Gefährliche Anti-Russland-Hysterie: Nowitschok und das Gift der Theresa May

Vergiftung des Denkens

Die Vorstellung, dass Putin oder Russland im Zweifel immer verantwortlich sind, ist rechtlich unhaltbar. Sie beruht auf einer Vergiftung des Denkens. Die aggressive Propaganda des Westens gegen Russland hat in den letzten Jahren geradezu hysterische Ausmaße angenommen. Sie deutet auf eine choreographierte Kampagne hin, die Russland als Schurkenstaat und internationalen Paria verunglimpfen will. Trotz berechtigter Kritik an Teilaspekten der russischen Politik ist die gegenwärtige Hetze verantwortungslos, denn sie treibt die Welt in einen neuen Kalten Krieg.

In der gemeinsamen Erklärung Deutschlands, Frankreichs und der USA heißt es: "Wir teilen die Einschätzung des Vereinigten Königreichs, dass es keine plausible alternative Erklärung gibt." Diese Begründung macht in ihrer Schlichtheit sprachlos.

Welcher Richter, der Herr seiner Sinne ist, würde eine des Gattenmordes angeklagte Ehefrau mit der lapidaren Begründung verurteilen, dass sie - und nur sie - wegen ihrer krankhaften Eifersucht als Mörderin in Betracht komme; weitere Erklärungen für den Mordfall müssten gar nicht erst erwogen werden. Beim Skripal-Verbrechen verfuhren die westlichen Staaten aber genau nach diesem Muster.

Doch schon bei flüchtigem Nachdenken ergeben sich zahlreiche Tatvarianten, die nichts mit Russland zu tun haben: vom eifersüchtigen Nebenbuhler bis zum geldgierigen Oligarchen, vom mafiösen Untergrundkämpfer bis zum Geheimdienstagenten irgendeines Landes. Mordmotive finden sich - wenn man der kriminalistischen Phantasie Raum gibt - überall, Bezugsquellen für Nowitschok offensichtlich auch.

Abgesehen davon, welches Motiv sollte Putin haben, einen Ex-Agenten, der vor fast 10 Jahren ausgetauscht (begnadigt) worden ist, jetzt ermorden zu lassen? Eine Antwort auf diese Frage steht aus. Doch angenommen, Putin hätte ein Mordmotiv, wie wahrscheinlich wäre dann ein Giftanschlag ausgerechnet mit Nowitschok? Jeder Trottel könnte sich ausmalen, dass der Verdacht unweigerlich in Richtung Russland gelenkt würde. Wieviel unverfänglicher wäre hingegen ein anonymer Schuss aus dem Hinterhalt, ein "Sturz" in den U-Bahn-Schacht oder von einer Felsenklippe?

Und weiter, warum in Gottes Namen sollte Putin nur wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl, bei der er laut Umfragen uneinholbar vorne lag, einen Mordauftrag für einen mittlerweile bedeutungslosen Ex-Agenten in Großbritannien geben? Welchen Nutzen hätte er davon gehabt? Und schließlich, welchen Sinn hätte es, wenige Monate vor der für Russland so wichtigen Fußball-WM einen Giftmord anzuordnen, wohl wissend, dass damit den westlichen Bemühungen für einen WM-Boykott neuer Auftrieb verliehen wird? Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass der Schachspieler und gewiefte Taktiker Putin so töricht ist?

Bei nüchterner Überlegung unter Beachtung der bewährten kriminalistischen Fragestellung, wem nützt die Tat (cui bono?), werden andere Interessenlagen und andere Profiteure des Mordanschlags sichtbar.

Naheliegend wäre beispielsweise ein kalkuliertes innenpolitisches Manöver der britischen Regierung, um vom Brexit-Desaster abzulenken (das ist gelungen!). Denkbar wäre auch ein Versuch, den Putin-Wahlkampf negativ zu beeinflussen (das wäre allerdings gründlich misslungen!). Schließlich könnte auch die Vorstellung eine Rolle gespielt haben, man könne Putin durch ständige Provokationen und Verdächtigungen zu einer unbedachten Gegenreaktion veranlassen, um dadurch einen Anlass für zusätzliche Wirtschaftssanktionen zu bekommen.

