Gefährliche Ansteckung

Über ein neues Buch zur Memetik und die Ausbreitung des memetischen Denkens

Es scheint, als ginge ein neues Gespenst in der intellektuellen Kultur um. Die Theorie der Memetik, die durch Anleihen aus der Biologie die kulturelle Evolution erklären will, hat offenbar selbst bereits die Köpfe vieler wie ein Virus infiziert und scheint sich derart selbst zu beweisen. Der Kern der Theorie ist, daß das Gehirn oder der Geist des Menschen nur ein Vehikel der replikationsfähigen Information ist. Interessant an den waghalsigen Annahmen und Erklärungen der Memetik könnte die Möglichkeit sein, die Noosphäre ebenso wie Biosphäre auf ihrer elementaren Ebene zu manipulieren.

Wenn Muster aus Einsen und Nullen wie Muster aus menschlichen Leben und Toden wären, wenn alles über einen einzelnen durch eine lange Kette von Nullen und Einsen in einem Computer repräsentiert werden könnte, welche Art Lebewesen würde dann durch eine lange Kette von Leben und Toden repräsentiert werden?

Thomas Pynchon

Kevin Kelly schließt seine Einführung in Out of Control: "Der Aufstieg einer neo-biologischen Zivilisation" mit den Worten:

"Wenn wir jedoch Lebenskräfte in den von uns geschaffenen Maschinen entfesseln, verlieren wir die Kontrolle über sie. Sie werden wild und bieten einige der Überraschungen, die die Wildnis bereithält. Das ist denn auch das Dilemma, das alle Götter akzeptieren müssen: sie können keine totalen Beherrscher ihrer besten Schöpfungen sein. Die Welt des Gemachten wird bald der Welt des Geborenen ähneln: sie wird autonom, anpassungsfähig und kreativ sein, aber sie läßt sich konsequenterweise nicht mehr kontrollieren. Ich glaube, daß dies ein großes Geschäft ist."

Dieser unverfrorene faustische Handel wird nicht nur von den populärwissenschaftlichen Autoren der künstlichen Biologie, der künstlichen Evolution oder den künstlichen Wissenschaften propagiert, sondern auch von Forschern und Wissenschaftlern selbst.

Ich will Leben nicht in Computern abspeichern, ich möchte Computer mit Leben aufladen.

Tom Ray

Chris Langton vom Santa Fé Institute behauptet, daß der Beginn des Künstlichen Lebens der wichtigste geschichtliche Augenblick seit der Entstehung der Menschen sein wird. Auch die Magna Carta for the Information Age ist nicht weniger an der systematischen Mutation des Datenstroms (Richard Dawkins nennt ihn den "Fluß von Eden") interessiert: "Der Cyberspace ist eher ein Ökosystem als eine Maschine. Er ist eine bioelektronische Umwelt, die buchstäblich universal ist."

Richard Dawkins selbst könnte die erneute Fitmachung der algorithmischen Ideologie über die historische Biologie nicht unverblümter betreiben, wenn er sagt: "Gene sind reine Information ... Unser genetisches System, welches das universale Lebenssystem auf diesem Planeten ist, ist bis in seinen Kern hinein digital."

Trotz all der Aura von "Universalität", die die genetische Forschung umgibt, geht bei all dem Dunst das Nachdenken über ihre kulturelle Auswirkung oft verloren. In der Rede von den Viren, den Ökosystemen und Netzwerken sind die biologischen Metaphern mittlerweile allgegenwärtig. Die zusammenbrechende Grenze zwischen der Physik und der Genwissenschaft läßt vermuten, daß die Systemideologie eine Art vereinheitlichtes Feld begründet, in dem die sogenannte "universelle" Sprache der molekularen oder Gentechnologie so arbeitet wie die Software in einer mechanischen Welt. Wissenschaftliche Praxis wird folglich eher instrumentell als analytisch, eher interaktiv als beobachtend, und sie ist mehr an der technischen Produktion als an der Erkenntnistheorie interessiert. Läßt man jedoch das komplexe Problem des wissenschaftlichen Systemdenkens beiseite, so breiten sich genetische Metaphern mehr und mehr in der Gesellschaftskritik, Medienkunst, Wirtschaft, Politik und Philosophie aus. Obgleich sich das in vielen Bereichen zeigt, erfordern einige Ereignisse und Publikationen der jüngsten Zeit einen genaueren Blick.

