Geld und Zinsen

Von Thomas von Aquin und seiner Wirtschaftstheorie - Teil 2

Thomas von Aquins Wirtschaftstheorie ist einerseits geprägt von schwer in der Wirtschaftswelt umsetzbaren, christlichen Vorstellungen - andererseits ist gerade Thomas kein betriebsblinder Denker vor dem Herrn. Teil 1: Scholastische Buchhaltung.

Er schreibt zum Thema Zinsen: "Nummus non parit nummos" (Geld pflanzt sich nicht fort), und er meint damit:

Das Geld aber ist [...] vornehmlich erfunden, um Tauschhandlungen zu tätigen. Und so besteht der eigentliche und hauptsächliche Gebrauch des Geldes in seinem Verbrauch oder im Ausgeben des Geldes, sofern es für Tauschgegenstände aufgewandt wird. Und deshalb ist es an sich unerlaubt, für den Gebrauch des geliehenen Geldes eine Belohnung zu nehmen, die man Zins nennt.

Thomas von Aquin, Summa theologica, II-II: qu.78, a.1, resp.

Thomas folgt damit dem aristotelischen Konzept der kommutativen Gerechtigkeit, die dann gegeben ist, wenn die Tauschpartner weder Gewinn machen, noch einen Verlust erleiden. Doch kreditloser Zahlungsverkehr ging zur Zeit von Thomas in dem Maße zurück, wie der Handel selbst zunahm, und mittlerweile kennt normalerweise kaum ein Bankangestellter die entsprechende Stelle im Alten Testament mehr, wo steht:

Wenn dein Bruder verarmt [...] sollst du nicht Zinsen von ihm nehmen noch Wucher [...] du sollst ihm dein Geld nicht auf Zinsen leihen noch deine Speise auf Wucher austun.

Leviticus, 3. Buch, Kap. 25, 35 - 37

Glücklicherweise verleiht man an seine Brüder aber auch selten Geld, denn in der Regel haben alle Geschwister Kohle, oder alle keines, und können damit auch keines an Brüder verleihen. Heutzutage und hierzulande gibt es schließlich auch statistisch gesehen fast nur noch Einzelkinder. Und außerdem steht noch dazu im AT ebenso: "Von den Fremden magst du Zinsen nehmen".1 Das eröffnet dann doch gewisse Möglichkeiten, und kraft dieser Erlaubnis weichte das Zinsverbot im Mittelalter dann doch nach und nach auf, aller scholastisch-argumentativen Gegenwehr zum Trotz.

Die Scholastiker berücksichtigten zum Beispiel bei ihrer Zinstheorie in aller Regel nicht, dass Zahlungen einer zeitlichen Transformation unterzogen werden müssen, das heißt, dass Beträge in die Zukunft transformiert also aufgezinst oder in die Vergangenheit transformiert, also abgezinst werden. Diese zeitliche Differenz bei Krediten wurde/wird auch in einer preislichen Differenz deutlich. Aufgrund der Preisdifferenz zwischen einem Barkauf und einem Kreditkauf argumentierten die Scholastiker, handele es sich bei einem Kreditkauf um den Verkauf von Zeit. Die Zeit stamme von Gott und gehöre allen gemeinsam. Wer sie einem anderen verkaufen wolle, dem sie genau so gehört, handle betrügerisch.

Für Thomas war es sogar eine "Todsünde", Zeit als einen Faktor zu behandeln, und die dadurch entstehende Preisdifferenz zwischen Barkauf und Kreditkauf ein Ausdruck strikt abzulehnenden Zinswuchers. Noch dazu entfalle der Faktor der Arbeit bei einem Darlehen, der Gewinn würde ohne einen Arbeitswert erzielt, der aber nach der Thomistischen Lehre Teil eines gerechten Preises sein müsse. Wenn allerdings ein Kaufmann Geld zur Verfügung gestellt bekam und der Geldgeber am Gewinn des Geschäftes beteiligt wurde, so müsse er "kein schlechtes Gewissen haben". Da waren die Geldgeber dann sicher froh. Das kanonische Zinsverbot betraf nur den festen Zinssatz.

