Geisterstunde, politisch

Warum die Gegenwart mindestens so abseitig ist wie Zukunftsphantasien von früher: William Gibson und sein neuer Roman "Spook Country"

Gern wird behauptet, der neue Roman von William Gibson sei ein Update des Vorläufers "Pattern Recognition". Nicht nur Figuren, sondern auch Themen würden wieder aufgegriffen und auf dem Stand der Zeit ein weiteres Mal durchdiskutiert.

William Gibson

Das ist ein verzeihlicher Irrtum, denn wir haben es auf den ersten Blick in der Protagonistin "Hollis Henry" mit einer Neuauflage von Cayce Pollard zu tun, die selbst nichts anderes war als eine zeitgenössische Version der Marly Krushkova aus "Count Zero". Aber der Schein trügt. Die Konflikte, mit denen Gibson sich neuerdings herumschlägt, lassen sich durch Mustererkennung nicht lösen. Es geht um mehr als um die Aufdeckung von Geheimnissen, es geht für den Patrioten Gibson um den unerträglichen Ekel, der durch die Aufdeckung bestimmter Geheimnisse erzeugt wird: Ekel vor dem eigenen Land.

Hollis Henry wäre beinahe einmal wirklich berühmt geworden. Sie war die Sängerin einer Band namens "The Curfew“, die Anfang der Neunziger große Erfolge gefeiert hat. Aber das damals verdiente Geld hat sich im Dot-Com-Crash in Luft aufgelöst, und Hollis ist mittlerweile als Journalistin unterwegs. Sie schreibt über moderne Kunst, Musik, anderes. Bei ihrem neuesten Job recherchiert sie für ein Londoner Magazin namens "Node", das sich gerade in Gründung befindet, über "Locative Art", eine Kunstrichtung, die reale Örtlichkeiten mit Hilfe von viel Technik und 3D-Visualisierungen elektronisch verziert - allerdings nur für Leute, die die technischen Mittel haben, sich die Ergebnisse anzuschauen, zum Beispiel HMDs.

„Locative Art“ ist also eine Art elektronische Graffiti-Kunst für extrem nerdige Kenner und die Künstler, sowie die Techniker, die sich damit abgeben, sind noch nerdiger als ihr Publikum. Sogar Hollis, die schon einiges gesehen hat, erleidet einen Future Shock im Kontakt mit dieser Kunstrichtung.

Der hindert sie aber nicht daran, wahrzunehmen, dass es hier unter der Kunstoberfläche eine zweite Ebene gibt. Als sich herausstellt, dass hinter Node in Wirklichkeit die zwielichtige Firma "Blue Ant" und ihr Chef Hubertus Bigend stehen - auch er ein Bekannter aus "Pattern Recognition" - und als Bigend ihr aufträgt, einen paranoiden Techniker der Locative-Szene auf alles hin auszuleuchten, was mit dem internationalen Schiffsverkehr und vor allem mit Schiffscontainern zu tun hat, merkt sie sofort, dass moderne Kunst jetzt nicht mehr das Thema ist. Aber sie ist neugierig und lässt sich auf das Spiel von Bigend ein. Von diesem Punkt an geht es steil abwärts in eine Schattenwelt, in der Tito schon immer gelebt hat.

Kleinfirma des organisierten Verbrechens

Tito ist Mitglied des "kleinsten Mafiafclans New Yorks"; ein striktes Familienunternehmen mit maximal zwei Dutzend Mitgliedern, das seine Wurzeln nicht in Sizilien, sondern in Kuba hat. Außer von gemischten ethnischen Einflüssen wird diese Kleinfirma des organisierten Verbrechens auch durch ihr sowjetisch-kubanisches Erbe bestimmt, eine spezielle Kampfsportart namens "Systema" und subtile Geheimdiensttricks ("Protocol") Moskauer Herkunft inklusive. Zusätzlich spielen die Einflüsterungen verschiedener Voodoo-Gottheiten eine Rolle, dies ebenfalls ein Rückgriff Gibsons auf die Zeiten von "Count Zero" und "Mona Lisa Overdrive".

