Gelbwesten: Der Boxer muss ins Gefängnis

Archivbild: Paris, 8. Dezember. Foto: Bernard Schmid

... aber nur nachts, ein Jahr lang. Der Fall Christophe Dettinger zeigt, wie ambivalent das Problem Gewalt bei den Demonstrationen in Wirklichkeit ist

Der Boxer Christophe Dettinger wurde gestern nach einer siebenstündigen Verhandlung von einem Strafgericht in Paris zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten verurteilt, von denen er 12 Monate lang die Nächte in einem Gefängnis verbringen muss, 18 Monate sind zur Bewährung ausgesetzt. Dettinger muss zudem Gemeindedienst in der Banlieue leisten und 5.000 Euro Entschädigung zahlen. Ein halbes Jahr lang darf er Paris nicht betreten. Das Urteil blieb unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft.

Urteil mit politischem Symbolwert

Der Fall hat Symbolwert für die Gelben Westen. Das ist auch daran abzulesen, dass eine Spendenkasse, die für seinen Fall geschaffen wurde, innerhalb von zwei Tagen 145.000 Euro gesammelt hatte. Dann wurde die Sammelaktion aufgrund von Protesten "eingefroren".

Dass auch ein Regierungsmitglied, nämlich Marlène Schiappa, Ministerin für die Gleichheit von Frau und Mann, vorneweg gegen die Spendenaktion protestiert hatte, zeigt, dass der Fall auch für die Regierung Symbolwert hat. Sogar so viel, dass ihn Macron erwähnte, um zu erklären, dass die Bewegung der Gelben Westen infiltriert sei. Er äußerte den Verdacht, dass der Boxer von einem linksextremistischen Anwalt instruiert wurde, um eine Erklärung abzugeben.

Dies eröffnete im Zusammenhang mit Macrons Mutmaßungen über die sprachlichen Fähigkeiten des Boxers ein eigenes Diskussionsfeld, in dem einmal mehr die Arroganz des Präsidenten zum Thema wurde (siehe einen Artikel von Libération zur Deklassierung der Worte Dettingers).

Das hauptsächliche Thema im Fall Dettinger ist aber die Gewalt im Zusammenhang mit Demonstrationen der Gelben Westen. In diesem Fall geschehen beim Acte VIII, am 5. Januar 2019.

Die berühmte Szene

Der Boxer Christophe Dettinger wurde durch eine Szene in ganz Frankreich berühmt. Sie zeigt, wie er mit einem Überschlag über einem Geländer fast zirkusgleich eine Bühne, einen Übergang über die Seine, betritt, wo es zwischen Polizisten und Gelbwesten hochhergeht. Dabei sind die Polizisten am Zurückweichen. Der großgewachsene Mann wird erst von Gelbwesten zurück auf ihre Seite gezogen, geht aber dann mit großen Schritten auf die Polizisten zu und bearbeitet sie mit Hieben und einer Deckungsarbeit, die sofort den Boxsportler verraten.

Das war so noch zuvor nicht gesehen worden, es zeigte Könnerschaft und auch eine Eleganz der Bewegung, die für Ausschreitungen bei Demonstrationen ungewöhnlich sind. Umso mehr erschreckte aber auch die Brutalität. Der Kampf fand nicht in einem Boxring statt, der Gegner war kein Boxer. Er stellte sich nicht freiwillig und nicht aus sportlichen Gründen.

Der Polizist hatte den auf ihn eintrommelnden Geraden nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Er hielt, so gut es ging, sein Plastikschild gegen die Serie an Faustschlägen. Das Schild bekam auch am meisten ab, getroffen wurde der Polizist trotzdem, wie in der Gerichtsverhandlung gestern deutlich wurde. Klarer jedenfalls, als es Videos vielleicht annehmen lassen (siehe zum Beispiel hier). Der Mann war mehrere Tage lang krankgeschrieben. (In der Verhandlung äußerte Dettinger, dass der Gendarm vor der Szene mit den Boxhieben seinerseits Demonstranten misshandelt habe).