Spitzfindigkeiten

Eine Äquivalenz zwischen Arbeit und Risikoübernahme anzunehmen kam den Scholastikern auch noch nicht in den Sinn. Ebenso wenig wie das Risiko für die Kreditausreichung, dass der potentielle Verlust der Kreditsumme beim Kreditgeber eines Lohnes würdig ist, oder dass der Kreditgeber für den Verzicht auf eine eigene Anlage entschädigt werden müsse. Dafür aber gibt es bei Thomas den Zinstitel der societas, der nach folgenden Voraussetzungen zustande kam: Der Darlehensgeber übergibt einem Kaufmann bzw. Handwerker eine Geldsumme, und wird damit Gesellschafter ohne das Eigentum auf den Darlehensnehmer zu übertragen. Der Händler oder Handwerker setzt vielmehr die Geldsumme unter dem Risiko des Geldgebers ein, "deshalb kann er erlaubterweise einen Teil des daraus entstehenden Gewinns fordern, als von seiner eigenen Sache".2

Und dann kennt Thomas auch noch den lucrum cessans, die Option, den Zins als Entschädigung des Darlehensgebers für einen entgangenen (virtuellen) Gewinn zu betrachten. Für den Ersatz des Gewinns wird auf die Wahrscheinlichkeit seiner Erreichbarkeit auf den sozialen Stand des Darlehensgebers abgestellt. Und das damnum emergens erlaubt dem Darlehensgeber alle Kosten, die durch die Gewährung entstehen, als Zinsen geltend zu machen:

Derjenige der ein Darlehen gibt, kann mit dem, der das Darlehen empfängt, vertraglich eine Entschädigung vereinbaren, des Schadens nämlich, durch den ihm etwas entzogen wird, was eigentlich sein ist; denn das heißt nicht, den Gebrauch des Geldes verkaufen, sondern einen Schaden zu vermeiden.

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Man sieht an diesen Spitzfindigkeiten, wie sehr die philosophischen Thesen zu dieser Zeit im Konflikt mit den herrschenden ökonomischen Bedingungen standen. Die Theologie und die realwirtschaftlichen Verhältnisse waren zu der Zeit so vereinbar wie Geschmack und Dieter Bohlen, denn die Zinsen waren notwendig, um die wirtschaftliche Expansion im Europa des 13. Jahrhunderts aufrecht zu erhalten. Der Zins musste demnach mit Rechtstiteln wie der societas, dem lucrum cessans, dem damnum emergens so umgetauft werden, dass er formal seinen Zinscharakter verlor und damit nicht mehr als Wucher und Todsünde galt.

Abschied vom göttlichen Prinzip der ökonomischen Rationalität

Zur Schaffung dieser kirchenrechtskonformen Umgehungstatbestände wendeten Scholastiker wie Thomas von Aquin ihren ganzen Scharfsinn auf, bis schließlich in der kreditwirtschaftlichen Praxis kein Widerspruch zur scholastischen Zinstheorie mehr vorkam - aber im Endeffekt lief in diesem Punkt die Wirtschaftsentwicklung trotzdem mit Siebenmeilenstiefeln der Philosophie davon. Die doppelte Buchführung und jährliche Bilanzen lösten bis zum 15. Jahrhundert die Abrechnung einzelner Handelsgeschäfte ab, arabische Ziffern wurden eingeführt, weil sich mit denen besser rechnen ließ, und mit dem Traktat Liber abaci setzte Leonardo Fibonacci Pisano 1202 erstmals die Trennung zwischen privatem Haushalt und Betrieb durch, und erarbeitete somit die notwendigen Grundlagen für gewinnorientierte kapitalistische Unternehmen. (Derselbe Fibonacci war es auch, der die europäische Mathematik um den Gebrauch der Null bereicherte, was bis heute so manche europäische Haushaltsführung kennzeichnet.)

