Gedankenverschmelzung ist real

Bei gelungener Kommunikation ist die Gehirnaktivität des Sprechers mit der des Zuhörers in Zeit und Raum gekoppelt

"Mein Geist zu deinem Geist. Meine Gedanken zu deinen Gedanken.": Mit diesen Worten leiten im Star-Trek-Universum Mr. Spock oder andere Vulkanier eine so genannte Gedankenverschmelzung ein. Dazu legen sie noch je einen Finger auf Schläfe, Wange und Kinn des betreffenden Wesens - falls diese anatomischen Merkmale zu identifizieren sind, denn auch mit Walen oder ehemaligen Raumsonden, so die Geschichte, sind solche Geistes-Kopplungen angeblich möglich.

Wie sich nun zeigt, lagen die Erfinder der Science-Fiction-Serie gar nicht so weit ab von der Realität. Mit den beiden Sätzen des Gedankenverschmelzungs-Rituals können auch Menschen einen Ritus einleiten, der sich schlicht Kommunikation nennt. Überraschend ist allerdings, wie weit die Gehirne der Beteiligten dabei synchron arbeiten. Auf die Spur dieses Phänomens führen drei Forscher der amerikanischen Princeton University in einem Paper in den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS); der Artikel ist im Volltext online verfügbar.

Grundsätzlich beruht der Vorgang der Kommunikation bekanntermaßen darauf, dass sich mindestens zwei Teilnehmer zur selben Zeit mit derselben Tätigkeit befassen, dem Informationsaustausch. Je nach aktuellem Modus sind dabei zwei Rollen zu besetzen - die des Sprechers und die des Zuhörers. Die US-Forscher haben nun mit der Methode der funktionalen Magnetresonanz untersucht, was sich währenddessen in den Gehirnen der Gesprächspartner tut. Das erwies sich zunächst als technisch gar nicht trivial: Die lauten Geräusche des Magnetresonanztomografen erschweren Sprach-Kommunikation ungemein. Da man nun schlecht zwei Personen gleichzeitig im selben Messgerät unterbringen kann, hat man zuerst die Hirnaktivität eines Sprechers gemessen, der seine Lebensgeschichte dem Tonband erzählte - mit der ausdrücklichen Anweisung, so zu berichten, als gelte die Geschichte einem Freund.

Anschließend ließ man einen Zuhörer die komplette Geschichte verfolgen, zeichnete dabei die Gehirnaktivität auf und ließ den Zuhörer zudem per Fragebogen vom Grad seines Verstehens berichten. Die Idee der Forscher: Die Gehirne der Kommunikationspartner müssten genau dann zeitlich synchronisiert erscheinen, wenn der Sprecher für die Sprachproduktion sein Verständniszentrum nutzt - und der Zuhörer für das Verstehen sein Sprachzentrum. Allerdings sollte die Aktivierung dabei mit gewisser Verzögerung erfolgen: Wenn die Sprache beim Zuhörer ankommt, geht dem ja schon ein gewisser Prozess beim Sprecher voraus. Wenn allerdings der Zuhörer versucht, einen Teil der Kommunikation vorherzuahnen, sollte seine Aktivität der des Sprechers vorangehen. Schließlich sollte auch noch der Grad der Kopplung über den Erfolg der Kommunikation Auskunft geben.

Tatsächlich zeigte sich im Experiment, dass die Vermutungen der Forscher zutreffen. Die Gehirnaktivität von Sprecher und Zuhörer ist im vermuteten Ausmaß gekoppelt - und auf die Kommunikation selbst zurückzuführen. Wenn etwa eine russischsprachige Testperson einem Amerikaner aus ihrem Leben erzählte, stellte sich die "Gedankenverschmelzung" nicht ein, obwohl der Sprecher noch immer versuchte, Informationen zu übermitteln. Andererseits war die Verschränkung der Geister umso deutlicher feststellbar, je höher die Zuhörer den Grad ihres Verstehens einschätzten. Im Prinzip könnte man so auf recht objektive Weise etwa den Erfolg eines Lehrers bei seinen Schülern messen. Dass die sich im Unterricht nicht auf die faule Haut legen sollten, darauf macht ein weiteres Ergebnis aufmerksam: Das Verstehen war nämlich umso besser, je stärker die Gehirnaktivität des Zuhörers war.

Auch die vermutete "Verspätung" bei den Zuhörern war im Experiment festzustellen. Sie dient den Forschern auch noch dazu, eine methodologische Schwäche der Arbeit auszuschließen: Es könnte ja sein, dass ein Anschein von Kopplung entsteht, weil der Sprecher automatisch zum Zuhörer seiner eigenen Stimme wird. Interessant ist aber, dass in einzelnen Hirnarealen durchaus der Zuhörer dem Sprecher auch voraus sein kann: Während der Kommunikation stellt der Hörer etwa dauernd darüber Vermutungen an, wie sich der Prozess wohl fortsetzt. (Matthias Gräbner)

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