Gasfunde im östlichen Mittelmeerraum: Wohlstandsträume mit Konfliktpotential

Der östliche Mittelmeerraum: Ausschließliche Wirtschaftszonen, bereits bekannte Erdgasfelder, Militärstützpunkte der USA, Großbritanniens und Russlands. Karte: Bernd Schröder/ QGIS

Erdgasprofiteure in spe, neue Allianzen, explosive Zukunftsaussichten - Teil 2

Zyprisch-ägyptischer Gasrausch und neo-osmanische Regungen in der Türkei

Die Erdgasfunde im östlichen Mittelmeerraum (Teil 1: Die ostmediterrane Gasbonanza) sind im Begriff, die geopolitische Landschaft der Region tiefgreifend zu verändern. Ein zunehmend gefährlicher werdender Konfliktherd schwelt vor der Küste Zyperns. Obwohl die dortige Offshore-Industrie noch keine Förderung vorweisen kann, gab es in letzter Zeit verstärkte Aktivitäten, die die Erschließung der Gasreserven voranbringen sollen. Bisher wurden zwei große Erdgasfelder gefunden: Aphrodite (2011 entdeckt, 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Feld vermutet) und Calypso (2018 entdeckt, 170 Milliarden Kubikmeter Erdgas).

Die Türkei, die nur die nordtürkisch-zyprische Regierung anerkennt und keine diplomatischen Beziehungen zur international anerkannten zyprischen Regierung unterhält, behauptet, dass ein Teil des zyprischen Offshore-Gebiets der Gerichtsbarkeit türkischer Zyprer oder der Türkei untersteht und dringt darauf, dass alle Inselbewohner etwas von den neu entdeckten Gaslagerstätten haben sollten - einschließlich der türkischen Zyprioten im Norden der Insel.

Zu diesem Zweck verhinderten türkische Kriegsschiffe im Februar 2018 Erkundungsbohrungen des italienischen Mineralölkonzerns Eni. Die Europäische Union hatte umgehend ihre Solidarität mit Zypern bekundet - die EU hatte mit dem Beitritt Zyperns 2004 auch den Konflikt auf der Insel geerbt. Versuche zu dessen Beilegung sind bisher stets gescheitert.

Die US-Amerikaner von ExxonMobil gaben Anfang Oktober 2018 bekannt, ungeachtet der Querelen mit der Türkei noch in diesem Quartal mit Öl- und Gasbohrungen vor der Küste Zyperns zu beginnen. Die Türkei hat wiederholt davor gewarnt.

Ankaras Furor beschränkt sich nicht auf Zypern. Im gleichen Zeitraum geriet auch Ägypten in den türkischen Bannstrahl. Denn das Zusammenrücken beider Länder wird in der Türkei mit Unwillen beobachtet. Die Türken scheinen fest entschlossen, Ägyptens Anspruch als Energiedrehscheibe der Region anzufechten. Kairo hatte erst kürzlich eröffnet, an der geplanten East Med-Pipeline nach Europa mitwirken zu wollen.

Die Türkei erklärte im Februar 2018 eine die Erkundung in der Region möglich machende Übereinkunft über den Grenzverlauf zwischen Ägypten und Zypern für "null und nichtig". Kairo sieht darin eine Einmischung in die wirtschaftlichen Interessen Ägyptens im östlichen Mittelmeerraum. Die Türkei wiederum erkennt im Vertragswerk eine "Verletzung des türkischen Festlandsockels".

Ägypten und Zypern haben derweilen ihre beiderseitige Zusammenarbeit intensiviert - mit Unterstützung Griechenlands. Die Griechen versprechen sich davon wirtschaftliche Vorteile, außerdem wollen sie so ihre Rolle als Gegenpol zur Türkei in der Region ausbauen. Jährliche trilaterale Gipfel finden bereits seit 2014 statt. Währenddessen schaukeln sich auch die Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland immer weiter hoch. Erst im Oktober 2018 hatte die türkische Kriegsmarine ein griechisches Kriegsschiff abgedrängt, das einem türkischen Erkundungsschiff zu nahe gekommen war.

Der Beginn der ägyptischen Gaskooperation mit Zypern geht auf das Jahr 2012 zurück. Eine Vereinbarung vom September 2018 sieht die Verlegung einer Unterwasserpipeline für den Gasexport von Zypern nach Ägypten vor, damit das Gas dort verflüssigt und anschließend nach Europa exportiert werden kann - ein kostspieliger Plan.