Die neuen Wirtschaftstechnologien dieser Zeit prägten die dazugehörigen theologischen Denkmodelle, und die scholastische Ökonomie wurde aufgrund ihres statischen Charakters, der keine Anpassung an eine sich dynamisch entwickelnde Weltwirtschaft ermöglichte, bedeutungslos. Das göttliche Prinzip der ökonomischen Rationalität wurde als Marktmechanismus zum Wohle aller erst zur "invisible hand" von Adam Smith transformiert, und mittlerweile hat sich herausgestellt, dass die Wirtschaft auch ohne die Frage nach eventuell unsichtbaren Lenkern und metaphysischen Erwägungen funktioniert.

Damit verschwand ein ökonomischer Menschentypus, der zwar zweckrational Diesseits und Jenseits in seine Investitionsplanung einbezieht, aber noch nicht so wie der Homo oeconomicus ausschließlich im Diesseits und in einer Welt wirtschaftlichen Handelns weitgehend ohne ethisch-theologische Fundamente verhaftet ist. Das einzige, was in diesem Hinblick von Thomas geblieben ist, ist sein Gedanke, dass wirtschaftlicher Handel aus ethischer Sicht nicht dazu geeignet sein darf, in eine höhere soziale Klasse aufzusteigen. Natürlich meinte er das wegen eines Standesdenkens, das es so mittlerweile nicht mehr gibt, zumindest offiziell nicht. Aber neuere Studien zeigen, dass das auch in der Gegenwart kaum möglich ist, weil letztendlich und trotz aller gegenteiligen Behauptungen vor allem der Geldbeutel der Eltern über die berufliche Laufbahn des Nachwuchses entscheidet. Untere soziale Klassen stehen jedem offen, höhere immer weniger.

Wo Thomas aber trotz derzeit noch aller wirtschaftlich-argumentativen Zugeständnisse wirklich wieder aktuell wird, ist seine nicht absolut gewinnorientierte Grundhaltung. Denn derzeit kursiert in zunehmendem Maße (und aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung zwangsweise) der Gedanke, dass soziale Aufstiege durch wirtschaftliche Steigerungsraten vielleicht gar nicht das Optimum aller Wirtschaftsziele sind. Vielmehr, so heißt es, sei auch die Wahrung eines gewissen Lebensstandards ein hohes Gut, das man nur halten könne, wenn man eben nicht tagaus und tagein nur arbeitet - eine Argumentation, die an allen Christen und Nichtchristen in Armut (vgl. dazu Teil I des Texts), die tagaus, tagein arbeiten müssen, weit vorbei geht. Andererseits scheint Thomas diesem Ideal selbst auch nicht ganz gerecht geworden zu sein. Denn rein rechnerisch hätte er tagtäglich 12,5 große Seiten schreiben müssen, um das heute in seinem Namen überlieferte Werk hinterlassen zu können.

Alle diese Beispiele zeigen, wie sehr philosophische Theorien oft nur Dekoration der jeweiligen Epoche sind. Auch der moderne Naturbegriff wäre ein denkbar anderer, wenn Naturerhaltung nicht als neuer und relevanter Wirtschaftsfaktor in Erscheinung treten würde. Vor der Dominanz der Wirtschaft weichen dann auch ursprünglich christliche Wirtschaftskonzepte auf: Im Vergleich zu Thomas' Idee des Existenzminimums für alle sind es heute gerade die christlichen Parteien, die gegen ein Grundeinkommen plädieren, einzelne Vertreter der Wirtschaft jedoch dafür.

So forderte Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette "dm" ein "bedingungsloses Grundeinkommen" zwischen 800 und 1.500 Euro für alle. Was eigentlich paradiesisch klingt, soll aber durch die Abschaffung der Einkommensteuer bei gleichzeitiger Erhöhung der Umsatzsteuer auf 50 % finanziert werden, was wiederum die lediglich Grundeinkommen beziehenden Bürger stark belasten würde - und damit wird schlussendlich deutlich: Egal wie man zu historischen oder modernen Wirtschaftstheorien steht - Wirtschaft und Ethik sind wie zwei Geschwister, die sich nicht leiden können. Die sind freundlich zueinander, wenn sie sich im Namen der Wirtschaftsethik treffen wie bei einem Familienfest Aber sie sind froh, wenn diese Feste nur alle Winterpfingsten stattfinden.

Literatur (Stefanie Voigt)