Geduld üben und durchhalten

Bushs “Prime Time”-Rede anlässlich des ersten Jahrestags der irakischen “Souveräntität” wird der amerikanischen Regierung schwerlich aus dem Umfragetief heraushelfen

Als vorläufiger Höhepunkt eines seit Tagen dauernden PR-Feldzugs des Weißen Hauses wandte sich US-Präsident George Bush am Dienstagabend zur besten Sendezeit um 20 Uhr mit einer Rede an die amerikanische Öffentlichkeit. Einziges Thema: der Irakkrieg.

"We live in freedom because every generation has produced patriots willing to serve a cause greater than themselves. Those who serve today are taking their rightful place among the greatest generations that have worn our nation's uniform. When the history of this period is written, the liberation of Afghanistan and the liberation of Iraq will be remembered as great turning points in the story of freedom." – US-Präsident Bush in seiner Rede. Foto: Weißes Haus

Der Nachrichtenwert der halbstündigen, von einem Teleprompter abgelesenen Ansprache des Oberkommandierenden der US-Streitkräfte bestand nicht aus seinem Inhalt. Dass Bush am ersten Jahrestag nichts Neues erzählen würde, hatten seine Berater bereits einen Tag vorher an die Presse lanciert, was sich in entsprechenden Vorberichten widerspiegelte. Neu und “newsworthy” waren dagegen sowohl die Kulisse, 750 in Reih und Glied sitzende Soldaten in Uniform auf dem Luftwaffenstützpunkt Fort Bragg (North Carolina), von dem aus 9.300 Angehörige als Besatzungssoldaten in den Irak entsandt worden waren, als auch der Kontext der Rede: Die seit Anfang Juni sinkenden Popularitätswerte von Bush und die wieder zunehmende Skepsis einer Bevölkerungsmehrheit über den Irakkrieg.

Irgendwie wollte man sich als regelmäßiger Zeitungsleser und gelegentlicher Fernsehzuschauer dann doch ein Bild vom Gestus Bushs und der Wortwahl seiner Redenschreiber machen. Der Krieg sei “die Opfer wert” und “lebenswichtig für die Sicherheit unseres Landes”, sagte Bush. Tenor seiner Rede: Der Sieg “über die Terroristen” erfordere keine strategischen Änderungen, sondern Zeit. “Wie die meisten Amerikaner sehe ich Bilder von Gewalt und Blutvergießen, jedes Bild ist erschreckend, und das Leid ist echt.” Die “Terroristen” müssten “im Ausland besiegt werden, bevor sie uns zuhause angreifen”.

Forderungen nach einem Zeitplan für einen Truppenabzug wies Bush ebenso zurück wie Rufe nach weiteren Truppen. Beides würde falsche Signale aussenden. Die irakische Bevölkerung sehe sich in ersterem Fall entmutigt, “in diesem Kampf die Führung zu übernehmen”. Mehr Truppenverbände würden den Verdacht aufkommen lassen, “dass wir für immer bleiben wollen".

Andachtsvolle Zuhörer. Foto: Weißes Haus

Wie im Vorfeld der Rede angekündigt, ließ sich Bush nach wenigen Sätzen an die Adresse seiner Kritiker über angeblich erzielte Erfolge des vergangenenŽJahres im Irak aus, die auf die USA zurückzuführen seien: Wahlen, Wiederaufbau der Infrastruktur und Ausbildung der irakischen Sicherheitskräfte. Die Namen Osama bin Laden und Saddam Hussein erwähnte Bush jeweils nur einmal, “the terrorists” mehr als ein Dutzendmal. Es gelte eben, gegen diese in der Offensive zu bleiben.

Die amerikanische Bevölkerung sah sich entsprechend am Schluss der Rede gleich mehrfach aufgefordert, den Krieg und die Armee zu unterstützen. Am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, könne man die Truppenmoral durch das Aushängen der Nationalfahne, Briefe an die Soldaten und Gespräche mit Soldatenfamilien “down the road” stärken. Außerdem schlüpfte Bush in die Rolle des höchstrangigen Armeerekrutierers. Es gebe “keine höhere Berufung” als eine Karriere beim amerikanischen Militär.

Eine Blitzumfrage von CNN, USAToday und Gallup unmittelbar nach der Bush-Rede ergab bei 323 Befragten, dass 46 Prozent von ihnen einen “sehr positiven Eindruck” hätten. Allerdings bestand die Hälfte der Interviewten aus erklärten Republikanern und nur 23 Prozent Demokraten sowie 27 Unabhängigen. “Sehr positiv” hatten sich im Februar nach der “State of the Union”-Rede Bushs noch 60 Prozent geäußert. Ein Dreivierteljahr davor am 1. Mai 2003, als Bush von einem Flugzeugträger herab “mission accomplished” verkündet hatte, stand die Zustimmung bei 67 Prozent.

1601 tote GIs später (bei 1741 insgesamt getöteten US-Soldaten im Irak nach einem Pentagonbericht vom Dienstag) befand sich die Zustimmung zu Bush laut der größten US-Tageszeitung USA Today auf einem neuen Tief von minus 53 Prozent. 41 Prozent der Befragten halten den Krieg für einen Fehler, 48 Prozent finden ihn nach wie vor richtig. Für einen sofortigen Truppenrückzug ist demzufolge nur jeder achte Amerikaner.

Für Friedensbewegte wie Moveon.org gibt es deshalb noch reichlich zu tun. Was offenbar auch beherzigt wird. Nach Bushs Rede schrieben rund 10.000 Amerikaner entsprechende Leserbriefe an die großen Tageszeitungen. (Max Böhnel)

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