Geht Opel an Frankreich?

Schönes Design und kein Imageproblem: Der Opel Rekord 1700, wie er zwischen 1957 und 1960 produziert wurde. Foto: Lothar Spurzem. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Verhandlungen zwischen GM und Peugot sollen kurz vor dem Abschluss stehen

Ende des 19. Jahrhunderts begann das damalige deutsche Familienunternehmen Opel Automobile zu produzieren, die die Nähmaschinen und Fahrräder, für die die Firma vorher stand, nach und nach in Vergessenheit gerieten ließen. 1928, als die Firma fast die Hälfte der damals in Deutschland verkauften Automobile produzierte, wandelte man sie in eine Aktiengesellschaft um, deren Anteile kurz darauf zu 80 Prozent an den amerikanischen Automobilgiganten General Motors (GM) verkauft wurden.

Nachdem der Zweite Weltkrieg zeitweilig sowohl die Verbindung zum Eigentümer als auch die Produktion von Zivilfahrzeugen unterbrach, stellte das Unternehmen in den 1950er Jahren vor allem Mittelklassemodelle her, die nach dem VW Käfer häufig auf Platz 2 der Verkaufsstatistiken landeten. Seit den 1970er Jahren hat die aktuell von der Agentur Scholz&Friends vertretene Marke ein Imageproblem, das sich unter anderem in Witzen über Fahrer des Coupé-Modells "Manta" und in sinkenden Absatzzahlen niederschlug:

Während es sich 1982 noch bei gut 18 Prozent aller Zulassungen in Deutschland um Opel-Modelle handelte, waren es 2012 nicht einmal mehr sieben Prozent. Seit 1999 schreibt man rote Zahlen. Im letzten Jahr lag der Verlust bei 257 Millionen Euro, auf die letzten 16 Jahre gerechnet und andere Europa-Töchter wie Vauxhall einbezogen soll er sich für GM sogar auf 14 Milliarden Euro summieren. Trotzdem beschäftigt Opel alleine in Deutschland immer noch über 18.000 Arbeitnehmer - in ganz Europa sind es fast doppelt so viele.

Seit Generals Motors durch die Finanzkrise Ende der Nuller Jahre selbst in eine finanzielle Schieflage geriet, wird dort über einen Verkauf der europäischen Tochter nachgedacht. Als mögliche Käufer handelte man in der Vergangenheit unter anderem den italienischen Autokonzern Fiat, den österreichischen Unternehmerpolitiker Frank Stronach, die russische Sberbank und die "Heuschrecke" Ripplewood. Nun soll sich Medienberichten zufolge der französische Automobilkonzern Peugeot (zu dem seit 1976 auch Citroën gehört) für Opel interessieren - und zwar so konkret, dass ein Geschäftsabschluss angeblich kurz bevorsteht.

Die Berichte (die dazu führten, dass sowohl die PSA- als auch die GM-Aktien gestern um 4 Prozent zulegten) stützen sich auf zwei anonyme Insider. Offiziell bestätigt Peugeot bislang lediglich, dass man mit GM "mehrere strategischer Möglichkeiten" sondiere, zu denen auch eine Übernahme der deutschen GM-Tochter gehöre (deren Unternehmenskommunikationsstelle die Meldungen nicht kommentiert).

Der Peugeot-Konzern, der offiziell "Groupe PSA" heißt, gehört zu 14 Prozent dem französischen Staat - das wirft Fragen auf, was man nach einer Übernahme mit Opel vorhat. Zu den Möglichkeiten zählt auch der Abbau von Konkurrenzangeboten, um auf diese Weise Arbeitsplätze in Frankreich zu sichern.

Was tatsächlich geschieht, hängt von mehreren Faktoren ab: Wird beispielsweise im Mai der Thatcherist François Fillon zum Präsidenten gewählt, ist ein Ausstieg des Staates aus dem Unternehmen wahrscheinlicher als unter einem der anderen Kandidaten. Ein anderer wichtiger Faktor sind die längerfristigen Ziele, die die Manager ihren Technikern und Designern für die Entwicklung setzen - zum Beispiel, dass ein Auto mit IT-Hilfe selbständig die Spur wechselt, das Ziel findet und einparkt, während sein Fahrer Arbeiten erledigt oder mit der Familie spricht (vgl. Europäer erwarten Lebensqualitätssteigerung durch autonome Autos).

Ob Peugot/Citroën diesem für 2020 anvisierten Ziel durch eine Übernahme von Opel näher kommt, ist fraglich: Bislang verließ sich Opel in dieser Frage nämlich auf den Mutterkonzern GM, der im März 2016 für angeblich über eine Milliarde Dollar das darauf spezialisierte kalifornische Start-Up-Unternehmen Firma Cruise Automation einkaufte.

Andere Unternehmen investieren ebenfalls kräftig, um beim Anbieten stressfreierer Autofahrten nicht ins Hintertreffen zu geraten: Ford beispielsweise kaufte die Pittsburgher Start-Up-Firma Argo AI, das auf selbstlernende Maschinen spezialisierte israelische Unternehmen SAIPS, investierte 75 Millionen Dollar in den Laser-Radar-Entwickler-Velodyne und möchte bis Ende des Jahres die Zahl seiner Mitarbeiter im Silicon Valley auf 260 verdoppeln.

Dass solche Investitionen getätigt werden, deutet darauf hin, dass Hersteller nicht nur auf den Einsatz solcher Fahrzeuge im Taxi- und Car-Sharing-Bereich hoffen, sondern damit rechnen, dass viele Menschen ein Auto besitzen wollen, das ihnen stets zur Verfügung steht und dass sie (wie ihre Wohnung oder ihr Haus) als Teil ihres privaten Reichs empfinden, weil sie selbst bestimmen können, wer darin fährt und wer nicht. Oder, wie Guido Reinking formuliert: "Warum sollte [das autonome Auto] das erste High-Tech-Produkt sein, das Menschen nicht besitzen wollen?" (Peter Mühlbauer)

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