Der aktuelle Auftrag, mit dem Tito beschäftigt ist, wirkt ein bisschen deppert: Regelmäßig spielt er den Kurier, indem er iPods zu einem gewissen alten Mann bringt und sie ihm persönlich übergibt - wer der Mann ist, was sich auf den Festplatten der iPods befindet, und was mit ihnen angestellt wird, hat ihn nicht zu interessieren. Dass er bei seinen Botengängen von Freund wie Feind beobachtet wird, schon eher, aber er wäre nicht der Profi, der er ist, wenn er sich der Herausforderung, gewappnet durch "Systema" und "Protocol", nicht stellen würde.

Bei seinem letzten Botengang wird ihm befohlen, den transportierten iPod absichtlich in die Hände der feindlichen Beobachter gelangen zu lassen, ohne selbst gefangen zu werden. Für Tito leichtes Spiel. Danach hilft er eine offenbar radioaktive Fracht über verschlungene Pfade zu einem kanadischen Hafen zu bringen, wo, wie sich herausstellt, ein bestimmter Schiffscontainer aufkreuzt, mit dem Tito weitere Arbeit haben wird.

Die Tito nicht wohlgesonnenen Beobachter und Häscher werden teilweise von Brown dirigiert. Über Brown erfahren wir im Unterschied zu Hollis und Tito nichts aus der Eigenperspektive, sondern nur durch seinen Gefangenen Milgrim. Milgrim ist in die Hände von Brown geraten, weil der für seine schmutzigen Überwachungseinsätze einen Russischkundigen brauchte. Um ihn gefügig zu halten, macht sich Brown die Medikamentenabhängigkeit von Milgrim zunutze und bedroht ihn ab und zu mit Schlägen oder Schlimmerem. Milgrim weiß, dass Brown nicht blufft; er ist mehrfach von ihm misshandelt worden. Brown kommuniziert häufig mit einem anscheinend ausgedehnten Netz von Untergebenen und mit seinen Bossen.

Er scheint über erhebliche Ressourcen zu verfügen; Fahrzeuge, Waffen, finanzielle Mittel und konspirative Wohnungen hat er immer zur Hand, wenn er sie braucht. Mit seinem Gefangenen spricht er so gut wie gar nicht. Milgrim weiß nicht, welcher Polizei oder welchem Geheimdienst Brown angehört, ja noch nicht einmal, ob Brown überhaupt für eine staatliche Behörde arbeitet. Kommt es doch einmal zum Dialog zwischen den beiden, dann geht es um die tägliche Tablettenration, mit der Brown Milgrim versorgt, oder um die Übersetzungs- und Handlangerdienste, die Milgrim erbringen muss.

Gerettete Sci-Fi-Sensibilitäten und kleine, messerscharf ausgeschnittene Details

Dem Gefangenen wird an einem Punkt der Geschichte klar, dass Brown ihn jederzeit spurlos verschwinden lassen könnte, etwa nach der Art südamerikanischer Diktaturen, gleich danach wird ihm bewusst, dass er für die Außenwelt eigentlich bereits verschwunden ist; ohne Haftbefehl und Urteil, in einem gitter- und mauerlosen mobilen Gefängnis, mit Brown als seinem einzigen, immer präsentem Wärter. Wie sich herausstellt, ist auch für dieses seltsame Paar der kanadische Hafen das Ziel, an dem der eine, wichtige Container anlanden wird.

Wie man sieht, die Zutaten zu einem spannenden Politthriller. Dass Gibson daraus mehr als einen bloßen Politthriller macht, nämlich eine Diagnose zum gegenwärtigen Stand des politischen Systems in den USA, liegt an den Sensibilitäten, die er aus seiner Zeit als Science-Fiction-Autor gerettet hat, und an einem Stilbewusstsein, das in der gegenwärtigen Genreliteratur seinesgleichen sucht.

