Geisterspiele? Mehr davon!

Ein vorläufiger Nachruf auf die Fankultur

Eine Kultur wird dem Kommerz geopfert: Nur wegen schnöder Fernsehgelder spielt die Fußball-Bundesliga wieder - aber ohne Fans! Das geht doch gar nicht, wie sollen die Kicker ohne sie überhaupt den Ball treffen? Ein vorläufiger Nachruf auf die vielen guten Seiten der Fankultur.

Diese "Corona-Krise" macht aber auch vor gar nichts halt: Jetzt hat sie sogar eine ganze Kultur erwischt. Was in Zukunft fehlt, wollen wir an dieser Stelle für die Nachwelt erhalten.

"Steht auf, wenn..."

… ihr Schalker, Borussen, Frankfurter, Vestenbergsgreuther oder sonstwer meint zu sein. Ein schöner Brauch! Den Anhängern der Gastmannschaft mitzuteilen, dass sie allenfalls geduldet werden und gefälligst die Schnauze zu halten haben. Und dass man natürlich zu den besseren Fans gehört. Das wissen die Auswärtigen nämlich gar nicht! Auch schmerzlich in Zukunft vermisst:

"Ihr könnt nach Hause gehen, nach Hause gehen, ihr könnt..."

Das war zwar schon immer etwas daneben, weil das nun mal jede ortsfremde Fangruppe vorhat. Gemeint war aber natürlich, dass sie das vorzeitig tun sollen, also nachdem die eigene Mannschaft die gegnerische in einen aussichtslosen Rückstand geschossen hat.

Vorteil für die Gäste-Fans: Meist reicht die Häme den Heim-Fans, sie lassen die Arschgeigen des Gegners in Ruhe. Nachteil für die Heim-Fans: Die Gäste-Fans werden handgreiflich. Denn wie solche Leute nun einmal sind, nehmen die Niederlagen ihres Klubs persönlich. Das kennt man ja von sich selbst am besten.

Die die Ehre noch hochhalten

Schließlich ist es für Fans eine Frage der Ehre. Wer heutzutage nimmt das schon so ernst wie sie? Die "Satisfaktion" im Falle der Beleidigung des innig geliebten Vereins läuft dann auch als ein Duell ab, wie früher, nur nicht mit Pistolen oder Degen, sondern mit wütenden Beschimpfungen, Drohungen und, wenn es sich anbietet, auch mit Knüppeln, Fäusten, Tritten.

Und wie vor ein paar Jahrhunderten finden Fans ihr Glück und damit ihre Ehre wieder im Kampf gegen solche, die genauso ticken wie sie. Entsprechend heftig geht es daher zur Sache. Wenn das nun ausfällt, gibt es:

Keine Polizeieinsätze mehr

Dieser herrliche Aufmarsch von Polizeiuniformen, Polizeihelmen, Polizeistöcken, Polizeiautos, Polizeiwasserwerfern, Polizeipferden, Polizeihunden - alles Vergangenheit!

Wo sollen die Freunde und Helfer denn sich nun in Zukunft so zwanglos und in solcher Vielzahl treffen? Die paar Demos sind ja kein Ersatz - zu wenige, und jedes Wochenende finden die auch nicht statt.

Die schönsten Lieder bleiben ungesungen

Was wir ebenfalls vermissen werden: die Vereinshymnen. Viele Zeilen für die Ewigkeit werden ungesungen bleiben. "Ball Heil Hurra, Borussia!", "Stern des Südens, Du wirst niemals untergehen!", "Der eine liebt sein Mädchen, der andere den Sport. Wir schwören auf die Eintracht auch mit unserem Ehrenwort", "Uns wird nichts mehr trennen. Tut’s auch manchmal weh. Die Liebe meines Lebens bleibt der VfB!" - nur ein kleiner Ausschnitt von vielen unvergesslichen Einblicken in die komplexe Fan-Seele.

Die größten Chöre Deutschlands haben Pause

Wenn aus tausenden Kehlen "Vau-Eff-Ell!" oder "Boorussiaa!" ertönt und ein Pfeifkonzert, wenn der falsche Spieler am Ball ist oder der Schiedsrichter die falschen Entscheidungen trifft, dann, ja dann ist der Höhepunkt des Fan-Chor-Wesens erreicht.

Anhänger der einen Mannschaft stürzen sich auf den "Schauspieler" der anderen, weil der seinen blutenden Kopf oder sein verdrehtes Knie ja nur simuliert, um einen Frei- oder gar Strafstoß zu ergattern! Umgekehrt zählt eine "Schwalbe" zur hohen Fußballkunst, wenn sie der eigene Kicker zeigt. Wehe, wenn der Schiri dafür keinen Elfer gibt! Dann sollte er sich schon einmal Gedanken über einen sicheren Heimweg machen.

Irgendwie kann die ewige Fußballweisheit "Die Wahrheit ist auf dem Platz" nicht stimmen. Aber jetzt werden wir es vielleicht nie mehr erfahren!

Ein Stück Lebensqualität geht verloren

Auch sehr schlimm: Auf was sollen sich die Fans denn nun die ganze Woche freuen? Auf feinen Fußball im Fernsehen oder im Internet? Geht's noch? Als wenn es um guten Sport ginge! Kumpels treffen, in aller Öffentlichkeit saufen und "VfL" oder ähnliches krakeelen, das zählt. Wenigstens ein paar Stunden am Wochenende kein Job und keine Familie, das muss sein! Und wer puscht denn das eigene Team hoch oder straft es ab, wenn der Erfolg ausbleibt?

