Gelder und Bilder des Krieges

Die Rolle von Wirtschaftsvertretern und Journalisten in bewaffneten Konflikten

Wer den Verlauf kriegerischer Auseinandersetzungen aktiv beeinflussen will, muss weder selbst den Abzug betätigen noch in irgendeiner Kommandozentrale über Angriff, Rückzug oder den Einsatz von Massenvernichtungswaffen entscheiden. Dauer und Intensität eines Konfliktes hängen ebenso von der wirtschaftlichen Attraktivität des umkämpften Gebietes ab, und die mediale Aufbereitung spielt nicht erst im Zeitalter des „Embedded Journalism“ eine entscheidende Rolle. Wie weit der Einfluss von Privatwirtschaft und Medien tatsächlich geht, lässt sich in den meisten Fällen allerdings schwer abschätzen und so gut wie nie beziffern. Zwei aktuelle Studien dokumentieren immerhin das Ausmaß beider Phänomene, wobei die Untersuchung Who’s Minding the Store? The Business of Private, Public and Civil Actors in Zones of Conflict, die vom Bonn International Center for Conversion (BICC) herausgegeben wurde, sogar bemüht ist, den Beteiligten eine Reihe konstruktiver Lösungsvorschläge zu unterbreiten.

Die Autoren Volker Böge, Christopher Fitzpatrick, Willem Jaspers und Wolf-Christian Paes gehen davon aus, dass die Bedeutung des privatwirtschaftlichen Sektors in Kriegen und gewaltsam ausgetragenen Konflikten heute kaum noch überschätzt werden kann. In den untersuchten Krisenregionen Asiens und Afrikas werden längst regelrechte „Ressourcenkriege“ um Gold, Diamanten, Erdöl oder Tropenholz geführt, in die Unternehmen als Verursacher oder Finanziers direkt verwickelt sind. Durch den Schulterschluss mit einheimischen Sicherheitskräften und diktatorischen Regimen, durch die erwünschte und begünstigte Vertreibung und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung, durch Dumpinglöhne, eine verfehlte Personalpolitik, mangelnde Arbeitssicherheit und eine bedenkenlose Umweltverschmutzung tragen sie immer wieder zur Entstehung und Eskalation lokaler Konflikte bei.

Selbst gut gemeinte Initiativen können in schwierigen Situationen „unbeabsichtigte konfliktverschärfende Folgen“ haben. Die Studie nennt hier Hilfsprojekte, die eine Bevölkerungsgruppe bevorzugen oder nur scheinbar begünstigen und Sicherheitsmaßnahmen, die im Auftrag des Unternehmens von privaten oder staatlichen Einsatzgruppen durchgeführt werden.

So sehen die Autoren einen direkten Zusammenhang zwischen den schweren Unruhen in der indonesischen Provinz Irian Jaya (Westpapua) und dem Geschäftsgebaren der Bergbaugesellschaft Freeport-McMoRan Copper & Gold Inc. Jahrzehntelang hat sie gemeinsam mit ihren Verbündeten in der indonesischen Zentralregierung Bodenschätze und Arbeitskräfte rücksichtslos ausgebeutet, viele Einwohner enteignet und vertrieben, jedes Umweltbewusstsein vermissen lassen und damit eine „ökologische und soziale Katastrophe“ heraufbeschworen. Folglich muss sich Freeport den Vorwurf gefallen lassen, den ohnehin schon explosiven Konflikt zwischen der Unabhängigkeitsbewegung und einer Besatzungsmacht, die auch Napalm-Bomben gegen die Aufständischen einsetzte, noch einmal verschärft zu haben.

Umgekehrt trug der unermüdliche Einsatz von Nicht-Regierungs-Organisationen, lokalen Aktivisten, Anwälten und Kirchenvertretern in den letzten Jahren zu einer Entspannung der Lage bei. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung hat man bei Freeport wenigstens begonnen, über soziale und ökologische Mindeststandards und den Schutz der Menschenrechte nachzudenken.

