Geheime Kräfte können überall lauern

Magie und Zauberei sind in Marokko noch weit verbreitet

Magie und Zauberei haben im rationalen Westen lange schon keinen Platz mehr. Der Glaube an eine andere Welt mit geisterhaften Gestalten oder Kräften wird nur müde belächelt. Höchstens im Zusammenhang mit indigenen Kulturen sind magische Rituale noch von Interesse. Nach dem Hippie-Boom der 70er Jahre zieht es noch heute Weisheitssuchende zu den Gurus und Schamanen in Asien oder Südamerika. Die Medizinmänner und Heiler Afrikas scheinen dagegen weniger attraktiv zu sein. Der schwarze Kontinent ist hauptsächlich nur ein Ziel von Anthropologen. Dabei sind Magie und Zauberei seit vielen Jahrhunderten ungebrochen feste Bestandteile der afrikanischen Kultur, so divers sie von Land zu Land manchmal auch sein mag. Weder das Christentum, noch der Islam konnten den Glauben an eine andere "spirituelle Welt" mit eigenständigen, geheimen Gesetzmäßigkeiten ausrotten.

Ein Musterbeispiel ist das Königreich Marokko an der Nordostspitze Afrikas. Dort ist "Hexerei eine akzeptierter Bestandteil des täglichen Lebens, wie es im Westen etwa die Existenz von Bakterien ist", erzählte Paul Bowles der legendäre amerikanische Schriftsteller und Komponist, der 50 Jahre bis zu seinem Tod 1999 in Marokko gelebt hatte. "Und die Haltung der Marokkaner dazu ist genauso wie unsere gegenüber einer Infektion. Die Möglichkeit besteht immer und man muss dagegen Vorsichtsmaßnahmen treffen."

Die Islamisierung Afrikas begann bereits im 7. Jahrhundert, aber die neue Religion wurde insbesondere auch in Marokko bis ins 18., teilweise sogar noch bis ins 19.Jahrhundert hinein, als ein Kult unter vielen verschiedenen verstanden. Das magische Erbe von Ahnenkult und Animismus aus vorislamischer und vorchristlicher Zeit blieb bis heute präsent - im Gegensatz zu Saudi-Arabien und anderen Ländern des Mittleren Ostens beispielsweise, wo man traditionelle Ingredienzien im Bemühen um eine puritanische Version des Islams auszumerzen versuchte. In Afrika und in Marokko wurden Riten und Glaubensbestandteile indigener Religionen kurzerhand in den Islam integriert.

Noch heute predigen Imame immer wieder beim traditionellen Freitagsgebet in Marokko gegen "gotteslästerliche" Weissager, Kartenleger und Heiler, die ungebrochenen Zulauf haben. Die Gläubigen in der Moschee wissen jedoch genau, was der Imam da von der Kanzel loslässt, ist reine Pflichterfüllung seines religiösen Amtes. Denn die Realität sieht ganz anders aus. Kaum ein Imam würde den Talisman eines dieser von ihm öffentlich geschassten Heiler in die Hand nehmen. Die magische Kraft ritueller Gegenstände ist über Generationen sozial verbürgt und dieser erworbene Respekt vor dem Okkulten macht auch vor einem Imam nicht halt.

Außerdem kann es gut möglich sein, dass seine Frau zu den Stammkundinnen einer Wahrsagerin gehört. Wie etwa Aischa, meine Putzfrau, die sich wöchentlich die Zukunft voraussagen und gegen magische Attacken schützen lässt. Eines Tages holte sie stolz ein kleines Päckchen aus ihrer Bluse hervor. "Gegen den bösen Blick", sagte sie zu mir mit souveränem Gesichtsausdruck. "Sie sollten das auch tragen, dann kann Ihnen niemand etwas anhängen."

Das Böse, das Teuflische kann überall lauern. In einem Stein auf der Straße, im Henna, das auf die Hand einer Frau gemalt ist, in einer Coca Cola oder Tee im Cafe, im Couscous, der freitags nach dem Moscheebesuch serviert wird, oder in einem Sandwich, das man sich zwischendurch in einer der vielen, kleinen Imbissbuden kauft. Es ist eine endlose Zahl von Objekten, in denen ein "böser Geist" von Menschenhand platziert werden kann: Entweder aus Rache oder aufgrund einer pathologischen Konstitution, Böses tun zu wollen. Was die Sache zudem noch komplizierter macht, Objekte können nicht nur bewusst verseucht werden, sondern auch die Wohnstatt, Heimat und Eigentum eines Geister sein. Und die warten nur darauf, dass irgendjemand sie berührt oder verschluckt. Die jeweils Betroffenen fallen dann in abnormale Zustände, die sogar Psychosen ähneln können.

