Gebremster Ölboom an der Wiege der Menschheit

Neue Förderländer in spe: Wie Uganda und Kenia mit den Besonderheiten des Ölgeschäfts in Ostafrika umgehen

Vor kurzem noch galt Ostafrika als Heimstatt eines neuen Ölbooms auf dem Kontinent. Der hatte seinen Anfang in Uganda genommen, in dessen Landesinneren 2006 die größte Entdeckung in Afrika seit Jahrzehnten gemacht wurde. Weitere Funde folgten, wie 2012 in Kenias Nordwesten, im Turkana County.

Damals lag der Rohölpreis jenseits der Marke von 100 US-Dollar pro Barrel, und es wurden bereits Pläne für ein neues regionales Pipeline-Netz geschmiedet, das die Ölfelder vom Südsudan über Ostafrika mit der Küste verbinden sollte.

Die Bilanz nach etwas mehr als einem Jahrzehnt nach den neuen großen Ölfunden in Ostafrika ist angesichts der damaligen Euphorie eher ernüchternd: die Akteure taten sich bisher schwer, eine regionale Pipeline zu bauen, das Öl von Uganda und Kenia blieb bisher fast genauso soweit entfernt von den internationalen Märkten wie vor seiner Entdeckung.

Beobachtern zufolge liegt das zum einen an zunehmenden regionalpolitischen Einflüssen und Sicherheitsrisiken, die die Entwicklung der Ölindustrie ausbremsen. Zum anderen und vermutlich noch gewichtiger lastet der starke Rückgang der Rohölpreise seit Ende 2014 auf der Szenerie.

Uganda: Eine Öl-Zukunft in Zeitlupe

In Ugandas Boden sollen Schätzungen zufolge 6,5 Milliarden Barrel Öl schlummern - die größten Vorkommen Schwarzafrikas, gleich nach Nigeria, Angola und dem Südsudan. Rund ein Drittel davon soll bei Anlegen gegenwärtiger Maßstäbe wirtschaftlich förderbar sein. Dass Öl in der Gegend des Albert-Grabens spontan zutage tritt, wurde bereits seit Jahrzehnten beobachtet. Die Abgelegenheit der Region sorgte jedoch dafür, dass sich das Interesse der Ölbranche zunächst in Grenzen hielt. Zwei junge Unternehmen, Hardman Resources und Heritage Oil, begannen dann Ende der 1990er Jahre mit seismischen Erkundungen und Anfang 2000 mit Bohrungen am östlichen Ufer des Albertsees. Im Juni 2006 stieß Hardman Resources in Partnerschaft mit der britisch-irischen Tullow Oil auf Mputa-1, den ersten großen Ölfund in der Geschichte Ugandas. Weitere bedeutende Funde folgten.

Förderlizenzen wurden bisher an drei große Unternehmen ausgegeben: Total, Tullow Oil und die China National Offshore Oil Corporation. Ab 2020 soll gefördert werden - Uganda möchte dann der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) beitreten. Eine leichte Erholung des Ölpreises ab Mitte 2017 hatte zu einer vorsichtigen Wiederbelebung des Interesses geführt, es war von Investitionen in Höhe von 15 - 20 Milliarden US-Dollar die Rede. So sind beispielsweise Oranto Petroleum aus Nigeria und Armour Energy aus Australien über gemeinsame Förderverträge mit Uganda ins Ölgeschäft am Albertsee eingestiegen. Weltbank-Prognosen, dass das Öl bei Erreichen der vollen Förderleistung Jahreseinkünfte von mehr als zwei Milliarden US-Dollar einspielen könnte und die Aussicht, dass diese einströmenden Petrodollars die Staatseinnahmen nahezu verdoppeln würden, hatten die ugandische Regierung ermuntert, Kredite in Milliardenhöhe aufzunehmen, unter anderem, um ehrgeizige Wasserkraft- und andere Infrastrukturprojekte zu finanzieren - oder Waffen. Den Weltbank-Prognosen lagen jedoch Ölpreise von 75 US-Dollar pro Barrel zugrunde - eine Fehlkalkulation, die zu Unruhen im Land führen könnte. Ugandas Staatsschulden belaufen sich momentan auf rund 40 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts. Das Land hatte zuvor mehrere Schulden-Umstrukturierungsprogramme durchlaufen.

Präsident Yoweri Musevenis rigorose Förderlizenzverhandlungen mit internationalen Ölfirmen haben Uganda zwar vorteilhafte finanzielle Bedingungen beschert, doch in den Augen von Kritikern hat gerade das die Ölförderung um mehrere Jahre verschleppt. Eine Reihe von Streitigkeiten über die Besteuerung von Kapitalerträgen vor Gerichten in Uganda und London haben zu weiteren Verzögerungen geführt. Weitere Posten auf der Infrastruktur-Liste, die im Zeitplan hinterherhinken: eine Export-Pipeline und eine Raffinerie. Beide sollen nun in den nächsten Jahren in Betrieb gehen.

