Gedankenleser und Bewusstseins-Zombies

Forscher können mithilfe eines Hirnscans vorhersagen, ob jemand ein simples Spiel gewinnen oder verlieren wird

Die Neurowissenschaft und ihre Instrumente liefern seit einiger Zeit eine Flut neuer Bilder über den Zusammenhang von bewusst und unbewusst gesteuerten Handlungen. Was aber tatsächlich neue Erkenntnisse sind und welche Schlussfolgerungen auf die Konstitution des Menschen daraus gezogen werden können, ist umstritten.

Das neueste Beispiel liefern Forscher von der Washington Universität in St. Louis, USA. Sie setzten Probanden vor ein simples Computerspiel, bei dem sie entscheiden sollten, wo ein Feld von Punkten auf dem Monitor voraussichtlich erscheinen wird. Elf Sekunden bevor dieses Feld erschien, gab man ihnen mit einem kleinen Pfeil einen Tipp, wo das voraussichtlich sein wird. Gleich nach dem Tipp, aber bevor dem Erscheinen des Feldes, untersuchten die Forscher die Gehirnaktivität der Testpersonen per Kernspintomographie. Aus den Mustern der Aktivität konnten sie vorhersagen, ob die Probanden den Tipp benutzt hatten und kurz darauf das Punktfeld, das nur eine fünftel Sekunde lange zu sehen war, erwischten.

Ayelet Sapir, einer der Autoren der Studie, die in den Proceedings of the National Academy of the Sciences (Brain signals for spatial attention predict performance in a motion discrimination task; PNAS 2005 102: 17810-17815) erschienen ist, sagt: „Schon bevor wir die Aufgabe stellen, können wir die Gehirnaktivität dazu nutzen, mit 70 Prozent Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, ob die Testperson eine richtige oder falsche Antwort geben wird.“ Ist Verhalten vorhersehbar? Die Studie von Sapir schließt an unterschiedlichste Versuche an, den Entscheidungsstrukturen des Menschens auf die Schliche zu kommen.

Willensfreiheit in Frage gestellt

Seit nunmehr zwei Jahrzehnten erregen die Anfang der 80er Jahre durchgeführten Experimente des Neurobiologen Benjamin Libet die Gemüter. Die Erkenntnis von Libet und seinen Kollegen, die in neueren Experimenten bestätigt wurden: Die Entscheidung zu einer einfachen Handlung wie einer Handbewegung wird schon auf unbewusster Ebene gefällt – und zwar bevor man sich bewusst dazu entschließt. In der Sprache der Hirnforscher ausgedrückt: Die subcorticalen Zentren können die Kortex-Aktivität bei Handlungen bestimmen, die der Mensch als selbstbestimmt erlebt. Sind wir, so oft der schnelle Schluss aus diesen Experimenten, nur Diener in uns ablaufender chemischer Prozesse? Und ist damit auch unsere Willensfreiheit ad absurdum geführt?

Einer der Verfechter der notwendigen Überarbeitung der Willensfreiheit ist Gerhard Roth, Professor für Neurobiologie an der Universität Bremen und Autor zahlreicher Bücher zum Thema. Er ist sich sicher, „dass das bewusst Ich bei all seiner funktionalen Wichtigkeit keinen entscheidenden, sondern nur einen beratenden Einfluss auf diejenigen Handlungen ausübt, die es als selbstveranlasst empfindet.“ Laut dem Hirnforscher Wolf Singer hätten wir während des Ablaufs von Prozessen im Hirn zwar das „Gefühl, dass wir es sind, die diese Prozesse kontrollieren. Dies ist aber mit den deterministischen Gesetzen, die in der dinglichen Welt herrschen, nicht kompatibel.“

In einem viel beachteten Manifest gingen 11 führende Neurowissenschaftler, darunter auch Roth und Singer, im letzten Jahr noch weiter. Sie behaupteten der Lösung der großen Fragen nach dem Wesen und Entstehen von „Bewusstsein“, dem „Ich“ und der „Willensfreiheit“ auf der Spur zu sein.

