Gefallene Engel in Aktion

Deep Silver bringt "Sacred 2: Fallen Angel" nun auch für PS3 und XBox 360

Auf dem PC hinterließ „Sacred 2“ nach seinem Erscheinen im Oktober letzten Jahres den gemischten Eindruck eines schönen Spiels mit zu vielen Fehlern inklusive häufiger Abstürze. Für die Konsolen-Portierung haben sich die Entwickler der deutschen Firma Ascaron Entertainment GmbH trotz aller Schwierigkeiten offensichtlich genügend Zeit genommen, die ärgsten Bugs auszumerzen und gleichzeitig die Steuerung auf Gamepads zu optimieren.

Action-Rollenspiele in der Tradition von Blizzards Diablo sind äußerst rar gesät auf Konsolen. Dafür ist vor allem sicherlich die Steuerung verantwortlich, die in den vorhandener PC-Titel auf die Tastatur-Maus-Kombination optimiert ist und eine Portierung erschwert. Das eigentliche Hack-And-Slay-Spielprinzip passt dagegen gut auf Konsolen. So darf sich Ataris Spielhallenklassiker Gauntlet durchaus zu Diablos Vorfahren rechnen.

In all diesen Spielen kämpft sich der Hauptcharakter durch eine Unzahl von Monstern – mit einem Bodycount, der jedes sogenannte „Killerspiel“ erblassen lässt. Auch „Sacred 2“ setzt auf dieses Prinzip. Und auch hier wählt der Spieler zu Beginn zwischen verschiedenen Charakteren mit unterschiedlichen Fähigkeiten: Nahkampfexperten, Magier, Fernkämpfer und sogar eine Cyborg-Klasse, die optisch dem ägyptischen Gott Anubis ähnelt. Zudem darf er sich entscheiden, ob er die Seite des Guten oder des Bösen vertritt.

Im Gegensatz zu den meisten ähnlichen Spielen, in denen sich der Spieler an einem Ort ausrüstet, um dann durch oft zufällig generierte Dungeons zu kämpfen, gibt es in „Sacred 2“ eine große, offene Spielwelt. Der Charakter wechselt nahtlos zwischen den Händlern in den Dörfern und den aggressiven Monstern, die das Fantasieland Ancaria besiedeln.

Eine Rahmenhandlung besitzt „Sacred 2: Fallen Angel“ freilich auch. Den gefallenen Engeln, die auch als spielbare Charakterklasse Seraphim verfügbar sind, kommt dabei eine wesentliche Rolle zu. Ein Streit über die von den Seraphimen bewachte T-Energie, der Quell allen Lebens, bringt Unruhe ins Land. Die Aufgabe des Spielers ist es nun, die Welt vor dem Chaos zu bewahren oder in selbiges zu stürzen – je nachdem, ob er sich nun für die gute oder böse Seite entscheidet. Die Story ist allerdings nur ein dünner Rahmen für das eigentliche Spielgeschehen und reicht bei weitem nicht an die Geschichte von Ubisofts Oblivion oder gar an die der epischen Final-Fantasy-Titel heran. Das erwartet wohl auch kaum jemand von einem Action-Rollenspiel dieser Art: Zu viel Story verlangsamt das Tempo, bremst den Spieler auf dem Weg zu den nächsten Monsterhorden, die auf ihre Auslöschung warten.

