Gedenkmärsche zum 9. Mai 1945 in Moskau, Kiew und Odessa

Sammeln zum Marsch in der Metro-Station Belorusskaja. Foto: Ulrich Heyden

Millionen Menschen nahmen in Russland am 9. Mai an Gedenkmärschen zum Sieg über Hitler-Deutschland teil - in Charkow, Kiew und Odessa versuchten ukrainische Nationalisten zu stören

Nach Angaben des russischen Innenministeriums beteiligten sich in ganz Russland 7,8 Millionen Menschen an den Märschen Unsterbliches Regiment. In Moskau kamen ganze Familien zu dem Gedenkmarsch. Man zog am Weißrussischen Bahnhof vorbei, über den Roten Platz bis zur U-Bahn Station Tretjakowskaja. Die Menschen trugen selbstgefertigte, große Fotos ihrer Angehörigen, die im Zweiten Weltkrieg (in Russland genannt "Großer Vaterländischer Krieg") gegen Hitler-Deutschland gekämpft haben. Viele trugen die grünen Piloten-Käppchen mit dem roten Stern oder waren gleich ganz in der grünen Kluft der sowjetischen Front-Soldaten erschienen. Auf dem Roten Platz reihte sich auch Wladimir Putin mit dem Bild seines Vaters in den Zug ein.

Die Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Immer wieder brandete ein langgezogenes "Hurraaaa!" durch die Menge. Obwohl ich schon seit 1992 in Moskau lebe, fand ich es erstaunlich, mit welcher Ausgelassenheit bei Kälte und Regenwetter der Sieg von 1945 gefeiert wird.

Je näher der Zug dem Kreml kam, desto häufiger wurden die Hurra-Rufe. Der Rote Platz hat für Russen eine ganze besondere Aura. Auf das Pflaster des Platzes warfen sowjetische Soldaten bei der ersten Siegesparade 1945 erbeutete Flaggen der Hitler-Wehrmacht.

Von Nationalismus oder Deutschfeindlichkeit spürte ich auf dem Marsch nichts. Im Demonstrationszug marschierten Gruppen von jungen Usbeken und Aserbaidschanern unbehelligt mit ihren nationalen Flaggen. Auch sie hielten Fotos ihrer Großväter und Urgroßväter, welche im Zweiten Weltkrieg in den Reihen der Sowjetarmee kämpften.

Ich hatte als Deutscher keine Probleme. Niemand machte eine abschätzige Bemerkung. Im Gegensatz zu den Demonstrationen der liberalen Opposition, spürte ich diesmal, dass es die Teilnehmer nicht auf eine Medienwirkung abgesehen hatten. Sie feierten einfach ihr Fest. Die Antworten auf meine Fragen waren nicht ausschweifend sondern kurz und knapp.

Die Bibliothekspädagogin Antonina, die mit ihrer achtjährigen Tochter gekommen war, erklärte mir das Bild ihrer Großeltern, welches sie mitführte. Die Großmutter Antonina Putschkowa, geboren 1925, habe im eingeschlossenen Leningrad als Leiterin im Zivilschutz gearbeitet und die von den Deutschen abgeworfene Brandsätze unschädlich gemacht. Der Großvater, Aleksandr Putschkow, geboren 1921, habe als Fahrer Lebensmittel für Soldaten in die Stadt transportiert.

Ein 55 Jahre alter russischer Geophysiker erzählte mir, er habe zwölf Jahre in Kanada gelebt. Für ihn sei es ein "starkes Gefühl" an dem Marsch teilzunehmen. Auch sein Sohn, der noch in Kanada lebe, sei extra zum dem Marsch nach Moskau gekommen.

Dass aus der 2012 in Tomsk von Privatpersonen initiierten Aktion "Unsterbliches Regiment" eine große Russland-weite Bewegung wurde, hänge natürlich damit zusammen, dass es "um Russland herum" Kriege gibt, sagte der Geophysiker.

Allerdings scheint das mehr eine Gefühlssache zu sein, die sozusagen im Hintergrund bei den Demonstranten mitschwingt. Auf dem Marsch selbst gab es keinerlei Transparente oder politische Parolen. Die Menschen trugen allerdings russische Fahnen, sowie eine Kopie der Fahne des 79ten sowjetischen Schützenkorps, die am 1. Mai 1945 auf dem Reichstag von drei Rotarmisten auf dem Reichstag in Berlin gehisst wurde.

Der Bewegung "Unsterbliches Regiment" sei zwar als Privatinitiative entstanden, nun aber vom Staat okkupiert worden, heißt es in einem Bericht des Deutschlandfunks. "In Moskau gab es bereits letztes Jahr Hinweise darauf, dass wohl nicht alle Teilnehmer aus freien Stücken bei dem Umzug mitmachten." Doch Hinweise dafür, dass ganze Betriebsbelegschaften geschlossen in der Demonstration mitliefen oder auf die Bürger in Russland irgendein Zwang zum Mitmachen ausgeübt wurde, habe ich sowohl im letzten als auch in diesem Jahr nicht gefunden.

Tatsache ist allerdings, dass der Staat die Bewegung unterstützt. Das Notstands-Ministerium hatte überall Feldküchen aufgestellt, wo sich die Teilnehmer des Marsches das traditionelle Gericht der Front-Soldaten abholen konnten, Buchweizen-Grütze mit Dosenfleisch. Mineralwasser und die St. Georgs-Bändchen - seit zehn Jahren Erkennungszeichen der patriotisch gestimmten Russen - wurden kostenlos von freiwilligen Helfern ausgegeben.

