Gemeinschaftliches Rauscherlebnis

Deutschland ertrinkt in Schwarzrotgold und Matthias Matussek hat den passenden Begleitsound dazu geschrieben

Die Überfünfzigjährigen werden sich verwundert die Augen reiben – Deutschland ertrinkt in den Farben „schwarzrotgold“. In Schrebergärten sieht man sie wehen, an Häuserwänden, an Fenstern und an Autos, aber sie werden auch auf Wangen und Brust gemalt oder als Kopfschmuck oder Haarpracht, auf dem Shirt oder Umhang getragen. „Schwarzrotgeil“ dichtet BILD und findet wie so oft die passende Zeile, um die Zeit in Begriffe zu fassen.

Auch Meinungsseiten, Podien, Rundfunk und das deutsche Feuilleton lassen sich nicht lumpen, auch sie fachsimpeln munter, was diese Freude trunkene Farbenliebe über seelischen Haushalt, Selbstwertgefühl und mentale Befindlichkeit der Deutschen zu sagen hat. Was ist los mit Deutschland, fragt mancher Sitten- und Tugendwächter besorgt. Hat diese akute Verbundenheit der Deutschen mit ihrem Team etwas mit neu erwachter Vaterlandsliebe, Heimatverbundenheit oder Nationalgefühl zu tun? Muss man gar, wie die GEW Südhessen, vor „nationalistischen Tendenzen“ warnen, seitdem sich auch die Südkurve an den Händen fasst und mit stolz geschwollener Brust die Deutschlandhymne ins weite Rund des Westfalenstadions schmettert? Müssen Menschen anderer Kultur oder Nationalität sich brüskiert oder zurückgesetzt fühlen, weil Zehntausende fordern: „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid!“?

Wir sind besser, als wir selber denken.

Klaus von Dohnanyi

Wohl überlegt

Matthias Matussek wird sich angesichts der bunten Bilder und beknackten Debatten derweil vergnügt die Hände reiben. Ihm ist gelungen, wovon andere träumen, er hat mit „Wir Deutschen“ den passenden Reader zur WM geschrieben. Dass er dafür heftige Prügel vornehmlich von seinen Kollegen eingesteckt hat, von Henryk M. Broder (Entdeckung des Schweinebratens), Reinhard Mohr (Patriotismus-Pegel) und Cordt Schnibben (Der seufzende Kleinbürger), dürfte kalkuliert gewesen sein. Das war auch nicht anders zu erwarten bei einem Buch, das Hitler kurzerhand zu einem „Freak-Unfall der Deutschen“ erklärt und einen „gewissen Nationalstolz“ für „gesund“ hält, das sich künftig nicht mehr für die dunkelsten Kapitel des Landes „schämen“ will und stattdessen eine „Liebeserklärung an die Deutschen“ abgibt. So ein Buch muss natürlich bei bestimmten Leuten Anstoß erregen. Vor allem bei jener „Nie wieder Deutschland-Fraktion“, die immer noch am „deutschen Wesen“ leidet, die Auschwitz für den „Grundstein Deutschlands“ und den „Tod“ für einen „Meister aus Deutschland“ halten.

Dem linken Spießer

Und weil das so ist, ist es auch kein Buch über „uns“ geworden, wie Matussek vorgibt, sondern allenfalls eines über ihn selbst und seine Generation, die Alt-Achtundsechziger. Genau genommen richtet es sich an jenen Typus des linken Spießers, der es sich in den letzten Jahrzehnten in den hiesigen Verlagshäusern, Redaktionsstuben und Parlamenten bequem gemacht hat und von dort aus seine „Beschuldigungs- und Verachtungs- und Selbstverachtungsphraseologie“ auf die Bevölkerung loslässt. Penibel wird dort die „moralische Keule“ geschwungen, über bestimmte „Sprachregelungen“ gewacht und jeder Tritt- oder Tippfehler „gnadenlos geahndet“. Stellvertretend nennt der SPIEGEL-Kulturchef den Kulturchef der ZEIT, der noch in jedem Passanten, der Falschparker anzeigt, in jeder Mutter, die anderen Müttern Vorhaltungen macht, in jedem Nachbarn, der die Hausordnung kontrolliert, das Erbe der Nazi-Diktatur erblicken will.

