Für mehr Kinder, für das Sakrament der Ehe und gegen die "Ehe für alle"

Über eine halbe Million Menschen demonstrierte in Paris gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Die Veranstalter betonen, dass sie nicht homophob seien

Vordergründig versuchten die Gegner des Vorhabens sich modern, aufgeschlossen und keinesfalls homophob zu geben. So jedenfalls das Auftreten, um das sie sich vor den Kameras bemühten. Rechte unterschiedlicher Schattierungen waren, neben den Angehörigen verschiedener Religionsgemeinschaften, vor allem aber der katholischen, ebenfalls aktiv dabei.

Ihr Vorhaben, eine Stärkedemonstration durchzuführen, dürften die Gegner des französischen Gesetzesvorhabens unter dem Titel "Ehe für Alle" erreicht haben. Über eine halbe Million Menschen dürften am gestrigen Sonntag an ihrer sternmarschförmigen Demonstration in Paris teilgenommen haben. Diese verlief auf drei Hauptrouten parallel, bevor die Züge sich vereinigten.

Wie bei größeren Protestzügen in Frankreich üblich, sind auch hier die Zahlenangaben zwischen den Veranstaltern - sie sprechen von 800.000 Teilnehmern - und den Polizeizahlen (340.000) umstritten. Oft liegt die Wahrheit rechnerisch ungefähr in der Mitte. Nach eigenen Beobachtungen des Verfassers dürfte die Grenze der 500.000 überschritten worden sein.

Entgegen dem diesbezüglich vielleicht irreführenden Titel geht es bei dem Gesetzentwurf keinesfalls darin, alle Menschen in die Ehe zu zwingen. Vielmehr soll er eine vollständige Rechtsgleichheit zwischen hetero- und homosexuellen Paaren ermöglichen. Den Gegnern geht es deswegen auch nicht darum, einer drohenden Existenz mit Schwiegermutter zu entfliehen. Vielmehr stören sie sich an der geplanten rechtlichen Gleichstellung zwischen Homo- und Heterosexuellen.

Manche tun dies aus schlicht homophoben Gründen (nach dem insgeheim vertretenen Motto: "Das sind doch Perverse"). Andere aus eher religiösen Motiven - "ein Sakrament wie das der Ehe darf nicht angetastet werden" -, und wieder andere führen eher bevölkerungspolitische Motive an:

Frankreich benötigt mehr Kinder.

Worum geht es bei dem Gesetzesvorhaben?

Unabhängig von der sexuellen Orientierung sollen die Partner künftig frei zwischen drei Möglichkeiten wählen können: einem Zusammenleben ohne rechtliche Regelung, einer eingetragenen Lebenspartnerschaft ohne Trauschein - dem 1999 eingeführten PACS (Pacte civil de solidarité) - sowie einer Heirat. Ob sie nun gleichen oder verschiedenen Geschlechts seien. Bis jetzt standen gleichgeschlechtlichen Partnern nur die ersten beiden Optionen, nicht jedoch die dritte Möglichkeit offen.

Da der PACS jedoch rechtlich als eine Vertragsbeziehung, nicht jedoch als familiäre Bindung gilt, waren fest zusammenlebende gleichgeschlechtliche Partner darum von verschiedenen Rechten ausgeschlossen. So entfaltet er nicht die Wirkungen im Erbrecht oder - bei Partnern unterschiedlicher Nationalität - im Staatsbürgerschaftsrecht, die verheirateten Paaren offenstehen.

Am 29. Januar soll der Gesetzesentwurf dazu nun ins Parlament eingebracht werden, nachdem das französische Kabinett ihn Anfang November letzten Jahres abgesegnet hatte. Aber dagegen regt sich heftiger Widerspruch. Im Parlament, und nun auch auf der Straße.

Vorzug für die Vettern-Ehe

Der laute Einspruch der rechtskatholischen Abgeordneten Christine Boutin blieb dabei ungehört. Die Dame wurde in ganz Frankreich hinlänglich bekannt, seitdem sie 1998 in der französischen Nationalversammlung eine Bibel schwenkte, um gegen die damals diskutierte Einführung der eingetragenen Lebensgemeinschaft unter dem Namen PACS zu protestieren.