Gefallener Engel im Kampf

Durch die verschiedenen Kampagnen der Licht- und Schattenseite führt – wie bei Diablo-ähnlichen Spielen üblich – jeweils eine Reihe von Quests. Jeder Charaktertyp erhält zusätzlich noch zu seinem Hintergrund passende, spezifische Aufgaben. Daneben warten hunderte Side-Quests – die Häufung der Nichtspielercharaktere mit Wünschen an den Helden erinnert an Online-Rollenspiele wie Everquest 2 oder World of Warcraft. Auch sind die Aufgaben oft ähnlich gestrickt wie in diesen MMORPGs (Massively Multiplayer Online Role-Playing Games): Die meisten verlangen das Töten einer bestimmten Zahl von Monstern und/oder eines Bosses, das Sammeln bestimmter Gegenstände oder das Eskortieren von Nichtspielercharakteren. Die Auftragsgeber sind über die komplette Karte verteilt, befinden sich auch in von Monstern bevölkerten Gebieten. In einigen Fällen bitten sogar einzelne Monster den Charakter um Hilfe. Beispielsweise will ein Kobold, den miserablen Koch des Lagers tot sehen. Den genreüblichen Wiederholungsfaktor bei den Aufgaben versteckt „Sacred 2“ recht gut durch das Verpacken in abwechslungsreiche Geschichten.

Die Side-Quests sind optional, aber welcher Rollenspieler kann schon an einem Auftragsgeber vorbei rennen? Erfolgreich absolvierte Aufgaben bringen schließlich Gold und mehr Erfahrungspunkte als normale Kämpfe, also das Herzstück jedes Rollenspiels: Aufstieg zur nächsten Stufe und Erwerb besserer Ausrüstung. Das Scheitern an bestimmten Side-Quests ist durchaus möglich, wenn beispielsweise der eskortierte Charakter stirbt. Das kann aufgrund einer recht wirren KI der Nichtspielercharaktere leicht passieren: Die um sicheres Geleit Bittenden rennen unterwegs jedem Monster hinterher, das halbwegs in Sichtweite kommt.

Im Verlauf des Spiels erhält jeder Charaktertyp ein spezielles Reittier zur schnelleren und eleganteren Fortbewegung

Für eine schnelle Reaktion in solchen Situationen ist eine gute Steuerung unerlässlich. Der PC bietet mit Maus und Hot Keys für die Vielzahl an Fähigkeiten, die Rollenspielcharaktere im Lauf der Zeit erlernen, eine deutlich komfortablere Variante als Konsolen. Die Übertragung der Steuerung auf das Gamepad ist in „Sacred 2“ deutlich besser gelungen als beispielsweise bei „Oblivion“. Der Spieler belegt das digitale Steuerkreuz mit Tränken und die Buttons beliebig mit den verschiedenen Fähigkeiten. Durch Einbindung der Schultertassen zum Umschalten stehen dafür immerhin zwölf Plätze zur Verfügung. Anfangs ist das mehr als genug, aber im Lauf des Spiels wird es eng auf dem Controller. Ein guter Ausweg ist die Verknüpfung mehrerer Fähigkeiten zu einer Serie. Das Spiel sieht ohnehin Kombinationen vor, hält sich aber mit Informationen hinsichtlich der Auswirkungen spezifischer Verbindungen zurück. Insgesamt beschränkt sich das integrierte Tutorial auf das Notwendigste. Vieles muss der Spieler durch Probieren oder Internetrecherche selbst heraus bekommen.

„Sacred 2“ hat eine Flut von Zahlen und Werten für jedes Detail. Die Wahl der optimalen Ausrüstung wird – auch aufgrund der teils unzulänglichen Informationen – recht schnell zur Herausforderung: Nicht genug damit, dass jeder Gegenstand unterschiedliche Faktoren hat, einige davon korrelieren zudem mit den Fähigkeiten des Helden. So kann es durchaus sein, dass ein Charakter eine bestimmte Waffe zwar ausrüsten darf, deren Potenzial aber nicht richtig ausschöpft, da ihm die passenden Fertigkeiten fehlen.

Die Charakterentwicklung ist sehr ausgefeilt für ein Action-Rollenspiel. Die anfängliche Wahl des Typus bestimmt lediglich die Grundvoraussetzungen und Stärken. Erreicht der Charakter eine neue Stufe, darf der Spieler Bonuspunkte beliebig auf die Grundwerte wie Geschicklichkeit, Stärke und Intelligenz verteilen und so bestimmen, ob der Charakter ausgewogen ist oder in einzelnen Bereichen ein Überflieger. Der Ausbau der Fähigkeiten funktioniert ähnlich, wobei die Auswahl viel größer ist als in den meisten verwandten Spielen, wodurch der Spieler sein Rollenspiel-Alter-Ego sehr individuell der eigenen Spielweise anpassen kann.