In diesen Fällen helfen dann die Heiler, die sich in der magischen Kunst, mit den geheimen Kräften auskennen. Die männliche Variante ist der "Fkfih", die weibliche die "Shawafa". Gegen eine Gebühr, die zwischen 20 und 50 Euro liegt, geben sie praktische Ratschläge, wie man den Fluch loswerden kann. Die Zimmer dieser Heiler sind voll mit Talismanen, die gegen jede Form der Besessenheit und von Problemen helfen sollen. Talismane sind kleine Papierröllchen, auf denen Verse aus dem Koran stehen oder verschlüsselte Beschwörungsformeln, die nur von Heilern geschrieben und gelesen werden können.

Eines dieser Papierröllchen fand ich eines Tages auf meiner Dachterrasse. Ich befragte marokkanische Freunde, die sich als aufgeklärt, ganz und gar westlich gaben und immer über Magie gelacht hatten. Ich dachte, sie wären die richtige Adresse. Einer war Zahnarzt, der andere Rechtsanwalt. Beide hatten in Frankreich studiert. Als es allerdings so weit war, wollte keiner von ihnen das Papier öffnen, geschweige denn berühren. Ich musste es den beiden zum Lesen vorsichtig hinhalten. In goldener Schrift stand da geschrieben, dass ich unverzüglich die Tochter des Nachbarn heiraten sollte. "Ist sie wenigstens hübsch", sagte einer meiner Freunde lachend. Leicht verunsichert fragte ich, wie ich diesem Schicksal entrinnen könne, denn an Heirat hatte ich bisher nicht gedacht. Mit ernstem Ton wurde mir erklärt, in diesem Fall gäbe es eine ganz einfache Methode, den Fluch loszuwerden. Normalerweise würde das immer helfen. Ich war erleichtert und entsprechend ihren Anweisungen stand ich danach in der Toilette, zerriss das Papierchen in kleinstmögliche Stücke und spülte es die Toilette hinunter. Ganz offensichtlich hat es funktioniert, denn vier Jahre danach bin ich immer noch unverheiratet und die Tochter meines Nachbars schwirrt mir nicht im Kopf herum.

Heiler geben auch sehr gerne kleine, mit Kräutern gefüllte Tütchen, die an ausgewählten Stellen zu deponieren sind oder, wie bei meiner Putzfrau, am Körper getragen werden müssen. So schützt man sich beispielsweise vor dem "bösen Auge" oder den bösen Intentionen anderer Menschen, die von Eifersucht, Neid oder eben einer generellen, negativen Ausstrahlung herrühren. Wer an chronischen Schmerzen oder an einem steifen Arm oder Bein leidet, so heißt es, ist sehr wahrscheinlich ein Opfer eines "bösen Blicks" geworden. Das "böse Auge" gibt es in allen mediterranen Kulturen.

Da geheime Kräfte überall walten und einen zu jeder Zeit treffen können, sind Marokkaner grundsätzlich vorsichtig, wem sie gegenüber treten, wohin sie gehen, was sie wo essen. Junge und noch ledige Männer würden in einem Haus, in dem es eine heiratsfähige und wenig attraktive Tochter gibt, nur widerstrebend etwas zu sich nehmen. Es könnte etwas im Tee oder im Couscous sein, das sie nach dieser Tochter verrückt macht. Manche junge Männer haben für derartige Fälle vorgesorgt und tragen einen entsprechenden Talisman bei sich, der sie gegen jede Art von Liebesverzauberung schützen soll.

Für die Heiler ist es ein einträgliches Geschäft. Die Profis unter ihnen unterhalten ein Büro mit Sekretärin, die Termine vereinbart, und die Öffnungszeiten sind nicht anders als bei Arztpraxen und Anwaltskanzleien. Im August ist wegen Urlaub vier Wochen geschlossen. "Nur Frauen gehen zu solchen Scharlatanen", sagen die meisten marokkanischen Männern. "Das ist typisch Frauensache." Tatsächlich aber sitzen beide Geschlechter geduldig nebeneinander in den Wartezimmern und hoffen auf die Lösung ihre Probleme. Dazu zählen die Mätresse des Ehemanns, mangelnde Lust der Frau oder des Mannes im Ehebett, der fehlende Ehemann für die Tochter, die anstehende Universitätsprüfung des Sohnes, eine weite Reise, der Blick in die Zukunft, die Beratung in Sachen Geldanlage oder der Kauf eines Grundstücks. Keine Lebensfrage bleibt unbeantwortet. Für den untreuen Ehemann braucht der Heiler ein bisschen Sperma, für die positive Zukunft und prosperierende Geschäfte tut´s eine Kräutermischung.