Die frühere Präsidentschaftskandidatin und Wohnungsbauministerin unter Nicolas Sarkozy erklärte am 24. Dezember 2012 in einem Fernsehsender, das Problem stelle sich doch gar, denn die Homosexuellen könnten ja bereits heute längst alle heiraten. "Nur nicht untereinander", fügte sie treuherzig-schlitzohrig hinzu.

Christine Boutins Ehemodell dürfte dabei allerdings in weiten gesellschaftlichen Kreisen nur eine sehr begrenzte Attraktivität entfalten. Denn einerseits ist die Dame seit Urzeiten mit ihrem leiblichen Cousin verehelicht. Zum Anderen aber führt sie in oben erwähntem Interview auch wörtlich aus:

Bei der Ehe geht es um die Hoffnung auf eine Geburt. Die Ehe hat mit Liebe überhaupt nichts zu tun.

Unverkrampft auftreten!

Zwar lief Christine Boutin am gestrigen Sonntag bei einem der drei Demonstrationszüge in vorderster Reihe mit. Dennoch bemühten die Veranstalter sich, auf der großen Bühne, die in 100 Meter Entfernung vom Eifelturm aufgebaut worden war, andere Töne anzuschlagen.

Die mehrheitlich jungen Redner bemühten sich so immer wieder zu betonen, ihr Protest sei "unpolitisch und unkonfessionell". So stand es auch dick im offiziellen Aufruf. Dem widersprachen zumindest die Fakten, dass mehrere politische Parteien mit ihren Mandatsträgern mehr oder minder sichtbar in den drei Zügen vertreten waren - vor allem die stärkste Oppositionspartei, die konservativ-wirtschaftsliberale UMP, sowie der rechtsextreme Front National. Und dass einige Demonstranten Priesterkleidung oder Nonnenkluft trugen, sowie 25 französische Bischöfe zur Teilnahme aufgerufen oder "ermutigt" hatten.

Auch als homophob wollen jedenfalls die offiziellen Veranstalter nicht gelten. Formal riefen zu der Demonstrationen weder politische Parteien noch Kirchen auf, sondern rund 40 Initiativen - von denen viele Briefkastenfirmen sind -, vor allem aber ein Kollektiv, das die Moderatorinnen und Moderatoren auf der Bühne stellte. Seine wichtigste Figur ist die, bei vielen Zeitgenossen als leicht verrückt geltende, katholische Komikerin "Frigide Barjot".

Ihr Künstlername, er bedeutet so viel wie "Verklemmt Bescheuert", soll den Namen von Brigitte Bardot persiflieren. Die 50jährige, die zwanghaft als witzig gelten möchte, ist auch die Erfinderin des vermeintlich genialen Slogans, mit dem sie bei der ersten Demonstration am 17. November letzten Jahres die Ablehnung des Eheschlusses zwischen zwei Männern begründete:

Weil es in den Hoden keine Eierstöcke gibt!

Indirekt besagt dies natürlich auch, dass ein Eheschluss zwingend zum Kinderkriegen da sein muss. Prompt prangte der Slogan, wohl weil er so peppig wirkt, am gestrigen Sonntag auf zahlreichen mitgeführten Schildern.

Im Zentrum der Furcht von Veranstalterinnen und Teilnehmern schien aber klar zu stehen, dass die sauber definierten und klar voneinander getrennten Geschlechterrollen durcheinander geraten könnten. Deswegen auch die Auswahl der Farben, in die die gesamte Demonstration getaucht war: Diese präsentierte sich als ein Meer auf Rosa und Blau. Ganz raffiniert, blaue Farbe für kleine Jungs, rosafarbene Kleidung für Mädchen. Hinzu kam dann noch Weiß.

Denn da die Demonstration sternmarschförmig auf drei Routen verlief, die am Scheitelpunkt - auf dem "Marsfeld", dem früheren Exerzierplatz, der heute zwischen Invalidendom und Eifelturm liegt - zusammentrafen, wurde an jedem der drei Abmarschpunkte eine Unmenge von Fahnen verteilt. Am einen Startpunkt waren es blaue, am zweiten rosafarbenen, am dritten weiße. Bei der Ankunft sollte dies dann ein Bild ähnlich der französischen Nationalflagge ergeben. Deren Farben sind allerdings blau-weiß-rot, aber rosa ist ja vom letzteren Farbton nicht gar so weit entfernt.