Angesprochen darf sich aber auch jene „intellektuelle und politische Klasse“ fühlen, die den Hass auf sich selbst als Teil der Wiedergutmachung für den Massenmord empfindet. Der „Selbsthass“, den man sich über all die Jahre antrainiert hat, war lange Jahre deutscher Markenartikel und Exportschlager Nummer eins. Zum einen war er Voraussetzung für die Hoffnung, von allen anderen geliebt zu werden, zum anderen hat er sich als höchst nützlich erwiesen und sich obendrein noch gut verkauft: nach innen, weil Verachtung und Verleugnung von Abstammung und Herkunft diese Leute in der Gewissheit bestärkt hat, fortan zu den „anderen, guten und besseren Deutschen“ zu gehören; nach außen, weil man mit Büßergewand die besten Geschäfte machen konnte. Man denke nur an jene Scheckbuch-Diplomatie, mit der ein deutscher Außenminister Jahrzehnte lang das Land fern aller Schreck- und Wirrnisse halten konnte und es von außenpolitischen Verpflichtungen freigekauft hat.

Was ist deutsch?

Verwunderlich ist, warum der Autor so viel Mühe auf die Beantwortung der Frage verwendet, was typisch deutsch ist. Und noch verwunderlicher ist, warum er das ausgerechnet von prominenten Deutschen zu erfahren hofft, wo doch sogar eine akribisch geplante Ausstellung dazu, derzeit im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (Was ist deutsch?), nicht so recht weiß, ob es nun der Schrebergarten oder der Stammtisch, die Kaffeetasse oder der deutsche Wald ist, oder doch eher der Hass auf George W. Bush und die romantische Kunst, der Bildungsbürger und das deutsche Feuilleton.

An wen er die Frage auch adressiert, ob an Harald Schmidt, an Sarah Kuttner oder Heidi Klum, von keinem der Befragten erhält er darauf eine brauchbare Antwort. Der Kabarettist witzelt wieder mal nur herum, und erklärt Rechthaberei und Anbiederung bei Ausländern für typisch deutsche Eigenschaften, die ehemalige Mtv-Moderatorin kann mit der Frage gar nichts anfangen, während der deutsche Modelexport mit Klischees wie Pünktlichkeit und Fleiß daherkommt. Matussek wäre vielleicht besser gefahren, wenn er das Ausland befragt hätte, Manager, Investmentbanker, Journalisten …

Weniger verwunderlich ist, dass man das Gewohnte immer erst in der Fremde schätzen lernt: unter Putz verlegte Stromleitungen; Türen, die schließen; Handwerker, die pünktlich kommen; Häuser aus Ziegel; saubere Busse; halbwegs sichere Innenstädte usw. Und weniger verwunderlich ist, dass man sich dem, wer man ist und woher man kommt, immer erst bewusst wird, wenn man dauerhaft oder für längere Zeit im Ausland lebt. „Erst wenn man draußen ist, fühlt man seine Zugehörigkeit“, zitiert Matussek seinen Kronzeugen Heinrich Heine. „Vaterlandsliebe lodert besonders in der Ferne“, weiß dieser. Da geht es Deutschen nicht anders wie Latinos, Türken und Albanern.

Unumwunden gibt der Alt-Achtundsechziger und ehemalige Maoist zu, dass sein „Deutschwerdungsprozess“ erst im Ausland passiert ist. Er war einige Jahre in New York, vier davon in Rio und die längste Zeit in London. Vor allem in Brasilien und England hat er die Vorzüge Deutschlands schätzen gelernt, dort die öffentliche Sicherheit, die Funktionalität der Rechtssprechung und die Pünktlichkeit der Züge, hier die Infrastruktur, die soziale Versorgung und die Güte des öffentlichen Schulsystems.

Fremd-Sein

Vor allem England scheint ihn diesbezüglich schwer zugesetzt zu haben. Seitenlang berichtet Matussek von seinem Leiden an der tief sitzenden Abneigung der Briten gegenüber allem, was sie für deutsch halten. „Der Krieg ist noch lange nicht vorbei“, zitiert Matussek aus einem Papier, das Auslands-Korrespondenten unterzeichnen müssen, bevor sie auf den Kontinent kommen. Um das seelische Befinden der Briten im Gleichgewicht zu halten und ihre Identität zu wahren, kommt den Deutschen eine Sonderrolle zu. Stets sind sie eine Quelle der eigenen Selbstüberhöhung. Regelmäßig rangiert bei Umfragen um britische Tugenden oder Eigenschaften der Sieg über Hitlerdeutschland an der Spitze der Nennung. Kein Wunder, dass Fußballspiele zwischen den beiden Nationen zu Stellvertreterkriegen aufgebauscht werden; und kein Wunder, dass die Klinsmann-Truppe einer Achtelfinalbegegnung mit den Engländern möglichst aus dem Weg gehen will.