Erste Raffinerie in Uganda

Im Jahr 2006, als in Uganda kommerzielle Ölreserven entdeckt wurden, verfügte die gesamte ostafrikanische Region nur über eine in Betrieb befindliche Raffinerie in Mombasa, Kenia. Ihre Verarbeitungskapazität von 70.000 Barrel pro Tag war jedoch nur zur Hälfte ausgelastet - zumindest an den Tagen, an denen die Anlage ohne Probleme arbeitete. Dies führte zu Unsicherheiten in der Versorgung und hohen Importkosten in der Region, insbesondere in Uganda.

Neue Ölfelder und Pipeline-Vorhaben in Ostafrika. Bild: Bernd Schröder, Karte: QGIS

2008 wurde deshalb der Bau einer Raffinerie am Albertsee beschlossen, in Kabaale Township, im Hoima District. Eine Machbarkeitsstudie legte eine Verarbeitungskapazität von 60.000 Barrel pro Tag nahe, mit der Möglichkeit zur stufenweisen Aufstockung auf 180.000 Barrel pro Tag. Die Suche nach Investoren gestaltete sich schwierig. Interessenten aus aller Welt gaben sich die Klinke in die Hand, nur um dann wieder auszusteigen. So hatten beispielsweise 2016 Gespräche mit einem chinesischen Konsortium begonnen, die im Jahr darauf scheiterten, als der Hauptauftragnehmer in spe, die China Petroleum Engineering & Construction Corporation (CPECC), aus den Verhandlungen ausstieg. Andere Konsortien unter russischer und südkoreanischer Schirmherrschaft hatten bereits in vorangegangenen Bieter-Runden das Handtuch geworfen.

Im April 2018 schließlich vergab Uganda den 4-Milliarden-US-Dollar-Auftrag Auftrag an das Albertine Graben Refinery Consortium, das von General Electric aus den USA und JK Minerals aus Südafrika angeführt wird. Allein General Electric werden nach Fertigstellung der Anlage 50 Prozent der Anteile gehören. Der französische Ölkonzern Total will mit 10 Prozent einsteigen.

Kenia: Ölreichtum im ärmsten Teil des Landes

In Kenia wurden in der Phase des Rückgangs der weltweiten Ölpreise kleinere Erfolge bei der Erkundung erzielt. Im kenianischen Abschnitt des Ostafrikanischen Grabens wurden größere Ölmengen entdeckt, auch wenn die Erschließung eher allmählich vonstatten ging. Nach Schätzungen des Ölförderers Tullow Oil belaufen sich die geschätzten Ölvorkommen im südlichen Lokichar-Becken im Turkana County auf mittlerweile 750 Millionen Barrel. Royal Dutch Shell war hier 1992 erstmals auf Öl gestoßen, jedoch nur auf kleinere Mengen, die zunächst als nicht kommerziell verwertbar galten. 2012 erbohrte Tullow Oil mit Ngamia-1 den ersten großen Fund, mit ähnliche Eigenschaften wie das in Uganda entdeckte leichte, wachshaltige Rohöl mit geringem Schwefelgehalt. Weitere Funde folgten, eine Förderung lohnt sich nun kommerziell. Neben Tullow Oil sind heute Africa Oil und Maersk Oil and Gas in Kenias Onshore-Öl tätig, das als kostengünstig gilt.

Doch es gibt Probleme. Denn das nun ölreiche Turkana County wurde von Nairobi jahrzehntelang vernachlässigt. Das Gebiet, das als eine Wiege der Menschheit gilt, ist die ärmste Gegend Kenias und macht heute vor allem Schlagzeilen als Schauplatz für organisierten Viehdiebstahl. Hier, wo Archäologen unter anderem die ältesten Beweise für gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Gruppen von Jägern und Sammlern im frühen Holozän entdeckt haben, ringen heute Lokalpolitiker um die Kontrolle der neu entdeckten Ressourcen, was unweigerlich zu Konflikten mit den Ölkonzernen und der Landesregierung in Nairobi führt. So transportiert Tullow Oil im Rahmen eines Öl-Pilotprogramms gefördertes Öl per Tanklaster über den Landweg zur Küste nach Mombasa, bis eine Pipeline diese Arbeit übernehmen kann. Das Unternehmen will so wenigstens einen Teil seiner Investitionskosten amortisieren. Streitigkeiten über Politik, Sicherheit und Anteile an der Nutzung der Ressourcen haben diese Transporte letzten Sommer zum Erliegen gebracht, nachdem Tullow Oil angesichts fortgesetzter Behinderungen den Stecker gezogen hatte (https://oilprice.com/Energy/Energy-General/Tullow-Shutters-Oil-Operations-Deals-Severe-Blow-To-Kenyan-Oil-Industry.html ). Auf diesem Wege sollten zwei Jahre lang 2.000 Barrel Öl täglich nach Mombasa gebracht werden.