Wenn Hollis Henry mit Hubertus Bigend spricht und für ihn agiert, dann lässt Gibson das bizarre Dekor, die apokalyptischen Visionen seiner Cyberpunkjahre zu kleinen, messerscharf ausgeschnittenen Details zusammenschnurren. Sie kennzeichnen die Realität, in der sich die Protagonistin bewegt, als ein Analogon zu der Umwelt halbverrückter Datenjunkies, mit denen Gibson sich früher beschäftigte. Er glaubt nicht nur, dass unsere Gegenwart mindestens so abseitig ist wie seine Zukunftsphantasien von früher, er kann es im Rahmen seiner Literatur mit erstaunlich hoher Beweiskraft auch demonstrieren.

Die Gerätschaften, mit denen Hollis umgeht, die Autos, mit denen sie selbst fährt und kutschiert wird, die Kunst, mit der sie zu tun bekommt, ja sogar das seltsame Wetter in Los Angeles, Vancouver und an den anderen Orten der Spielhandlung versetzen Hollis in ein bösartiges Wunderland, das zwar nicht so märchenhaft ist, wie dasjenige in Lewis Carrolls Alice-Geschichten, aber ihm nichtsdestotrotz benachbart zu sein scheint.

Ekelhaft feinkörniges Unbehagen

Der "Sense of wonder" mischt sich hier mit einem ekelhaft feinkörnigen Unbehagen am Zustand der Kultur.

Das gilt mit verschobenen Akzenten auch für die Welt, in der Milgrim sich gezwungenermaßen aufhält. Wo "Hollis" nach "Alice" klingt, da deutet "Milgrim" "Milgram" an, den Erfinder des bekannten sozialpsychologischen Experiments.

Die Beziehung zwischen ihm und seinem Peiniger Brown wirken denn auch wie ein Experiment in "demokratischem Faschismus". Die beiden bewegen sich in Ländern mit anscheinend demokratisch verfasstem politischem System, aber von Bürgerrechten, individuellen Freiheiten, rechtlichem Gehör, Gewaltenteilung etc. ist nichts übrig geblieben. Sie sind durch eine modernisierte Variante der Sklaverei, durch Willkür und Terror ersetzt worden.

Beispielhaft verdichtet wird diese Atmosphäre, als Brown mit Milgrim ein konspiratives Objekt in Washington bezieht. Milgrim bekommt einen neuen Haarschnitt und neue Kleider verpasst, Brown trifft sich mit einem seiner Vorgesetzten. Milgrim belauscht eine Unterhaltung der beiden und wird beinahe dabei entdeckt. Die Situation des Sklaven, der sich seines Todes sicher sein kann, wenn heraus kommt, dass er gehört hat, was niemand wissen soll, wird mit einer Sparsamkeit dargestellt, die gleichzeitig unerhört bildmächtig ist; das geheimdienstliche Spukhaus, in dem sie sich abspielt, hätte auch von einem politisch interessierten Hitchcock nicht besser dargestellt werden können.

Schwach ist und bleibt Gibson immer dort, wo er sich mit dem ehemaligen Ostblock und seinen Hinterlassenschaften beschäftigt. Das war in "Pattern Recognition" schon so und ist in "Spook Country" nicht anders. Wann immer er darauf zu sprechen kommt, verfällt er in einen "Spion-der-aus-der-Kälte-kam"-Duktus, der die gewohnte Coolness vermissen lässt; dann klingt er eher wie Alistair MacLean.

Dass der kalte Krieg immer noch und immer wieder in Gibsons Romanen auflebt, spricht von einer Fixierung auf diese Epoche, die möglicherweise biographisch begründet ist. Immerhin endet "Spook Country" nicht wie der Vorgänger in einem Pappmaché-Russland, das oberflächlich informierten Newsweek-Artikeln entsprungen zu sein scheint. Obwohl auch Spook Country zum Ende hin nachlässt, ist die Fallhöhe nicht so hoch, wie für Gibson fast üblich.

Und auch die Tatsache, dass die Auflösung des Rätsels um den mysteriösen Container letztlich doch eine seltsam staatstragende, verfassungspatriotische ist, und daher das Versprechen nicht einlöst, das der Hauptteil des Romans gibt, kann nichts an dem Fazit ändern, dass dieses Buch großartig ist. (Marcus Hammerschmitt)

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