Der erste Fall betrifft die Verhandlung der Ex-Marinesoldaten Joseph Vlacovsky und John Mayfield vor dem Kriegsgericht. Beide weigerten sich, Teile ihrer DNA dem DNA-Archiv des Verteidigungsministeriums ohne ausreichende Angabe von Gründen zur Verfügung zu stellen. Sie wurden zu genetisch aufgeklärten Gegnern einer Archivierungspolitik, die bereits einen der größten DNA-Pools der Welt geschaffen hat. Von den militärischen Befehlshabern als verläßliches Identifikationssystem organisiert, werden die DNA-Sequenzen 75 Jahre lang aufbewahrt, was erheblich länger ist als die Ausübung der militärischen Profession der meisten Soldaten.

Die Klage wurde auf zwei Weisen begründet. Einmal auf der Grundlage des vierten Verfassungszusatzes, der "unvernünftige Untersuchungen" verbietet, und zweitens auf der Grundlage des Nürnberger Kodex, der nach den Nazi-Experimenten an Menschen ausgearbeitet wurde. Hier steht eindeutig: "Die freiwillige Einwilligung der Versuchsperson ist absolut wesentlich." Wenn man die Privatisierung der militärischen Forschung und Entwicklung in Betracht zieht, dann gibt es nach Bruce Chadwin, der für Village Voice schreibt, "keinen juristischen Präzedenzfall, um das Militär daran zu hindern, die DNA-Teile für kommerzielle Zwecke zu verwenden." Überdies könnte die DNA-Information alles von künftigen Arbeitsverhältnissen bis hin zur Verweigerung von Versicherungsleistungen auf der Grundlage der sogenannten "asymptotischen Krankheit" betreffen, also dem genetischen Erkrankungspotential.

Wenn man glauben sollte, daß die unschuldige Verwendung der DNA seitens des Militärs nur in guter Absicht geschehe, dann rufe man sich in Erinnerung, daß genau dieses Militär einst Sonnenbrillen an die Truppen verteilt hatte, damit diese die Explosion von Atombomben beobachten konnten, daß es mit LSD experimentierte, Soldaten in Vietnam mit Agent Orange besprühte und die Truppen im Golfkrieg mit Medikamenten gegen chemische Waffen "immunisierte".

Die Diskussion über die DNA-Registierung führt zur Frage nach dem Gehalt einer Wissenschaft der Eugenik, einer subtileren Version der perverseren Rassentheorie und Rassenüberlegenheit. Sie schafft die Grundlagen der "Normalität" nicht im Körper des Lebewesens, sondern in dem Code, der es steuert. Diese in ihren Prinzipien mechanistischen Annahmen machen den Begriff des Individuellen und des Verhaltens zu einem systemischen, performativen und symptomatischen. Nirgendwo anders ist das so problematisch wie bei der sogenannten "Wissenschaft der Memetik".

Sie beeinflußt bereits Diskussionen in der Kunst (das Symposium der Ars Electronica 96 etwa thematisierte die Memetik, in der Soziologie und der Philosophie (besonders deutlich im Werk von Daniell Dennett). Die erschreckenden Annahmen, zweideutigen Anbindungen und oft ahistorischen Verknüpfungen zwischen Biologie, Kognition und Kultur haben weitreichende Folgen für die Weise, wie algorithmisches Denken eine Grundlage für die zeitgenössische Gedankenwelt schafft.

