatsächlich so dumm/blind/vorurteilsbelastet ist, dass er einer tatsächlichen Fake News Glauben schenkt, wieso sollte er dann von diesem Glauben abweichen?

Im Heise-Forum wurde vor kurzem der Ablauf einer Konversation skizziert, die damit begann, dass jemand eine Fake News ansprach. Es handelte sich dabei um eine der bekannten "der Supermarkt musste wegen der Flüchtlinge schließen"-Nachrichten, der Forenteilnehmer hielt diese für wahr. Trotz Gesprächen mit dem Supermarktsleiter, der Polizei, trotz Verlinkung auf Richtigstellungen behielt der Forent die Einstellung bei, es sei so, wie ursprünglich zu lesen war.

Die Richtigstellungen hielt er für gekauft, aus Angst getätigt oder aus politischer Korrektheit bzw. auf Befehl. Ein solches Verhalten ist nicht selten zu sehen, da der Mensch nicht dem schlichten Denken folgt, das ihm Politiker oft unterstellen. Er ist vielmehr ein komplexes Wesen - gerade auch in Gruppen. Dies bedeutet, dass der Kampf gegen Fake News nicht nur durch Fakten ausgetragen werden kann - er muss die Nutzer mit einbeziehen und auch Antworten auf Fragen wie "Wieso sind Menschen so schnell bereit, xy zu glauben?" finden. Dieser Denkansatz wird bisher jedoch ausgespart. Vielmehr wird eine bisher nicht einmal belegte Masse als Grund für weitreichende Veränderungen in einem stark frequentierten Medium wie Facebook angeführt und die Diskussion auf technische Aspekte und das "Expertentum" verlagert.

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