Gefoltert. Erniedrigt. Sprachlos.

Traumatisierte Gewalt- und Kriegsopfer aus arabischen Ländern finden psychologische Hilfe in Deutschland. Die Besonderheit: Ihre Therapeuten bekommen sie nie zu Gesicht. Die Therapie erfolgt anonym über das Internet.

Die Therapeutin forderte ihn auf, das Erlebnis in allen Details zu schildern. Er konnte nicht. Die Therapeutin wartete. Und irgendwann antwortete er ihr. "Es war so schrecklich", schrieb der Mann, "dass ich keine Worte finde, um es zu beschreiben."

Wer dieser Mann war, weiß Nadine Weißflog1, 26-jährige Therapeutin am Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) bis heute nicht: sie weiß nicht, was er arbeitete, wie er aussah, weiß nicht, weshalb er wochenlang splitternackt in eine Zelle gesperrt war, die so eng war, dass er nur im Stehen schlafen konnte und Nadine Weißflog weiß auch nicht, weshalb man ihn Tag für Tag mit verbundenen Augen in ein Zimmer führte, wo er gefoltert wurde.

Das Einzige, was der Mann von sich preisgab, war Heimatland und Alter: 38 Jahre. Libyen. Dort, 2.000 Kilometer von seiner Therapeutin in Berlin entfernt, saß er zu Hause an seinem Computer und kommunizierte mit ihr übers Internet. Er brauchte ihre Hilfe. Alleine kam er mit den posttraumatischen Belastungsstörungen nicht mehr zurecht. Aus einem Online-Forum hatte er von der internetbasierten Traumatherapie in arabischer Sprache erfahren, die das bzfo seit 2009 unter dem Namen Ilajnafsy (arab.: "Psychotherapie") für Menschen wie ihn anbietet.

Heute sitzt die halbirakische Psychologin Nadine Weißflog in ihrem Büro in Berlin-Moabit. Vor ihr ein Apple-Notebook, hinter ihr bunte Zettelchen an der übergroßen Pinnwand, in der Ecke eine Yucca-Palme. Auch ihr Kollege, der 32-jährige syrische Kurde Ziad Musa* und die Koordinatorin des Ilajnafsy-Programms, Sophie Schaarschmidt, sind gekommen, sie nehmen Platz. Der Raum ist hell und ruhig.

Kein Gesichtskontakt zum Therapeuten ist hilfreich

Folter, Kriegserfahrungen und Vertreibung, häufig auch innerfamiliärer sexueller Missbrauch. Oder Depressionen, denen kein spezifisches Trauma zugrunde liegt. Damit wenden sich Frauen und Männer aus allen arabischen Ländern an das fünfköpfige Psychologenteam in Deutschland. Deutschland deshalb, da es in ihren Heimatländern oft keine psychologische Anlaufstelle gibt und falls doch, ist die Hemmschwelle, sie in Anspruch zu nehmen, hoch - einerseits gesellschaftlich stigmatisiert, andererseits die übergroße Scham mit einem Fremden von Angesicht zu Angesicht über das traumatische Erlebnis zu sprechen.

Kein Gesichtskontakt zum behandelnden Therapeuten, die visuelle Anonymität des Internets - das, sagt Nadine Weißflog, helfe in einer Online-Therapie vielen, sich zu öffnen. Die kulturellen Eigenheiten ihrer Klienten kennen die fünf Psychologen gut, sie alle kommen ursprünglich aus arabischen Ländern. Der syrische Psychologe Ziad Musa nickt. 20 Patienten, erzählt er, behandelten sie hier jeden Monat; kostenfrei, zugänglich für jeden mit Internetzugang. Die Nachfrage ist so groß, dass man vor kurzem eine Außenstelle in Alexandria (Ägypten) eingerichtet hat.

Die halbirakische Psychologin Nadine Weißflog (links) und ihre Kollegen behandeln monatlich 20 Trauma-Patienten über das Internet - alles in arabischer Sprache. Foto: © Iris Mostegel

2000 Kilometer entfernt in Libyen: Der 38-jährige Mann sitzt an seinem Computer. Über einen verschlüsselten Account hat er sich von zu Hause in das externe Email-System des Berliner bzfo eingeloggt; kein Dritter soll mitlesen können. Über dieses Email-System wird der Mann die kommenden acht Wochen mit Nadine Weißflog kommunizieren. Die Therapie hat begonnen. Von jetzt an wird er von seiner Therapeutin mindestens zwei Mal die Woche eine Nachricht erhalten - sie wird ihm eine Aufgabe stellen und er wird dazu einen Text schreiben; darauf wird sie ihm eine Rückmeldung geben und Anleitungen für die darauf folgenden Texte senden.