Die Aktivitäten der lokalen und internationalen Zivilgesellschaft haben sicher die Chancen verbessert, Freeport für Umweltsünden und Menschrechtsverletzungen in Zukunft verantwortlich machen zu können und die unheilige Allianz zwischen Freeport und den indonesischen Sicherheitskräften zu brechen. Die Geschichte von Freeport in Westpapua ist also ein Beweis für die These, dass „far away places“ heutzutage nicht mehr existieren.

Aus „Who´s Minding the Store“

In Nigeria ist die Privatwirtschaft in ähnlicher Weise in die örtlichen Konflikte verstrickt. Der Shell-Konzern, der im Nigerdelta pro Tag rund eine Million Barrel Öl fördert, spielte in den 90er Jahren eine bestenfalls zwielichtige Rolle bei den Auseinandersetzungen zwischen der nigerianischen Regierung und der Unabhängigkeitsbewegung „Movement for the Survival of the Ogoni People“. Deren charismatischer Anführer, Ken Saro-Wiwa, forderte nicht nur politische und kulturelle Eigenständigkeit für den indigenen Volksstamm der Ogoni, sondern auch einen angemessenen Anteil an den astronomischen Gewinnen der Ölindustrie. 1995 wurde er mit acht weiteren Aktivisten in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und gehenkt – Shell sah keine Veranlassung, sich in die inneren Angelegenheiten des Staates einzumischen.

Wenn sich die Proteste offensiv gegen den Konzern richteten, war das aber zumeist anders. Immer wieder dienten nigerianische Sicherheitskräfte als eine Art Werkschutz. In einer von Shell in Auftrag gegebenen Expertise soll die Beratungsfirma WAC Global sogar ausdrücklich zu der Erkenntnis gekommen sein: „Das Verhalten von Shell und seinen Angestellten trägt zu Konflikten bei und verschärft sie.“ Mittlerweile hat das Unternehmen die geschäftsschädigenden Aspekte dieses Vorgehens erkannt. Viele Millionen Dollar flossen in die Entwicklung von Städten und Gemeinden, Umweltschutzmaßnahmen und soziale Projekte.

Eine Verbesserung der Situation ist trotzdem noch nicht in Sicht. Auch in diesem Jahr wurden erneut Shell-Mitarbeiter entführt und umgerechnet 1,2 Milliarden Euro für die Verschmutzung nigerianischer Dörfer verlangt. Noch bevor die letzten der neun Geiseln wieder frei kamen, meldeten die Agenturen einen Anschlag auf eine Pipeline 350 Kilometer südöstlich von Lagos und ein schweres Feuergefecht zwischen Soldaten und der „Bewegung zur Befreiung des Nigerdeltas“, dem 13 Menschen zum Opfer fielen.

Die Studie des BICC kommt zu dem Ergebnis, dass Shell im Nigerdelta entscheidend daran beteiligt war, ein Klima zu erzeugen, in dem Gewalt als völlig normal angesehen wird. Selbst eine grundlegende Änderung der Unternehmensphilosophie und –politik wird jetzt höchstens schrittweise zu einer Entspannung der Situation beitragen können.

Gleichwohl sind die Autoren davon überzeugt, dass die Privatwirtschaft einen wichtigen, vielleicht sogar den entscheidenden Beitrag zur Verhinderung oder Beilegung vergleichbarer Konflikte leisten kann und es dazu nicht in jedem Fall zielführender Sanktionen bedarf. Der Global Compact der Vereinten Nationen könnte eine wichtige Orientierung bieten, außerdem hoffen die Konfliktforscher, dass sich das Verhältnis zwischen Nicht-Regierungsorganisationen und Wirtschaftsvertretern tatsächlich noch zu einem „differenzierteren, abwechselnd konfrontativen wie kooperativen Miteinander“ entwickeln kann. Und wenn das nur unter Druck der Weltöffentlichkeit geschieht, die Unternehmen, welche von „naming and shaming“-Aktionen betroffen sind, in aller Regel mit spürbaren Imageschäden bestraft. Darüber hinaus könnte in Streitfällen das Prinzip einer „Regulierung contra Selbstregulierung“ durch neue Verfahren einer „Koregulierung“ abgelöst werden, wie sie etwa im Kimberley Process mit Diamanten erprobt werden.

