Gefährliches Wettrüsten mit Hyperschallraketen

Start der Hyperschallrakete Awangard im Dezember 2018 bei einem angeblich erfolgreichen Test. Bild: mil.ru

Putin preist die Awangard-Hyperschallrakete an, die kein Abwehrsystem ausschalten könne, die USA investieren Milliarden in unterschiedliche Projekte

Im neuen Pentagon-Haushalt sieht die US-Army den Bau mehrerer Langstreckenraketen vor, genannt Long-Range Precision Fires (LRPF). Dafür sollen in den nächsten 5 Jahren Milliarden investiert werden. Neben einer landgestützten Mittelstreckenrakete und einer Abfangrakete für ein neues Luft-und Raketenabwehrsystem ebenfalls mittlerer Reichweite, die beide nach dem von Trump aufgekündigten INF-Vertrag nicht gebaut werden dürften, steht vor allem die Entwicklung einer Hyperschallrakete an, wofür fast eine Milliarde US-Dollar bis 2023 veranschlagt wird. Als Hyperschall gilt eine Geschwindigkeit über Mach 5.

Das US-Militär sieht die Entwicklung dringlich, so dass mehrere Projekte begonnen wurden oder vorbereitet werden. So reichte die Army Ende Juni einen Antrag im Kongress ein, noch für dieses Haushaltsjahr zusätzliche 50 Millionen US-Dollar zur Entwicklung eines mobilen Abschusssystems für die Hyperschallraketen (Long Range Hypersonic Weapon bzw. LRHW) zu genehmigen.

Im Auftrag von Navy und die Air Force entwickelt der Rüstungskonzern Lockheed Martin mit ebenfalls einer Milliarde US-Dollar einen luftgestützte Hyperschall-Marschflugkörper. Zudem soll die Entwicklung der Air Launched Rapid Response Weapon vorangetrieben, wofür 250 Millionen US-Dollar gefordert werden. Die Darpa, die Forschungsbehörde des Pentagon, ist überdies mit dem Tactical Boost Glide-Programm und dem Hypersonic Air-breathing Weapon Concept (HAWC) mit im Spiel. Und dann wurde nach dem Weltraumkommando noch die Space Development Agency gegründet, die im Weltraum ein Satellitennetz mit Sensoren zur Entdeckung und Verfolgung von Hyperschallraketen aufbauen soll - gedacht wird auch daran in Nachfolge von Reagans Star-Wars-Konzept, im Weltraum Raketen zu stationieren, um Hyperschallraketen ausschalten zu können.

Illustration des X-51A Waverider von Boeing. Bild: USAF

Das sieht sehr nach Verzetteln aus, nachdem Russland und China mit den schnellen und steuerbaren Hyperschallwaffen mit konventionellen oder nuklearen Sprengköpfen schon weiter sind, während die USA noch mit Konzepten für kleinere Hyperschallraketen beschäftigt sind. Das Setzen auf Hyperschallwaffen ist eine Reaktion auf das amerikanische Raketenabwehrschild, das George W. Bush unter Aufkündigung des ABM-Vertrags einrichten ließ und damit einen weiteren Rüstungswettlauf in Gang setzte, der jetzt von Hyperschallwaffen über neue Atomwaffen bis hin zur Militarisierung des Weltraums reicht.

Wettrüsten wurde durch US-Raketenabwehrschild ausgelöst

In Washington hat man gedacht, das eigene Land und die Alliierten unter den Schirm zu bringen und so offensiv gegen Russland und China vorgehen zu können, weil man sich vor Gegenangriffen geschützt wähnte. Vor allem Russland betrachtete die Aushebelung des Gleichgewichts des Schreckens als große Bedrohung, was durchaus realistisch war. Die USA haben sich nicht nur gesträubt, Verhandlungen über neue Abkommen zur Abrüstung oder Rüstungskontrolle einzugehen, die China und Russland vorgeschlagen haben, sondern haben entsprechende Abkommen wie den ABM- oder den INF-Vertrag gekündigt.