Die Türkei sucht unterdessen angestrengt nach eigenen Gasquellen. Der türkische Gasverbrauch stieg im letzten Jahrzehnt um 50% an - im Jahr 2017 lag er bei 51,7 Milliarden Kubikmetern. Mangels eigener Energievorkommen importiert Ankara den größten Teil seines Gases aus Nachbarländern - vor allem aus Russland, Aserbaidschan und dem Iran. Und die Türken sehen sich als Bindeglied zwischen Europa und dem Nahen Osten geografisch gut positioniert - die Diversifizierungspolitik der EU hat aufgrund der angespannten Beziehungen zu Russland die Ambitionen am Bosporus weiter beflügelt. Nach Bluestream entsteht mit Turkstream gegenwärtig die zweite Pipeline, die russisches Erdgas durchs Schwarze Meer in die Türkei bringen soll, ohne dabei ein Drittland zu passieren. Und im Juni 2018 wurde die Transanatolische Pipeline eingeweiht, die als Teil des Südlichen Gaskorridors vor allem Erdgas aus Aserbaidschans größtem Gasfelds Schah Denis nach Europa heranführen soll.

PIONEERING SPIRIT, der weltweit größte und leistungsfähigste Rohrleger. Das Schiff kommt beim Verlegen der Turkstream-Pipeline im Schwarzen Meer zum Einsatz. Bild: kees torn - Bumblebee & Pioneering Spirit/CC BY-SA 2.0

Auf Konfrontationskurs: Neue Allianzen, zunehmende Spannungen

Israel hatte zunächst eine Unterwasserpipeline in Richtung Türkei und Europäischer Union in Erwägung gezogen, doch Ankaras anhaltende Unterstützung der Hamas ist für die Israelis ein Problem. Die Bekanntgabe des Umzugs der US-Botschaft nach Jerusalem und das Wiederaufleben der Unruhen in Gaza haben zu noch größeren Spannungen in der Region geführt, die der langfristigen Stabilität des Erdgasgeschäfts abträglich sind.

Daher sucht Israel andere mögliche Exportwege nach Europa. Die Staatschefs Israels, Zyperns und Griechenlands hatten sich im Mai 2018 in Nikosia getroffen, um das Projekt einer Pipeline zu besprechen, die von ihren drei Ländern in die EU führen und dabei die Türkei umgehen würde. Mit 2.200 km wäre die East Med-Pipeline die längste Unterwasser-Gastrasse der Welt.

Die Baukosten von geschätzten 7 Milliarden US-Dollar standen bisher einer Verwirklichung im Wege. Doch mit jedem neuen Erdgasfund in der Levante rückt die Umsetzung nun ein Stück näher. Und die einst frostigen Beziehungen Israels zu Griechenland und Zypern haben sich in den vergangenen Jahren merklich verbessert. Das schlägt sich auch in einer Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit dieser drei Länder nieder.

Die wiederholten Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, nicht zusehen zu wollen, wie die Türkei bei der Erschließung der Reichtümer des östlichen Mittelmeers außen vor bleibt, haben bereits eine weitere Macht auf den Plan gerufen: die USA.

Die Vereinigten Staaten verbaten sich erst im Oktober 2018 jegliche Einmischung der Türkei in die zyprischen Anstrengungen zur Erschließung der Gasfelder vor der Küste. Gleichzeitig fahren die USA ihr militärisches Engagement in der Region mit neuen Militärstützpunkten in Griechenland und Israel hoch. Was sich damit abzeichnet, ist eine inoffizielle Blockbildung innerhalb des westlichen Verteidigungsbündnisses, bei der das NATO-Mitglied Türkei ausgesondert wird - all das in einer Zeit, in der die Zukunft des Bündnisses und die Europas in den Sternen steht.

Unterdessen zeigt sich Ankara unbeeindruckt von der zyprischen Ablehnung türkischer Ansprüche und den Signalen aus Washington. Am 31. Oktober 2018 wurde bekannt, dass das türkische Bohrschiff FATIH die Erkundung vor Antalya aufgenommen hat. Zyperns Reaktion kam prompt: Man könne sich eine Zusammenarbeit mit den Türken bei der Ausbeutung von Öl und Gas aus dem Boden des Mittelmeers vorstellen, aber nur nach einer Wiedervereinigung des Inselstaats.

"Unabhängigere" Erdgasversorgung Europas?

Der US-amerikanische Öl-Lobbyist Amos Hochstein hatte in seiner Funktion als Staatssekretär für Energieressourcen in der Regierung Obama 2017 in einem Interview mit France 24 die Mission der Vereinigten Staaten betont, Europa unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu machen. Nachdem sich die Russen nun anschicken, das Ukraine-Problem mit neuen Pipelines zu umgehen, promoten die US-Amerikaner den Aufbau einer Versorgung Europas aus dem östlichen Mittelmeer.

