Fukushima: Wohin mit dem radioaktiven Wasser und der kontaminierten Erde?

3D-Rekonstruktion des Zustands im Reaktor 3. Bild: Tepco

Über eine Million Tonnen mit Tritium belastetes Wasser und 22 Millionen Kubikmeter Erde müssen entsorgt werden

Jahr für Jahr gab es Meldungen, dass sich die Möglichkeiten erschöpfen, kontaminiertes Wasser und andere radioaktiven Materialien von den havarierten Fukushima-Reaktoren noch weiter zu speichern. Ein Tank, der jeweils 1000 Tonnen aufnehmen kann, reiht sich an den anderen auf dem 230.000 Quadratmeter großen Gelände. Hunderte befinden sich hier, mehr Platz gibt es nicht mehr.

Das Problem ist lange bekannt, Tepco, der Betreiberkonzern des Fukushima-AKWs, würde das Wasser am liebsten ins Meer ablassen. Mehr als eine Million Tonnen mit Tritium belastetes Wasser soll ins Meer abgeleitet werden, hieß es zu Beginn des Jahres. 2018 müsse endliche eine Entscheidung getroffen werden. Obgleich oder weil die Abe-Regierung weiter auf Atomkraft setzt, zögert sie die unpopuläre Entscheidung hinaus. In Japan, aber auch im Ausland würde es einen Aufschrei geben, würde man viele Millionen Tonnen radioaktiv kontaminiertes Wasser ins Meer einleiten.

2011 hat Tepco nach der Katastrophe teilweise dekontaminiertes, aber weiter mit Tritium belastetes Wasser bereits ins Meer eingeleitet. Das wird in allen japanischen Kraftwerken routinegemäß gemacht, aber im Fall von Fukushima, wo sich in drei Reaktoren eine Kernschmelze ereignete, waren die Mengen einfach zu groß, denn es muss das aus den Reaktoren austretende hochradioaktive Kühlwasser, das in diese fortwährend gepumpt werden muss oder über Regen bzw. das Grundwasser eindringt, gereinigt und gespeichert werden.

Täglich handelt es sich angeblich noch um 160, früher war die Rede von bis zu 700 Tonnen kontaminiertes Grund- und Kühlwasser, das zwar von Cäsium und Strontium sowie 60 weiteren radioaktiven Substanzen gereinigt werden kann, aber eben nicht von Tritium. Tepco erklärt, man habe die Speicherung des kontaminierten Wassers von durchschnittlich 490 Kubikmeter Anfang 2016 auf 110 Kubikmeter Anfang 2018 reduziert, beispielsweise durch eine "Frostmauer" in der Erde.

Beschwert hatten sich vor allem die Fischer, aber auch Nachbarstaaten wie China, Russland und Südkorea, als das belastete Wasser ins Meer eingeleitet wurde. Seitdem also wird es aufgefangen und es kommt immer wieder die Forderung, kontaminiertes Wasser ins Meer einzuleiten, weil man eben ans Ende der Kapazitäten stößt und die Belastung durch Tritium so geringfügig sei, dass davon keine Gefahr ausgehe. Das Problem ist, dass das Herausfiltern von Tritium bei den gewaltigen Massen immens teuer ist.

Anlieferung von neuen Wassertanks. Bild: Tepco

Immer wieder wird betont, dass von dem mit Tritium belasteten Wasser keine Gefahr ausgehe. Nach der Atomregulierungsbehörde (Nuclear Regulation Authority - NRA) liegt die radioaktive Belastung des Wassers in den Tanks zwischen einer und fünf Millionen Becquerel pro Liter. Ein AKW darf mit Tritium belastetes Wasser nur ablassen, wenn die Radioaktivität 60.000 Becquerel pro Liter beträgt. Wie schädlich Tritium mit einer Halbwertszeit von 12,3 Jahren für den Menschen ist, ist umstritten. Die vom Zerfall ausgehende Beta-Strahlung ist relativ "weich", d.h. die kinetische Energie wird von Widerstand wie Wasser schnell gestoppt. Sie kann die Haut nicht durchdringen und gilt deswegen als wenig riskant. Wenn die Tritium-Strahlung aber eingeatmet oder über den Mund aufgenommen wird, kann sie gefährlich werden, zumal sie im Körper, d.h. in allen Organen, gespeichert werden kann. Daher könnte Tritium, sollte es in großen Mengen ins Meer gelangen, über Fische oder anderes Meeresgetier in den Körper von Menschen gelangen.