Eine positive Lösung ist allerdings nur denkbar, wenn sich die europäischen Staaten oder die USA auf Regierungsebene ebenfalls aktiv an diesen Entwicklungen beteiligen. Das gilt vor allem für ihre entwicklungspolitischen Weichenstellungen, die nicht an Hochglanzbroschüren, sondern am konkreten Verhalten vor Ort orientiert werden müssen. In dem Zusammenhang wird es entscheidend darauf ankommen, die Finanzierung umstrittener Projekte im Vorfeld zu analysieren und die eigene Konfliktsensibilität sehr viel umfassender zu schulen als das bislang der Fall war.

Wenn die Mitglieder einer Regierung selbst in unangemessener Weise privatwirtschaftliche Interessen verfolgen, weil sie aus Großunternehmen kommen oder in dieselben zurückwollen, wird dieses Vorhaben allerdings schwierig umzusetzen sein. Im Irak, wo die politische Führungsriege einer Weltmacht ehemaligen Arbeitgebern wie Halliburton, Exxon Mobil oder Chevron Aufträge in Milliardenhöhe zuschanzt, scheitert es derzeit.

Medien im Krieg

Im ehemaligen Herrschaftsgebiet von Saddam Hussein finden sich allerdings nicht nur eindrucksvolle Beispiele für den Einfluss der Privatwirtschaft auf die Durchführung militärischer Operationen. Auch die Bedeutung der Medien erscheint hier in einem besonders grellen Licht. So sind beispielsweise die Bilder aus Abu Ghraib längst selbst zu Waffen geworden, die demoralisieren, fanatisieren, verletzen und töten können. Dass ihr dokumentarischer Charakter dabei in den Hintergrund tritt, ist allerdings kein neues Phänomen.

Die Historikerin Ute Daniel, die einen Lehrstuhl für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Technischen Universität Braunschweig innehat, setzt sich als Herausgeberin einer soeben erschienenen Aufsatzsammlung erstmals zusammenfassend mit der internationalen Frontberichterstattung der letzten 250 Jahre auseinander. In ihrem Buch „Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert“ wird schon der Siebenjährige Krieg, der Europa zwischen 1756 und 1763 in Atem hielt, unter dem Aspekt einer Berichterstattung analysiert, die vornehmlich klar definierten Propagandazwecken diente. Das umstrittene Bombardement der Stadt Dresden, die 1760 von preußischen Soldaten unter Feuer genommen wurde, erfuhr im „Wienerischen Diarium“ bereits eine rechtliche und moralische Bewertung. Die Wut des Angreifers sei so weit gegangen,

dass er gegen allen Kriegs=gebrauch, und die übliche Aufmerksamkeit, welche man sonsten Residenzen gecrönter Häupter und Souverainen zu tragen pfleget, die Stadt auf das heftigste zu bombardieren anfienge, und bey dessen an verschiedenen Orten erfolgter Entzündung mit Hintansetzung aller menschlichen Empfindlichkeit das Feuer mit beständiger Einwerffung derer Bomben, und Haubitz=grenaden also zu unterhalten suchte, damit diese so prächtige Stadt auf einmal eingeäschert, und derselben Inwohner unter denen Ruinen ihr Lebensende finden sollten.

Wienerisches Diarium, 1760

110 Jahre später waren die Medien während des deutsch-französischen Kriegs nach Einschätzung des Historikers Frank Becker bereits „Voraussetzung und gleichzeitig Teil der Inszenierung des Krieges als eines nationalen Projekts“, und im 20. Jahrhundert wagte sich die schreibende und fotografierende Zunft dann unbedenklicher als je zuvor an die Schaffung ihrer eigenen Realität. Nach Auskunft von Alfred Kantorowicz sollen Robert Capa und Gerta Taro gleich ihren ersten Tag in Spanien genutzt haben, um eine ganz persönliche Sicht auf den Bürgerkrieg zu inszenieren.