Doch diese Pläne könnten sich binnen kurzer Zeit als Fata Morgana herausstellen. Es gibt Zweifel, ob die vor Ort förderbaren Gasmengen tatsächlich so gewaltig sind, dass sich ihr Export lohnen würde. 2012 - da war mit Leviathan die bisher größte Lagerstätte Israels bereits gefunden - hatten führende israelische Wissenschaftler angesichts des prognostizierten Binnenverbrauchs vor solchen Plänen gewarnt. Selbst wenn Israel sich dafür entscheide, kein Gas zu exportieren, wären die Offshore-Reserven bis zum Jahr 2055 vollständig erschöpft.

Beobachter sind davon überzeugt, dass mit den Exportplänen vor allem die Privatinteressen wohlhabender US-amerikanischer und nicht-israelischer Investoren bedient werden sollen, die weit mehr zu gewinnen hätten als etwa die Israelis oder die Ägypter.

Zwischen Kronkolonie-Erbe und "Limassolgrad": Britische und russische Einflüsse auf Zypern

Und weitere Mächte haben Interessen in der Region. Zum Beispiel Großbritannien, das in deutlich stärkerem Maße von Erdgas-Importen aus dem Nahen Osten abhängig ist, als das etwa bei Erdöl der Fall ist, Tendenz: weiter zunehmend. Die Hälfte des britischen Erdgas-Bedarfs muss bereits jetzt importiert werden, wobei fast ein Drittel aus Katar stammt.

Doch hier es geht nicht nur um die Erdgasversorgung der Zukunft. Ehemalige Kabinettsminister, hochrangige Außenpolitik-Berater und Diplomaten hatten das Außenministerium 2017 in einem Report davor gewarnt, sich in den externen Angelegenheiten zu sehr auf den US-Präsidenten zu verlassen. Stattdessen wird angesichts des verblassenden britischen Einflusses und des anberaumten Brexits ein vollständiges Überdenken des eigenen Vorgehens und das Schmieden neuer Allianzen in der Golfregion gefordert.

Großbritannien hat gegenwärtig rund 3.500 Militärangehörige in den britischen Hoheitsgebieten von Akrotiri und Dekelia sowie in "zurückbehaltenen Gebieten" auf Zypern stationiert, die sich nun inmitten der anwachsenden Spannungen zwischen Erdgasprofiteuren in spe wiederfinden. Die militärische Präsenz auf der Insel - ein Überbleibsel der britischen Kolonialherrschaft - sollte ursprünglich die strategische Position am östlichen Rand des Mittelmeers erhalten sowie als Stützpunkt für Streitkräfte dienen, die im Bedarfsfall in den Nahen Osten oder nach Asien verlegt werden. Die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Zypern und Großbritannien gelten als gut. Sie sind von einer Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen geprägt, unter anderem auch auf dem Energiesektor. Bis zu 80.000 Briten sollen heute auf der Insel leben.

Dementsprechend ablehnend fiel die Reaktion aus, als 2015 bekannt wurde, dass Zypern der russischen Marine die Nutzung von Häfen zugesagt hatte. Britische Abgeordnete empfanden die Vereinbarung als "besorgniserregend und enttäuschend".

Als Teil des Deals hatte Moskau die Umstrukturierung des im Jahr 2011 gewährten Rettungsdarlehens in Höhe von 2,5 Milliarden Euro versprochen. Auch Russland unterhält gute Beziehungen zu Zypern. Der Inselstaat beherbergt Ableger großer russischer Banken, wie VTB oder Gazprombank. Zypern ist offiziell der größte ausländische Investor für die russische Wirtschaft. Bei den meisten Direktinvestitionen aus Zypern handelt es sich jedoch um russisches Kapital, das hier aus steuerlichen oder rechtlichen Gründen zwischengeparkt wurde. Zypern ist darüber hinaus eins der beliebtesten Ziele russischer Touristen oder Auswanderer, die beispielsweise gerne nach Limassol kommen, im Volksmund nun auch "Limassolgrad" genannt.

Im Oktober 2017 hatten die Präsidenten beider Länder, Nikos Anastasiades und Wladimir Putin, eine Intensivierung der Zusammenarbeit beschlossen. Die russische Seite versicherte im September 2018, trotz ihrer gemeinsamen Interessen mit der Türkei auch weiterhin gute Beziehungen zu Zypern pflegen zu wollen. Aufgrund der beiderseitigen Kontakte sieht sich Moskau zudem in der Lage, zwischen Zypern und der Türkei vermittelnd wirken zu können.

