Gebautes Berlingefühl

So stellen sich die Architekten das künftige Kreativdorf vor. Im Hintergrund das Gründerzentrum Eckwerk. Grafik aus Holmarkt-Konzeptbroschüre

Der "Holzmarkt" ist derzeit sicher das ungewöhnlichste Berliner Bauprojekt. Am Friedrichshainer Spreeufer wollen ehemalige Clubbetreiber ihre eigene Idee von Stadt verwirklichen

"Tage außerhalb der Zeit", so lautete der Titel eines Films über die Bar 25, die von 2004 bis 2010 zu den angesagtesten Techno-Clubs der Hauptstadt gehörte und Partygänger aus aller Welt anzog. Man feierte hier nicht in düsterem Ambiente wie in manch anderem Etablissement, sondern direkt am Ufer der Spree unter lauschigen Bäumen, in einer aus Resteholz zusammengezimmerten, märchenhaften Szenerie. Nach einem durchfeierten Wochenende in der "Exzess-Enklave" (Die ZEIT) kehrte man dann wieder zum Ernst des Lebens zurück.

Der Ernst des Lebens hat nun auch die einstigen Clubbetreiber eingeholt - und sie haben es selbst so gewollt: Nach einem zweijährigen Intermezzo mit dem Nachfolge-Club Kater Holzig, angesiedelt in einer ruinösen ehemaligen Seifenfabrik auf dem gegenüberliegenden Spreeufer, gelang es ihnen im Oktober 2012 überraschend, ihr früheres Gelände an der Holzmarktstraße - und noch deutlich mehr, insgesamt über 18.000 qm - käuflich zu erwerben. Entstehen soll dort nun ein selbstverwaltetes Öko-Kreativdorf mit angeschlossenem Club, Restaurant, Hotel und Gründerzentrum. Das Ganze soll sich auch betriebswirtschaftlich rechnen, obwohl die Initiatoren Christoph Klenzendorf und Juval Dieziger versichern, dass der Profit nicht im Vordergrund stehe. Nicht nur sie selbst, auch Berlin soll von dem Projekt profitieren.

Früher hieß es, wir stecken unsere Einnahmen in Konfetti, jetzt wollen wir das meiste erwirtschaftete Geld in ein Projekt stecken, das auch die Stadt voranbringt.

Christoph Klenzendorf, Holzmarkt eG, im Interview mit der WELT, 19.10.2012

Dass auch Partys nicht gänzlich ohne Organisation und Struktur auskommen, galt natürlich schon für die Bar 25, wie die Zeit im Mai 2012 befand: "Das Leben hinter der Feierwall ist, wenig überraschend, eben nicht immer nur Party, Party, Party … auch ein Hippietechnoferiendorf ist eben vor allem ein Dorf." Beim Holzmarkt-Projekt gibt es allerdings ungleich höhere Fixkosten als bei den Vorgängern, denn die Erbpachtzahlungen für das Grundstück müssen von den "Business-Hippies" (Christoph Klenzendorf) ebenso erwirtschaftet werden wie die Investitionen in die geplante Bebauung des Geländes.

Ein Blick zurück in die Zeit der Jahrtausendwende: Ursprünglich hatte die Berliner Stadtplanung ganz andere Pläne mit den großenteils brachliegenden Ufern der südöstlichen Spree, wo zu DDR-Zeiten die Mauer zwischen Friedrichshain und Kreuzberg verlief. Ein Rest der früheren (Hinterland-) Mauer ist erhalten und gehört mittlerweile als East Side Gallery zu den touristischen Hotspots der Hauptstadt. Damalige Planungen sahen vor, dass längs beider Spreeufer, über die knapp vier Kilometer von der Jannowitz- bis zur Elsenbrücke, das Projekt "Mediaspree" entstehen sollte.

Die Ruinen ehemaliger Fabriken und Lagerhäuser sollten saniert und die Brachen mit futuristischer Büroarchitektur aus Stahl und Glas gefüllt werden. Vor allem Medienunternehmen sollten sich dort ansiedeln und Berlin zur internationalen Medienhauptstadt machen. Zu den ersten einschlägigen Ansiedelungen gehörten Universal Music (2002) und MTV (2004) im ehemaligen Osthafen, östlich der Oberbaumbrücke.

