Geld auf den Lehrplan?

Grafik: Davut Çöl

Der Finanzmarktanalyst und Wissenscoach Davut Çöl hat das Buch "Verstehen Sie Geld?" veröffentlicht, in dem er "komplizierte Zusammenhänge verständlich erklären" will - von Aktien bis zum Zins über die Inflation bis hin zu den Staatsschulden

Herr Çöl - es gibt kein Schulfach "Geld", wie Sie richtig bemerken, aber Geld kommt in vielen anderen Fächern vor. Warum reicht das Ihrer Ansicht nach nicht?
Anzeige
Davut Çöl: Ich muss Ihnen leider widersprechen. In Deutschland kommt das Thema Geld auch in anderen Fächern nicht vor. Auf allgemeinen Schulen gar nicht und in Oberstufe bzw. Fachschulen im kleinen Rahmen von wirtschaftlicher Bildung. Obwohl das Thema so wichtig ist - wir alle gehen einkaufen, erhalten Gehalt oder legen an - steht es auf keinem Lehrplan.
Der Staat hätte seit Jahren die Möglichkeit eine Wende einzuleiten, aber will er das überhaupt? Ist der Staat nicht lieber an unmündigen Verbrauchern interessiert, die sich fortlaufend an Berater wenden müssen (Bankberater, Steuerberater usw. ), als eigenverantwortlich entscheiden zu können? Beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf. Die Interessen des Staates, beim Geld - und beim Geldausgeben - freie Hand zu haben, sind hier wichtiger, als mündige Bürger, die ihm dazwischenfunken.
Erzählt man Kindern an den Schulen immer noch, dass die von den Banken vergebenen Kredite durch die Einlagen der Sparer gedeckt wären? Oder lernen sie heute, was Buchgeldschöpfung ist?
Davut Çöl: Das Thema Geld macht vielen Menschen Angst. Es ist schlicht zu undurchsichtig, zumindest wird es den Menschen so kommuniziert. Folglich fürchtet man sich vor der schwierigen Herausforderung. Alles, was mit dem Thema Finanzwissen zu tun ist, zumeist kompliziert formuliert. Denken Sie nur an die Produkte bei Banken und Versicherungen, welche häufig komplizierte Bezeichnungen haben, sodass der normale Mensch schlicht nicht versteht, um was es geht.
Am Ende bleibt alles, wie es ist. Der Verbraucher soll konsumieren. Ihm ist diese Aufgabe im Wirtschaftskreislauf zugedacht. Er soll sein Geld ausgeben, am besten noch einen Kredit aufnehmen und diesen wiederum abbezahlen. Dadurch, dass die heutigen Eltern keine größeren Krisen erlebt haben, sind diese bereits voll in dem skizzierten Konsummodus, sodass auch den Kindern dieses Bild weitergegeben wird. Die wirklich wichtigen Fragen, was Geld ist, wie es geschöpft wird und welche Abhängigkeiten es hat, dass alles wissen die meisten Kinder, aber auch Erwachsene, nicht.
Was würde sich ihrer Ansicht nach ändern, wenn eine Generation ins Erwerbs- und Investitionsalter käme, die von klein auf Geldunterricht genossen hätte?
Davut Çöl: Das ist eine gute Frage. Die Antwort muss eine fiktive sein, denn es gibt ja keinen Geldunterricht. Der Grund ist naheliegend: solange man den Menschen eine Möhre vor die Nase halten kann und sie für Karriere und Konsum begeistern kann, wird sich an der heutigen Situation nichts ändern. Mit Geld kann man die Bürger nämlich ständig locken. Warum sollte sich der Staat für eine aufgeklärte Gesellschaft einsetzen? Will er nicht lieber, dass die Mehrheit unwissend bleibt?
Anzeige
Doch nehmen wir an, es gäbe ein Schulfach Geld und die Kinder wären gebildeter. Sie würde eine Abkehr von dem heutigen Profitgedanken fordern. Sie würde erkennen, dass die alleinige Gier der Unternehmen nach dem Gewinn nur Verlierer zurücklässt. Nur wenige profitieren von solch einer Vorgehensweise. Sehen Sie nur die vielen Finanzinvestoren an, die sich in Unternehmen einkaufen - die wollen keine nachhaltige Unternehmenspolitik, sondern nur Gewinne für ihre Anleger.
