Fußball-WM: Stehen wir durch, notfalls mit der Eistonne

Bild: Kreml/CC BY-SA-4.0

Moskau vor dem Anpfiff: Kirche predigt Kasteiung, FIFA flötet warme Worte, Mertesacker rät zum Kaltbaden und ein Dresdner Professor orakelt passgenau einen Quoten-Dämpfer

Auf digitalen Uhren rund um den Roten Platz tickt der WM-Countdown. Infostände am Rand des hehren Platzes und in der zentralen Einkaufsstraße Twerskaja sind noch verwaist. Die FIFA zeigt Flagge vor dem Bolschoi-Theater. Russische Medien berichten erst noch zögerlich, vor allem über die eigene Mannschaft. Aber so oder so: Der Anpfiff kommt.

Derweil ruft die russisch-orthodoxe Kirche fromm-fröhlich zum Alkoholverzicht während der WM auf: Dies fördere eine entspannte, positive und heitere Atmosphäre. Letzteres muss man (leider) aus Erfahrung in Frage ziehen, aber die klerikale Absicht ist wohl ehrenhaft, wenngleich die hier präsentierte Arbeitsteilung zwischen Staat und Kirche fraglich bleibt. Jedenfalls zitiert die Nachrichtenagentur Interfax den Pastoralrat der Diözese Wjatka, Andrej Lebedew, sinngemäß: Die Fans sollen dem Sport den Vorrang geben und die Tage der WM ohne Wodka verbringen.

Wladimir Putin nimmt derweil am FIFA-Kongress in Moskau teil. Wieso auch nicht? Der Kreml-Chef wird ja auch heute beim WM-Auftaktspiel des Gastgeberlandes gegen Saudi-Arabien im Moskauer Luschniki-Stadion erwartet. Es sind schließlich seine Spiele. Im Moskauer Expocenter wurde Putin am Mittwoch von den FIFA-Delegierten mit Standing Ovations empfangen. FIFA-Boss Infantino dankt dem Freund aus dem Kreml "von ganzem Herzen". Warme Worte in kalten Zeiten wie diesen.

Vor der Landung mit der Sondermaschine LH 2018 hatten Deutschlands Bundestrainer Löw und seine 23 WM-Spieler am Dienstagnachmittag nach zweieinhalb Stunden Flugzeit schon einen Blick auf Moskaus tristes Umland mit seinen Hochhäusern und Bevölkerungsdepots werfen können. Eindrücke, die sie in ihr luxuriöses WM-Hauptquartier mitnehmen können. Im Gepäck außer dem obligatorischen Siegeswillen: Zwölf Tonnen Ausrüstung, darunter 160 Paar Schuhe, 60 Fußbälle und 26 Sätze Trikots.

Der mit angereiste teutonische Team-Internist Tim Meyer gibt sich auch ganz entspannt. Im KStA-Interview (Sport, 13.6.2018) erklärt er über das Turnier in Russland: "Es gibt dort nicht übermäßig viele Moskitos, das Klima und die Höhe sind unproblematisch, die Zeitumstellung gering."

Gut findet Meyer auch die von Per Mertesacker berühmt gewordene Eistonne: Da gibt’s nach dem Spiel zwölf Grad kaltes Wasser zum Eintauchen. Das soll Stress abbauen und die Spieler regenerieren. Wissenschaftlich ist das Verfahren jedoch nicht unumstritten.

Mathematiker aus Dresden haben derweil die Mitte Juli bevorstehende Endrunde 100.000 Mal durchgerechnet. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit eines deutschen Sieges liegt bei gerade mal elf Prozent. Als Grundlage fungierte dem Team um René Schilling, Professor für Wahrscheinlichkeits-Theorie am Institut für Mathematische Stochastik der TU Dresden, die Torquote der 32 Teams aus der WM-Qualifikation.

Schilling: "Damit ist Deutschland zwar der Favorit, doch Portugal und Brasilien auf den Plätzen zwei und drei sind ganz dicht dahinter." Auch die unterschiedliche Qualität der Gegner und die Weltrangliste wurden berücksichtigt.

Wissenschaftskollegen der Uni Innsbruck kamen nach einem anderen Rechenmodell allerdings zu dem noch tristeren Ergebnis, dass Brasilien vorne liegt: Es werde mit einer Wahrscheinlichkeit von 16,6 Prozent den Titel vor Deutschland (15,8%) gewinnen. Danach kommen Spanien (12,5 Prozent) und Frankreich (12,1 Prozent).

Also dann: Für den Notfall halten wir doch lieber ein Fläschelchen bereit.

(Arno Kleinebeckel)

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