Für körperlich und handwerklich Tätige "immer teurer bis unbezahlbar"

Versicherungsexperte Gerd Kemnitz hält die grüne Problemanalyse zur Berufsunfähigkeitsversicherung für unzureichend

Anfang des Monats forderte Gerhard Schick, der finanzpolitische Sprecher der Grünen, einen Umbau des Berufsunfähigkeitsversicherungssystems, das die Ökopartei vor 15 Jahren zusammen mit der SPD selbst einführte. Der Umbau ist Schicks Ansicht nach unter anderem deshalb notwendig, weil sich die Versicherungskonzerne aktuell durch "undurchsichtige Klauseln im Kleingedruckten" häufig auch dann vor einer Zahlung drücken, wenn ein Versicherter glaubt, dass der Versicherungsfall eingetreten ist (vgl. Gescheitert wegen "undurchsichtiger Klauseln"). Jetzt meldet sich der Stollberger Versicherungsmakler Gerd Kemnitz zu Wort, der den Eindruck hat, dass das Hauptproblem nicht die von Schick herausgestellten undurchsichtigen Klauseln sind, sondern eine von Rot-Grün erlaubte "Rosinenpickerei" der Versicherer nach Berufsgruppen.

Herr Kemnitz - wie lautet ihr Fazit nach 15 Jahren Berufsunfähigkeitsversicherung in den Händen der Versicherungswirtschaft? Was ist besser geworden, was schlechter?
Gerd Kemnitz: Die Versicherungsbedingungen sind wesentlich besser geworden. Vor 15 Jahren waren beispielsweise noch Tarife ohne Verzicht auf abstrakte Verweisung und ohne verkürztem Prognosezeitraum üblich. Heute sind solche Tarife glücklicherweise die Ausnahme. Verschlechtert haben sich aber die Möglichkeiten zum Abschluss. Durch die ausufernde Berufsgruppendifferenzierung wurde der Berufsunfähigkeitsschutz für Akademiker und Bürofachkräfte zwar immer preiswerter, für körperlich beziehungsweise handwerklich Tätige aber immer teurer bis unbezahlbar.
Wäre da eine Rückführung in staatliche Hände nicht die einfachste Lösung?
Gerd Kemnitz: Ich denke, die gesetzliche Berufsunfähigkeitsabsicherung wurde von der damaligen Regierung nicht grundlos durch die heutige Erwerbsminderungsrente ersetzt. Und durch den Wettbewerb in der privaten Versicherungswirtschaft traue ich den privaten Versicherern nicht nur individuellere sondern auch effektivere Angebote zu. Aber die privaten Versicherer brauchen einen Rahmen, innerhalb dessen sich der Wettbewerb entfalten kann. Und der Wettbewerb darf nicht auf Kosten der körperlich beziehungsweise handwerklich Tätigen ausgetragen werden.
Warum sollte man nur das Rosinenpicken nach Berufsgruppen verbieten? Warum nicht auch nach Vorerkrankungen?
Gerd Kemnitz: Unsere Gesellschaft braucht Ärzte und Ingenieure genauso wie Bäcker, Baufacharbeiter oder Berufskraftfahrer. Ich finde es sozial ungerecht, wenn letztere wegen der Ausübung ihres risikoreicheren Berufs bei der existenziell wichtigen Berufsunfähigkeitsversicherung bestraft werden. Deshalb fordere ich hier eine Gleichbehandlung - auch wenn das Berufsunfähigkeitsrisiko unterschiedlich sein mag.
Bezüglich der Vorerkrankungen wäre eine solche Forderung kontraproduktiv. Dann würde vermutlich jeder den Abschluss der Berufsunfähigkeitsversicherung aufschieben, bis er durch gesundheitliche Beschwerden an dessen Notwendigkeit "erinnert" wird. Das kann nicht Sinn und Zweck einer privaten Versicherung sein.
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