Dort, wo nun das Holzmarktquartier im Entstehen ist, war ein Komplex aus sechs zwischen 36 und 82 m hohen Bürogebäuden namens Spreeurban und Spreesinus vorgesehen. Doch bald schon geriet die Mediaspree-Entwicklung ins Stocken, zum einen mangels bereitwilliger Investoren, zum anderen wegen zunehmenden Widerstands aus der Bevölkerung, die einen 50 Meter breiten, öffentlich zugänglichen Uferbereich und einen Verzicht auf Hochhäuser forderte.

Im Jahr 2008 initiierte die Bürgerinitiative "Mediaspree versenken" schließlich einen kommunalen Bürgerentscheid mit der Forderung "Spreeufer für alle", bei dem sich eine Mehrheit von 87 Prozent (allerdings bei geringer Beteiligung) gegen die bisherige, investorengesteuerte Stadtentwicklung aussprach.

Vor diesem Hintergrund kann man es als Zeichen verstehen, dass es nun, salopp ausgedrückt, einer Gruppe von Freaks gelungen ist, der Immobilienbranche ein Grundstück in bester Wasserlage vor der Nase wegzuschnappen. Dabei haben die Holzmarkt-Initiatoren keinerlei Sonderkonditionen von Seiten der Berliner Politik erhalten, sondern in einem regulären Bieterverfahren schlichtweg das höchste Gebot abgegeben. Mehr als zehn Millionen Euro sollen den Besitzer gewechselt haben, Genaueres ist nicht bekannt. Wenn die Verwaltung mitgeholfen hat, dann allenfalls mit informellen Hinweisen zu den anderen Geboten, aber auch dies kann man nur vermuten. Käufer war die Schweizer Pensionskasse Stiftung Abendrot, die das Grundstück dem Holzmarkt-Projekt für 99 Jahre in Erbpacht zur Verfügung stellt.

Impressionen aus der Holzmarkt-Pampa. Auf der anderen Spreeseite sind die drei Wohngebäude der Spreefeld-Genossenschaft zu sehen. Bilder: Reinhard Huschke

Um sofort Einnahmen für die Bezahlung der Erbpacht und die anstehenden Investitionen zu generieren, wurden im Stil der ehemaligen Bar 25 Bretterbuden aus Restholz gezimmert, um das Gelände provisorisch zu bespielen. Es gibt inzwischen wieder einen Club, ein Restaurant und die sogenannte Pampa, ein bunt möbliertes Freigelände mit Strandbar, Verkaufsbuden, Spielplatz und Hochbeeten für den Gemüseanbau.

Sukzessive sollen die provisorischen Strukturen durch solide Architektur abgelöst werden, wobei auch bei der endgültigen Bebauung viel Platz für Improvisiertes vorgesehen ist. Als Grundstruktur des ein- bis maximal fünfstöckigen Künstlerdorfs sind Hallen aus Beton geplant, auf und neben denen sich Holzmodule für wechselnde Nutzungen gruppieren sollen: "Alle Teile sollen einem stetigen Wandel unterliegen. Räume, Bauten und Konfigurationen ändern sich ständig - das Quartier erfindet sich permanent neu", heißt es in der Konzeptbroschüre.

Die Entscheidung, wer was wann wo darf, verbleibt jedoch bei der das Projekt tragenden Genossenschaft, die sich als "Quartiersmanager" sieht: "Die Holzmarkt-Genossenschaft übernimmt die Verantwortung, den richtigen Nutzer-Mix für ein lebendiges und funktionierendes Dorf zu finden."

Visualisierung des geplanten Gründerzentrums "Eckwerk". Mit den auf dem Dach produzierten Lebensmitteln soll im Restaurant gekocht werden. Grafiken: GRAFT Architekten

Da die geplanten Dorfstrukturen in der Flächenausnutzung weit hinter den Möglichkeiten des ursprünglichen Bebauungsplans zurückbleiben und deshalb auch mögliche Mieteinnahmen niedriger ausfallen, gibt es kommerzielle Projekte zur Kompensation. Dazu gehören das Eckwerk - ein zehn- bis zwölfgeschossiges Gründerzentrum mit Studentenwohnungen sowie Fischzucht und Gemüseanbau auf dem Dach -, ein Restaurant, eine Whisky-Bar und ein Hotel. Im Dorf selbst bleibt genügend Freiraum für einen öffentlichen Park, denn der Holzmarkt soll, im Unterschied zu seinen Vorgängern, keine Enklave mit Türsteher mehr sein.