Als Fan hat man schließlich ein Recht auf den Sieg oder wenigstens darauf, dass die Balltreter sich erkennbar anstrengen. Da muss man dabei sein, vor dem Bildschirm funktioniert das einfach nicht. Die Folgen für das friedliche Zusammenleben bedeutender Teile der Bevölkerung sind noch nicht abzusehen, aber ziemlich beunruhigend.

Keine Stimmen mehr gegen die Kommerzialisierung

Gegen zu viel Geld im Fußball protestiert nun niemand mehr im Stadion. Also nicht gegen die Superjungs, die monatlich ein Vielfaches der Jahreseinkommen ihrer Anhänger verdienen. Jedenfalls so lange nicht, wie sie für den Erfolg des Vereins wichtig sind. Auch nicht gegen Werbung, Sponsoring, Fernsehgelder und Investoren, die zum Geschäftsmodell Profiklub einfach dazugehören. Jedenfalls so lange nicht, wie sie den Fans den Glauben lassen, sie würden sich nicht maßgeblich einmischen. Und selbstverständlich nicht gegen die Vereinsspitze. Jedenfalls so lange nicht, wie sie den Laden erfolgreich schmeißen und für die Fans ein "offenes Ohr" haben. Aber bei zu vielen verschiedenen Anstoßzeiten und Helene Fischer im Pokalfinale - da hört der Spaß auf!

Die Fan-Beauftragten werden arbeitslos

Auf den Arbeitsmarkt der Fan-Beauftragten haben die Geisterspiele ebenfalls einen schlechten Einfluss: Den Aufpassern und Vermittlern zwischen Verein und Anhängern geht schlicht die Kundschaft verloren. Rassistische Ausfälle im Stadion, Beleidigungen von gefälligst zu respektierenden Macht- und Geldmenschen, das Abfeuern von Raketen oder Attacken auf die gegnerischen Fans - dies alles zu verhindern, gehört zur Stellenbeschreibung eines Fan-Beauftragten. Das schafft er natürlich am besten, wenn er von den Fans als einer der ihren akzeptiert wird. Dem erzählen sie dann nämlich alles, was sie demnächst an zu viel Fanatismus planen. Damit läuft der Fan-Beauftragte dann zu seinem Arbeitgeber, dem Verein, und petzt.

Auch eine schöne Aufgabe: So zu tun, als ob die Fans im Verein etwas zu sagen hätten. Und, was soll man sagen? Das Einseifen funktioniert! Eine so einmalige Verständigungs-Kultur darf nicht sterben!

Rettet das "After-Geisterspiel" die Kultur?

Schon werden deshalb erste Forderungen nach einer Lockerung der Beschränkungen laut. So wurde jetzt aus Kreisen des Bündnisses "Pro Fans" die Idee von "After-Geisterspielen" bekannt. Demnach träfen sich die Fans unmittelbar nach dem Spiel ihrer Teams im Stadion, saugten den Schweiß, das Blut und die Tränen ihrer Lieblinge auf, ehe sie sich auf die Ränge verteilten.

Das - und natürlich das Ergebnis auf dem Stadion-Display - dürfte für gepflegtes gegenseitiges Anpöbeln, Abfackeln von Pyros und Prügeln reichen. Polizisten kontrollierten die Einhaltung der Abstandsregeln und das korrekte Tragen der Gesichtsmasken. Selbstverständlich würden alle Schlachtenbummler zuvor auf "Corona" getestet und desinfiziert. Dennoch Infizierte erhielten zwei Wochen Stadionverbot. Das "After-Geisterspiel" wird dem Vernehmen nach derzeit von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) intensiv geprüft. Einige Fernsehsender haben bereits Interesse an Übertragungen angemeldet. Das könnte die Chancen der Idee deutlich erhöhen, heißt es aus dem Umfeld der DFL.

Die Profis spielen einfach - Frechheit!

Unterm Strich bleibt eine vernichtende Bilanz der Folgen von Geisterspielen. Dazu passt, wie sich die Objekte der Fan-Begierde verhalten, die Vereine und ihre Fußballer: Sie spielen einfach - konzentriert, auf hohem Niveau, fair, nicht angeheizt vom Publikum, diszipliniert sich an die Hygiene- und Abstandsregeln haltend (selbst Hertha BSC hat das inzwischen in etwa verstanden). Sogar lustige Varianten von anti-infektiösem Torjubel und schwungvolle Dankesbekundungen vor leeren Rängen waren zu beobachten. Und Spieler wie Trainer konnten ihr eigenes Wort verstehen, was dem TV-Zuschauer ganz neue Einblicke in das Geschehen bescherte.

Wenn "Corona" geht, kommen die Fans wieder

Heißt das, die Fans geraten bald in Vergessenheit? Nein, keine Sorge: Als zuverlässige Käufer von Tickets und den vielen abertausend Merchandise-Produkten der Vereine - vom Trikot bis zur Bettwäsche - behalten die glühenden Anhänger weiter ihre Bedeutung. Der Abschied "wegen Corona", so steht zu befürchten, ist nicht von Dauer. Da kann einem das Virus fast schon sympathisch werden. (Björn Hendrig)