Eine imaginäre faschistische Stellung wurde mit Sprung auf, marsch, marsch, unter schreckenerregendem Gebrüll mit leidenschaftlichstem Kampfeseifer wiederholt siegreich erstürmt. Capa war mit dem Resultat sehr zufrieden; er behauptete, dass ein wirklicher Angriff auf der Leinwand nie und nimmer so echt wirken könne wie die eben aufgenommene Szene.

Alfred Kantorowicz: Spanisches Kriegstagebuch

Da der Krieg immer seltener als legitime Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und erstrebenswerter Macht-, Geld- oder Raumgewinn, sondern stattdessen als Gewaltexzess und Massenmord betrachtet wurde, sahen sich die Reporter und Fotografen gezwungen, selbst Position zu beziehen.

Ihre Arbeiten sind, auch wenn sie erklärtermaßen pazifistische Ziele verfolgen, längst Teil der Kriegsführung geworden, und die immer wieder geäußerte These, dass die grausamen Bilder aus Vietnam zu einem schnelleren Ende der Kampfhandlungen beigetragen hätten, lässt sich unter neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen kaum aufrechterhalten.

In Vietnam wurde der Mythos begründet, Journalisten hätten den Krieg beendet. Unsere Untersuchungen haben aber ergeben: Die aufklärerische Wirkung der Frontberichterstattung ist meist gleich Null. Ich selbst war entsetzt zu sehen, wie in einigen Publikationen die Fotos von zerstückelten Körpern zu Zwecken der Propaganda eingesetzt wurden, nach dem Motto: 'Der Krieg ist hart, aber er dient einer großen Sache. Nur Feiglinge und Bürokraten schreckt das ab.' Von den brutalsten Bildern und Schilderungen ging schon immer die größte Faszination aus.

Ute Daniel

Der Friedensforscher Lars Klein beschreibt in seinem Artikel über die mediale Aufbereitung des Vietnamkriegs, dass sich die Journalisten, unabhängig davon, in welcher Absicht sie Texte und Fotos produzierten, wenn überhaupt, dann oft erst später über diesen Zusammenhang im klaren waren. So reagierte Eddie Adams, der am 1. Februar 1968 die zum Symbol für den gesamten Vietnamkrieg gewordene Aufnahme von der Erschießung Nguyen Van Lems durch den südvietnamesischen Polizeichef Nguyen Ngoc Loan gemacht hatte, mit Unverständnis auf das weltweite Entsetzen. Immerhin habe Nguyen Van Lem zuvor acht Südvietnamesen liquidiert, und überhaupt sei festzustellen: „During a war, people die.“

Die mediale Aufbereitung des amerikanischen Traumas in Vietnam hat die Bedeutung der Kriegsberichterstattung so gesteigert, dass sie in den nachfolgenden Konflikten eigentlich nur noch durch technische Innovationen aufgewertet werden konnte. Bis heute wird sie ebenso sehr gebraucht wie gefürchtet.

In den Jahren nach Vietnam mussten die Journalisten immer wieder beweisen, dass Politiker und Militärs ihnen in der Berichterstattung von Kriegen vertrauen konnten. Der Diskurs um Medien in Vietnam wird bis heute entscheidend von den Medien geprägt, er dient nicht zuletzt der Aufrechterhaltung der eigenen Glaubwürdigkeit und Bedeutung. Zugleich liefert er jedoch den Vorwand für Maßnahmen zur Einschränkung journalistischer Bewegungsfreiheit in Kriegszeiten – Maßnahmen, die sich bis heute auf die mediale Kriegspräsentation auswirken. In diesem Sinne ist Vietnam also sowohl größter Erfolg als auch schwerstes Trauma der Kriegsberichterstatter.

Lars Klein

Das Buch „Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert“ ist bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen und kostet 24,90 Euro. (Thorsten Stegemann)