Der Devise "Spreeufer für alle" folgend sieht das Konzept vor, dass mindestens die Hälfte des Geländes frei zugänglich bleibt. Die Umsetzung aller Planungen soll etappenweise bis ins Jahr 2017 erfolgen.

"Mitten in Berlin entsteht eine der spannendsten und spektakulärsten Immobilien unserer Zeit. Eine völlig neue Dimension des Lebens und Wohnens." Mit dieser Werbeprosa werden nicht etwa Investoren für das Holzmarkt-Projekt gesucht, sondern sozusagen für dessen Gegenmodell: Mitten im Uferstreifen hinter der Eastside Gallery, nur einen Kilometer vom Holzmarkt entfernt, entsteht gegenwärtig ein 13-stöckiges, luxuriöses Wohnhochhaus, entworfen vom Büro des russisch-deutschen Architekten Sergei Tchoban. Für die Baustelleneinrichtung mussten sogar einige Elemente der East Side Gallery versetzt werden, was für öffentliche Debatten und Demonstrationen sorgte. Direkt nebenan ist noch ein Hotel geplant.

Östlich der Schillingbrücke hat sich an der ursprünglichen, umstrittenen Planung von "Mediaspree" wenig geändert. Bilder: Reinhard Huschke

Hier, am Friedrichshainer Uferabschnitt zwischen Schilling- und Oberbaumbrücke, wird Mediaspree in seiner ursprünglichen Gestalt doch noch Wirklichkeit (auch wenn die Zahl der geplanten Hochhäuser reduziert wurde). Auf der dem Wohnturm gegenüber liegenden Straßenseite dreht sich seit Mitte letzten Jahres der Mercedes-Stern über der neuen Daimler-Vertriebszentrale, daneben entstehen Appartmentblöcke für deren Mitarbeiter. Etwas weiter östlich steht schon einige Jahre länger die Veranstaltungshalle o2-Arena. Weitere großvolumige Neubauten, darunter ein Einkaufszentrum, sollen in den kommenden Jahren die noch freien Flächen rund um die Halle füllen.

Wesentlich bunter geht es westlich der Schillingbrücke zu. Hier gibt es nicht nur das Holzmarkt-Projekt, sondern auch den Kulturtempel Radialsystem V, der sich 2006 neben der damaligen Bar 25 in einem umgenutzten Abwasserpumpwerk ansiedelte. Am gegenüberliegenden, zum Bezirk Mitte gehörenden Ufer wurde kürzlich das genossenschaftliche Wohnprojekt Spreefeld fertiggestellt. Direkt dahinter befindet sich das Deutsche Architektur Zentrum (DAZ).

Spreeaufwärts sollen (entsprechende Einsicht der Investoren bzw. Durchsetzungswillen des Senats vorausgesetzt) weitere kulturelle Angebote Platz finden, zum Beispiel in der ehemaligen Eisfabrik. Auf der anderen Seite des Spreefelds, wo bis Januar 2014 der Club Kater Holzig gastierte, kam hingegen ein Investor zum Zuge, der die alte Seifenfabrik gegenwärtig zu hochpreisigen Loftwohnungen umbaut.

Alternativ- und Investorenprojekte Seite an Seite - was auf den ersten Blick als kritischer sozialer oder kultureller Gegensatz erscheinen mag, wird im Alltag, wie vielerorts in Berlin, einigermaßen friedlich koexistieren. Sicher wird man die wohlhabenden Nachbarn hin und wieder im Holzmarkt-Restaurant oder in der Whisky-Bar antreffen, wo sie sich als Teil der Berliner Szene fühlen können. Werden die Holzmarktaktivisten also nur "die schrullige Nachbarschaft für betuchte Loftbewohner" sein, wie die taz in einem bösen (allerdings wohl nicht ganz ernst gemeinten) Artikel schrieb? Oder gelingt es ihnen, dem Lebensgefühl, das mit dem Provisorium der Bar 25 verbundenen war, ein dauerhaftes Zuhause zu geben und für Berlin den versprochenen Mehrwert zu schaffen? Das Experiment läuft.

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