In all dieser Zeit wird der Mann nie erzählen, weshalb er eigentlich im Gefängnis gewesen war oder wer die Leute waren, die ihn gefoltert hatten. Und Nadine Weißflog, die wird ihn nie danach fragen; sie darf es nicht, so schreibt es das Therapie-Konzept vor; alles ist streng anonym. Das Einzige, wonach sie ihn fragen wird, ist, dass er ihr alles, aber auch wirklich alles zu seinem traumatischen Erlebnis erzählt: Wie hat man ihn gefoltert? Wie verbal gedemütigt? Wie oft, wie lange?

Zum Zeitpunkt der Behandlung lag das traumatische Erlebnis des Mannes bereits zwei oder drei Jahre zurück, denn nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte er zunächst einfach nur zugewartet. Vielleicht in der Hoffnung, alles werde sich schon irgendwie wieder einrenken. Doch es blieb wie es war: Er fühlte sich gelähmt und leer. Empfand sich als wertloses Nichts.

So hatte er es später seiner Therapeutin beschrieben, vermutlich nicht ahnend, dass viele ihrer anderen Patienten ähnliche Worte wie er verwendeten: Männer aus Syrien, die im Gefängnis vergewaltigt wurden, Frauen aus Saudi-Arabien, die missbraucht und geschlagen wurden - die Traumata jener, die um Hilfe suchen, sind unterschiedlich, die Nachwirkungen jedoch dieselben: quälende Flashbacks, emotionale Taubheit und allgemeiner Rückzug - das sind nur einige der Merkmale, die unter dem Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung zusammengefasst werden; mitunter erst stark zeitversetzt kommen sie an die Oberfläche.

Die Hand der 26-jährigen Nadine Weißflog schlägt auf den hellen Konferenztisch. "Wut!", sagt sie. "Bei dieser Arbeit entwickelst du eine solche Wut auf die Systeme, in denen die Menschen leben. Aber als Therapeut bist du da machtlos. Du behandelst eben das Individuum und nicht das System."

Online-Therapie auf Krankenkasse

Nadine Weißflog rückt ihre schwarze Hornbrillle zurecht. Vor vier Jahren, als sie hier begann zu arbeiten, erzählt sie, lernte sie erstmals jenes Konzept kennen, das als verhaltenstherapeutische Schreibtherapie übers Internet, auch: Interapy, bekannt ist. In der Regel nicht länger als acht Wochen kommunizieren dabei Therapeut und Klient in einem Art Zeitlupen-Ping-Pong per Email - der Therapeut gibt ein Thema vor, zu dem der Patient innerhalb von 50 Minuten einen längeren Text verfasst, abhängig von diesem gestaltet sich die nächste Aufgabe; der Behandlungsprozess verläuft anhand einer fix vorgegebenen drei-phasigen Abfolge.

Entwickelt wurde dieses Therapie-Modell Ende der 1990er Jahre von einer Gruppe klinischer Psychologen um Alfred Lange an der Universität Amsterdam. Dort zeigte es für gewisse Krankheitsbilder - unter anderem posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Ess-Störungen - rasch derart gute Ergebnisse, dass das bzfo einige Jahre später das Modell übernahm und unter der wissenschaftlichen Leitung der FU Berlin und der privaten Hochschule Medical School Berlin für den arabischen Raum kulturell adaptierte - heraus kam das jetzige Therapie-Programm Ilajnafsy (arab. "Psychotherapie"), das einzige seiner Art in Europa, finanziert von Misereor, dem katholischen Hilfswerk Deutschland.