In absehbarer Zeit, also in den nächsten 20 bis 30 Jahren, wird die Hirnforschung den Zusammenhang zwischen neuroelektrischen und neurochemischen Prozessen einerseits und perzeptiven, kognitiven, psychischen und motorischen Leistungen andererseits soweit erklären können, dass Voraussagen über diese Zusammenhänge in beiden Richtungen mit einem hohen Wahrscheinlichkeitsgrad möglich sind. Dies bedeutet, dass man widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen wird, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen.

Aus dem Manifest

Die philosophische Gemeinde brüllt bei solchen Sätzen genauso laut auf wie die psychologische Riege, mindestens aus zwei Gründen. Zum einen droht hier ein seit Jahrhunderten gesichertes Hoheitsgebiet an eine junge Disziplin überzugehen (von den Forschungsgeldern mal ganz zu schweigen), zum anderen wirft man den Hirnforschern vor, Begriffe falsch zu definieren, Kategorien zu vertauschen oder schlichtweg Unsinn zu erzählen. Seither quält sich die Diskussion durch die Mühlen der Wissenschaft.

Schnell ist man nur bei der Ermittlung der hinter dem Problem der Willensfreiheit stehenden, uralten Frage: Wie hängen körperliche und geistige Vorgänge zusammen? Ein Beispiel: Eisiger Wind auf der Haut, die Neuronen feuern, das Subjekt empfindet und denkt „hui, kalt“. Es gibt nun mindestens drei Möglichkeiten: Ist die Aktivität der Neuronen und unsere Gefühl ein und dasselbe? Oder entsteht das bewusste Gefühl zusätzlich zu der Neuronenaktivität? Oder ist das eine falsche Frage? Das ist die Formulierung des klassischen Leib-Seele-Problems, neu aufgelegt durch die Hirnforscher.

Kompatibilitäten oder Paradoxien?

Geantwortet haben die Philosophen mit ihrem üblichen Rüstzeug: Dualismus, Monismus, Identitätstheorie. Modern zur Zeit: Kompatibilität. Michael Pauen beispielsweise, Professor für Philosophie, sieht keinen Grund darin unsere Selbstbestimmung über Bord gehen zu sehen, nur weil Wertvorstellungen und Überzeugungen, die sich im Leben angesammelt haben, (auch) neuronal realisiert sind. Zentrale Persönlichkeitsmerkmale, so sein Ansatz, müssen nicht unbedingt bewusst wirken, um die Handlungen als selbstbestimmt zu beurteilen. Er sieht in den Experimenten von Libet und seinen Kollegen keine Widerlegung der Selbstbestimmung des Menschen. Nebenbei hat auch Libet das nie behauptet. Pauens Ansatz beruht auf der Annahme, dass Freiheit und Determinismus miteinander verträglich sind, mehr noch, Freiheit sogar bestimmte deterministische Zusammenhänge voraussetzt.

Noch härter gehen Psychiater wie Klaus Dörner und Henning Sass, der Philosoph und Präsident der Leibniz Gesellschaft, Herbert Hörz, und der Physiker Hans-Jürgen Treder mit den Prämissen der Neurowissenschaftler ins Gericht. Ihrer Ansicht nach ist der Leib-Geist-Dualismus ein Scheinproblem, das geradewegs aus der Ur-Aporie menschlichen Denkens resultiert, „nämlich dem Postulieren eines agierenden ICHs in Gegenüberstellung zur Welt als der Summe als Nicht-ICHs“. Diese Doppelköpfigkeit des Menschen sei naturgegeben und sogar überlebensnotwendig, nur dürfe man halt nicht so tun, als ob sie für die Experimente der Hirnforschung nicht gelte.

