Fully embedded

Kriegsberichterstattung mit Tradition

Militärische Informationsmanager haben den Typus des "embedded correspondend" geschaffen, der bei den Einheiten an der Front ist Live-Bilder vom Krieg liefert. Dies soll die Offenheit des Militärs gegenüber der Presse demonstrieren. Die verwegenen Reporter sind in den letzten Tagen selbst oft ins Zentrum des Interesses der Öffentlichkeit geraten. Dabei ist das Konzept so alt wie die Kriegsfotografie selbst.

Vor einer Woche noch sahen die Prognosen für Tony Blairs politische Karriere düster aus. Das hat sich geändert. 54 % der Briten unterstützen laut Umfragen inzwischen den Kriegskurs der Regierung. Das hat Carsten Schmiester in einem Radiobeitrag des SWR3 am Nachmittag des sechsten Kriegstages berichtet. Als Hauptursache wurde die Live-Berichterstattung der "embedded correspondends" ausgemacht. Im Radiointerview schilderten Jugendliche, wie sie täglich gebannt die spannenden Bilder im Fernsehen verfolgen. In einer Pressekonferenz am Dienstag sprach der Premierminister selbst von den direkten Eindrücken des Krieges, die die Real-Time-Bilder vermittelten. Er scheint sich demnach, im Gegensatz zum amerikanischen Präsidenten, Nachrichten selbst anzuschauen. Die Briten hat das TV-Fieber erfasst. Satellitenschüsseln verkaufen sich derzeit im Vereinigten Königreich blendend.

Die "embedded correspondends" sind ein genialer Schachzug militärischer Informationsmanager. Sie scheinen damit eine gänzlich neue Art der Berichterstattung erfunden zu haben. Dabei markiert genau diese Art der Bildberichterstattung den Beginn der professionellen Kriegsphotographie.

Roger Fenton: William H. Russel, 1855

1854 tobte auf der Krim der Krieg der britisch-französischen Alliierten gegen die Russen. Das Jahr sah absurde Schlachten, wie die von Balaclava, in der die britische "Heavy Cavallery" eine taktische Meisterleistung vollbrachte, jedoch nicht weit davon entfernt ihre Kameraden von der berittenen "Light Brigade" eines der peinlichsten Desaster des gesamten 19ten Jahrhunderts ablieferten. Im wesentlichen waren die Fronten jedoch verhärtet: Der Krimkrieg war der erste Stellungskrieg. Es kamen mehr Soldaten durch die Cholera um, als bei Kämpfen. Berichtet wurde über den Krieg vor allem in der "Times", deren Berichte europaweit für die absolute Wahrheit gehalten wurden (der russische Zar sagte einmal, er bräuchte auf der Krim bei den Alliierten keine Spione, schließlich habe er ja "The Times"). Kriegsberichterstatter der "Times" war William Howard Russell.

Russell kann als Archetyp des Kriegsreporters angesehen werden: über alle Maßen selbstbewusst und selbstgerecht, arrogant, das raue Leben liebend. Aber er lieferte keine Propaganda. Er geißelte die britische Kriegsführung als inkompetent und brachte immer wieder sowohl das Oberkommando, als auch die Regierung und das Königshaus in Rage. Beim aufgebrachten Königshaus entstand schließlich eine Idee. Zehn Jahre zuvor, 1844, hatte Henry Fox Talbot, der Erfinder des fotografischen Positiv-Negativ-Verfahrens, seinen Arbeiten theoretisches Fundament durch die Einleitung zu seinem Bildband "The Pencil of Nature" gegeben: Bei der Fotografie führe die Natur den Zeichenstift, nicht der Maler. Somit sei die Fotografie automatisch wahr und frei von menschlicher Subjektivität. Die Idee des Königshauses war nun, "den Zeichenstift der Natur" gegen die Berichte Russells ins Feld zu führen.