Die Beziehung zwischen "Memen" und Klischees, Massenpsychologie, Meinungen und einer ganzen Reihe von anderen Bezeichnungen für "Replikation" besitzen eine lange Geschichte in der Kulturtheorie. Ein vor einigen Jahren veröffentlichtes wichtiges Buch von Zijderfeld kennzeichnet Klischees als den Bedeutungsüberfluß durch Funktion. Sie haben einen "erworbenen Status der Natürlichkeit", der dazu dient, "Verhalten auszulösen, aber Reflektion zu vermeiden." Sie stellen eine Rede dar, die "nicht mehr moralisch mit dem Verhalten verbunden ist. ... Wir könnten sie als Mikroinstitutionen sehen, während die Institutionen der modernen Gesellschaft dazu neigen, zu Makroklischees heranzuwachsen."

Die Geschichte der Mechanismen, mit denen wir auf vorhersehbare Erfahrungen reagieren, ist jetzt mit Systemtheorien auf nicht völlig überzeugende Weise verbunden, was besonders dann gilt, wenn wir auf die Verrücktheiten der algorithmischen Vorhersagbarkeit stoßen. Ich fühle mich wegen so vielen Gründen der Vorsicht an eine Bemerkung von Ralph Waldo Emerson erinnert: "Mystifikation ist das Mißverständnis des Unterschiedes zwischen einem individuellen und einem universellen Symbol."

Auf der Web-Site des Ars Electronica Forums über Memetik führte Geert Lovink einige der wichtigen Fragen aus: "Der Begriff des "Mems" scheint objektiv und neutral zu sein. Nach dem Fall der Berliner Mauer konnten bestimmte Aspekte beispielsweise der kommunistischen Tradition durch Metaphorisierung in "Meme" verwandelt werden, um ihre Reise durch die Geschichte fortzusetzen. Und warum auch nicht? Ist das nur eine dumme Idee und werden wir uns einer sogenannten "natürlichen Ordnung" gegenübersehen, um Vielfalt, Komplexität, Rauschen und Widerstand zu reduzieren? Ist der Begriff des Mems nützlich, wenn wir untersuchen wollen, wie das kollektive Gedächtnis geformt wird? Wird die Erinnerung an den Holocaust mit uns in den Cyberspace auswandern? Die digitale Kultur ist eine Reise in das Land des Künstlichen, die sich hier und dort Metaphern mit geringer oder keiner Reflektion über die kulturellen Muster ausborgt, mit denen Schnittstellen, Datenbanken und Geräte gestaltet werden." Die ausführlichen Beiträge im Forum stellen eine reichhaltige Quelle für das Überdenken und die Kritik der Memetik dar, die für die Ideologie der elektronischen Kultur zentral ist.

Das jüngst bei Basic Books erschienene Buch "Thought Contagion: How Belief Spreads through Society" von Aaron Lynch sucht die trügerische Behauptung zu begründen, daß die "Wissenschaft der Memetik offensichtlich willkürliche Kulturströmungen auf erfrischende Weise verstehbar macht." Als treuer Anhänger führt er die Programmier- und Replikationssysteme von Dawkins und Dennett ohne ein nachvollziehbares Verständnis der gesellschaftlichen und philosophischen Geschichte aus, in der diese Systeme auftreten. Lynch nimmt einfach an, charakteristisch für oberflächliche Begründungen, daß "Programmierung", "Übertragung", Epidemologie", "Ansteckung" und die Memetik selbst anerkannte kulturelle Kategorien sind, deren Grundlagen trotz fast unglaublicher Probleme nicht begründet werden müssen.

Bombastische und schlecht formulierte Schlußfolgerungen gibt es reichlich:

"Wie in der Geistesgeschichte können memetische Gleichungen sogar die "künftige Geschichte" vorhersagen, wenn hinreichend gut gemessene Parameter und die Ausgangsbedingungen gegeben sind."

"Immer wenn einer der Wirte eines Mems jemanden heiratet, der sich dem Sex verweigert, besitzt der Wirt eine memetische Basis, um die Vereinigung aufzulösen."

