Gemeindetourismus als Entwicklungsalternative

In Mittelamerika hilft sanfter Tourismus bei der Armutsbekämpfung

Zum Frühstück schauen die Vögel vorbei. Es sind Dutzende in allen Farben des Regenbogens, welche die Gäste beim Morgenkaffee von den Wipfeln des Tropenwäldchens aus mit ihren Melodien erfreuen oder sich um die von Doña Rosa Bonilla bereitgelegten Früchte zanken. „Als wir diese Parzelle vor zwanzig Jahren zugesprochen bekamen, war es Weideland, kein Baum oder Busch spendete Schatten“, berichtet die Campesina. Ihre Familie konnte sich damals nicht einmal den Bau eines Bauernhäuschens leisten, sondern schlief unter einem von Holzpfählen getragenen Blätterdach. Heute wohnt sie nicht nur in einem eigenen Haus, sondern beherbergt in fünf schönen Blockhäuschen zudem noch Touristen aus aller Welt. Als Pioniere des Gemeindetourismus haben es die Bonillas und ihr Arenal Oasis mit Blick auf den aktiven Vulkan Arenal am Ortsrand von La Fortuna im Norden Costa Ricas sogar als Geheimtipp in einen führenden Reiseführer geschafft.

Blockhaus Donha Rosita

Gemeindebasierter, ländlicher Tourismus bietet nicht nur dem Urlauber eine unvergessliche Erfahrung; er dient als Werkzeug für die ländliche Entwicklung. Der Weg zum Erfolg ist steinig, nicht jede Region bietet sich dafür an. Aber die Erfahrung im mittelamerikanischen Costa Rica hat Modellcharakter und findet nun erste Ableger in anderen Ländern der Region. Vor acht Jahren begannen Experten der Nichtregierungsorganisationen ACEPESA (Asociación Centroamericana para la economía, la Salud y el Ambiente, Mittelamerikanische Vereinigung für Wirtschaft, Gesundheit und Umwelt) und CUDECA (Culturas y Desarrollo en Centroamérica, Kulturen und Entwicklung in Mittelamerika) mit Unterstützung des deutschen EED (Evangelischer Entwicklungsdienst) den Beratungsprozess; zum Beispiel mit Akteuren aus der Gegend um den Vulkan Arenal in der Zona Norte (Nordzone). Achtzig Campesino-Familien in der Region zwischen Vulkan Arenal und dem Rio San Juan, dem Grenzfluss mit Nicaragua, beteiligen sich heute an dem Netzwerk Vacaciones con familias campesinas (Urlaub mit Bauernfamilien), das koordiniert wird vom ökologischen Landjugendverband JAZON (Jovenes Agriecologistas de la Zona Norte).

Nicht nur der Aspekt der Einkommenserwirtschaftung ist wichtig, auch die kommunale Selbstverwaltung in den Dörfern wurde gestärkt. Beeindruckt hat mich der heutige Vorsitzende von JAZON. Der Bauernsohn hat es geschafft, ganze Gemeinden von dem Gemeindetourismus zu überzeugen und zu integrieren.

Uwe Asseln-Keller, Leiter des EED-Lateinamerikareferates in Bonn

Das Rundum-Angebot von „Arenal Oasis“ mit Bungalows, eigenem Restaurant und Wanderwegen ist dabei die Ausnahme. Viele Familien beteiligen sich, indem sie ihre Finca als Ausflugsziel anbieten. Die zusätzlichen Einnahmen dienen den Familien nicht nur dazu, ihre traditionelle Lebensart zu erhalten und den Lebensstandard zu verbessern. Einen guten Teil der Einnahmen investieren sie in umweltfreundlichen Maßnahmen wie Biogasgewinnung, Gewässerschutz oder Wiederaufforstung.

Don Faustino

Solche Projekte und die Tatsache, dass die Einnahmen aus dem Tourismus nicht in die Taschen von international agierenden Großkonzernen wandern, markieren den Unterschied zur herkömmlichen Tourismusindustrie. Schnell kann da ein kleines Naturparadies zu einem Massenbetrieb mit Hotelburgen und verschmutzten Gewässern verkommen. Zum Beispiel der bekannte Touristenort Playa Jacó am costaricanischen Pazifikstrand ist so ein Fall. Dort entstehen heute erste Hotelhochhäuser wie in Acapulco. Untersuchungen der Wasserqualität ergaben, dass man in zehn Jahren bei gleich bleibender Verschmutzung nicht mehr in der Bucht von Jacó baden kann. An anderen Orten fehlt Landwirten das Trinkwasser, weil große Hotels und Golfplatzbetreiber es für sich beanspruchen. Zumindest in Worten distanziert sich die costaricanische Regierung von dieser Entwicklung und propagiert den Gemeindetourismus in einem eigenen Gesetz.

