Geld verdienen mit Barack Obama

Virtuelle Börsen sagen Wahlergebnisse besser voraus als die Umfragen der Wahlforscher, Unternehmen nutzen sie zur Strategieplanung. Mit echtem Geldeinsatz, argumentieren US-Forscher, könnten sie noch genauer arbeiten - wenn das legal wäre

Was der Börsenteil der Tageszeitung jeden Tag abdruckt, ist mittlerweile nur noch ein winziger Ausschnitt aus der Welt der Zertifikate und Emissionsscheine. Längst kann man nicht mehr nur auf die Weltwirtschaft allgemein, das Verhalten der neuen Siemens- oder Daimlerchefs und auf die Meinung der anderen Marktteilnehmer wetten - man kann auch Anteile an CDU, SPD und FDP erwerben, man kann sich die US-Präsidentschaftskandidaten kaufen, ein Stück des FC Bayern München oder gar einen Anteil am Wetter der Zukunft.

Zwar erfolgt der Handel hier rein virtuell (was in der realen Börsenwelt mittlerweile zum großen Teil auch nicht anders ist), die Ergebnisse sind aber sehr real und meist genauer, als sie durch übliche Umfragen zu ermitteln wären. Medien, Forscher und Unternehmen nutzen virtuelle Vorhersage-Börsen deshalb inzwischen rege, sowohl zur Unterhaltung ihrer Nutzer als auch zu bedeutsamen Geschäftszwecken. In der Fachsprache hat sich dafür der Begriff „Prediction Markets“ durchgesetzt. Dienste wie Consensuspoint oder Inkling (hier ein Vergleich von Prediction-Market-Systemen) bieten den kompletten Rahmen fertig aus der Schachtel, ob nun für 400 virtuelle Händler (etwa die Mitarbeiter einer Firmenabteilung) oder für ein paar Millionen (die User eines Internetportals).

Ihr Grundprinzip haben sich die Prediction Markets bei den Aktienbörsen geliehen. Der Wert einer Aktie ist im Grunde dem Unternehmenserfolg proportional. Das ist in den Vohersagebörsen nicht anders: man interpretiert hier den Aktienwert als Erfolgswahrscheinlichkeit. Wenn die Dollar-Aktie von Barack Obama 53 Cent wert ist, dann sieht man diesen Wert als Meinung des Marktes darüber, wie der Kandidat bei der Wahl abschneiden dürfte. Dass auch fleißig spekuliert wird, tut der Genauigkeit der Ergebnisse keinen Abbruch. Denn dass die Prediction Markets funktionieren, hat im wesentlichen zwei Ursachen. Zum einen mitteln sie die Meinungen aller Marktteilnehmer. Das haben sie mit Umfragen gemeinsam.

Zum anderen belohnen sie aber auch dafür, wenn ein Händler sich besser informiert als andere. Das ist in Umfragen nicht der Fall. Ob jemand die Parteiprogramme der Kandidaten kennt oder nicht - bei einer Umfrage zählt seine Stimme wie die jedes anderen. Dieser aus dem Börsensystem stammende zusätzliche Anreiz sorgt dafür, dass Prediction Markets Informationen besser akkumulieren können. Als Informationen gelten dabei natürlich nicht nur trockene Fakten - auch Meinungen und Stimmungen fließen natürlich in die Bewertung ein. Andererseits sind Vorhersage-Börsen weniger von persönlichen Vorlieben der Teilnehmer abhängig: denen geht es ja nicht darum, der SPD ein Punktepolster zu verschaffen - sie wollen den Wert ihres Depots erhöhen. Und wenn sie dazu momentan unterbewertete NPD-Aktien kaufen müssen, dann ist das wahrscheinlicher, als dass ein insgeheimer NPD-Anhänger das dem Studenten in den Stift diktiert, der ihn zu seinen Wahlabsichten befragt.

Damit der Anreiz der Vorhersage-Börse allerdings richtig wirken kann, ist es hilfreich, wenn er nicht rein virtueller Natur ist. Wenn das Ganze eben kein bloßes Spiel ist, sondern sich damit tatsächlich Geld verdienen lässt. Diese Möglichkeit kollidiert in verschiedenen Ländern mit dem Wettmonopol beziehungsweise dem Verbot, Glücksspiele übers Internet anzubieten. Renommierte Forscher von 19 amerikanischen Hochschulen fordern deshalb in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science die rechtlichen Hürden für Prediction Markets zu senken. Vor allem vier Bedingungen würden sich die Wissenschaftler gefallen lassen:

  1. die Vorhersagebörsen werden ohne Gewinnerzielungsabsicht durchgeführt, dürfen aber ihre Betriebskosten decken
  2. Forschungsinstitute, staatliche Institutionen und Unternehmen (letztere nur zu internen Zwecken) dürfen Vorhersagebörsen anbieten
  3. die gehandelten Beträge sind beschränkt - etwa auf 2000 Dollar jährlich pro Teilnehmer an einer Vorhersagebörse
  4. Broker und bezahlte Berater sind nicht zugelassen

Unter diesen Bedingungen könnte man Prediction Markets noch realitätsnäher testen, hoffen die Forscher - und allmählich Modelle entwickeln, bei denen auch die Begrenzung auf 2000 Dollar entfallen könnte. (Matthias Gräbner)

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