Gelb und billig: Preiskrieg um Bananen verstärkt Armut im globalen Süden

Foto: Steve Hopson / CC BY-SA 2.5

Plantagenarbeiter leiden unter prekären Arbeitsbedingungen und schlechten Löhnen. In der Corona-Krise kommen schwankende Preise und gestörte Lieferketten hinzu. Etwas mehr Glück haben Farmer, die ihre Ware an fair zahlende Partner verkaufen

Bananen gedeihen rund um den Globus in Äquatornähe am besten im feucht-warmen Klima bei rund 27 Grad. Optimaler Weise auf flachen, gut belüfteten, sandigen Lehmböden bei Hunderten Sonnenstunden. Die hohe Luftfeuchtigkeit fördert allerdings auch Pilzkrankheiten - zum Beispiel TR4. Bis vor kurzem drohte der Pilz den gesamten Bananenanbau in Lateinamerika lahmzulegen. Die Spezialisierung auf nahezu eine einzige Sorte - Cavendish - schuf ideale Bedingungen für seine Ausbreitung. Die Pflanzen werden vermehrt, indem abgeschnittene Triebe in den Boden gesteckt werden.

Die genetisch identischen Klone haben dem Erreger nichts entgegensetzen: Er dringt über die Wurzeln ein, so dass die Pflanze vertrocknet. Resistent gegenüber Fungiziden, überlebt der Pilz jahrelang im Erdreich, wobei er sich auch gerne über Schuhsohlen weiter verbreitet. Regierungen und Plantagenbesitzer versuchen nun mit allen Mitteln die weitere Ausbreitung zu verhindern. Kolumbien stellte 18 Millionen Dollar zur Bekämpfung bereit. Inzwischen hat auch Costa Rica den phytosanitären Notstand verhängt.

Die Banane ist bei den Deutschen nach dem Apfel das zweitbeliebteste Obst. 90 Prozent aller importierten Bananen stammen aus Lateinamerika. 2018 wurden insgesamt 1,25 Millionen Tonnen aus Ecuador, Kolumbien und Costa Rica importiert. Vor mehr als 100 Jahren begann die United Fruit Company in Mittelamerika den Regenwald abzuholzen, um Bananen anzupflanzen. Der Konzern, der sich heute Chiquita nennt, gilt als weltweit größter Bananenhändler.

Kleine Anbauer sind Discountern hilflos ausgeliefert

Im weltweiten Konkurrenzkampf diktieren die Supermarktketten Aldi und Edeka den Lieferanten die Preise - und die sind seit 20 Jahren nicht mehr gestiegen. Vom Kilopreis von 1,20 Euro - gelegentlich auch weniger - geht ein Drittel an die Discounter, ein Drittel an die Transportunternehmen. Rund 20 Prozent bekommen die Bananen-Konzerne. Etwa zehn Prozent geht an die kleinen Produzenten und gerade mal vier Prozent an die Arbeiter, die ihr Leben auf den Plantagen verbringen, klagt Didier Leitón, der sich bei der Gewerkschaft Sitrap engagiert.

Zwar bieten auch Aldi und Lidl Bio-Bananen an, doch herrscht auch hier der übliche Preiskrieg: Lag der Kilopreis 2004 noch bei 2,26 Euro, ist er inzwischen auf 1,49 Euro gesunken. Im September 2018 entschied Lidl, als erster Lebensmittelhändler ausschließlich Fairtrade-Bananen einzukaufen. Als Reaktion darauf senkte die Konkurrenz die Preise. Wenige Wochen später schwenkte Lidl wieder auf Billigbananen um.

Der Preisverfall bei Bio-Bananen führt dazu, dass Bio-Anbauer wieder auf konventionellen Anbau umstellen. Nicht selten verlassen die Bauern ihre Felder, wenn ihnen keine Mindestpreise mehr gezahlt werden. Sie ziehen in die Städte, werden arbeitslos, rutschen in die Kriminalität ab. Über permanentes Preisdumping behindert der Lebensmitteleinzelhandel den nachhaltigen Anbau im globalen Süden, kritisiert Dieter Overath von Fairtrade Deutschland. Die Beschäftigten müssen länger arbeiten und werden immer schlechter bezahlt, bestätigt Frank Brasel von Oxfam Deutschland e. V..

Mittlerweile werden zwar zwei Drittel aller Plantagen von der Rainforest Alliance kontrolliert. Doch immer noch schuften Arbeiterinnen und Arbeiter zu unwürdigen Bedingungen, zum Teil ohne verbindliche Arbeitsverträge.