Weil sich im ländlichen Bereich zahlreiche Naturreichtümer befinden und viele Menschen leben und diese Unterstützung benötigen, um ihre landwirtschaftliche Tätigkeit fortzuführen, bei der ländlichen Entwicklung voranzuschreiten, ihre Kultur und Wurzeln zu erhalten, wird erkannt, dass es notwendig ist, den gemeindebasierten, ländlichen Tourismus als zusätzliche Einkommensquelle für diese Gemeinden zu fördern (…).

Costaricanisches Gesetz zur Förderung des Gemeindetourismus, verabschiedet im Januar 2007

Heute streiten Organisationen wie ACEPESA vor allem darum, dass solch schönen Worten auch von staatlicher Seite Taten folgen.

Omotepe

Während Costa Rica bereits touristisches Boomland ist, steht der Nachbar Nicaragua noch am Anfang dieser Entwicklung. Als Reiseziel bis Ende der neunziger Jahre vollkommen unbekannt war die mystische Zwei-Vulkaninsel Ometepe, welche im mächtigen Nicaraguasee thront. Die kleine Insel ist in zwei Regierungsbezirke aufgeteilt, die jahrzehntelang eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollten. Das Thema Tourismus hat die Vertreter beider Gemeinden nun an einen Tisch gebracht. Eine inselweite Entwicklungskommission mit Vertretern aus Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft wurde ins Leben gerufen. Hier werden auch die Erfahrungen mit Gemeindetourismus in Costa Rica diskutiert, die als Grundlage für eigene Projekte dienen, die sich an der lokalen Realität orientieren. Mit dieser Kommission arbeiten nun auch verschiedene Akteure internationaler Entwicklungszusammenarbeit. Hier kommen die Entsorgungsspezialisten der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ mit der Expertin für Gemeindeentwicklung des Deutschen Entwicklungsdientes (DED) auf Ometepe und den Partnern des EED zusammen und können ihre Projekte besser koordinieren.

Gruppe aus Ostional

Ometepe wird von den etablierten Anbietern des Gemeindetourismus in Costa Rica als Ziel auf Zwei-Länder-Rundreisen angeboten. Auf die Reisegruppen freut sich besonders Don Faustino, die Führungspersönlichkeit einer Indígenagemeinde in der Nähe von Charco Verde. Gemeinsam mit seiner Tochter leitet er eine traditionelle Musik- und Tanzgruppe, die Attraktion beim „kulturellen Abend“ auf der Insel. Der über-80-Jährige begrüßt Gäste mit offenen Armen, erzählt lustige Anekdoten und lacht selbst sehr gerne. Dabei macht er aber auch keinen Hehl daraus, wie wichtig die „kulturellen Abende“ für seine Gemeinde sind. Geld wird dringend benötigt, um die Schule besser auszustatten und einen neuen Brunnen zu bohren. Derzeit müssen die Dorfbewohner eine halbe Stunde durch den Wald laufen, um an Trinkwasser zu kommen.

Damit der Gemeindetourismus eine Chance hat, ist das richtige Timing wichtig. Tourismus ist ein weltweiter Megatrend. Da ist es wichtig, früh genug dran zu sein, denn nur so können Grundlagen geschaffen werden, die dann auch widerstandsfähig sind, wenn das große Geld kommt. Zudem ist Tourismus ein wichtiges Lobbythema für uns in Deutschland, es hat wichtige Aspekte wie Begegnung und Umwelt.

Tilman Hanke, Vorstand Finanzen des EED in Bonn

Wo es Chancen gibt, da lauern oft auch Gefahren. Im Gemeindetourismus gilt es darauf zu achten, dass die beteiligten Familien das Gleichgewicht ihrer Aktivitäten wahren und nicht der Landwirtschaft den Rücken kehren. Zudem droht eine soziale Schieflage in der Gemeindeentwicklung, wenn einige Familien mehr profitieren als andere. Sprich, wenn solche, die über mehr Mittel oder Geschäftstalent verfügen, die anderen nicht mitnehmen in der Entwicklung.

Torge Löding ist Mitarbeiter von Voces Nuestras in San José

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