Jetzt also gibt es eine Kapazität zum Speichern in den Tanks für 1,13 Millionen Tonnen, dabei sind aber 1,07 Millionen bereits gefüllt. Es wird also eng. Eigentlich müsste die Menge bis Ende des Jahres auf 1,37 Millionen ansteigen, wie Yomiuri Shimbun berichtet. Das wird kaum mehr zu bewerkstelligen sein, darüber hinaus schon gar nicht mehr. Nach einem Bericht des Industrieministeriums ist, wenig verwunderlich, die schnellste und billigste Methode, das kontaminierte Wasser ins Meer einzuleiten. Andere mögliche Methoden wie Verdampfung, Entsorgung nach Elektrolyse, Verbringung unter die Erde oder Einpumpen in geologische Schichten sind sehr viel aufwendiger und unerprobt für solch gewaltige Mengen.

Weil man also am liebsten das Wasser ins Meer leiten will, wurde vom Industrieministerium 2016 ein Expertenausschuss eingerichtet, der sich darum kümmern sollte, wie man schädliche Desinformationen bekämpfen könnte, also die Menschen dazu bekehren könnte, Bedenken beiseite zu stellen. So finden also politische Beeinflussungsoperationen, mit denen angeblich Desinformation oder Fake News mitsamt ihren Quellen zugunsten der "Wahrheit" bekämpft werden sollen, auch Eingang in die Atom- und Umweltpolitik zur Durchsetzung von Interessen.

Letzte Woche traf sich der Ausschuss zum achten Mal, bei dem weiterhin verschiedene Ansichten diskutiert wurden. Es geht also auch hier nicht weiter. Um dennoch etwas zu machen, soll eine öffentliche Anhörung in der Fukushima-Präfektur und an anderen Orten veranstaltet werden, um die Meinung der Bürger über die Entsorgung zu hören.

Währenddessen wurde bekannt, dass die NRA 80 Prozent der 3000 Messstellen für Radioaktivität in der Fukushima-Präfektur, die nach der Katastrophe in Schulen, Kindergärten und andere Stellen installiert wurden, bis 2020 entfernen will. Als Grund wird angegeben, dass in vielen Gegenden die Werte gefallen seien oder sich stabilisiert hätten. Auch die Kosten dürften eine Rolle gespielt haben. Bislang haben sie fast 4000 Mal nicht richtig funktioniert, was jährlich viel Geld verschlingt. Bei den Bürgern stößt der Plan durchaus auf Kritik. Der Verdacht besteht, dass nicht nur Kosten gesenkt werden sollen, zumindest können die Menschen so nicht mehr erkennen, wie hoch ihr Gesundheitsrisiko ist.

Die Einwohner von Nihonmatsu sind hingegen nicht angetan, zu Versuchskaninchen für die Entsorgung radioaktiven Materials zu werden. Das Umweltministerium plant, radioaktiv belasteten Boden für den Bau von Straßen zu verwenden. Angefangen werden sollte in Nihonmatsu. Die Idee ist, 500 Kubikmeter kontaminierter Erde unter einer Straße auf einem Teilstück von 200 m in einer Tiefe ab 50 cm zu vergraben und mit Erde zu bedecken, um die Radioaktivität einzuschließen. Angesichts der Proteste dürfte das Ministerium aber zögern, die Pläne umzusetzen.

Ähnlich wie beim kontaminierten Wasser ist auch das Problem der kontaminierten Erde, die man aus den Dörfern und Städten abgetragen und in Plastiksäcken gelagert hat, ungelöst. Immerhin handelt es sich auch hier um große Mengen. 22 Millionen Kubikmeter Erde wurden eingesammelt. Dabei ist die Erde im Unterschied zum Wasser nicht "gefiltert", sondern enthält etwa auch Cäsium. Das Ministerium will Erde, die maximal 8000 Becquerel pro Kilogramm abstrahlt, für Bauprojekte im ganzen Land verwenden. Für Straßen sollen nur Böden verwendet werden, die mit 1000 Becquerel pro Kilogramm belastet sind. Dass Messstationen abgebaut werden sollen, könnte auch mit den Plänen zusammenhängen, endlich die belastete Erde loszuwerden. (Florian Rötzer)

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