"Geistiges Eigentum" an Klingonisch?

Werbespot der VHS Wien mit Klingonen

Medienkonzerne gehen gegen Fan Fiction vor

"Fan Fiction" ist ein Phänomen, bei dem Fans von populären Fernseh-, Film-, Buch-, Comic- oder Spiele-Serien Figuren und andere Elemente übernehmen und eigene Werke daraus formen. Besonders zahlreich ist die Fan Fiction zur Science-Fiction-Serie Star Trek, die es inzwischen in praktisch allen Varianten GIBT - von der Parodie im libertären Quasi-Wahlwerbespot ("Their mission: to seek out new life and new civilizations, and leave them alone") bis hin zu zahllosen so genannten "Slash"-Geschichten, in denen Spock und Kirk ihre Zuneigung füreinander entdecken. In einigen der Fan-Produktionen, die teilweise ein bemerkenswert professionelles Niveau erreicht haben, wirkten sogar George Takei und andere Darsteller aus der Originalserie mit.

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"Diese Fangeschichten stellen Vorstellungen von geistigem Eigentum, Kommerzialisierung von Kultur und Copyright in Frage, die auch in anderen Bereichen der digitalen Technologien eine Rolle spielen" schrieb Vali Djordjevic vor fast 15 Jahren in Telepolis (vgl. Link auf 11968) - trotzdem konnte sich das Phänomen in den USA relativ unbehelligt von Copyright-Klagen weiterentwickeln. Der 1991 verstorbene Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry hatte es sogar offen begrüßt und ein Vorwort für eine Fan-Fiction-Sammlung verfasst, in dem er den Autoren gratuliert und ihnen "viel Glück bei den Reisen in andere Zeiten und Dimensionen" wünscht.

Das scheint sich jetzt geändert zu haben: Stein des Anstoßes ist der über zweieinhalb Millionen Mal auf YouTube angesehene Fan-Kurzfilm Prelude to Axanar - eine Mockumentary, bei der hochrangige Veteranen der Klingonen und der Föderation vom großen Krieg erzählen, der 20 Jahre vor dem Beginn der Enterprise-Mission stattfand.

Statt der geplanten 10.000 sammelten die Produzenten dafür auf Kickstarter innerhalb kurzer Zeit 100.000 US-Dollar, worauf hin sie einen auf den Kurzfilm basierenden Spielfilm mit dem Titel Star Trek: Axanar ankündigten und dafür weitere 600.000 Dollar bei Kickstarter und 500.000 Dollar bei Indigogo bekamen. Die Medienberichte darüber erregten die Aufmerksamkeit von CBS und Paramount, die den Axanar-Produzenten Alec Peters wegen angeblicher Copyright-Verletzungen verklagten. In ihrer ersten Klageschrift sprachen sie nur von "Tausenden" von Copyright-Verletzungen, ohne konkret auf welche einzugehen. Als Peters Anwälte daraufhin beantragten, die Klage wegen Unbestimmtheit abzuweisen, reichten die Rechteinhaberkonzerne 54 konkrete Ansprüche nach - darunter der Gebrauch von Geräten wie Phasern und Technologien wie dem Beamen sowie das Auftreten von Außerirdischen wie Vulkaniern.

Am meisten Aufmerksamkeit erregt der Vorwurf, der Gebrauch der klingonischen Sprache, des ˈt͡ɬɪŋɑn xol, in der Mockumentary sei ebenfalls eine Copyright-Verletzung. Geburtshelfer dieser Mundart war der amerikanische Linguist Marc Okrand, der aus einigen älteren Brocken aus den 1970ern für den dritten Star-Trek-Kinofilm eine eigene Sprache mit eigener Grammatik entwickelte und 1985 das erste Wörterbuch dafür veröffentlichte.

Der damals nur etwa 1500 Vokabeln umfassende Wortschatz wurde schnell größer, weil Fans mit den vorhandenen Prä- und Suffixen neue Wörter entwickelten. Inzwischen wurden unter anderem Hamlet und das Tao Te King in die künstliche Sprache übertragen, die den ISO-639-2-Code "tlh" zugewiesen bekam. Darüber hinaus gibt es Werbespots, vom deutschen Steuerzahler bezahlte Nachrichten, eine Oper, eine Bar-Mitzwa-Rede und offizielle politische Dokumente auf Klingonisch.

Die Language Creation Society ließ dem Gericht, das die Klage verhandelt, deshalb eine Amicus-Stellungnahme zukommen, in der sie unter anderem erklärt, dass es inzwischen mit Alec Speers mindestens einen Menschen gibt, der Klingonisch bereits als Kind von seinem Vater gelernt hat. Außerdem verweist sie auf die Rolle der Académie Française bei der Standardisierung des Französischen und fragt, was wohl wäre, wenn diese sich auf einen amerikanischen Präzedenzfall berufen und plötzlich ein Copyright auf die Weltsprache beanspruchen würde.

Mit dem klingonischen Sprichwort "Hoch jaghpu'Daj HoHbogh SuvwI' yIvup" ("Bedaure den Krieger, der all seine Feinde tötet") weist man außerdem darauf hin, dass ein Monopol und ein Absterben der freien Weiterentwicklung der Sprache langfristig auch Paramount und CBS schaden könnte. Die Anwälte von Paramount und CBS meinten dazu, die Stellungnahme sei zu spät eingegangen und außerdem zu lang.

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2012 spielte Klingonisch schon einmal in einem Immaterialgüterrechtsstreit eine Rolle: Damals verglichen die Anwälte von Google einen von Oracle geltend gemachten Anspruch auf die Java API mit der Forderung nach einem Monopolrecht auf diese Sprache. Google verlor den Prozess schließlich in zweiter Instanz - eine Berufung vor dem Supreme Court wurde nicht zugelassen. (Peter Mühlbauer)

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