Ausschnitte und Verzerrungen

Das erwähnte Video ist nur ein Ausschnitt. Es gibt noch andere, mit anderen Perspektiven (die soweit sich der Verfasser erinnern kann, noch genauer zeigen, wie sehr einige Schläge treffen; er weiß aber nicht mehr, wo sie zu finden waren) - und es gibt noch einen weiteren Vorfall, der für das Gerichtsurteil eine wichtige Rolle spielte. Darin tritt der Boxer einen auf dem Boden liegenden Polizisten mit den Füßen. Davon gibt es einen Ausschnitt beim Sender BMFTV zu sehen.

Der Sender ist bei den Gilets Jaunes sehr unbeliebt. Journalisten des Senders wurden bei Demonstrationen der Gelbwesten brutal angegriffen. Dies gehört mit hinein in den Kontext des Falles Dettinger. Denn wie der Regierung auch wird BMFTV vorgeworfen, dass der Sender die Proteste der Gilets jaunes in einem Zerrbild darstellt, das vor allem die Gewalt der Gelbwesten ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt und dagegen die Gewalt der Ordnungskräfte herunterspielt.

Dass sich BMFTV hier auf eine besonders polemische Weise hervortut, fällt übrigens nicht nur den Gelbwesten auf, sondern auch dem Magazin Télérama, das vor einigen Wochen eine ausführliche und scharfe Kritik daran übte, wie die Polizeigewalt in Sendungen von BMFTV systematisch heruntergespielt wird.

Aber auch aufseiten der Gilet jaunes kommt es zu Verzerrungen. Dettinger wurde vielerorts auf Twitter oder Facebook als Held dargestellt. Aufhänger für das heroische Bild Dettingers ist dessen nachvollziehbare Wut auf die Gewalt der Polizei (Polizeigewalt gegen Proteste der Gelbwesten: "Reihenweise Verstümmelungen").

Die habe ihn erst zum Ausrasten gebracht, so der Boxer in einer Erklärung, die er abgab, bevor er sich der Polizei stellte, und die ihm, als sie öffentlich wurde, viele Sympathien eintrug (was Macron, wie oben erwähnt, nicht gefiel). Die Sympathien, die sich auch an der Bereitschaft zeigten, für Christophe Dettinger zu spenden, wurden wahrscheinlich auch dadurch bestärkt, dass ihm eine hohe Strafe drohte und es zu dieser Zeit zu einer ganzen Reihe von Verhaftungen von Gilets Jaunes kam, die nicht unbedingt als gerecht empfunden wurden.

Der andere Vorfall und die andere Seite

Bei der Verhandlung stellte die Richterin aber auch den anderen Vorfall heraus, der noch viel weniger "sportlich" ablief als der oben geschilderte. Dettinger hatte vor seinem Auftritt auf der Brücke auf einen sich am Boden befindenden Polizisten mit Füßen eingetreten.

Es war eine Schlüsselszene, auch in der Schilderung Dettingers. Der sagt von sich, dass er keine Ungerechtigkeit sehen kann. Bei einer Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Gelbwesten in unmittelbarer Nähe des Übergangs hatte er gesehen, wie eine Frau übelst von einem Polizisten behandelt wurde. Sie wurde zu Boden gerissen und mit ihr auch Polizisten. Zwei sollen an der Frau gezerrt haben.

Dettinger soll dann einen Polizisten, der ebenfalls zu Boden gerissen worden war, getreten haben. So wird es in der Gerichtsverhandlung nach dem Bericht von Le Monde geschildert. Warum er nicht der Frau geholfen habe, fragte die Richterin demnach, wenn es ihm doch um die Frau gegangen sei, stattdessen sei er auf den Polizisten losgegangen. (Aus einem anderen Bericht, von La Media, geht hervor, dass die Videos nicht den gesamten Hergang zeigen. Es sei beispielsweise nicht zu sehen, wie die Frau von Polizisten geschlagen wurde. Die Frau sagt dies jedoch als Zeugin vor Gericht aus. Auch dass ihr Dettinger geholfen habe.)

Er sei nicht stolz darauf, erklärte Dettinger. Er sei als Boxer immer ein Stilist gewesen, kein Schläger. Bei den Vorfällen sei "in zwei Minuten alles aus dem Gleichgewicht geraten". Er schäme sich, erklärte er.

Dem steht die Angst entgegen, die der angegriffene Polizist auf dem Übergang über die Seine hatte hatte. Er befürchtete, dass er inmitten der Aggression ins Wasser gestürzt werden könnte, wo er es mit seiner Montur schwer gehabt hätte. (Thomas Pany)

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