Letztlich ist auch nicht auszuschließen, dass der Giftanschlag auf Skripal Teil eines langfristig angelegten Plans mit dem Ziel ist, Russland wirtschaftlich, politisch und militärisch zu destabilisieren. Der Gedanke eines regime change ist ein bewährtes Mittel US-amerikanischer Hegemonialpolitik. Ein solches Bemühen ist auch mit Blick auf Russland plausibel (Nafeez Ahmed). Dieses Szenario findet sich auch im Klassiker der US-Langzeitstrategie, dem Buch "Die einzige Weltmacht" des langjährigen US-Präsidentenberaters Zbigniew Brzezinski.

Ich will nicht missverstanden werden. Die hier angedeuteten Denkmodelle sind spekulativ und nicht beweisbar, aber sie sind logisch nicht ausschließbar. Damit fällt die britische Arbeitshypothese, es gebe für den Skripal-Giftanschlag außer der russischen Täterschaft keine plausible Erklärung, krachend in sich zusammen.

Zusammenfassend bedeutet das, dass die von Theresa May und Boris Johnson erhobenen Schuldzuweisungen an Russland und Putin zumindest voreilig und leichtfertig waren. Wahrscheinlich sind sie sogar bellizistisch.

Für die Unterstützerstaaten, insbesondere auch für Deutschland, wäre Zurückhaltung geboten gewesen. Zum einen steht es Deutschland aus seiner historischen Verantwortung nicht zu, sich gegenüber Russland überheblich und oberlehrerhaft zu gebärden. Zum anderen sollte das Wissen darüber, dass die USA und Großbritannien die internationale Staatengemeinschaft schon mehrfach im Vorfeld von (beabsichtigten) Kriegen hinters Licht geführt haben, zu Vorsicht mahnen.

So behauptete beispielsweise der britische Premier Tony Blair im September 2002, dass der Irak über ein biologisches und chemisches Arsenal verfüge, das Saddam Hussein innerhalb von 45 Minuten aktivieren könne. Das war eine Lüge. Kurze Zeit später begann der verheerende Irakkrieg.

Weitere Beispiele propagandistischer kriegsvorbereitender Lügen sind der "Tonkin-Zwischenfall" (1964), die "Brutkastenlüge" (1991), der sog. "Hufeisenplan" (1999) und die "Yellowcake-Lüge" (2003). Ist das alles vergessen?

Es ist an der Zeit, zu einem vernünftigen Umgang mit Russland zurückzufinden. Das Zerrbild, das heutige Russland sei primär ein friedloser, unglaubhafter und inhumaner - eben "kommunistischer" - Nachfolgestaat der Sowjetunion muss überwunden werden. Es ist dies ein Stereotyp, der durch die Geschichte der letzten Jahre nicht gedeckt wird. Genauso verkehrt ist es, "den Westen" für prinzipiell friedliebend, menschenfreundlich und gerecht zu halten und ihn zur Richtschnur für die Welt zu machen.

Hilfreich wäre es, bei Beurteilungen von Konflikten stets die gleichen Maßstäbe anzulegen. Dann wären Fehleinschätzungen und gefährliche Zuspitzungen wie beim Skripal-Verbrechen vermeidbar. Überdies ist es absolut sinnlos, wegen eines ungeklärten Verbrechens den Weltfrieden in Gefahr zu bringen. Die praktizierte Eskalationspolitik dient weder deutschen noch europäischen Interessen. Fest steht nämlich, dass eine gedeihliche Zukunft Europas nicht gegen, sondern nur mit Russland möglich ist. (Peter Vonnahme)

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