Warum muss das iPhone in Asien hergestellt werden, wenn es auch die US-Bürger zusammenschrauben könnten? Unternehmen bekommen den Hals nicht voll - und daran kränkelt unsere System. Eine finanziell gebildete Generation würde nicht mehr das Ausgeben von Geld - also den Konsum - als erstrebenswert erachten, sondern das Sparen, was vielen Menschen bereits abhandengekommen ist. Und sie würden den Staat auffordern, anders mit dem Geld der Bürger umzugehen.
Vor allem würden sie fordern, dass der Staat aufhören soll, über seine Verhältnisse zu leben, denn die Schulden von heute sind die Schulden unsere Kinder. Eine breite Geldbildung in der Bevölkerung wäre erstrebenswert, doch - wie gesagt - der Staat, der die Hoheit über die Schulbildung hat, hat kein Interesse daran. Wer sich vom Staat nicht in die Irre führen lassen will, der muss sich selbst Wissen aneignen.
Aktuell bekommen Sparer kaum oder keine Zinsen auf ihre Einlagen, teilweise werden sie dafür sogar zur Kasse gebeten. Wann wird sich das wieder ändern?
Davut Çöl: Der Sparer ist der Gute in unserer Welt. Er sorgt vor und er spart sein Geld für schlechte Zeiten. Das ist alles richtig und wichtig - und dennoch: Er ist der Leidtragende der aktuellen Geldpolitik. Er wird mit Strafzinsen bestraft. Dabei sind Negativzinsen vollkommen unnatürlich. Es dürfte sie nicht geben, weil sie die Zinsfunktion außer Kraft setzen. Doch die Zeiten sind verrückt, und solange es den Menschen als normal verkauft wird, macht man bei den Zentralbanken verrückte Dinge. Für einen aufgenommenen Kredit muss man weniger zurückzahlen und für das Ersparte auf der Bank muss man draufzahlen. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln.
Die Lage des Sparers wird sich in naher Zukunft auch nicht ändern. Da bringt es auch nichts, wenn die EZB gelegentlich von einer Zinswende redet. Diese wird nicht kommen. In den vielen Jahren des billigen Geldes haben die Unternehmen ihren Schuldenstand stark erhöht. Staaten haben sich nicht an strukturelle Veränderungen gemacht und sind ebenfalls bis zum Hals verschuldet. In dieser Situation ist es der Zentralbank nicht möglich, die Zinsen auf ein normales Niveau anzuheben. Es würde sofort zu Unternehmens- und Staatspleiten führen.
Zudem befinden sich die Euronationen in einem Zinsverbund. Höhere Zinsen, die sich der deutsche Sparer wünscht, nehmen den Griechen oder den Portugiesen die Luft zum atmen. Es gibt nur ein Szenario, in dem die EZB keine Rücksicht auf Verluste nehmen kann, sondern handeln muss - und das ist im Falle einer starken Inflation. In solch einer Phase leidet nämlich die Währung Euro - und dann gilt es, diese unter allen Umständen zu verteidigen. Diese Zeit wird kommen, aber dann ist es vielleicht zu spät, wie die Geschichte zeigt.
Sie schreiben in ihrem Buch, dass eine "starke Inflation" unvermeidlich sei. Warum?
Davut Çöl: Die Europäische Zentralbank hat bereits 1,5 Billionen Euro für ihr Ankaufprogramm aufgewendet. Und sie setzt diese Maßnahme derzeit mit 60 Milliarden Euro pro Monat fort. Wie glauben Sie wird sich solch eine Verwässerung des Geldes äußern? Es gibt ja keinen Gegenwert zu dieser hemmungslosen Gelderschaffung. Eine Geldentwertung steht somit außer Frage.
Geld lässt sich nicht herbeizaubern. Leider wird genau diese Fähigkeit den Zentralbanken derzeit zugestanden. Obwohl der gesunde Menschenverstand sich bereits meldet und Alarm schlägt, tun alle Beteiligten so, als wäre das Kunststück Geld aus der Luft zu erschaffen gelungen. Wenn dem so wäre, warum müssen wir dann noch arbeiten und wirtschaften? Wir alle könnten es und gemütlich machen und den Tag genießen. Es geht nicht.
Die heutige Politik der EZB geht auf Kosten der Währung Euro. Eine Geldentwertung wird die Folge sein. Sie können sich das so vorstellen: In einem Topf erhitzen Sie eilig und mit einer hohen Stufe Milch. Irgendwann ist der Innenraum zu heiß und dann wird die Milch überquellen. Das Besondere ist, dass die Milch nicht vorher warnt. Sie haben keine Zeit zu reagieren, wenn sie ausbricht. Genauso wird es mit dem Ausbruch der Inflation ablaufen. Noch glauben die Zentralbanken, sie hätten diese kritische Situation unter Kontrolle, doch das ist ein Trugschluss.
