Gegen den "religiösen Totalitarismus" des Islamismus

Ein in Frankreich publizierter Aufruf gegen den Islamismus wird von unterschiedlichen Kreisen begrüßt

Der Streit um die Mohammed-Karikaturen schien langsam abzuflauen. Manche begannen schon aufzuatmen. Sind wir nicht noch einmal um den vielzitierten Kampf der Kulturen herum gekommen? Hat die schon totgesagte multikulturelle Gesellschaft doch noch eine Chance? Gerade in einer Zeit, in der die Gemüter sich scheinbar wieder beruhigten und die Vogelgrippe die Mohammed-Karikaturen medial schon längst überholt hat, platzt das Manifest der 12 (Manifeste des Douze: Ensemble contre le nouveau totalitarisme), das zuerst in der Satirezeitschrift Charlie Hebdo veröffentlicht wurde. Chefredakteur ist Mitunterzeichner Philippe Val und hatte bereits Anfang Februar die dänischen Mohammed-Karikaturen abgedruckt.

Gleich im ersten Abschnitt wird klar, gegen wen sich die Verfasser wenden.

Nachdem die Welt den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus besiegt hat, sieht sie sich einer neuen weltweiten totalitären Bedrohung gegenüber: dem Islamismus. Wir Schriftsteller, Journalisten, Intellektuellen rufen zum Widerstand gegen den religiösen Totalitarismus und zur Förderung der Freiheit, Chancengleichheit und des Laizismus für alle auf.

Doch es wird schnell klar, dass die 12 Verfasser nur den Islamismus meinen, wenn sie den Theokraten und der Religion den Kampf ansagen. Fundamentalistische Strömungen anderer Religionen, seien sie jetzt christlich oder hinduistisch grundiert, werden in dem Aufruf überhaupt nicht erwähnt. Für die Aufrufer scheinen Frauenunterdrückung, Unfreiheit, Zerstörung von Meinungs- und Gedankenfreiheit nur eine Ursache zu haben: den Islamismus. Eine klare Trennung zwischen dem Islam und dem Islamismus wird in dem Aufruf auch nicht gemacht. Es wird nur an einer Stelle darauf verwiesen, dass die Kritik am Islam nichts mit der Stigmatisierung der Gläubigen zu tun habe.

Die Autoren des Aufrufs setzen sich aus zwei Gruppen zusammen. Da sind einmal Menschen, die von islamischer Unterdrückung betroffen waren, wie z.B. Salman Rushdie, gegen den wegen seines Buches „Satanische Verse“ von den iranischen Mullahs eine Fatwa ausgesprochen wurde. Daher konnte er jahrelang nur klandestin leben. Die Somalierin Ayaan Hirsi Ali ("Ich will keine Märtyrerin werden") floh als Frau vor der islamischen Unterdrückung nach Holland und hat sich mittlerweile zur kämpferischen Rechtskonservativen gewandelt. Dabei spielen sicher auch Enttäuschungen über ein linksliberales Milieu eine Rolle, das Unterdrückung schon mal klein redete, wenn sie im Namen von angeblich fremden Kulturen und Religionen ausgeübt wurde. Auch eine weitere Unterzeichnerin, Taslima Nasreen floh vor islamistischer Verfolgung in ihrer Heimat Bangladesh nach Europa. Auch ihr Engagement gegen islamischen Terror rührt sicher aus eigenen leidvollen Erfahrungen

Eine weitere Gruppe sind französische Philosophen wie Bernard.-Henri Levy, die in den 70er Jahren ihre linke Vergangenheit hinter sich gelassen haben und sich dem Kampf gegen den Totalitarismus verschrieben haben, den sie bald überall dort entdeckten, wo es mehr oder weniger linke Bewegungen und Staaten gab. Mit dem Islamismus haben sie ein neues Kampffeld entdeckt, das ihnen Aufmerksamkeit garantiert.

Unterschiedliche Reaktionen

Der Aufruf stieß in Deutschland bisher auf unterschiedliche Reaktionen.

Das Manifest schlägt den Jargon des militanten Liberalismus an. Dessen Problematik besteht aber genau darin, dieses Dilemma einfach zu ignorieren. Er proklamiert "universale Werte" und kümmert sich nicht darum, wie diese Proklamation auf der anderen Seite ankommt. Es schert ihn nicht, dass die andere Seite das Gefühl hat, der Westen setze sich als universale Norm, und dass sie sich in ihrer Überzeugung, unter der Kuratel westlicher Herrenreiter-Arroganz zu stehen, bestätigt fühlt. Er realisiert die Paradoxie nicht einmal, dass dieser Liberalismus jenen, denen er militant gegenübertritt, gerade als das erscheint, was er nicht sein will: eine Herrschaftsideologie.

Robert Misik in der taz

Misik bemängelte auch, dass dort mit dem umstrittenen Totalitarismusbegriff hantiert wird, der völlig unterschiedliche Phänomene zusammen zwingt und mehr zukleistert als erklärt.

Auf Zustimmung stößt das Manifest in Bloggerkreisen. So hat sich eine Reihe von Blogs ausdrücklich hinter das Manifest gestellt. Darunter sind sowohl ehemalige Linke, die sich in letzter Zeit dem Kampf gegen den Islamismus verschrieben haben, den sie als eine Art neuen Faschismus sehen. Aber auch erklärte Neoliberale, die mit dem Islamismus endlich ein neues Feindbild gefunden haben, seit der Nominalsozialismus ausgedient hat, stellen sich hinter den Aufruf.

Ein solches Links-rechts-Crossover gibt es in dieser Frage schon länger. Da hat ein Münsteraner aus der rechtskonservativen Ecke Toilettenpapierrollen mit der Aufschrift Mohammed versehen an Moscheen geschickt und Ärger mit der Justiz bekommen. Das wiederum empfanden manche Linke als Kuschen vor dem Islamismus. So stellten Mitglieder der Georg-Weerth-Gesellschaft in Köln die Anklageschrift gegen den Münsteraner ins Internet und übten sich selbst noch in Islamkritik, in dem sie über das Bild eines besoffenen deutschen Rassisten den Namen Mohammed schrieben. Was man eher als spätpubertäre Jugendstreich, der im Internetzeitalter einen größeren Verbreitungsgrad gefunden hat, bewerten könnte, wird von den Autoren als ernsthafter politischer Beitrag gesehen.

Das staatliche Vorgehen hingegen ist in dieser Lesart eine Zusammenarbeit zwischen Polizei und Islamisten. Es gibt also unterschiedlichste politische Kreise, die einen Kulturkampf geradezu herbeisehnen. Das Manifest der 12 hat ihnen jetzt eine seriöse Basis gegeben, auf der sie agieren können. (Peter Nowak)

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