Kein arabischer Staatssicherheitsdienst soll mitlesen können - aus Sicherheitsgründen kommunizieren die Patienten über einen verschlüsselten Account auf einem externen Email-Server. Foto: © Iris Mostegel

Nur: Kann eine Therapie übers Internet, die lediglich wenige Wochen dauert und sich unter anderem an schwer traumatisierte Menschen richtet, die überdies tausende Kilometer weit weg sitzen, überhaupt etwas ausrichten? Skeptikern zum Trotz, sagen die Statistiken Ja - gerade bei posttraumatischen Belastungsstörungen sind die Erfolge besonders gut belegt. Nachteile, wie das Fehlen von non-verbaler Kommunikation wird durch anderes wettgemacht, unter anderem das strikte Handlungsprotokoll, durch das Therapeut wie Klient gezwungen sind, über den gesamten Behandlungszeitraum am Kern der Problematik zu bleiben - man läuft nicht Gefahr, abzuschweifen.

In einer Studie der Universität Zürich von 2013 wurden außerdem Online-Therapie und konventionelle Psychotherapie direkt miteinander verglichen. Das Ergebnis: die so genannte Effektstärke, sprich die Therapie-Wirksamkeit ist annähernd gleich hoch; bei einer Nachbeobachtung drei Monate später schnitten die Online-Patienten der Studie sogar besser ab als jene mit persönlichem Kontakt. In den Niederlanden ist man von der Internet-Schreibtherapie schon länger überzeugt - dort übernehmen die Krankenkassen seit 2005 die Behandlungskosten.

Verzweiflung - oft sind Traumaopfer in arabischen Ländern mit ihren Problemen auf sich allein gestellt. Psychotherapien sind gesellschaftlich stigmatisiert. Foto: © Iris Mostegel

Und dennoch, eine virtuelle Therapie hat ihre Grenzen: Akute Suizidgedanken, schwere Depressionen - wenn es um Krisenintervention geht, ist das Internet keine Option, da muss von Angesicht zu Angesicht geholfen werden. Die andere Grenze der Online-Psychotherapie: Stromausfälle. Internet lahmgelegt. Was dann? "Das ist ein Problem, vor allem in Krisengebieten", sagt Therapeut Ziad Musa. Bis vor kurzem hatte er mehrere Leute im Irak behandelt, doch wegen der jüngsten politischen Entwicklungen verlor er von einem Tag auf den anderen den Kontakt zu vielen seiner Klienten. "Ist es deshalb, weil das Internet gekappt wurde?", fragt sich der 32-Jährige. "Oder deshalb, weil ihnen etwas passiert ist?"

"Das sind die wirklich guten Momente"

Berlin-Moabit, November 2013. Zwei Wochen vor Therapiebeginn. Nadine Weißflog wertet einen Fragebogen aus, den ihr der 38-jährige libysche Mann wenige Stunden zuvor retourniert hatte. Wie bei allen anderen Patienten wird sie auch diesmal vor Behandlungsbeginn mittels des diagnostischen Messverfahrens Posttraumatic Stress Diagnostic Scale den Grad der Traumatisierung ermitteln.

Nach Therapie-Abschluss wird sie dann erneut messen: Um wie viel hat sich sein Zustand gebessert? Im Schnitt, erzählen die zwei Psychologen, milderten sich die Symptome ihrer Patienten um die Hälfte. Manchmal auch weniger. Manchmal aber mehr. So wie bei dem 38-jährigen Mann aus Libyen, sagt Nadine Weißflog. "Er hat sich sogar um 80 Prozent zu seinem Ursprungswert verbessert, sprich: er war zwar nicht vollständig geheilt, hatte aber nur mehr leichte Symptome." Die Therapeutin zupft an der Kordel ihres grünen Kapuzen-Sweatshirts. "Das sind die wirklich guten Momente", sagt sie. Sie lächelt.

Der 38-jährige libysche Mann beendete im vergangenen Januar seine Behandlung. Was aus ihm geworden ist, weiß Nadine Weißflog nicht genau. Welchen Beruf er hatte, sagt sie, das hätte sie schon interessiert. Und, noch mehr: ein Bild - wie sah dieser Mann eigentlich aus, mit dem sie wochenlang über intimste Dinge gesprochen hatte? Sie denke öfter an ihn, sagt die 26-jährige. Wie mit anderen ehemaligen Patienten sei aber auch mit ihm der Kontakt nicht ganz abgebrochen, gerade erst vergangene Woche habe er sich gemeldet: "Liebe Nadine", erzählt sie, hatte er ihr geschrieben. "Es geht mir gut. Ich melde mich heute nur deshalb bei dir, weil ich dir und deiner Familie einen gesegneten Fastenmonat Ramadan wünschen will. Salam, Grüße aus Libyen." (Iris Mostegel)

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