"Weil die faschistischen Meme Feindseligkeit mit einem extremen Nationalismus verbanden, entstand der Zweite Weltkrieg als eine Folge einer Gedankenansteckung."

Obwohl eine solche unreflektierte Popularisierung sich zweifellos während der nächsten Jahre in exponentiell wachsender Weise fortpflanzen wird, finden sich die wichtigeren Themen der Systemideologie in den Diskursen der Kulturwissenschaften und der Philosophie und besonders im Werk Daniel Dennetts. Seine Übernahme der memetischen Thesen Dawkins ist in einer neuen Wertschätzung des darwinistischen Denkens verankert. In der Auseinandersetzung mit Stephen Jay Gould, Noam Chomsky, Roger Penrose und anderen aus dem kritischen postdarwinistischen Lager greift Dennett in Bezug auf Kognition und Intelligenz auf Darwin in einer Weise zurück, die außergewöhnlich gut formuliert und komplex ist. Doch das erneute Fitmachen von Darwins natürlicher Selektion für den Begriff der Algorithmen ist eine weitreichende epistemologische Erweiterung. Doch Dennett sieht zwanghaft die philosophische Bedeutung von Darwins "gefährlicher Idee" als eine Möglichkeit, trügerische Vorstellungen des Fortschritts in Gegensatz zu seinen Überzeugungen zu stellen.

Dennett irrt mit Ausführungen über Computerwissenschaft, Künstlicher Intelligenz und anderen Technologien, die von der Philosophie aufgenommen wurden, zwischen der Geschichte der Biologie und der künstlichen Epistemologie hin und her. Dabei rechtfertigt er das Werk von Darwin als ein System, das ebenso fest begründet sei wie die natürliche Selektion, obgleich die Voraussetzungen der kulturellen Evolution keineswegs gesichert sind: "Die memetische Evolution ist nach Dawkins nicht nur der biologischen oder genetischen Evolution analog. Sie ist nicht nur ein Prozeß, der in dieser Sprache metaphorisch beschrieben werden kann, sondern sie gehorscht ganz genau den Gesetzen der natürlichen Selektion." In der Folge geht Dennett von dieser Voraussetzung als gegeben aus und erörtert ohne Zwang jeden Aspekt des Gedächtnisses und der gesellschaftlichen Entwicklung. Meme "springen von Vehikel zu Vehikel, von Medium zu Medium und zeigen, daß sie sich nicht in Quarantäne halten lassen." Meme sind "potentiell unsterblich". Und wenn Meme "in einem Geist miteinander in Kontakt treten, haben sie eine erstaunliche Fähigkeit, sich einander anzupassen."

Diese Hinweise auf die Implikationen des memetischen Denkens, das sich in den Kulturwissenschaften verbreitet, sollten nur die daraus entstehenden Herausforderungen für normative Systemtheorien deutlich machen. Das memetische Denken wird sich auf alles von der Werbung bis hin zur Genetik auswirken. Ein kritisches Verhältnis dazu aufzubauen wird keine einfache Aufgabe sein, aber sie wird zu einem radikalen Überdenken der Geschichte der Programmierung, der Kognitionswissenschaft und der Implikationen der wachsenden Zahl von "Wissenschaften des Künstlichen" führen. Die verwirrende Legitimierung eines pseudo-wissenschaftlichen Diskurses zur Etablierung der Medienkunst, der vernetzten Computer, des sozialen Verhaltens oder der Politik entsteht durch die Assimilation der Infosphäre in die Gensphäre und Noosphäre. Gefährlich wird es, wenn die Grenzen zwischen einer spekulativen Philosophie, den Kulturwissenschaften, den Biowissenschaften, der Neurotechnologie oder den sozialen Verhaltensstrukturen sich so überlagern, daß jede poröse vereinheitliche Theorie nur ein zutiefst fragmentiertes System zusammenhält. (Timothy Druckrey)