Gelber Nimmersatt

1980: In „Pac-Man“ haben alle Figuren einen Bärenhunger. (Screenshot: Namco)

Eines der besten Spiele aller Zeiten feiert 2010 seinen 30. Geburtstag: "Pac-Man"

In der Mitte warten die Geister Blinky, Pinky, Inky und Clyde darauf, dass sie allesamt in die Freiheit entlassen werden. Untendrunter beginnt Pac-Man, die über das komplette Feld verteilten, weißen Punkte zu verspeisen. Lange kann er dies aber nicht ungestört tun, wollen die Geister es doch verhindern.

Und schon beginnt der Stress: Links unten in der Ecke etwa darf man die Spielfigur keine Millisekunde verweilen lassen, sonst wird sie im Handumdrehen von den Geistern eingekeilt. Am besten der gelbe Nimmersatt schluckt einen der etwas größeren Punkte, von denen insgesamt vier auf dem Spielfeld existieren. Dann laufen die Geister plötzlich für einige Sekunden in blauen Gewändern umher und können ebenfalls gefressen werden. Ist Pac-Man flott und vertilgt alle, gibt’s dafür 1600 Punkte…

Das Konzept, das dem Automatenspiel „Pac-Man“ zugrunde liegt, klingt – vor allem aus heutiger Sicht – supersimpel. Wer sich jedoch erst einmal wenige Minuten mit der Hatz die Zeit vertreibt, der verfällt dem Prinzip schneller, als er es sich womöglich vorstellt. Den Grund dafür muss man nicht lange suchen: Während der Verfolgungsjagd im Labyrinth kommt es immer wieder zu Augenblicken, in denen Pac-Man den Geistern nur haarscharf entkommt. Oder ein Geist nimmt kurz bevor man ihn fressen will wieder seine ursprüngliche Farbe an.

Spielt man „Pac-Man“ mehrere Stunden, so erkennt man bald den Weg, den die Geister gehen – so hat es zumindest den Anschein. Namco-Mitarbeiter Toru Iwatani, dem die Idee zum Spiel beim Pizzaessen kam, hat die Gegner jedoch so programmiert, dass sie auf die Bewegungen Pac-Mans reagieren. Die Pfade der Geister basieren also nicht auf 08/15-Routinen. Dass man trotzdem denkt, man erkenne einen vorgegebenen Weg, liegt demnach vielmehr daran, dass man sich irgendwann eine so gute Route merkt, die es erlaubt, das Feld mit nur einem Leben abzugrasen; logischerweise schweben die Geister dann immer identisch umher.

Wenn „Pac-Man“ bloß eines der wichtigsten Titel der Arcade-Ära wäre, dann wäre ich nicht auf die Idee gekommen, diesen Artikel zu schreiben. Tatsächlich ist das Spiel weitaus mehr: Mit der ein Jahr später erschienenen Fortsetzung „Ms. Pac-Man“ schuf Namco den ersten Titel in der Computer- und Videospielhistorie, bei dem ein weiblicher Charakter im Zentrum steht. Dass die Figur selbst heute noch durchaus ihren Reiz hat, beweist René Meyers Aussage, dass „Ms. Pac-Man“ auf der Gamescom gern von den Besuchern gespielt worden sei. Mit Lippenstift und Haarschleife wirkt die Pixeldame ja irgendwie niedlich, oder?

1981: Ms. Pac-Man nutzt die Gunst des Moments… (Screenshot: Namco)

Allerdings haben „Pac-Man“ und „Ms. Pac-Man“ zu Beginn der 1980er Jahre nicht nur in den Spielhallen für Furore gesorgt, sondern spielten auch über das Medium hinaus eine Rolle: Die amerikanischen Jingleproduzenten Jerry Bruckner und Gary Garcia waren infolge des Hypes auf das Automatenspiel aufmerksam geworden und kreierten 1982 den Song „Pac-Man Fever“, mit dem sie es innerhalb kürzester Zeit unter die Top Ten der Billboard-Charts schafften – Pac-Man war längst mehr als eine Videospielfigur. Pac-Man war ein Popstar.

Es entstand sogar eine TV-Zeichentrickserie um die Figur. Ms. Pac-Man war selbstverständlich auch mit von der Partie. Daneben brachte MB eine Brettspielvariante auf den Markt. Aber damit nicht genug. Das Phänomen Pac-Man war allgegenwärtig: Der gelbe Nimmersatt schmückte Produktverpackungen, Briefumschläge und Bettwäsche, jeglichen Schnickschnack sozusagen. Die Vermarktung kannte keine Grenzen. Für uns ist Merchandising heute völlig normal, aber vor 25 Jahren? Da war es noch etwas Besonderes.

2004: area/code verwandelt den Klassiker in eine Schnitzeljagd in der Großstadt. (Screenshot: Magdans)

„Pac-Man“ wurde unterdessen für Ataris Wohnzimmerkonsole, das VCS, umgesetzt. Die Fernsehbildgrafik wirkte im Vergleich zum Original jedoch allzu sehr vereinfacht. Den Charme des Originals ließ die Portierung sehr vermissen, dafür blieb aber immerhin die Spannung erhalten. Wer heute jedoch wieder mal im Rahmen einer Veranstaltung das Automatenspiel zocken konnte, dem ist ganz sicher aufgefallen, dass es der satte Sound der Kiste ist, der so richtig rockt.

Bis heute gibt es etliche Fortsetzungen und Klone, die dem Original zum größten Teil nicht das Wasser reichen. Zu den grässlicheren Versionen zählt die „Pac-Man World“-Reihe, die aus der Hauptfigur einen Jump’n’Run-Helden macht, der eine dreidimensionale Landschaft erkundet. Vom Charme des Klassikers ist in diesem Fall wenig zu spüren. Lediglich die 2005 erschienene Version namens „Pac-Man Arrangement“ (2-D mit 3-D-Effekt) überzeugt. Diese lässt sich nicht nur besser steuern, sie gefällt auch mit praktischen Zusätzen, etwa mit Abschussfeldern. Erwähnenswert ist auch „Pac-Pix“ (2005) für Nintendos DS, da man sich seine Figur selbst zeichnet.

2009: „Pac-Man Championship Edition” für das iPhone und den iPod Touch sieht nach Disco aus. (Screenshot: Namco)

Darüber hinaus hat es „Pac-Man“ wie viele andere digitale Evergreens auf das iPhone und den iPod Touch geschafft. Den Leuten bei Namco ist allerdings anzukreiden, dass die Steuerung ziemlich missraten ist. Pac-Man bleibt immer wieder an einer Ecke hängen, was bei diesem hektischen Spielprinzip rasch zu Verlusten führt. Und ausgesprochen viele Leben stehen einem ja nun mal nicht zur Verfügung. Da ist es aussichtslos, den Amerikaner Billy Mitchell zu toppen. Mit sagenhaften 3.333.360 Punkten hat er 1999 den „Pac-Man”-Rekord aufgestellt – blanker Wahnsinn! (Frank Magdans)

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