Widersprüche auf der Rechten

Unterdessen marschierten in den Demonstrationszügen auch die organisierten politischen Verbände auf. Zu den politischen Hauptgewinnern dürfte dabei die stärkste Oppositionspartei UMP gehören, die massiv mit Abgeordneten und anderen Mandatsträgern präsent war.

Größere Schwierigkeiten im Vorfeld hatte dagegen die extreme Rechte in Gestalt des Front National (FN). Ursprünglich hätte man vielleicht erwarten können, dass das Thema eher ein gefundenes Fressen für ihn darstellt - ist man doch auf der extremen Rechten leicht dazu geneigt, gegen alle abweichenden Lebensentwürfe zu Felde zu ziehen. Doch die 44jährige Parteichefin Marine Le Pen zögerte erkennbar, zu einer Teilnahme aufzurufen.

Einerseits wollte sie die Bemühungen um "Modernisierung" und "Entdämonisierung" im Erscheinungsbild ihrer Partei, die sich auch verstärkt um weibliche Wählerinnen und jüngere Generationen bemühen soll, nicht ruinieren. Zu dieser Strategie gehört auch eine neue Offenheit für berufstätige oder nicht ganz den traditionellen Rollenbildern entsprechende Frauen - Marine Le Pen selbst ist zweifach geschieden -, aber auch eine zumindest verbale Toleranz etwa gegenüber Homosexuellen.

Diese lässt sich freilich einer Strategie unterordnen, die versucht, alle Kräfte gegen einen Hauptfeind zu bündeln. Da als Hauptfeind seit dem Antritt Marine Le Pens an der Parteispitze klar die "islamische" Einwanderung bestimmt wird (in der Vergangenheit konkurrierte dieses Feindbild in der Partei stark mit antisemitischen Ideologien, deren Einfluss die neue Chefin jedoch zurückdrängen versucht), ist es Teil der Strategie, sich gegen "den rückschrittlichen Islam" bisweilen auch auf Frauen- oder Schwulenrechte zu berufen. In den letzten Jahren hatten es zuerst Pim Fortuyn und dann Geert Wilders in den Niederlanden den europäischen Rechten vorgemacht.

Zum Anderen wollte Marine Le Pen aber auch vermeiden, den Eindruck zu erwecken, sie laufe Initiativen des großen Konkurrenten UMP hinterher, mit dem der FN sichtbar um gemeinsame potenzielle Wähler ringt. In ihrer eigenen Partei war die eher zögerliche Position Marine Le Pens allerdings zunehmend umstritten. Letztendlich verhalf man sich mit einem Formelkompromiss: "Diejenigen Mitglieder, Funktionsträger und Wähler, die protestieren wollen", waren zur Teilnahme an der Demonstration eingeladen. Parteichefin Marine Le Pen selbst erschien jedoch bei ihr nicht.

Alles in allem hat der FN sich mit seinen Verrenkungen im Vorfeld, die durch die bürgerlichen Medien natürlich relativ gern ausgeweidet wurden, vielleicht um einen politischen Vorteil gebracht. Die Früchte der Mobilisierungen dürfte augenblicklich wohl viel eher die konservative Rechte einfahren.

Auch die Pro-Seite geht auf die Straße

Am 27. Januar wollen nun dagegen die Befürworterinnen und Befürworter der "Ehe für Alle" demonstrieren. Die französische Öffentlichkeit ihrerseits ist gespalten, laut jüngsten Umfragen waren je zwischen 54 und 60 Prozent der Befragten für das Prinzip der "Ehe für Alle". Über zwei Drittel (69 % ) sind jedoch laut Umfrageergebnissen vom 03. Januar 13 auch für eine Volksabstimmung zum Thema.

Allerdings sind besonders die konservativ- bis reaktionär- katholischen Milieus zu dem Thema so mobilisiert wie zu kaum einem anderen, geht es doch in ihren Augen darum, ein "Sakrament" anzutasten. Die Auseinandersetzung dürfte sich also vorläufig nicht beruhigen. Die politische Rechte aller Couleur wird den Konflikt als Steilvorlage nutzen, um in der Opposition neue Energien zu finden. (Bernard Schmid)