Billig heißt auch schadstofflastig

Je niedriger die Preise, umso mehr Chemikalien werden gespritzt. Die Gifte zerstören nicht nur die Böden, sondern vernichten auch die Lebensräume für Bodenlebewesen und Insekten aller Art. Und am Ende landen die Rückstände beim Endkunden. Bei einem Labortest wurden Bananen auf über 600 Pestizide getestet, in allen Früchten fanden sich Rückstände in der Schale, darunter Buprofezin und Bifenthrin. Letzteres steht im Verdacht, Krebs auszulösen und ist deshalb in Europa verboten. Am stärksten belastet waren die Bananen von Edeka und Penny. Die getesteten Bio-Bananen waren pestizidfrei.

Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter geht davon aus, dass Plantagenarbeiter anfälliger für Virenkrankheiten sind, denn die ständige Berieselung mit Chemikalien schwächt den Organismus. Die Gifte belasten die menschlichen Atemwege, die sich entzünden können. So wie im Fall von Lenin Merino, der bereits als Kind und insgesamt 19 Jahre lang auf den Plantagen in Ecuador gearbeitet hatte und regelmäßig mit Chemikalien in Kontakt gekommen war. Am Ende infizierte er sich mit Covid-19 und verstarb im Juli 2020 - mit gerade mal 31 Jahren. Dass er auch mit HIV infiziert war, stellten die Ärzte erst kurz vor seinem Tod fest.

Auch in Costa Rica leben Hunderttausende Menschen vom Bananenanbau. Einmal pro Woche versprühen Flugzeuge Pestizide gegen Pilzbefall. Die Gifte sickern in die Böden und ins Trinkwasser. Inzwischen sind sie auch im Blut der Anwohner nachweisbar. So ruinieren die Menschen ihre Gesundheit für einen Tageslohn von 15 Dollar. Überstunden werden gar nicht bezahlt. Allmählich setzt ein Umdenken ein: Vor kurzem stellten Forscher die Plantage einer Privatuniversität auf ökologischen Anbau um. Als Dünger verwenden sie kompostierte Bananenreste - aufwendig herzustellen und weniger wirksam als Mineraldünger.

Dafür brauchen die Arbeiter allerdings keine Schutzkleidung. Das Plastik, das die Stauden umhüllt, ist mit einem Chili-Knoblauch-Mix imprägniert. Der Anbau ist teurer, der Ertrag etwas geringer. Auch setzen Pilze und Insekten den Pflanzen zu, wie zum Beispiel der winzige Fadenwurm, der die Wurzeln der Stauden zerstört. Die Forscher vertrauen auf natürliche Gegenspieler, die sich in den unbelasteten Böden tummeln: Würmer, Maden und Käfer sollen den Fadenwurm in Schach halten.

Fairtrade garantiert Mindestpreise für Produzenten

In der "Bananenzone" Santa Marta in Kolumbien bewirtschaftet Marleny Mejia seit 20 Jahren drei Hektar. Ihr kleiner Betrieb gehört zu einem großen Verbund von Bauern, die sich Wissen, Geräte und Arbeitskräfte teilen. Die Arbeiter ernten die Stauden in extremer Hitze bei hoher Luftfeuchtigkeit, aber immerhin können sie sich die Arbeitszeit selbst einteilen. Eine normale Staude wiegt zwischen 15 und 20 Kilo. Eingehüllt in präparierte Plastiksäcke als Schutz vor Insekten werden die grünen Bananen mit der Machete geerntet und über hunderte Meter weit getragen. Beschädigte Bananen werden aussortiert und im Inland verkauft.

Nach der Ernte werden die Früchte in mit Chemikalien versetztes Wasser getaucht, das sie vor Pilzbefall schützen soll. Vor dem Abpacken werden sie mit einem Mittel eingesprüht, das verhindern soll, dass sie matschig werden. Beim Hantieren mit Chemikalien tragen die Arbeiter Masken und Schutzkleidung. 180 Kartons pro Woche werden zum Hafen gefahren, wo sie in Schiffe verladen werden. An einem Karton verdient ein Farmer sechs Euro.

Eduardo Lopez arbeitet seit 30 Jahren auf Bananenplantagen. Seit er vor wenigen Jahren auf der Fairtrade-Farm zu arbeiten begann, verdient er etwas mehr Geld - umgerechnet rund 220 Euro im Monat für einen Acht-Stunden-Tag - das entspricht dem kolumbianischen Mindestlohn. Dazu gibt es finanzielle Unterstützung für die Schulbildung der Kinder oder beim Wohnungsbau.

Strengere Kontrollen wären nötig

Bei der Auswertung einer Laboruntersuchung des Verbrauchermagazins Öko-Test waren 2017 konventionelle Bananen mehr oder weniger mit Pestiziden belastet, sogar mit solchen, die unter Krebsverdacht stehen. Die konventionellen Früchte wurden nur mit "Ausreichend" beziehungsweise "Ungenügend" bewertet, während alle Fairtrade-Bananen bis auf ein Produkt die Note "Sehr gut" erhielten. Allerdings finden sich manchmal auch Rückstände in Bio-Bananen. Die Versuchung, unerlaubte Dünger oder Chemikalien einzusetzen, ist groß, erklärt Bernhard Schulz von Ceres, einem Zertifizierungsunternehmen, das Ökobetriebe weltweit kontrolliert. Denn der Bananenerzeuger, der seinen Kontrolleur selbst bezahlen muss, kann sich diesen auch selbst aussuchen.