Im Multiplayer-Spiel können zwei gleiche Grundtypen daher völlig unterschiedlich ausgestaltet sein. Das Spiel mit anderen ist entweder an einer Konsole zu zweit oder auch online mit bis zu vier Spielern möglich. Entweder eröffnet der Spieler dazu eine spezielle Multiplayer-Karte, was sich besonders für das Spiel mit Bekannten anbietet, oder er öffnet sein Kampagnen-Spiel, sodass interessierte Spieler hinzu stoßen. Umgekehrt kann er freilich andere für Multiplayer offene Spiele besuchen. Auch PvP (Player vs Player), also das Spiel gegeneinander, ist möglich – freilich ebenfalls mit höchstens vier Spielern.

Optisch braucht sich zumindest die getestete PS3-Version in keiner Weise hinter der PC-Variante zu verstecken. Die Grafik ist beeindruckend und sehr detailliert. Zu Gunsten einer möglichst stabilen Bildrate ist die Kameraperspektive eingeschränkt und gestattet keine zu weite Fernsicht. Dennoch ruckelt das Bild öfters, was allerdings nur den optischen Eindruck mindert und nicht die Steuerung beeinträchtigt.

Ladezeiten kennt das Spiel kaum. Die komplette Außenwelt wird stückweise nachgeladen, was nur gelegentlich in belebten Städten zu Verzögerungen – meist unter einer Sekunde – führt. Beim Betreten von Dungeons, fällt eine Wartezeit von wenigen Sekunden an, die nicht einmal ausreicht, die zur Überbrückung angezeigten Tipps komplett zu lesen.

Städte und Kampfgebiete gehen nahtlos ineinander über

Den grafischen Eindruck untermauert die Soundkulisse des Spiels mit guten atmosphärischen Effekten und viel Sprachausgabe, auch wenn die individuellen Sprüche der Helden und Monster während der Kämpfe teils auf Bud-Spencer-Terence-Hill-Kalauer-Niveau abrutschen. Die Städte wirken dank Hintergrundgeräuschen und –dialogen lebendig. Ab und zu stimmt ein Bewohner auch mal das von der deutschen Metal Band Blind Guardian stammende Titellied an.

Für die Entwicklerschmiede Ascaron war der Weg zur Konsolenvariante von „Sacred 2“ extrem steinig: Bis zur Veröffentlichung der PC-Version kam es zu gravierenden Entwicklungsverzögerungen, die schließlich im April darin gipfelten, dass die Firma parallel zur Fertigstellung der PS3- und XBox-360-Umsetzungen die Einleitung eines Insolvenzverfahrens ankündigen musste.

Fans von Action-Rollenspielen kommen bei „Sacred 2“ voll auf ihre Kosten. Für die PS3- und Xbox-360-Umsetzung gilt das in besonderem Maße, weil das Genre auf Konsolen extrem mager besetzt ist und zumindest die getestete PS3-Version stabil läuft und lediglich seltene Grafikfehler hat. Ascarons Titel ist deutlich ausgefeilter und abwechslunsreicher als das spielerisch vergleichbare PS3-Action-Rollenspiel Untold Legends - Dark Kingdom von Sony Online Entertainment.

Trotz mehr oder weniger interessanter Geschichten, wiederholt sich freilich schnell das genreübliche Schema Quest annehmen, Aufgabe und Monster erledigen, deren Gegenstände einsammeln und auf zum nächsten Quest. Wem „Diablo II“ zu eintönig war, der wird trotz der ausgefeilten Charaktergestaltung nicht glücklich mit „Sacred 2“. Es ist kein klassisches Rollenspiel mit einer tiefen Story, sondern ein grafisch und atmosphärisch sehr schönes Hack-And-Slay-Spiel mit einer großen, offenen Welt. (Rainald Menge-Sonnentag)

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