Deflation muss ihrer Ansicht nach "nichts Erschreckendes sein". Würden Ihnen Japaner da nicht widersprechen?
Davut Çöl: Nein, warum sollten die Japaner widersprechen (lacht). Das Land existiert weiterhin und die Leute haben zu essen und gehen ihrem Tagesablauf nach. Das Land der aufgehenden Sonne lebt schon lange in einem deflationären Umfeld, doch es ist nicht das, was es zu sein scheint. Die Japaner sind in der glücklichen Lage, nicht zu sehr auf externes Kapital angewiesen zu sein. Sie sind bei ihren Bürgern verschuldet. Zudem lässt die japanische Regierung keine wirkliche Entfaltung der Deflation zu. Sie druckt schon seit Jahrzehnten immer wieder frisches Geld und wiedersetzt sich somit den Folgen einer Deflation.
Geholfen hat es nicht. Das Land Japan ist, realistisch betrachtet, pleite. Nur eingestehen will sich das niemand. Niemand braucht mehr die Kapazitäten, die es in der Wirtschaft gibt. Die Bevölkerung ist recht alt, sie braucht all die Waren nicht mehr. Diese Zukunft wird auch Deutschland ereilen, da auch hier die Gesellschaft stark altert, ohne dass auseichend junge Bürger nachkommen.
Die Sache mit der Deflation ist im Grunde nur ein Schreckenszenario. Sie ist eine Form der Legitimation, um Geld drucken zu können. Staaten werfen sich lieber der Inflation in die Arme, als sich mit der Deflation auseinanderzusetzen. Dabei entstammen Deflation und Inflation der gleichen Familie. Das eine ist weder gut noch böse. Nur die Phasen wechseln eben. Das will an der Deflation jedoch nicht zugestehen. Ihre Bekämpfung ist wesentlich anstrengender.
Zudem ist sie mit abnehmender wirtschaftlicher Tätigkeit verbunden. Das mag keine Regierung. Dabei handelt es sich um eine Phase der Bereinigung. Schlecht wirtschaftende Unternehmen und nicht gebrauchte Kapazitäten werden in dieser Zeit abgebaut. Geld gewinnt in Zeiten der Deflation an Wert. Menschen und Unternehmen können mit ihrem Erspartem mehr einkaufen. So betrachtet ist die Deflation nicht erschreckend.
Fürchten Sie ein Bargeldverbot?
Davut Çöl: Ein Bargeldverbot ist eine reelle Gefahr. Es wird häufig in Zusammenhang mit kriminelle Machenschaften und Steuerflucht genannt, um ihm eine weiße Weste zu verleihen. Der Staat suggeriert dem Bürger, dass er angeblich etwas Gutes tun will. Das ist natürlich eine bewusste Irreführung. Wer ein Bargeldverbot einführt, der will den gläsernen Bürger. Er will wissen, wie viel Geld jemand besitzt und wofür er es ausgibt. Die Privatsphäre ist dann selbstverständlich dahin.
Der Staat könnte dann auch Zwangsabgaben durchsetzen, wenn er immer Einblick in das Konto des Bürgers hätte. Heute drängen sich Negativzinsen immer mehr in unseren Alltag. Diese Notsituation haben nicht nur die Durchschnittsbürger, sondern auch Unternehmen, die sich ebenfalls mit den Strafzinsen auseinandersetzen müssen. Eine Möglichkeit sich dagegen zu wehren ist die Flucht ins Bargeld. Das ginge dann nicht mehr, wenn der Besitz verboten würde.
Die Wahrscheinlichkeit ist daher hoch, dass es zu einem Bargeldverbot kommt. Man würde diese Fluchtmöglichkeit unterbinden. Ein wesentlicher Grund, warum ein Staat zögert, ist, dass ein Bargeldverbot mit einem Vertauensverlust einhergeht und dieses Risiko will zurzeit noch niemand eingehen. Warten wir noch etwas ab. Außergewöhnliche Zeiten werden außergewöhnliche Maßnahmen erfordern, egal wie unpopulär sie sein mögen.
Der Staat muss, wie Sie richtig bemerken, nicht sparen. Sollte er es aber nicht trotzdem in einem gewissen Rahmen?