An Matussek hat offenbar nicht funktioniert, was man an anderen „Exilanten“ häufig beobachten kann. Entweder versuchen sie alles, was auf ihre Herkunft oder Abstammung hindeuten könnte, Sprache, Wertvorstellungen, Essgewohnheiten usw., abzustreifen und möglichst rasch bessere Amerikaner, Engländer oder Franzosen zu werden als die Einheimischen. Sie sprechen akzentfrei Englisch oder Spanisch, geben sich besonders weltmännisch und ahmen den Lebensstil der Inländer penibel nach. Oder sie kapseln sich regelrecht ab, isolieren sich und verkehren nur mit Ihresgleichen. Sie halten sich vorwiegend in kulturellen Gettos auf und suchen vornehmlich Orte und Plätze auf, an denen sie ihre eigene Kultur ungestört ausleben können.

Mehrwert an Code

In manchen Dingen hat Matussek Recht. Globale Märkte und internationaler Wettbewerb machen Nationen keinesfalls überflüssig. Auf diesem Feld werden auch Nationen zu Akteuren oder Playern. Weswegen sich auch Nationen wie Unternehmen und Dienstleister einem allgemeinen Benchmarking unterziehen müssen. Ein Markenname, zu dem man sich mehr hingezogen fühlt als zu einem anderen, wird da rasch zum Standortvorteil. Die USA beispielsweise haben ihr Ansehen und Renommée seit der Irak-Kampagne total ruiniert. Ein unverkrampfter Umgang mit der eigenen Nation ist deshalb von Nutzen, zumal sich Sozialleistungen, Infrastruktur und Steuereinnahmen nicht wie Dienstleistungen und Finanzgeschäfte globalisieren lassen. Trotz allgemeiner Vernetzung und Verdichtung von Waren, Daten und Kommunikation gibt es Interessen, die alle in einem Land betreffen. Auch die Familien von CEOs nutzen Krankenhäuser oder Autobahnen und wissen, Schutz und Sicherheit des Landes zu schätzen, in dem sie wohnen. Sich wie in Sao Paulo nur mit dem Hubschrauber von Ort zu Ort zu bewegen, ist nicht immer nur angenehm.

Weder besteht die deutsche Geschichte aus der zwölfjährigen Geschichte des Dritten Reiches, noch kann die Geschichte der Nationalstaatwerdung als bloß Vorgeschichte zum Holocaust gelesen werden. Auf diesen Umstand hat vor Jahren schon Karlheinz Bohrer aufmerksam gemacht und die Erinnerungskultur der Deutschen diesbezüglich heftig kritisiert. Zur deutschen Geschichte gehören zum Beispiel auch jene achthundert Jahre, die das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ zu einer Art Vorläufer der EU gemacht hat, sowie jene freiheitlichen Bewegungen, die zwischen 1813 und 1989 gegen Napoleon und für die Einheit Deutschlands gekämpft haben. Und zu ihr gehören auch jene Mythen, Sagen und Legenden, die sich um Armenius den Römerbesieger, die Nibelungen und den Stauferkönig, Friedrich II, ranken sowie all das, was man gemeinhin unter der „deutschen Kulturnation“ versteht: Weimar, Schiller und Goethe und Alexander von Humboldt, der Weitgereiste.

Zu optimistisch

Solange Matussek seinen „ethnografischen Blick“ über Deutschland streifen lässt, wirkt das Buch spannend und interessant. Vor allem, wenn er die neuen Ostgrenzen zu Polen und Tschechien, in Stettin, Görlitz oder Waidhaus erkundet, dort nach Spuren des und der Deutschen fahndet und Alltag und Lebensgeschichten der dort lebenden Menschen freilegt. In diesen Passagen zeigt er sich durchaus als großer Reporter, der in die Herzen und Köpfe der Menschen dringen und deren Empfindungen wiedergeben kann.