Erneuter Anlauf in Griechenland

Die Griechen importieren momentan fast ihren gesamten Bedarf an Erdöl und Erdgas und fördern nur Kleinmengen aus eigenen Vorkommen. 2017 wurden hier anderthalb Mal mehr Olivenöl als Rohöl produziert, bei einer Rohölförderung von rund 3.100 Fass pro Tag.

Dabei liegt das größte Onshore-Ölfeld Kontinental-Europas - Russland ausgenommen - ganz in der Nähe der Insel Korfu: das albanische Patos-Marinza-Ölfeld, das schon 1928 entdeckt worden war. Aufgrund der Nachbarschaft werden bedeutende Erdöl- und Erdgas-Lagerstätten vor der Insel vermutet. Die Gegend könnte nun zu einem Hauptschauplatz eines griechischen Offshore-Booms werden. Die Höffigkeit vor Griechenland ist dabei noch weitgehend unbekannt. Seit 2005 wurden hier keine Erkundungsbohrungen mehr durchgeführt, weil die Investoren lieber anderswo suchten.

Frühere Ministerpräsidenten Griechenlands, allen voran Antonis Samaras im Jahr 2012, hatten in der Bevölkerung immer wieder Erwartungen geweckt, indem sie laut vom künftigen "Norwegen des Mittelmeers" oder über den Wert der eventuell zu hebenden Energieträgerschätze nachdachten. Doch statt Milliarden von Dollar, die der erhoffte Segen in die Staatskasse spülen sollte, sahen sich die Griechen mit immer weitergehenden Sparmaßnahmen konfrontiert, während die Bohrpläne wieder in den Schubladen der Prospektoren verschwanden - nun könnten sie wieder aktuell werden.

Denn mittlerweile nimmt Griechenland einen neuen Anlauf zu Erkundungen in den eigenen Territorialgewässern. Mit im Boot: große Konzerne wie Total, ExxonMobil und Repsol, außerdem die griechischen Unternehmen Hellenic Petroleum und Energean Oil & Gas.

Mit der internationalen Ausschreibungsrunde von 2014 hatte Total eine Lizenz im Westen Korfus erworben, während Hellenic Petroleum nördlich davon operiert. Darüber hinaus ist die spanische Repsol 2017 in die Energean-Onshore-Erkundungsblöcke von Ioannina und Ätolien-Akarnanien eingestiegen und hat die Leitung der Projekte vor Ort übernommen.

Die Küste vor Kreta stößt ebenfalls auf großes Interesse, das sich vor allem aus den Erwartungen aufgrund der Entwicklungen im östlichen Mittelmeerraum speist. Total und ExxonMobil wollen Testbohrungen vor der Insel niederbringen, doch noch ist nicht vorherzusehen, ob diese auch Erfolg haben werden: insbesondere die tieferen Stellen vor den Küsten Griechenlands gelten als weitestgehend unergründetes Neuland.

Prinos-D-Förderplattform mit Penrod 58-Hubinsel, 1982. Die Ölförderung in der Nordägäis hatte ein Jahr zuvor begonnen. In unmittelbarer Nähe befindet sich die Erdgaslagerstätte Kavala-Süd. Bedeutende Erdgasvorkommen werden heute vor allem im Ionischen Meer erwartet. Bild: thintruman/CC BY-SA 2.0

Am 21. August 2018 hatte der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras seinen Landsleuten in einer Jubelrede die frohe Kunde vom vermeintlichen Ende des Bailout-Programms überbracht. Nur einen Tag später war der größte Teil von Athen von einem stundenlangen Stromausfall betroffen. Kurz darauf blieben beliebte Touristeninseln ohne Strom und Wasser.

Dem Land, von dem EU-Offizielle sagen, dass es nun wieder ein "normales" sei, zerbröckelt nach acht Jahren Troika-Spardiktat die Infrastruktur, wobei Stromausfälle eher noch eine Lappalie sind, gemessen am deutlichen Anstieg von Not und Armut, den das Programm über weite Teile der griechischen Bevölkerung gebracht hat.

Und das Programm ist nicht wirklich zu Ende, denn viele der Sparmaßnahmen, die Griechenland in drei aufeinanderfolgenden Rettungspaketen übergestülpt bekam, werden in den kommenden Jahrzehnten weiterlaufen.

Das betrifft das Vorantreiben von Arbeits- und Marktreformen, die externe Kontrolle von Staatshaushalt und gewährten Sozialleistungen, mehr Zwangsversteigerungen - sowie die Fortsetzung der Privatisierung öffentlicher Vermögenswerte. Damit sind auch Privatisierungen auf dem Energiesektor gemeint. So soll die Tsipras-Regierung Hellenic Petroleum privatisieren - genauso wie den größten nationalen Gaskonzern DEPA und den Energieversorger PPC. (Bernd Schröder)