Die Stadtverwaltung half mit Ordnern aus. Über große Lautsprecheranlagen wurden Lieder aus dem "Großen Vaterländischen Krieg" gespielt. Diese oft sehr schmissigen und hoffnungsvollen Lieder, die auch aus Kriegsfilmen bekannt sind, wie Die Moldauerin oder Die zehnte Luftlande-Batallion wurden von vielen Menschen mitgesungen. Teilweise waren aber die Lautsprecher-Anlagen so laut, dass die vielen Musik- und Tanzgruppen, die am Rande des Marsches auftraten, Probleme hatten, eine akustische Lücke zu finden. Doch das waren wohl eher Kleinigkeiten, die mir als Musik-Ästhet auffielen.

Als der Demonstrationszug über den Roten Platz zog, standen an den Rändern des Platzes weißgekleidete Schüler und Studenten, die sogenannten Volontäre des Sieges. Sie hielten sich an den Händen, sangen Lieder und sorgten so für gute Stimmung und Ordnung. Die jungen Freiwilligen kamen nicht nur aus Moskau sondern auch aus umliegenden Städten. Ob sie Geld bekämen wollte ich wissen. Nein, man bekomme aber eine Auszeichnung, dass man an der Aktion teilgenommen hat, erklärten mir einige der jungen Freiwilligen.

Am Vormittag des 9. Mai fand auf dem Roten Platz eine Militärparade mit 10.000 Soldaten und 114 Militärfahrzeugen statt. Über den Platz rollten Raketen-Komplexe und -Systeme vom Typ Iskander-M, Buk-M2, Tor M2U, Panzir-C, S 400 und Jars. Das erste Mal auf einer Militärparade gezeigt wurde der speziell für arktische Verhältnisse entwickelte Luftabwehr-Raketenkomplex Tor-2MDT.

Wegen der schlechten Wetterbedingungen wurde die geplante Flug-Show über dem Roten Platz jedoch vom russischen Verteidigungsministerium abgesagt. Gewöhnlich sorgt die Luftwaffe mit chemischen Mitteln dafür, dass es am "Siegestag" in Moskau keine Wolken gibt. Dieses Mal gab es am 9. Mai zwar keinen Regen in Moskau, doch die dunklen Wolken hingen tief über der Stadt.

In seiner Rede erklärte Wladimir Putin "die furchtbare Tragödie" des Angriffs auf die Sowjetunion 1941 sei vor allem "wegen der verbrecherischen Ideologie der rassischen Überlegenheit" und "der Uneinigkeit der führenden Staaten der Welt" nicht verhindert worden. Es gäbe aber "keine Kraft, die unser Volk besiegen kann". Für einen "effektiven Kampf gegen Terrorismus, Extremismus, Neo-Nazismus und andere Bedrohungen" brauche man "die Konsolidierung der internationalen Gemeinschaft". Russland werde "immer auf der Seite des Friedens" und derjenigen sein, "die Krieg für etwas der Natur des Menschen Fremdes" halten.

In Kiew demonstrierten über 2.000 Menschen (vgl. Video) im Rahmen des "Unsterblichen Regiments" mit den Fotos ihrer Angehörigen, die im "Großen Vaterländischen Krieg" kämpften.

Die ukrainische nationalistische Organisation OUN hatte angekündigt, die Gedenkfeierlichkeiten zu stören. Die Polizei blockierte das Büro der Organisation. Doch die Nationalisten postierten sich provokativ an einem Fenster, zeigten den Hitlergruß und demonstrierten einen Granatwerfer im Anschlag. Schließlich stürmte die Polizei das Gebäude.

Es kam jedoch immer wieder zu Angriffen und Drohungen (vgl. Video ab Minute 00:35) gegen den Gedenk-Marsch und einzelne Teilnehmer von Seiten der ukrainischen Nationalisten.

In Odessa wurde die traditionelle Kranzniederlegung am Denkmal zum Sieg 1945 zu einer Demonstration der Opposition, die trotz Verbot St. Georgs-Bändchen und sogar die rote Fahne zeigte, die 1945 auf dem Reichstag gehisst wurde.

Der Regierung in Kiew nahestehende Journalisten äußerten sich besorgt über die zunehmende Attraktivität des "Unsterblichen Regiments" in der Ukraine. "Ich bin erschüttert", schrieb der Journalist Roman Skrypin. Das "unsterbliche Regiment" sei plötzlich "wie aus der Erde gewachsen", "massenhaft, organisiert und aggressiv". So etwas habe es in den letzten drei Jahren nicht gegeben. Bis zum Verbot der Kommunistischen Partei hätten die Kommunisten versucht das Thema "für sich auszunutzen".

Dass die Märsche am 9. Mai in der Ukraine überhaupt stattfinden konnten und nicht unter das Anti-Totalitarismus-Gesetz fielen, hängt nach Meinung von Beobachtern damit zusammen, dass die ukrainische Regierung kurz vor dem Eurovision-Song-Contest fürchtet, westliche Medien könnten über die Unterdrückung der Opposition in der Ukraine berichten.

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