Heiler, Kartenleser, Wahrsager ersetzen Therapeuten und Psychologen, die es in Europa oder den USA wie Sand am Meer gibt und bekanntlich oft genug Ziel von Witzen und Spötteleien sind. In Marokko ist man ebenfalls gewöhnt, sich über die landeseigenen "Therapeuten" mit viel Humor lustig zu machen. Hier ein kurzes Beispiel:

Eine Frau beklagt sich über den mangelnden Eifer ihre Mannes im Ehebett. Als Gegenmittel empfiehlt ihr der Heiler, die Fingernägel eines Toten mit Couscous zu kochen. Der Wächter eines Leichenschauhauses wittert einen Nebenverdienst und engagiert einen Freund, der sich unter ein Leichentuch legt. Da die Frau ihren Ehemann wieder außerordentlich aktiv machen will, schneidet sie nicht nur kleine Schnipsel von den Nägeln ab, sondern gleich einen ganzen Finger. Der scheinbare Tote wird plötzlich sehr lebendig, die Frau fällt in Ohnmacht und alle Beteiligten landen auf der Polizeistation.

In ganz schwierigen Fällen befragen Heiler ihren "Dschin", einen persönlichen Geist, der ihnen Informationen aus der anderen Welt übermittelt. Dazu müssen sie in eine Trance, in einen ekstatischen Zustand, fallen. Danach kommen sie in die normale Welt mit Lösungen für die anstehenden Probleme zurück. Ein Konzept, das in fast allen Regionen der Welt zu finden ist. Bei den Eskimos verbringt der Medizinmann einige Tage fastend in der Tundra, um dem "Wahnsinn" nahe kommen; bei den Indianern Südamerikas wird die psychoaktive Pflanze Peyote geschluckt, um Botschaften zu erhalten; bei den Schamanen Nepals oder auch Indiens gleitet man mit Meditation oder speziellen Säften in eine "andere Welt" hinüber. Die Existenz von "Dschinoun" (Plural von Jinn) werden in den Geschichten aus 1001 Nacht mit "Genie" übersetzt sind und sogar im Koran erwähnt. Die gesamte Sura 72, "Al-Jinn", ist den unsichtbaren Geistern gewidmet. In der allerletzten Sure des heiligen Buchs der Moslems heißt es auch, dass Mohammed sagte, er sei als Prophet für die "Menschen und die Dschinoun" geschickt worden.

Die "Dschinoun" sind ein Produkt aus vor-islamischer Zeit und galten als Geister der verstorbenen Ahnen, die während der Nacht aktiv sind und bei Tagesanbruch wieder verschwinden. Muslime glauben noch heute an die Existenz der "Dschinoun". In Marokko sind zwei Drittel der jungen Bevölkerung zwischen 16 und 29 Jahren von ihrer "Macht überzeugt. Das ergab eine Umfrage der Tageszeitung "L´Economiste". 59 Prozent der Befragten glaubt auch an Zauberei. "Ich glaube an die Existenz von Dschioun", schrieb der US-Autor Paul Bowles, "als ein allgemeiner Glaube. Wenn alle an sie glauben, dann existieren sie auch."

"Dschinoun" sind unsichtbare Wesen, die wie Menschen einen freien Willen haben, essen, trinken und Familien, Gemeinschaften und Gesellschaften bilden. In Marokko glaubt man, dass sie bestimmte Gegenden bewohnen, in Bäumen sitzen, in alten Ruinen, Schlachthäusern, Waschräumen, auf Müllplätzen und Friedhöfen. Ein "Dschin" kann positiv wie im Falle der Heiler sein, aber auch bösartig und destruktiv. "Einmal bemächtigte sich ein "Dschin" des Steuers meines Wagens, der von meinem Chauffeur gefahren wurde", erzählte Paul Bowles, dessen Marokko-Roman "Sheltering Sky" von Bernardo Bertolucci verfilmt wurde. "Er lenkte das Auto gegen eine steinerne Brücke. Mein Chauffeur hatte bereits am Vortag angekündigt, dass ein "Dschin" im Wagen sei und einen Unfall provozieren will. Augenzeugen und die untersuchende Polizei bestätigten die Version meines Fahrers."