Den Auftrag erhielt Roger Fenton, erster Hoffotograf Queen Victorias und dem Königshaus treu ergeben. Er war ein guter Handwerker, der die aufwändige und umständliche Fotografie mit den damals üblichen nassen Glasplatten beherrschte. Er bereitete sich gewissenhaft vor und reiste Anfang 1855 für einige Monate auf die Krim. Prinz Albert erteilte ihm den Rat, keine "dead bodies" abzulichten. Das tat Fenton selbstverständlich auch nicht. Mit seiner Einstellung hätte er sich heutzutage sicherlich mühelos an die rund 50 Regeln gehalten, die seine Nachfahren als "embedded correspondends" befolgen müssen (Tote dürfen sie übrigens zeigen - allerdings erst mit mindestens 72 Stunden Verspätung).

Roger Fenton: "The Valley of the Shadows of Death", 1855

Fentons Schlachtfelder sind leer, Soldaten posieren in herausgeputzten Uniformen, heruntergekommene Verbandsplätze zeigt er ebenfalls nicht. Die Stelle, an der sich im Vorjahr die "Light Brigade" in eine Position manövriert hatte, in der sie durch russische Artillerie gleich von drei Seiten zusammengeschossen werden konnte, fotografierte Fenton als "The Valley of the Shadows of Death". Ein Bild, in das jeder Heldenhaftes hineinprojizieren kann.

Fenton kehrte, selbst an Cholera erkrankt, mit 390 belichteten Platten zurück nach England. Seine Auftraggeber waren zufrieden mit der Motivausbeute. Die Bilder konnten leider nicht so schnell verbreitet werden, wie schon wenige Jahrzehnte später möglich war (sie konnten z.B. nicht direkt in einer Zeitung gedruckt werden). Zudem zeichnete sich im Krieg inzwischen eine Niederlage Russlands ab. An der Heimatfront kam der Propagandafeldzug der Bilder deshalb nicht zustande.

Fully embedded? - Robert Capa, 1943

Kriegsberichterstatter scheinen nicht selten der Faszination des Militärischen zu erliegen. Zumindest der Attraktivität martialischer Verhaltensweisen (so wie Russell). "Verwegene Gestalten, von Soldaten kaum zu unterscheiden" (Carsten Schmiester). Robert Capa fasste einmal zusammen, ein Kriegsfotograf habe nicht das langweilige Leben eines Soldaten. Er könne immer an den Teil der Front gehen, an dem etwas los sei. Außerdem könne ein Reporter viel mehr Frauen haben, als ein Soldat.

Capa hat mit diesen Stilelementen jedoch auch ganz gezielt gespielt, um sich ein Image zu geben. Seine Arbeiten hingegen lassen nicht erkennen, dass er Intentionen des Militärs gefolgt wäre. Direkt nach der Befreiung der Franzosen dokumentierte er beispielsweise ausführlich die Demütigung zweier französischer Frauen, Mutter und Tochter, die kahlgeschoren durch ihr Heimatdorf getrieben wurden. Die Tochter hatte ein Verhältnis mit einem Deutschen gehabt.

Nicht jedem "embedded correspondend" im Irak gelingt die Distanzwahrung. Bei BBC war zu sehen, wie ein BBC-Reporter mit Fallschirmjägern unterwegs war, und er sagte: "We'll soon be arriving at our target." Hat er denn dasselbe Ziel wie die Soldaten? Sein deutsches Pendant bei N24 schilderte die Schwierigkeiten beim Vormarsch auf Bagdad. Dass die Soldaten und er wenig Schlaf fänden. Und wie wichtig die Fußpflege sei, wenn man den ganzen Tag in den Stiefeln stecke. Gemeinsame Erfahrung schweißt zusammen. Die Schere im Kopf wird dabei automatisch geschärft.

Auch andere Wahrnehmungen funktionieren nach demselben Schema, wie schon seit Jahrzehnten. Capa hatte eine Technik entwickelt, die er mit "slightly out of focus" umschrieb. Er stellte absichtlich etwas unscharf ein und benutzte Verwacklungen, um seine Bilder dramatischer und authentischer erscheinen zu lassen. Dieser Trick funktioniert auch heute noch (siehe Bild oben). Dank digitaler Kompression, die gerne grobe Pixel und Tonwerttrennungen erzeugt, sogar im wahrsten Sinne des Wortes berechenbar. (Christian Gapp)