Geht das Fernsehzeitalter dem Ende zu?

Das lineare "Live-TV" als traditionelles Massenmedium zerbröckelt im Internetzeitalter, aber der Medienkonsum nimmt weiter zu

Beginnen die Menschen, sich vom Fernsehbildschirm zu lösen? Zahlen zum Fernsehkonsum scheinen dies nahezulegen. Allerdings verringert sich dadurch natürlich nicht die Bildschirmzeit. Es wird nur das lineare, traditionelle Fernsehprogramm durch Streamingdienste und Angebote der Mediatheken ergänzt, während der Fernseher mit dem Internet verschmilzt oder eben der Bildschirm anderer Geräte benutzt wird.

Es findet also zunehmend das statt, was bei den Printmedien durch das Internet schon länger zu bemerken war und dort zu starken Einbrüchen geführt hat: Die Menschen wollen im Internetzeitalter nicht mehr vorgeschnürte Pakete mit zeitlichen Vorgaben, sie wollen selbst auswählen, was sie sich herauspicken und wann sie das machen. Es wird schon lange nicht mehr nur zwischen den laufenden Programmen geswitcht, sondern mit dem Internet zerfällt das traditionelle Massenmedium Fernsehen als eine Form der kollektiven Wahrnehmung einer Sendung zu einer bestimmten Zeit.

Braun HF 1 von 1958. Bild: Afrank99/gemeinfrei

Die Zeitung löst sich in die einzelnen, isolierten Artikel auf, das Fernsehprogramm in die einzelnen Sendungen, die Klammer, die eine gedruckte Zeitung oder das zeitlich lineare Angebot eines Senders, entfällt zunehmend, während der Nutzer aus den verschiedenen Medienangeboten seine Zeitung oder sein Programm als eine Montage zusammenbaut, inklusive binge viewing von Serien am Stück. Klassisch redaktionell zusammengestellte Angebote verlieren ihre Kunden, andere Anbieter drängen aufs Feld. Rudolf Stumberger hat einige Unterschiede formuliert: Warum zwischen dem Apfel und dem Apfelaroma ein Unterschied besteht.

Die Wahrnehmung verändert sich mit den Erwartungen, vermutlich wird allmählich die soziale Formation, die durch Massenmedien geprägt wurde, fragmentierter, weil die Menschen zunehmend das konsumieren, was sie wollen, unterstützt durch Programme, die Ähnlichkeit fördern. Nur noch punktuell wird gemeinsam eine Sendung angesehen. Man stolpert weniger über Angebote, die in den "Paketen" der traditionellen Medien mit eingepackt waren und den Rezipienten auf eine andere Fährte locken, aus der Ähnlichkeitswelt herausführen konnten. Vielleicht ist der zunehmend schrille Ton in den Medien, die Versuche, einseitige, auf Krawall und Provokation getrimmte Meinungen zu produzieren, dieser Fragmentierung geschuldet, um die Wälle der sich abschottenden Ähnlichkeitswelten zu durchbrechen und gleichzeitig zu verstärken.

Nach dem Total Audience Report für das letzte Vierteljahr 2014 von Nielsen verändert sich das Sehverhalten durch die Vermehrung der Geräte und die Möglichkeit, Inhalte online zu beliebiger Zeit anschauen zu können. Und mit der Vermehrung der Geräte und Angebote steigt auch der Medienkonsum stetig an. Die Menschen leben zunehmend in Medienwelten. Durchschnittlich 4:36 Stunden konsumiert der erwachsene US-Amerikaner täglich das traditionelle, zeitlich lineare "Live TV". Das sind im Monat mehr als 142 Stunden, also fast 5 Tage lang durchgehend. 2:45 Stunden hört er Radio, 1:25 Stunden nutzt er ein Smartphone, 67 Minuten ist mit einem Computer im Internet, 31 Minuten lang schaut er zeitversetztes Fernsehen und 9 Minuten DVDs an, 11 Minuten lang wird eine Spielkonsole benutzt. Während der Konsum von "Live TV" sowie von traditionellem Radio (AM/FM) langsam zurückgeht und der Konsum von DVDs noch konstant bleibt, nimmt die Nutzung von Smartphones und Computern sowie das zeitversetzte Sehen zu.

50-64-Jährige konsumieren täglich über sechs Stunden Fernsehen und digitales Video (PC, Tablet, Smartphone), bei den Über-60-Jährigen sind es schon sieben Stunden, bei den 18-34-Jährigen aber auch schon mehr als vier Stunden. 18-34-Jährige verbrachten durchschnittlich 4 Stunden und 17 Minuten täglich vor dem Fernsehbildschirm, 5 Minuten weniger als im letzten Quartal 2013 und wiederum 5 Minuten weniger von 2012 auf 2013. Die Nutzung von digitalem Video steigt hingegen von 19 Minuten (2012) auf 35 Minuten (2014). Auch bei den älteren Amerikanern wächst der Anteil, ist aber mit 19 Minuten noch deutlich niedriger, vor allem im Vergleich mit den täglich 6 Stunden und 12 Minuten vor dem Fernsehbildschirm.

In 39 Prozent der Haushalte gibt es Tablets, 88 Prozent haben ein HD-Fernsehgerät, 81 Prozent einen Computer mit Internetzugang und 18 Prozent Smart TVs. Nur 15 Prozent der Haushalte haben nur einen Fernseher, in 34 Prozent gibt es vier oder mehr. Die Veränderung der Nutzung zeigt sich vor allem daran, dass schon 40 Prozent der Haushalte Kunden eines Streaming-Angebots sind, allen voran von Netflix, gefolgt von Amazon Instant Video. Dafür leiden die Kabelfernsehanbieter, die drastisch Kunden verlieren. Sender wie HBO, NBC oder CBS starten hingegen eigene Streaming-Angebote.

In Deutschland ist der Fernsehkonsum von täglich durchschnittlich 225 Minuten im Jahr 2011 nach Media Control auf 220 Minuten 2013 gesunken. Auch diese minimale Differenz wird mitunter dazu benutzt, um das allmähliche Ende des Fernsehzeitalters anzusagen. Nach der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) waren es 2013 und 2014 221 Minuten, während die Deutschen 2010 noch 223 Minuten vor dem Bildschirm saßen. Geht man weiter zurück, dann scheint die These zweifelhaft zu werden, denn 1999 lag die tägliche Sehdauer nur bei 188 Minuten, um dann kontinuierlich nach oben zu klettern. Nach der ARD/ZDF-Onlinestudie machte 2014 "der Fernsehkonsum über das Internet rund 8 Minuten der gesamten TV-Nutzung (248 Minuten) aus, das sind drei Prozent des täglichen Fernsehkonsums. 2013 waren es 5 Minuten bei einem Anteil von zwei Prozent." Die Deutschen sind mithin noch deutlich traditioneller, aber das wird sich schnell ändern und der Lage in den USA angleichen.

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