"Dschinoun" können nicht nur Ereignisse bestimmen, sondern auch in Menschen fahren, verschiedene Krankheiten und psychische Anomalien erzeugen, die niemand recht erklären kann. Paul Bowles Frau war ein prominentes Opfer einer dieser unerklärlichen psychischen Krankheiten. Man sagt, sie sei von ihrer Freundin "Cherifa", die als praktizierende "Shawafa" bekannt war, "verhext" worden. Viele behaupten, sie war eine dieser bösen Hexen, die aus Habgier andere Leute verzauberte. Jane Bowles, die selbst einmal eine große Schriftstellerin war, konnte plötzlich nicht mehr schreiben, wurde mehr und mehr kommunikationsunfähig und verstarb 1973 im Alter von nur 56 Jahren in einem Krankenhaus in Malaga. Vorher hatte sie ihr ganzes Vermögen "Cherifa" vermacht. Jane Bowles erlitt zwar einen Schlaganfall, aber Cherifa hatte kurz vorher mit ihrer magischen Behandlung begonnen. "Sie bereitete ihre eigene Medizin und verschlimmerte damit den Zustand von Jane", berichtete Paul Bowles. "Ich fragte die Ärztin, ob sie glaubte, dass der Zustand von Jane durch etwas hervorgerufen sein könnte, das ihr Cherifa eingeben hat. Das ist gut möglich, sagte mir die Ärztin. Ich praktiziere nun seit 18 Jahren in Marokko und habe viele ähnliche Fälle gesehen. Deshalb kann man das absolut nicht ausschließen. Das wichtigste ist allerdings, dass man Cherifa von ihr entfernt."

Ein anderes prominentes Opfer marokkanischer Magie war Brion Gysin, ein Dichter der legendären "Beat-Generation". Er hatte ein gut gehendes Restaurant in der Altstadt von Tanger bis er eines Tages im Kamin einen Talisman fand. "Möge Brion dieses Haus verlassen, wie der Rauch das Haus in den Himmel verlässt." Nach wenigen Monaten musste er tatsächlich das "Restaurant 1001 Nacht" schließen. Aus unerklärlichen Gründen war die Kundschaft von einem Tag auf den anderen ausgeblieben.

Das magische Erbe Marokkos heute ebenfalls noch lebendig in der traditionellen Musik der "Gnawa", "Jilala" und der "Masters of Jajouka". Alle drei Stilrichtungen kommen aus der Sufi-Tradition und sind in speziellen Brüderschaften fundiert. Gleich ist ihnen das Streben nach einem tranceähnlichen Zustand, der durch stundenlanges Spielen erreicht wird. Bei den "Jilala" trinkt man kochendes Wasser oder geht über glühende Kohlen. Bei einem Kranken kann musikalisch der "bösen Geist" aus dem Körper geholt und neutralisiert werden. Die "Gnawa" haben ihre Wurzeln im Sudan. Bei ihnen hat Trance jedoch mehr die Funktion einer Kontemplation "Allahs" und seines "Propheten Mohammeds".

In Europa und den USA dürften die "Masters of Jajouka" am bekanntesten sein. Die Musiker, die aus dem 400-Seelen-Dorf Jajouka in den Bergen Nordmarokkos stammen, arbeiteten mit den Rolling Stones, Marianne Faithfull, Bill Laswell oder auch Ornette Coleman zusammen. Das Geheimnis der Jajouka-Musik wird von Generation zu Generation innerhalb der Familie Attar überliefert und geht zurück auf Sidi Ahmed Sheik, einem islamischen Missionar, der im 8. Jahrhundert aus Persien nach Marokko gekommen war. Er gab den "Masters of Jajouka" metaphysischen Fähigkeiten, Kranke und Verrückte mit ihrer Musik zu heilen. Das Grab von Sidi Ahmed Sheik liegt in der Nähe des Dorfs der "Jajouka" und ist das Ziel von Pilger, die für Heilung und Lösung ihrer Probleme beten. Sidi Ahmed Sheik gilt als heiliger Mann, als ein "Marabout" mit außergewöhnlichen, heilerischen Fähigkeiten, dem so genannten "Baraka". In Marokko gibt es unzählige dieser Grabstätten von heiligen Männern, zu denen die Menschen aus dem ganzen Land pilgern. In der Umgebung von Marrakesch findet man alleine rund 50 dieser Marabout-Gräber in einem Umkreis von nur 10 Quadratkilometern. Selbst in Casablanca, der marokkanischen Industriemetropole, stößt man mitten im Stadtzentrum auf das Monument von Sidi Mohammed. Am Eingang verkaufen Frauen selbst gemachte Kerzen, Kräuter und Meeresmuscheln. Im Grab wird leise gebetet oder im Koran gelesen. Eine der Besucherinnen will einen Ehemann, ein Student möchte seine Noten im kommenden Semester verbessern, ein älterer Mann hofft auf das Ende seiner Rheuma-Krankheit und eine junge Frau sehnt sich nach Erlösung von der Wirkung eines "Bösen Auges", das sie verzaubert hat. Man fühlt sich ein bisschen an den Wallfahrtsort Lourdes in Frankreich erinnert, nur viel kleiner natürlich. Aber die Wünsche der Menschen sind ganz ähnlich: Alle hoffen auf ein Wunder. (Alfred Hackensberger)

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