Davut Çöl: Um zu verstehen, warum der Staat nicht spart, muss man sich seinen Aufgaben bewusst sein. Im großen Rahmen betrachtet muss ein Staat die Bürger beschäftigen. Man könnte auch "bei Laune halten" sagen. Er muss Arbeitsplätze zur Verfügung stellen bzw. vorhandene schützen. Egal wie unsinnig das manchmal sein mag. Aus diesem Grund sind immer Rettungsmilliarden vorhanden, wenn das Risiko besteht, Arbeitsplätze könnten in größerem Ausmaß verloren gehen. Ein Beispiel ist die Bankenkrise, für die immer Geld vorhanden ist.
Die Frage für den Staat ist demnach immer dieselbe: Wie lässt es sich bewerkstelligen, dass die Leute weiter arbeiten gehen und konsumieren, anstatt arbeitslos zu sein, zu murren und Sozialleistungen zu fordern. Also wird sich weiter verschuldet. Für einen Staat ist Sparen keine Option. Das können Sie auch an den vielen Aussagen verfolgen, die von Sparen und Sparwillen reden, jedoch doch nicht umgesetzt werden. Der Schuldenstand steigt kontinuierlich.
Ein aktuelles Beispiel findet sich gerade in der Automobilindustrie. Bei Dieselfahrzeugen wurde bekanntlich mit der Abgastechnik geschummelt. Die Kanzlerin Merkel weigert sich jedoch, einem Hardwarewechsel zuzustimmen, obwohl das die richtige Reaktion wäre. Angeblich wäre das zu kostenintensiv für die Autoindustrie. Die Absicht dahinter ist natürlich klar: Sie möchte die Autoindustrie schützen. Das Wohl der Autoindustrie wird hier höher gewichtet als der Anspruch von Menschen, saubere Luft zum Atmen haben. Und warum das Ganze? Der Staat interessiert sich allein für die Arbeitsplätze und will diese zu jedem Preis erhalten. Koste es, was es wolle.
Gibt es Ihrer Meinung nach wirklich risikolose Anlagemöglichkeiten? Oder steckt überall ein Risiko - sei es eine Blase, Schimmel, staatliche Enteignung et cetera?
Davut Çöl: Dieser Punkt erinnert mich an die Frage, die manche Menschen ihren Steuerberater stellen. Wie kann ich meine Steuerlast mindern, ohne dass ich Kosten habe. Die Antwort ist schlicht. Es geht nicht. Wenn Sie etwas von der Steuer absetzen wollen, müssen Sie zuvor etwas ausgegeben haben, sinnvoll oder nicht. So ist es auch bei der Anlage. Egal was Sie machen bzw. nicht machen, es birgt immer ein Risiko in sich.
Wer Aktien oder eine Immobilie besitzt, der kann zu einer Zwangsabgabe verdonnert werden, weil die Daten transparent sind. Lagert er Goldmünzen, dann können diese entwendet werden bzw. der Besitz könnte verboten werden. Deponiert er sein Geld bei der Bank, dann weiß er nicht, ob er es in voller Höhe auch wieder erhält. Sogar das Sparen des Geldes unter der Matratze, so wie unsere Großeltern das gemacht haben, birgt Risiken. Hier ist die Inflation die größte Gefahr, die den Kaufkraftverlust des Erspartem aufzehrt.
Der Mensch muss sich - nach dem persönlichen Empfinden - für eine Anlegeform entscheiden. Jeder ist da anders. Man muss mit seiner Anlage gut schlafen können und dann wird sich zeigen, ob man die richtige Wahl getroffen hat. In Anlagedingen gibt es keine Anleitung, um risikolos Profite zu erwirtschaften. Sonst wären wir alle wohlhabend. Es gibt allein das Risiko, dass der Anleger kontrollieren kann. Nur darauf hat er Einfluss und daher sollte er seine Wahl mit Bedacht wählen.
Der derzeitige Hype um die elektronische Währung Bitcoin zeigt jedoch, dass die Menschen ein Interesse an einer Alternative zu dem heutigen Geldsystem haben. Eine, die sich nicht verwässern und untergraben lässt. Dabei muss es nicht nur das eine richtige Geld geben, sondern es können durchaus verschiedene sein. Der Bürger sollte jedoch die Wahl haben. Heute muss er sich an die Vorgaben des Staates halten und er wird verpflichtet nur bestimmtes Geld anzunehmen. (Peter Mühlbauer)
Anzeige