Bertrand Russel hat die Unmöglichkeit des Denkens in diesem Gegensatz enthüllt und in die mathematische Formulierung gebracht: „Gibt es eine Klasse, die sich selbst als Element enthält?“ Damit betritt man den Bereich der Paradoxien, ein Gräuel der Logiker. Eine der klassischen Paradoxien ist beispielsweise: Kann ein allmächtiger Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann? Oder auch die Geschichte vom Barbier, der alle Männer in der Stadt rasiert, die sich nicht selbst rasieren. Bleibt die Frage wie er seine Stoppeln angeht. Auf diese Fragen gibt es keine korrekte Antwort, man hängt in einer Falle. Damit haben allerdings nur verbohrte westliche Denker ein Problem, östliche (Nicht-) Denkkulturen haben diesen Widerspruch für sich fruchtbar gemacht. Denn ein Bewusstsein vom Bewusstsein haben wir halt nur in unserem Bewusstsein. Aber jede Verallgemeinerung ist gefährlich, selbst diese – und deshalb sollte man an dieser Stelle aufhören zu denken.

Dass objektiv gemessene, chemo-elektrische Impulse nichts über den subjektiven Geschmack von Vanilleeise aussagen, dies ist natürlich auch dem Neurobiologen Roth klar. Er spricht von der „Neutralität des neuronalen Codes“ und der Paradoxie, dass im Gehirn keine Farben, Töne oder Gedanken entdeckt werden können, sondern ausschließlich aktive oder inaktive Nervenzellen. Aber diese Bewirken aus seiner Sicht eben erst geistige Aktivität.

Für Roth und die anderen Hirnforscher, die die Welt aus der Perspektive des Gehirns aus interpretieren, liegt es trotz der Ur-Aporie des Leib-Geist-Problems auf der Hand, dass die beiden Bereiche in einem noch näher zu erforschenden Verhältnis der Wechselwirkung stehen. Philosophen wie Hörz und seine Kollegen beharren dagegen darauf, dass subjektive Erlebnisphänomene und objektive Hirnphysiologie strikt auseinander zu halten sind. Sie seien, so ihr Standpunkt, weder aufeinander rückführbar noch stünden sie in „irgendeinem Wechselwirkungsverhältnis“.

BlinderFleck in der Selbstbeschreibung

Noch steht nicht einmal fest, ob der Streit um die richtige Deutung der Zusammenhänge von Gehirn und Geist überhaupt entschieden werden kann oder ob schon unser Begriffsinstrumentarium ungeeignet ist. Auch welche Rolle dabei das Phänomen, dass jede Beschreibung von uns selbst immer einen blinden Fleck hat, nämlich den Teil, der sich nicht selbst erkennen kann, weil er Teil von sich selbst ist, ist unklar. Der freie Wille aber, verstanden als Nichtvorhersagbarkeit seiner Entscheidungen, scheint nicht so schnell zur Disposition zu stehen, wie das einzelne Forscher vermutet hatten.

Experimente wie die von Libet und jetzt an der Washington Universität durchgeführten spielen mit isolierten, simplen Teilaspekten von Verhalten, ohne deren Geschichte zu berücksichtigen. Es ist fraglich, ob hier überhaupt Begriffe wie „Willensbildung“ greifen. Und ob man die komplexen, vielleicht sogar chaotisch getroffenen Entscheidungen von Menschen in wichtigen Momenten vorhersagen kann, dies wird die Zukunft zeigen müssen.

Auch die materialistisch geprägten Unterzeichner des Hirn-Manifests sind da skeptisch: „Eine 'vollständige' Erklärung der Arbeit des menschlichen Gehirns, das heißt eine durchgängige Entschlüsselung auf der zellulären oder gar molekularen Ebene“ würde nicht erreicht werden können. „Insbesondere wird eine vollständige Beschreibung des individuellen Gehirns und damit eine Vorhersage über das Verhalten einer bestimmten Person nur höchst eingeschränkt gelingen.“ (Jörg Auf dem Hövel)