Pipeline-Poker in Ostafrika

Neben den innen- und sicherheitspolitischen Herausforderungen in den ostafrikanischen Ländern haben sich die regionalen Beziehungen in den letzten Jahren zu einem komplexen Risiko für die Ölindustrie entwickelt. Wenn das vom Meer abgeschnittene Uganda jemals seine Ölressourcen zu Geld machen und seine steigenden Schulden zur Finanzierung großer Infrastrukturprojekte zurückzahlen will, muss es eine Pipeline-Route entweder durch das benachbarte Tansania oder durch Kenia aushandeln. Die Planer haben dabei eine stoffliche Besonderheit des zu befördernden Rohöls zu berücksichtigen: aufgrund seines relativ hohen Gehalts an mineralischen Wachsen muss das Öl ständig auf einer Temperatur von über 40 Grad Celsius gehalten werden, um ein Auskristallisieren der Paraffine zu vermeiden. Dass heißt, die Pipeline muss beheizt werden - hier, in Äquatornähe.

Bei den Verhandlungen zum Verlauf der Pipeline geht es nicht nur um das Finden der kostengünstigsten Lösung - die Gespräche sind darüber hinaus von langjährigen regionalen Rivalitäten geprägt. In Uganda gibt man sich skeptisch, sowohl wegen einer übermäßigen Abhängigkeit von Kenia als wichtigstem Handelsweg zu den internationalen Märkten, als auch hinsichtlich der Fähigkeiten des Nachbarn, einen schnellen Ausbau, günstige Tarife und die Sicherheit einer über 5 Milliarden US-Dollar teuren Pipeline nach Lamu durch den unruhigen Norden Kenias zu gewährleisten. Die kenianische Regierung ihrerseits hat sich bisher trotz Kosten- und Sicherheitsvorteilen gesträubt, eine zentraler gelegene Pipeline-Route von den Ölfeldern Ugandas nach Mombasa in Betracht zu ziehen.

Aufgrund dieser Unwägbarkeiten favorisiert Uganda nun eine Zusammenarbeit mit Tansania. Denn zwei Pipelines anstelle einer gelten für die Region als zu kostspielig. Zunächst hatte es noch so ausgesehen, als würde die Pipeline von Hoima in Uganda nach Lamu am Indischen Ozean favorisiert, auch Ruanda wollte sich daran beteiligen. Doch 2016 gaben Uganda und Tansania überraschend den Bau einer konkurrierenden Pipeline bekannt. Es wird vermutet, dass Kenia nun den Pipeline-Abschnitt zwischen den Ölgebieten von Turkana County bis nach Lamu mit den vor Ort operierenden Förderern im Alleingang fertigstellen wird.

Die Tansania-Route ist für Uganda keine völlig sorgenfreie Lösung, doch sie hat Vorteile. Mit einem geschätzten Preis von 3,5 Milliarden US-Dollar hat das 1.443 km lange Pipeline-Projekt, das am Albertsee beginnt und Tansania auf dem Weg zum Hafen von Tanga durchquert, einen realistischeren Zeitplan, gepaart mit geringeren Sicherheitsrisiken. Nach Fertigstellung und Erreichen der vollen Leistung in der Ölförderung sollen dann täglich über 200.000 Barrel Öl Richtung Tanga fließen. Der Aufbau der nötigen Infrastruktur für die Zwischenspeicherung und den Export im Hafenbereich gehört ebenso zum Projekt. Tansania ist darüber hinaus im Begriff, zu einem regionalen Drehkreuz für Gaslieferungen zu werden.

In Afrika erhöhen unklare Verläufe und die Durchlässigkeit von Grenzen derweil das Risiko für die vor Ort tätigen Erdölunternehmen. Die Demokratische Republik Kongo protestiert bereits gegen Öl-Erkundungen Ugandas an der Grenze zum Albertsee. Am Horn von Afrika widersetzt sich Somalia Kenias Drang hin zum Indischen Ozean. In Westafrika haben Ghana und die Elfenbeinküste ähnliche Probleme vor internationale Schiedsgerichte gebracht. Die Umsetzung internationaler Schlichtungen bei Streitigkeiten zwischen Nigeria und Kamerun sowie das Vorankommen der Offshore-Initiative von Nigeria und São Tomé und Príncipe für die gemeinsame Erschließung der Bucht von Bonny werden wichtige Präzedenzfälle bei der Lösung von Grenzstreitigkeiten sein. In Ostafrika und darüber hinaus wird die Regionalpolitik zunehmend an Bedeutung gewinnen. (Bernd Schröder)

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