So mussten Ceres-Kontrolleure einigen Betrieben die Bio-Siegel bereits entziehen, weil sie unerlaubte Mittel eingesetzt oder konventionelle Bananen untergemischt hatten. Unter derlei Praktiken leidet nicht nur die Glaubwürdigkeit von EU-Bio- und anderen Bio-Siegeln, sondern vor allem leiden jene Bio-Anbauer, die sich vorbildlich an die Regeln halten. Eine strengere Auswahl der Kontrolleure würde den Betrug vermutlich erschweren.

Bio & Fairtrade gehen Hand in Hand: Das Bio-Siegel bescheinigt den ökologischen Anbau, Fairtrade garantiert die Zahlung stabiler Mindestpreise, faire Arbeitsbedingungen und höhere Transparenz. Im Nordosten der Dominikanischen Republik, in der Kooperative Bananos Ecologicos de la Linea Noroeste - kurz Banelino - arbeiten 340 Bio-Betriebe nach Fairtrade-Standards. Vor zehn Jahren kam die Plantaciones del Norte hinzu. Das Unternehmen mit Sitz in Holland wirtschaftet seit 2017 zusätzlich nach Demeter-Richtlinien.

Bis zu 20 Prozent der Jahresproduktion kauft die deutsche Handelskette tegut. Mit einem Extra-Euro pro Bananenkiste werden optimierte Bewässerungssysteme finanziert. 60 Prozent der Fairtrade-Prämie fließen in die medizinische Versorgung, Bildung und weitere Sozialleistungen. Jungen Arbeitskräften wird ein 18-monatiges technisches Ausbildungsprogramm angeboten.

Banelino ist eine von sieben Fairtrade-zertifizierten Kleinbauernorganisationen in der Dominikanischen Republik, die eng mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zusammenarbeiten, die Arbeitsnormen überprüft und sich für die Rechte der Beschäftigen einsetzt. Darüber hinaus strebt die Kooperative an, hunderttausenden Wanderarbeitern, die jedes Jahr aus Haiti ins Land strömen, zu einem legalen Status zu verhelfen.

Sind wir bereit, faire Preise zu zahlen?

Bei Edeka liegt der Kilopreis für konventionelle Bananen bei 88 Cent, bei Aldi kostet ein Kilo 99 Cent. Im November 2020 kündigte der Discounter an, den Preis pro Bananenkiste um mehr als einen Euro auf 11,33 Euro senken zu wollen - der niedrigste Preis in der Geschichte der Bananenproduktion. Für die Menschen vor Ort würde dies weitere Entlassungen bedeuten; und der Verlust von Sozialleistungen und ein verstärktes Abrutschen in Armut und Kriminalität, protestiert Gewerkschafter Didier Leitón gegen die Entscheidung.

Die niederländische Supermarktkette Plus geht einen anderen Weg: In ihren Regalen liegen nur noch fair gehandelte Bananen. Das Unternehmen reduzierte die eigene Gewinnspanne, um den Verkaufspreis zu senken, damit die Kunden weiterhin bei Plus kaufen. Der Umsatz ist inzwischen so hoch, dass nicht nur Plus Gewinne erzielte, sondern auch die kolumbianischen Farmen. Sie verdienen etwa 400.000 Dollar mehr im Jahr. Mittlerweile stieg der Anteil an Fairtrade-Bananen in den gesamten Niederlanden von fünf auf 16 Prozent.

Ein deutscher Privathaushalt verzehrt rund 15 Kilo Bananen im Jahr, etwa zehn Prozent davon stammt aus biologischem Anbau. Der Anteil an Fairtrade-Bananen macht gerade einmal drei Prozent vom gesamten Umsatz aus. Dabei lägen die Mehrkosten bei nur fünf bis zehn Euro pro Jahr. Davon profitieren würden die Kleinbauern - mit langfristigen Abnahmepreisen.

Anbauprojekte und Kooperativen rund um den Erdball zeigen, was mit gerechter Bezahlung möglich ist. Am Ende der Lieferkette entscheiden wir Verbraucherinnen und Verbraucher, welche Bananen wir essen wollen: die billigen, für die Menschen unter elenden Bedingungen schuften, oder faire Bio-Bananen, deren Anbau die Umwelt schont und den Beschäftigten ausreichenden Lebensunterhalt garantiert. (Susanne Aigner)