Hyperschallraketen - auch Indien testete kürzlich eine Rakete - sind hochgefährlich, weil sie die Reaktionszeiten extrem verkürzen, so dass letztlich Abwehrsysteme nur noch autonom blitzschnell entscheiden können, ebenso müssten nukleare Gegenangriffe im Sinne des Gleichgewichts der Kräfte bzw. der Mutual Assured Destruction autonom, also von KI-Systemen ausgelöst werden. Auch als nicht-nukleare Geschosse können Hyperschallraketen aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit und Einschlagswucht in Bunker, Regierungsgebäude, militärische Stützpunkte oder Flugzeugträger eindringen und diese zerstören, zumal wenn ein ganzer Schwarm ausgeschickt wird. Gegen Hyperschallraketen gibt es derzeit keinen Schutz (Hyperschallwaffen erzwingen Wettrüsten der autonomen Systeme).

Awangard - Sicherheitsgarantie für Russland

Im Dezember 2018 hatte Wladimir Putin, der das Gleichgewicht aufrechterhalten will, um Russland zu schützen, die Hyperschallrakete Awangard gefeiert. Erstmals hatte er sie im März 2018 zusammen mit anderen futuristischen Waffen, darunter auch die Hyperschallrakete KInschal, die von Flugzeugen abgeschossen wird, vorgestellt - woraufhin Donald Trump die Etablierung des Weltraumkommandos anordnete.

Die manövrierbare Rakete könne kein Abwehrsystem abschießen, Russland sei nun auf Jahre hinaus gesichert, so Putin. Er pries die Sicherheitsgarantie nach einem angeblich erfolgreichen Test an, bei dem die Rakete von einem Stützpunkt im Ural auf einer Interkontinentalrakete abgefeuert und in den Weltraum gebrachte wurde, wo sich Awangard ablöste, vertikale und horizontale Bewegungen ausführte und durch den eigenen Antrieb und die Erdanziehung mit über 20 Mach in das Ziel im 6000 km entfernten Raketentestgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka einschlug.

Animation der Awangard. Bild: mil.ru

Wie weit entwickelt Awangard ist, Putin kündigte deren Einsatz für 2019 an, ist umstritten. Auf einem Treffen mit Wissenschaftlern der Ural-Universität, bei dem es auch um die Entwicklung neuer Materialien ging, kam Putin auf Awangard zu sprechen. Kein anderes Land habe Ähnliches, das werde auch noch ein paar Jahre so bleiben. Weil die Hyperschallrakete sich aufgrund ihrer Geschwindigkeit in der Atmosphäre auf mehr als 3000 Grad anheizt - Putin verweist zum Vergleich auf die Sonne mit Temperaturen von 6000 Grad, muss die Rakete aus Materialien bestehen, die eine solche Hitzeeinwirkung aushalten. Sputnik berichtet davon und erklärt, dass die Awangard noch dieses Jahr in den Dienst gestellt werde, also angeblich einsatzbereit sein soll.

Möglicherweise ist das auch eine Reaktion auf einen Bericht von CNBC vom 1. Juli. Danach würden amerikanische Geheimdienste davon ausgehen, dass Russland höchstens ein paar der Raketen bauen wird. Angeblich sei es schwer gewesen, für die hitzeresistente Ummantelung genügend Kohlefaserkomponenten zu erhalten. Wegen der hohen Kosten könnten nach einem Geheimdienstmitarbeiter nur 60 der Raketen gebaut werden und würde wohl erst ab 2020 einsatzbereit sein.

Sputnik bestritt die Behauptungen und zitiert Russlands Regierungskabinett: "Die Herstellung und die Auslieferung von 'Awangard'-Systemen mit dem Hyperschallgleiter als Kampfblock verläuft planmäßig, ohne Aussetzer." Zitiert wird der Rüstungsanalyst Wiktor Murachowski, der den "CNBC"-Bericht als Finte von US-Geheimdiensten betrachtet: "Russland hat kein Problem bei der Herstellung von hitzebeständigen Werkstoffen, weder für Raumschiffe noch für Abfang- oder für ballistische Interkontinentalraketen."