Zweifel machen sich hingegen breit, wenn er sich dem neuen und jungen Deutschland widmet und sich zu Hoffnungen und Erwartungen, Vorstellungen und Sehnsüchten äußert. Da scheint mitunter der Wunsch oft Vater des Gedankens zu sein. Dass sich die Milieus tatsächlich mischen, ist mehr als fraglich. Und dass aus der „Konsensdemokratie vergangener Tage eine entscheidungsfreudige Demokratie“ geworden ist ebenso. Sicherlich hat längst ein neuer Pragmatismus Einzug gehalten, Grundsatzdebatten werden auch immer weniger. Aber dass sich Oben und Unten annähern, ideologische Lager sich auflösen und die schwarzrote Koalition die nötigen Schritte unternimmt, um das Land wieder auf Vordermann zu bringen, ist des Guten denn doch zu viel.

Matusseks große Liebe für die neue Kanzlerin in allen Ehren. Anscheinend ist auch er ihrer Charming-Offensive aufgesessen. Denn dass ausgerechnet die von ihr geführte Regierung umsetzt, woran die vorhergehende gescheitert ist, kann man wahrlich nicht behaupten. Bis heute hat man sich um notwendige Strukturreformen, was Gesundheit, Altersversorgung und Föderalismus angeht, erfolgreich herumgedrückt. Und in ihrem Gerechtigkeitswahn, es allen irgendwie recht zu machen, bläht sie die Bürokratie weiter auf. Gerade erst hat sie die größte Steuererhöhung beschlossen, die dieses Land post 1949 erlebt hat. Sich auf diese Weise aus Kalamitäten zu befreien, die man sich in all den Jahrzehnten selbst eingebrockt hat, ist billig, überaus simpel und ein bekanntes Mittel, worauf Regierungen gern zurückgreifen, wenn sie ratlos sind. Trotz dieser Steuermehreinnahmen wird der nächste Haushalt aber wieder nicht verfassungskonform sein, weil auch diese Regierung macht, was alle anderen auch immer gemacht haben, nämlich mehr Geld auszugeben als zu haben.

Schon sprechen prominente Mitglieder ihrer Regierung vom „Regierungschaos“ und mahnen Führungsstärke an. Mit ihrem zähen Schweigen verstärkt die Regierungschefin aber nur den Eindruck, dass auch unter dieser Regierung das lange Leiden verlängern wird, das unter Schwarzgelb und Kohl begonnen und mit Rotgrün unter Schröder und Fischer sieben Jahre lang fortgesetzt worden ist. Von „mehr Freiheit wagen“, wie es Frau Merkel in Anlehnung an Willy Brandts berühmtes Diktum versucht hat, ist wenig zu spüren. Nach wie vor haben die Lobbyisten, Mahner und Bremser die Zügel fest in der Hand. Und nach wie vor versucht man sich, auf dem kleinsten Nenner zu einigen, statt den Erfolg des Landes im Auge zu haben.

Mittelmäßig und langweilig

„Deutschland ist ein normales Land geworden“, meint die Chefin der Werbeagentur Jung von Matt, die für die seltsame Kampagne „Du bist Deutschland“ verantwortlich zeichnet. Und da kann man ihr wohl kaum widersprechen. Es ist so normal geworden, dass es zunehmend langweilig wirkt. Das neue Deutschland ist bis in die Haarspitzen hinein „liberal“, „antiautoritär“ und „verantwortungsvoll“. Es verhält sich nach außen bescheiden und verständig und explizit nicht-revanchistisch.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Neokons die Deutschen zuletzt als „Weicheier“ verschrien haben, während Enzensberger diesen Zustand des Landes vor Jahren als „Mittelmaß und Wahn“ bezeichnet hat. Weder ist das Land zu ernsthaften Debatten fähig noch kann es richtige Kriege führen. Kommt ein heikles Thema auf den Tisch: Leitkultur, Familie, Abkassiermentalität …, reagiert man in aller Regel hysterisch; gilt es Entrechteten, Geknechteten und Misshandelten irgendwo auf der Welt zu helfen, muss man schon „Auschwitz“ bemühen, um die Öffentlichkeit zum Eingreifen zu bemühen.

