Gegen die Taliban und die Krankenhausbürokratie

Ein US-Soldat wurde aus den Händen von Terroristen freigekauft - und 40 mussten sterben, während sie auf einen medizinischen Behandlungstermin warteten

Am 31. Mai wurde der fünf Jahre lang von paschtunischen Taliban gefangen genommene US-Soldat Bowe Bergdahl auf Vermittlung des Emirats Katar, das gute Beziehungen zu den USA und zu Dschihadisten überall auf der Welt unterhält, gegen fünf in Guantanamo gefangen gehaltene hochrangige Taliban ausgetauscht - darunter der Geheimdienstchef, ein ehemaliger Innenminister des "Islamischen Emirats Afghanistan" und zwei Militärkommandeure, die tausende von schiitischen Hazara auf dem Gewissen haben sollen. Die Taliban wurden in die katarische Hauptstadt Doha ausgeflogen, wo die Terrorgruppe seit dem vergangenen Jahr ein ganz offizielles Büro unterhält. Sobald ein Jahr vergangen ist, dürfen sie von dort ausreisen, wohin sie wollen. Verteidigungsminister Chuck Hagel zufolge wird die Sicherheit der USA dadurch nicht gefährdet.

Wie Bergdahl am 30. Juni 2009 in die Hände der Taliban geriet, ist noch nicht geklärt: Möglicherweise hatte sich der junge Mann aus dem religiös geprägten Gebirgsstaat Idaho absichtlich von der Truppe entfernt. Einige Medien gehen von einer Desertion oder einem Überlaufen zu den Taliban aus, andere davon, dass er sich verirrte. Britische Medienberichte aus dem letzten Jahr, nach denen Bergdahl angeblich zum Islam übertrat und Terroristen ausbildete, wurden nach der Freilassung nicht bestätigt. Stattdessen hieß es, er habe lediglich für seine Geiselnehmer gekocht und trotz ihres Drängen ihren Glauben nicht angenommen - anders als Sergeant Nicholas Brody aus der Fernsehserie Homeland, mit der viele Medienkommentare den Fall vergleichen.

Sergeant Bowe Bergdahl vor seiner Gefangennahme, Ex-Veteranenminister Eric K. Shinseki. Bilder: United States Army.

Bergdahl war der einzige US-Soldat der sich längere Zeit als Geisel in der Gewalt der Taliban befand. Nun debattieren Kongress und Senat darüber debattieren, ob der Preis für seine Freilassung zu hoch war und welche Gefahr durch die Freilassung der fünf Talibanführer drohen könnte. Dabei gerät zunehmend eine andere Debatte in den Hintergrund, in der es ebenfalls um US-Soldaten geht:

Diejenige um Millionen Veteranen, die gesundheitliche Probleme haben. Als sie ihre Verpflichtungsverträge unterzeichneten, war ihnen eine kostenlose medizinische Versorgung versprochen worden. Viele von ihnen mussten danach die Erfahrung machen, dass dieser Anspruch zwar auf dem Papier besteht, aber in den Praxis häufig schwer einzulösen ist. In diesem Frühjahr kam über CNN und einen Whistleblower unter den Ärzten heraus, dass eine Veteranenklinik in Phoenix Dateien fälsche, um den Eindruck zu erwecken, Hilfesuchende würden nach höchstens zwei Wochen einen Behandlungstermin bekommen.

Tatsächlich mussten 1700 von ihnen vergeblich auf medizinische Hilfe warten. 40 davon starben während der Wartezeit. Einige an Krebs, der nie behandelt wurde. Von US-Medien befragte Mediziner kamen anhand der Krankengeschichten zum Ergebnis, dass viele dieser Veteranen noch leben können, wenn man sie ausreichend schnell behandelt hätte. Am 30. Mai musste deshalb Obamas Veteranenminister Eric Shinseki seinen Hut nehmen. (Peter Mühlbauer)