Matussek muss sich deshalb auch nicht so aufregen. Weder muss er sich als „Strauchdieb“ fühlen (Sind Patrioten Strauchdiebe) noch muss er „ausfallend“ und handgreiflich werden, weil ein Wirtschaftsliberaler in einer Sendung ihm „engstirnigen Nationalismus“ vorwirft. Auch muss er sich nicht mehr schämen, wenn ihm auf der Tribüne beim Ertönen der Nationalhymne die Augen feucht werden. Das junge, moderne und neue Deutschland kümmert das alles herzlich wenig. Nicht einmal die paar Neo-Nazis, die ab und an auf den Straßen und Plätzen mit ihren Symbolen, Springerstiefeln und schwarzweißroten Farben herumirren. Sie brauchen auch keine „Gruppentherapie“ wie portugiesische Medien spekulieren. Von all diesen psychohygienischen Quatsch und tiefgründigen Debatten (Meister der Plattitüde und des Ressentiments) hat es sich längst befreit. Es ist anti-traditionalistisch und völlig a-historisch geworden, es lebt in der Gegenwart und will eigentlich nur eines: genießen. Die Leute, die aktuell die Fahnen schwenken, wissen mit den Farben historisch wenig anzufangen. Weder wissen sich was über deren Herkunft noch wissen sie etwas von den leidvollen Kämpfen um sie.

Nein, vor diesem Land muss sich wirklich niemand mehr ernsthaft fürchten. Nicht einmal mehr die Briten oder Engländer. Den „wahren“ und „echten“ Konservativen, der dem Land die Leviten liest und anfängt, das alles in Realpolitik umzusetzen, diesen „authentischen“ Politiker, den sich Matussek herbeisehnt, den gibt es nicht. Stattdessen gibt es Rainer Profalla, Volker Kauder und eben die Kanzlerin und Müntefering, die verkörperte Mittelmäßigkeit. Insofern passt die Merkel-Regierung wunderbar in die gegenwärtige Landschaft.

A Big Party

Deswegen sind auch alle anhebenden Debatten um Nationalstolz und Patriotismus Zeitverschwendung. Auch was die Einstellung zu Nation und Vaterland angeht, hat sich dieses Land längst normalisiert. Zeigen die Deutschen Flagge und schwenken schwarzrotgold verhalten sie sich wie Holländer, Mexikaner oder Argentinier auch. Statt eines überhöhten Patriotismus sind wir allenfalls Zeugen und/oder Teilnehmer eines mehrwöchigen Vollrausches, der schlagartig implodieren wird, wenn für die Jungs, die jetzt noch von BILD zum „Knutschen“ feilgeboten werden, das Aus im Viertel- oder Halbfinale gekommen sein wird. Spätestens dann wird das Land von Sabine Christiansen und seinen quälenden Themen, dem Streit um Gesundheitsreform, Pendlerpauschale und Renteneintrittsalter wieder eingeholt und heimgesucht werden.

Komisch, die Erinnerung scheint nicht unbedingt die beste zu sein. Sonst würde darüber nicht so ausgiebig verhandelt. Schon vor vier Jahren erstrahlte beim Empfang der Völler-Truppe vor vier Jahren auf dem Frankfurter Römer alles in Schwarzrotgold. Auch damals waren die Plätze, Straßen und Biergärten gesäumt mit Leuten, die sturzbesoffen „Deutschland, Deutschland“ und „Es gibt nur ein Rudi Völler“ herumgrölten. Zwei Jahre später, nach dem blamablen Ausscheiden bei der EM in Portugal, waren von all dem nur noch „Rumpelfüßler“ übrig.

Was wir auf der Fanmeile oder auf der Leopoldstraße, beim Public Viewing oder in Kneipen gegenwärtig erleben ist nichts anderes als eine öffentlich gesponserte Big Party. Und das ist auch gut so. Eine zweite WM auf heimischen Boden werden die Menschen hierzulande mit Sicherheit nicht mehr erleben. Die Leute, die dort feiern und sich selbst dazu, nehmen Fußball und WM nur zum Anlass und als brauchbares Ventil, um sich der Sorgen des Alltags und der Zukunft kurzzeitig zu entledigen.

Rasereien und Karnevalesken sind gesellschaftlich notwendige „Verausgabungen“, um Überschüssiges und Unproduktives, das nicht ökonomisiert werden kann: Lachen, Wut, Trauer, rückhaltlos zu verschwenden. Nicht umsonst erinnern die Bilder zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor auch so sehr an die Love Parade oder die Rosenmontagsumzüge, nur dass sie diesmal im Juni mehrere Tage und Wochen andauern und in schwarzrotgoldener Kostümierung betrieben werden.

Mathias Mattussek: Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006. 352 S., 18,90 €. (Rudolf Maresch)

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